Über die Pfuscherey in der Arzneykunst, besonders in Hinsicht auf einige Gegenden des Frankenlandes

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Autor: Anonym
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Titel: Geschichte einer Seelenerlösung, welche zu Euershausen, Amts Königshofen im Grabfelde, sich zugetragen hat
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 6, S. 3–38
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: UB Bielefeld, Commons
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I.
Über die Pfuscherey
in der Arzneykunst,
besonders in Hinsicht auf einige Gegenden des Frankenlandes.
(Aus dem Reichsstadt Rotenburgischen Wochenblatt vom J. 1792.)
Die gegründeten Klagen über den unersetzlichen Schaden, den die Pfuscherey in der Arzneykunst dem gemeinen Wesen zugezogen hat, und noch jetzt zuziehet, sind schon sehr alt, und kommen, wie noch immer, aus vielen und von einander sehr verschiedenen und entfernten Gegenden. Auch bey uns, und in unsrer Nachbarschaft, wurden sie schon vor ältern Zeiten, oft mehr oder weniger laut, je nachdem mehr oder weniger Opfer fielen, die Aufsehen erregten, je nachdem hie und da Menschenfreunde, deren Beruf einen genauern Umgang mit der geringern Classe der Bürger und Landleute| mit sich brachte, sich sorgfältiger um das im Stillen um sich greifende Übel bekümmerten. Fürsten und Obrigkeiten suchten daher schon vor langen Zeiten, als wahre Väter und Vormünder auch derjenigen Unterthanen, die über manche Puncte ihr ganzes Leben hindurch unmündig bleiben, durch mehr oder weniger zweckmäßige Mittel, Ermahnungen, Verordnungen und geschärfte Strafen gegen Pfuscher und ihre Helfer, dem Unwesen, so viel nach den damahligen Zeitumständen möglich war, zu steuren. Allein in neuern Zeiten hat man es erst vollkommen eingesehen, oft geschrieben, und sehr schön gesagt, daß Glückseligkeit, Sicherheit und Reichthum jedes Staats, er sey groß oder klein, ganz vorzüglich von der Menge seiner gesunden und arbeitsamen Bewohner abhängen, und daß Gesundheit, dieses unschätzbare Kleinod! nur durch eine zweckmäßige medicinische Polizey, im weitläuftigsten Verstande dieses Worts genommen, erhalten und gesichert werden könne. Ganz natürlich sucht man also, diesem als eine Grundwahrheit anerkannten Satze gemäß, besonders in jetzigen Zeiten, neue Verordnungen für Ärzte, Wundärzte, Apotheker und Hebammen zu entwerfen,| alle nur mögliche Aufklärung im medicinischen Fache, durch zweckdienlichen, öffentlichen Unterricht, und Belehrungen bey herrschenden Seuchen und Krankheiten zu verbreiten, die Pfuscher jeder Art zu entlarven, zu strafen, und wo möglich, auszurotten, kurz, jede allgemein nützliche Entdeckung fürs gemeine Beste so fruchtbringend als möglich zu machen. Daß dieses in manchen großen Ländern und Städten im Ganzen oder Einzelnen wirklich schon geschehen und alle Schwierigkeiten glücklich überwunden worden sind; daß dadurch manchem veraltetem Mißbrauch ganz oder zum Theil abgeholfen, und unendlich viel Gutes gestiftet worden ist; daß aber auch im Gegentheil noch an manchen Orten noch manches zu wünschen übrig bleibt, weiß Jeder, dessen Beschäfftigungen Bekanntschaft mit der Staatsarzneykunst erheischen, oder dem es als Menschenfreund nicht so ganz gleichgültig ist, was um und neben ihm geschiehet. So leicht es wäre, das Gesagte durch passende Beyspiele, aus der Nähe oder Ferne, weiter auseinander zu setzen, so wenig ist hier der Ort dazu: aber dazu ist er, schon oft gesagte Wahrheiten von Zeit zu Zeit neuerdings auch in unsern Gegenden| in Umlauf zu bringen, sie wiederhohlt auf unsern Boden zu pflanzen, und unserm Himmelsstrich anzupassen, um dem Bürger und Landmann die Erkenntniß wichtiger Vorurtheile, mit möglichster Schonung, aber doch freymüthig ans Herz zu legen. Nur gar zu oft werden Gesundheit und selbst das Leben betreffende Fehler nicht aus Muthwillen und Vorsatz begangen. – Mangel an zweckmäßiger Belehrung, Mangel an Aufmerksamkeit, Hang am Alten, führen gar leicht auf Irrwege, die der Vernünftige, wenn man sie ihm zeigt, gerne, und mit Dank gegen seinen Führer, meidet – Unter diesen Irrwegen, ist der Hang an Pfuscher in der Arzneykunst, so wie an andern Orten, also auch bey uns immer mehr oder weniger gefährlich gewesen, je nachdem er stärker oder schwächer betreten worden ist. – Vielleicht stiftet also eine Abhandlung, worinnen die Ursachen und Scheingründe, womit man diese Anhänglichkeit beschönigen will, untersucht, und die Pfuscher selbst entlarvt werden sollen, einigen Nutzen – wenigstens war das die einzige Absicht und Hoffnung, mit welcher sie niedergeschrieben worden ist.
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|  Im gemeinen Leben heißt man denjenigen einen Pfuscher, der das, was er heimlich oder öffentlich treibt, weder gründlich, noch auf gehörige Art erlernt, und der keine rechtsgültige Proben von seinen Fähigkeiten, die ihn zur Ausübung seiner Kunst oder seines Handwerks berechtigen könnten, abgelegt hat. Diese Umschreibung eines Pfuschers überhaupt, paßt auch auf die besondere Gattung, von welcher wir hier reden, nämlich auf die Pfuscher in der Arzneykunst. Da aber ihr Heer so zahlreich ist, so will ich sie in zweyen Ordnungen aufführen.
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 I.) Erste Ordnung – Öffentliche Pfuscher. Unter diese gehören die Quacksalber, Afterärzte, Charletane, Falscheärzte, und wie sie weiter heißen, die während den Jahrmärkten und Volkszusammenkünften Bühnen und Theater besteigen, durch Hülfe eines Hannswursts, eines Affens, einer erbärmlichen Komödie, eines auffallenden Kleideraufzugs, u. s. w. das Stadt- und Landvolk an sich locken, und ihre Curen und geheimen Arzneyen auf eine mehr oder weniger unverschämte Art anpreisen. Unter diese Ordnung gehören ferner die Arzneykrämer und so genannten Ölträger,| wenn sie ihre Arzneyen, deren Wirkungsart, rechte Gebrauchszeit, Gabe u. s. w. sie nicht verstehen, ob sie sie schon selbst zubereitet haben sollten, beym Hausirengehen in Städten und auf dem Lande, den Kranken sowohl als Gesunden, größern Absatzes wegen, anpreisen und aufdringen.

 II.) Zweyte Ordnung – Heimliche Pfuscher. Diese begreift zwey Unterabtheilungen, nämlich:

 1.) Diejenigen, die eine mit der Arzneykunst genau verbundene Wissenschaft, mit mehr oder weniger Lob ausüben, aber zugleich die Gränzen ihres Berufes, eigenmächtig, gegen alle Ordnung, meistens aus falschem Eigendünkel – oder schändlicher Geldgierde erweitern. Dieses ist nicht selten der Fall bey denenjenigen, die die Apothekerkunst, die Chirurgie oder Wundarzneykunst in Städten und auf dem Lande, und die Hebammenkunst treiben. Diese Classe liefert oft sehr blutige Opfer!

 2.) Diejenigen, die gewöhnlich Mangel an allen Kenntnissen leiden – nach einem, ererbten oder erkauften alten Buche curiren, dabey aber ihr Wesen so ziemlich im Stillen treiben. – Hieher gehören Urinschauer von Profession, alte Weiber, Kräuter-Weiber,| Schäfer, Scharfrichter. – Sobald sie in Ruf kommen, Aufsehen erregen und großen Zulauf erhalten, treten sie in die erste Ordnung ein.

 So zahlreich ist also das Heer derjenigen, die um eines oft schlechten Gewinns wegen, der Gesundheit und dem Leben ihres Nebenmenschen mehr oder weniger feine Schlingen legen! Was Wunder, wenn der Landmann und selbst der Bürger nicht selten in sie fällt! Was Wunder, wenn Sterblichkeit immer mehr und mehr zuzunehmen scheint!

 Nun wende ich mich zu den manchfaltigen Ursachen, die den Hang an die Pfuscherey unterhalten, und die in der Denkungsart des gemeinen Mannes unsrer Gegend ihren Grund haben; ich werde sie, je nachdem sie mehr oder weniger allgemein angetroffen werden, je nachdem ihre Wirkung besonders schädlich, und also eine genauere Darstellung ihrer Nichtigkeit erforderlich ist, kürzer oder weitläuftiger auseinander zu setzen suchen.


Erste Ursache.

 Unbegreifliche Gleichgültigkeit bey der Wahl dessen, der in Krankheit Hülfe schaffen soll.

|  Daß schon so mancher Quacksalber durch die Bemühungen würdiger Obrigkeiten, und einzelner Menschenfreunde in seiner Blöße dargestellet worden ist, ohne daß die Verblendung des großen Haufens sichtbar abgenommen hätte; daß schon so manche Predigt rechtschaffener Geistlichen, die ihren Zuhörern die Pflichten der Selbsterhaltung bey Krankheiten ans Herz legten; daß schon so manche Ermahnung, zur Benutzung einer vernünftigen medicinischen Hülfe an Kranke selbst gerichtet, größtentheils fruchtlos gewesen sey; daß endlich selbst geschärftere Strafen, die Fürsten und Obrigkeiten entlarvten Pfuschern zuerkannt haben, dem Unheil nicht gänzlich abgeholfen, bestättigt die Erfahrung nur gar zu sehr. Selbst Leute, denen sonst jedermann gesunden Mutterwitz zutrauet, so lange man sie in ihren Gewerben und Handthierungen beobachtet, scheinen, so bald sie krank werden, oder auch, wenn sie bisweilen bloß zur Vorbauung, medicinischer Hülfe benöthigt zu seyn glauben, ihre sonstigen vernünftigen Grundsätze zu verläugnen, und vertrauen nicht selten ihre Gesundheit Pfuschern an, die zwar sehr viel versprechen, aber leider am wenigsten halten. – Und doch weiß der Handwerker,| und selbst der Landmann, daß jede Profession, jede Beschäfftigung von einiger Bedeutung, erst von einem Sachverständigen mit mehr oder weniger Fleiß und Anstrengung, in längerer oder kürzerer Zeit erlernt werden muß, wenn man sie gehörig treiben will. Nur bey der Wahl eines Arztes, der doch die oft so schwere Kunst, Krankheiten zu erkennen, und gründlich zu heilen, verstehen muß, wenn er nicht, anstatt Nutzen zu schaffen, Schaden stiften soll, vergißt er diesen Grundsatz, den ihm sonst die Erfahrung als völlig richtig angegeben hat. Hat er irgend einen bedeutenden Rechtshandel auszumachen, so sucht er sich, wo möglich, einen Sachwalter auszumitteln, der seine Kunst gehörig studirt hat, und als ein rechtschaffener Mann bekannt ist. – Hat er neuen Hausrath nöthig, will er sich und die Seinigen kleiden lassen, gehet ihm irgend ein Bedürfniß ab, so wird er sich, so viel möglich hüten, keinem Pfuscher und Betrüger in die Hände zu fallen; sollte es aber trotz aller angewandten Vorsicht doch geschehen seyn, und sollte der Betrug nur einige Batzen betreffen: so wird er nicht nur selbst bey ähnlichen Gelegenheiten, den, der ihn mißbrauchte, meiden, sondern auch alle seine| Bekannten vor ihm warnen. – Ganz dem entgegen handelt er, wenn die Sache seine Gesundheit und sein Leben selbst betrifft. Nicht nur erkundigt er sich nach den Fähigkeiten dessen, der ihm seine Hülfe anbietet, oder der ihm sonst empfohlen wird, nicht genau, oder wenigstens nicht bey klügern Leuten, als er selbst ist; er meidet auch eben diesen fremden oder einheimischen Pfuscher, wann er ihn betrogen, und wenn ers augenscheinlich selbst bemerkt haben sollte, deßwegen noch nicht, oder wirft sich, wenn es hoch kommt, einem andern nicht Bessern in die Arme. – Es wäre traurig, wenn diese Schilderung auf den größten Theil des Landvolks paßte, es finden sich unter dem Landvolk, zu ihrer Ehre sey es gesagt! auch viele vernünftige nachdenkende Männer, die den mit nichts zu vergleichenden Wehrt der Gesundheit gehörig zu schätzen wissen, die in Krankheiten, die sie oder die Ihrigen befallen, vernünftige Hülfe suchen, und die selbst die Blindheit ihrer Nachbarn und Bekannten, durch Aufdeckung der Kniffe und gröbern oder feinern Betrügereyen der Landfahrer, Quacksalber und Pfuscher zu heilen sich bemühen. Bey allem dem paßt sie doch immer noch auf eine sehr große Anzahl von| Landbewohnern, wie jeder, der sie genauer beobachtet hat, freywillig eingestehen wird. Und worin mag denn diese unbegreifliche Gleichgültigkeit bey der Wahl des Arztes ihren Grund haben, da sie der vernünftigen Begierde zur Selbsterhaltung, die doch jedem Geschöpfe angeboren ist, so gerade zu entgegen stehet? Ungeahndet bleibende Täuschungen und Betrügereyen schlechter Leute, die aus Mangel der Aufklärung beym Landvolk desto freyeres Spiel haben – Glaube an ein blindes Schicksal – werden wohl größtentheils Schuld daran seyn.


Zweyte Ursache.

 Eingebildeter Wahn, daß man durch Pfuscher viel wolfeiler zu seiner verlornen Gesundheit kommen könne, als wenn man einen ordentlichen Arzt zu Rathe zöge.

 Nur gar zu oft entschuldigen Personen, die sich doch leicht vom Gegentheil überzeugen könnten, die Anhänglichkeit an Pfuscher aller Art, auf folgende, oder eine ähnliche Weise: es sey nämlich für arme Leute viel zu kostbar und weitläuftig einen Arzt zu brauchen, und von diesem erst in die Apotheke geschickt zu werden – Die meisten wären bey ihren schlechten Vermögensumständen| zu furchtsam einen Arzt zu sich zu bitten, weil sie voraussehen, daß sie ihn nicht würden bezahlen können – auch dem Mittelmann sey es nicht zuzumuthen, wenn er krank werde, sogleich den großen Kessel überzuhängen, da diesem und ienem unter ähnlichen Umständen, durch eine Kleinigkeit, durch ein Hausmittel, durch den Rath und Beystand eines Pfuschers, doch wirklich geholfen worden sey. u. s. w. Ich darf mich, glaube ich, auf das unparteyische Zeugniß der Einwohner dieser Stadt berufen, wenn ich behaupte, daß ihren Ärzten Menschenliebe, Mitleiden und Begierde soviel Gutes, als nur möglich ist, zu stiften, noch niemahls fremd gewesen sind. – Wer hat mehr Anspruch auf unentgeldliche Hülfe, als der arme Kranke; aber wer kann dafür, wenn er sich aus übertriebener Furchtsamkeit und falschem Ehrgefühle die Hülfe selbst versagt, oder wenigstens nicht oft genug verschafft, die man ihm bey allen Gelegenheiten angeboten hat? Die Ärzte hiesiger Stadt halten sich noch immer freywillig an die ihnen im Jahr 1710 obrigkeitlich vorgeschriebene Taxe, ungeachtet alle Lebensbedürfnisse, die der Bürger und Landmann verkauft,| und selbst der Aufwand, den ihr Beruf, in so mancherley Rücksichten, gewöhnlich mehr als ein andrer erfordert, gegen jene Zeiten beynahe im Preise verdoppelt sind. Auch aus unsern Apotheken wird der Arme jederzeit so billig als möglich, ohne daß dieses jedoch auf die Güte der Arzneyen Einfluß haben sollte, bedient. Daß aber die Pfuscher und ihre Arzneyen wirklich so wohlfeil nicht sind, als sich mancher einbildet, und daß also den Armen bey dem Gebrauche derselben am wenigsten gerathen sey, lehrt, wie ich glaube, die tägliche Erfahrung. – Man weiß ja, um welchen Preis sie den Quark, den sie unter so täuschenden Namen vertrödeln, aus Apotheken und Materialhandlungen erstehen; man darf ja nur diesen und die Bezahlung, die sie von gutmüthigen Leuten dafür fordern und erhalten, mit einander vergleichen, so fällt die sogenannte Wohlfeilheit in ihr eigentliches Nichts zurück. Und ist nicht eine von einem Unwissenden gereichte Arzney, die vielleicht nur beym Zehenden paßt, den übrigen Neunen aber mehr oder weniger schadet, um jeden Preis zu theuer? Wie kann man auch Leuten, die jedes schmutzigen Profits wegen Gewissen und guten Namen aufs Spiel setzen,| nur einen Funken Menschenliebe und Mitleiden mit dem Armen zutrauen? – Ist ihnen doch gewöhnlich jeder vom blutigen Schweise noch triefende Pfenning angenehm! – Bloß aus Gleißnerey, und um den Schwachen desto leichter unter dem Mantel der christlichen Liebe bestricken zu können, verbergen sie sich unter die Gestalt des Menschenfreundes. Aber, womit will der Landmann, und auch mancher Städter, seine so zweckwidrige, oft unverantwortliche Sparsamkeit, sobald ihm oder den Seinigen Krankheiten zustoßen, verantworten? – Nicht leicht wird er bey Bezahlung irgend eines irrdischen Guts so kärglich seyn – nicht leicht wird ihm ein Gang schwerer ankommen, als wenn er nach erlangter Gesundheit, oder, um sie wieder zu erlangen, einige Gulden aufopfern soll – und doch ist die Unmäßigkeit aller Art so oft die Ursache seiner Krankheiten, die er durch vernünftige und, wie ich glaube, hier besser angebrachte Sparsamkeit, hätte verhüten können. Diese Sparsamkeit zeigt sich schon dann minder stark, wenn irgend einem seiner Hausthiere ein Unfall zustößt: er sattelt dann sein bestes Pferd, oder sucht zu Fuß, so eilig als möglich, denjenigen auf,| von welchem er sich Hülfe verspricht. Hier traut er seines Gleichen, oder auch etwas Klügern, als er, nicht mehr geradezu, wenn sich nicht die Nutzbarkeit und Zweckmäßigkeit ihrer Rathschläge schon sonst erprobt hat, und andere Verständige ihren Beyfall gegeben haben.


Dritte Ursache.

 Glaube an die unsinnigen Versprechungen der Pfuscher. Falscher Wahn, daß diese Leute besonders wirksame, ihnen allein bekannte Arzneymittel besäßen.

 Es ist für den Menschenfreund ein trauriger Anblick, einen Haufen gutmüthiger Landleute um die Bude eines schamlosen Quacksalbers versammelt zu sehen. Der Gedanke, daß mancher von Volksfreunden mühsam gepflanzter, und noch nicht hinlänglich gewurzelter Keim der Aufklärung, durch hirnlose, aberglaubische, Hexen und Zaubereyen in Schutz nehmende, übernatürliche Einwürkungen böser Geister vertheidigende Geschichten und Erzählungen, völlig wieder ausgerissen werden müsse, drängt sich ihm gewiß in seiner völligen Stärke auf. Man betrachtet aber dergleichen Auftritte nur gar| zu gerne bloß von ihrer lächerlichen Seite, so wie sie freylich dem durch Erziehung, Umgang, Lesung guter Bücher, und Aufklärung ungleich mehr gebildeten Stadtbewohner, vorkommen müssen, und bringt also den Schaden, der durch neue Begründung der Verwilderung, bey dieser noch immer auf einer niedrigen Stufe der Bildung befindlichen Volksclasse, entstehen muß, in wenig oder gar keinen Anschlag. Wenn aber auch hier und da ein vernünftiger Landmann, auf seinen Stecken nachdenkend gelehnt, die Dummheit und Albernheit des Wundermanns mit Mitleiden belacht, und also bey diesem das Gift nicht ansteckt, wie ich denn herzlich zugebe, daß dieses nicht immer der Fall bey Jedem Zuhörer ist; so hoffe ich doch, daß Alle, die das Landvolk kennen, wenigstens darin mit mir einverstanden seyn werden, daß es, wär’s auch bloß der Schwachen wegen, am besten und sichersten seyn möchte, alle öffentliche Volksbetrügereyen, wenn es möglich ist, ganz zu verhüten.
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 Was kann man sich aber von Leuten, wie die reisenden Quacksalber gewöhnlich sind, überhaupt Gutes versprechen, da sie aus Ländern ausziehen, wo Aberglauben von der gröbsten Art noch immer im Schwange gehen,| da sie gewöhnlich verdorbene Apotheker, verunglückte Bader, entlaufene Feldscherer, lüderliche Bedienten, ihrem ehemahligen Gewerbe nach, sind, da sie die gröbste Unwissenheit mit der höchsten Unverschämtheit gepaaret, in sich vereinigen. Und diese Elenden, die kaum die geringste äusserliche Krankheit zu erkennen und gehörig zu behandeln im Stande sind, wollen an einer so künstlichen Maschine, wie der menschliche Körper ist, bessern, da sie doch nicht eine einzige seiner Triebfedern gehörig kennen! Gehört nicht eine Art von Verblendung dazu, wenn so mancher, sonst vernünftiger und braver Landmann, seine Gesundheit – das unschätzbare Erdengut – solchen schmutzigen und ungewaschenen Händen anvertrauet. – Und doch lehrt die Erfahrung nur zu deutlich, daß auch ihre unsinnigsten Versprechungen und Lügen bisweilen geglaubt werden, und daß ihr Gift noch täglich Eingang findet.
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 Wie kannst du es aber glauben, lieber Landmann! daß der Quacksalber, wie er lügt, bloß aus Menschenliebe sein Vaterland verlassen habe, um dich aufzusuchen und zu heilen? Ist dirs nicht wahrscheinlicher, wie mir, daß ihn vielleicht der bleiche| Hunger aus demselben verjagt habe, weil er nichts gelernt hat, um sich ehrlich, wie du, zu nähren – betteln will er nicht geradezu, ob das gleich viel ehrlicher wäre – lernen will er auch nichts mehr, weil das lüderlichen Leuten viel zu hart eingehet. Glaubst du es denn im Ernst, daß er die fallende Krankheit, den Krebs, die Schwindsucht, und so manche andre Krankheit, wie er sagt, und sein Zettel schreibt, wirklich heilen könne – und doch bey seiner großen Geschicklichkeit mit den Seinigen, im schlechtesten Aufzug, im abgetragenen Kleid, im schmutzigen geflickten Hemd, zu Fuß oder auf einem schlechten Wagen, die Welt durchziehen würde? Ist dirs nicht wahrscheinlicher, als mir, daß er, wenn er dieses wirklich leisten könnte, in wenigen Monaten ein recht reicher Mann hätte werden müssen, da sich so viele vornehme und reiche Leute mit diesen, leider! so oft unheilbaren Krankheiten ohne Hoffnung schleppen, die ihm, wenn er sie hätte heilen können, gerne ihr halbes Vermögen, und noch dazu vielen Dank gegeben haben würden? Glaubst du es denn wirklich, daß alle die Briefe und Zeugnisse, die seine große Geschicklichkeit beweisen sollen, wie er sagt, und auf die er| so trotzt, auf Befehl der großen Herren und Obrigkeiten wirklich geschrieben, und ausgefertigt worden sind? Ist dirs nicht wahrscheinlich, daß er sie wohl größtentheils durch mancherley Pfiffe erschlichen, oder wohl gar selbst gemacht haben könne? Der größte Theil davon sind, wie jeder, der einmahl einen solchen papiernen Schatz durchgesucht hat, weiß, blosse Gesundheitspässe, die für die Geschicklichkeit desjenigen, der sie führt, nichts beweisen können: sonst müßte man jeden Reisenden, bloß weil er einen solchen Paß bey sich hat, für einen geschickten Mann gelten lassen – und das wäre doch wohl gegen alle Erfahrung! – Ja! höre ich dort einen sagen, wenn auch der reisende Arzt, nicht alle Tage, und nicht immer so schwere Krankheiten heilt, so hat mir doch dieser und jener gesagt, daß er ein geschickter Mann seyn müsse, weil er in seiner Nachbarschaft ein paar recht gute Curen gemacht habe! Ich gebe, lieber Freund, die gerühmten Curen, mit einiger Einschränkung, die ihre Güte betrifft, von Herzen gerne zu, und getraue mir die Ursachen anzugeben, warum auch dem elendesten Quacksalber seiner Hände Werk manchmahl gelingt. Erstens findet nach dem alten Sprichwort, auch manchmahl| eine blinde Henne eine Erbse, und so geht’s denn auch beym Quacksalber – wie aber die blinde Henne die Erbse findet, wird sich gleich aufklären. Es glückt nämlich bisweilen, daß diese Leute Kranke unter ihre Hände bekommen, die schon lange vorher mancherley, und mit unter manches Gute, aber nicht so ordentlich und anhaltend, als sie es hätten thun sollen, gebraucht haben. Das kann nun hier nicht schnell und sichtbar, wie es der Landmann erwartet und ungeduldig verlangt, seine Wirkung äußern, ist aber doch durchaus nicht völlig unwirksam geblieben, ob es schon der auf sich selbst unachtsame und kleinmüthige Patienten nicht spüren wollte: Ein andermahl ermannt sich die gute Natur, wenn sie nur in ihren heilsamen Bemühungen nicht zur Unzeit und auf eine ungeschickte Art gestört worden ist – auch selbst in langwierigen noch mehr aber in hitzigen Krankheiten, wenn auch gar nichts gebraucht worden ist, zum Besten des Kranken, von sich selbst. Und nun kommt der schlaue Quacksalber, sucht erstlich auf mancherley Art das Zutrauen seines Patienten zu gewinnen, richtet dann sein niedergeschlagenes Gemüth durch gewisse Verheissung einer baldigen Genesung auf, und reicht ihm irgend| einen Plunder aus seinem Arzneykram – und so wird nun der Kranke, der schon vor der Ankunft des Pfuschers besser geworden, und seiner völligen Genesung nahe war, ganz gesund. Ich frage nun, was, und wer hat den Kranken wieder hergestellt? Etwa der Pfuscher? Nein, lieber Freund! den vernünftigen Mitteln, die man, ehe man ihn zu Hülfe rufte, angewandt hat – der guten Natur des Kranken, die die Ursachen der Krankheit, samt den Mitteln des Quacksalbers, allmählig überwunden und besiegt hat, gebührt diese Ehre!
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 Der zweyte Fall, wo der Pfuscher von seinen Curen keine Ehre, sondern Schande hat, wenn er nicht noch oben drein schwere Strafe verdient, ist folgender. Ein hungeriger Quacksalber kommt zum erstenmahl in irgend ein Land; er sieht es wohl ein, daß er, um gehöriges Aufsehen mit seinen Wundergaben zu machen, und wegen seiner geschwinden Curen berühmt zu werden, einige seiner ersten Patienten aufs Spiel setzen und etwas mit ihnen werde wagen müssen – eine Sache die dergleichen Leuten gar keinen Kummer macht. – Er hält sich fürs erste deswegen ganz an den Gränzen auf, erkundigt sich in den benachbarten Dörfern| nach Kranken, und wählt sich unter diesen einige aus, die schon lange krank gewesen sind, und mit unter, hie und da, schon einen oder den andern geschickten Arzt, aber wegen ihrer Widerspenstigkeit und Ungeduld nie gehörig und lange genug – also ohne Nutzen – gebraucht haben. Diesen gibt er nun, unter dem Versprechen der schnellsten Heilung – einer Schlinge, mit welcher der Landmann leicht zu fangen ist – eine eigentliche Pferdarzney, und läßt es ganz ruhig darauf ankommen, ob sie dem Kranken die Seele aus dem Leibe treibt, oder nicht. – Ist nun die Natur der Patienten zu ihrem Glücke stark genug, so überstehen mehrere die schöne Cur, und mit dieser – freylich nicht ohne eine oft Lebenslang zurückbleibende Schwäche – auch die Krankheit. Nun erst verläßt der Glückliche die Gränze des Landes, auf der er sich bisher, um bey mehreren unglücklichen Fällen desto leichter in fremde Herrschaften entwischen zu können, aufgehalten hatte, und ziehet tiefer hinein: nun erndet er die Früchte seiner herlichen Curen erst im vollen Maaß; nun dürfen immer mehrere im eigentlichen Verstande verwahrloste Kranken sterben, der Glaube an den saubern Wundermann, erhält sich| doch, wenn nur die ersten Patienten einiges Aufsehen erregt haben, und zum Danke – versteht sich, nach vorgängig bezahltem reichlichen Lohn – selbst das Wunder verschönern und vergrößern, und wenn nur die Obrigkeiten nicht etwa ein Wort dareinsprechen. Heißt aber das curiren, oder vielmehr über Leichen zum unseeligen Geschäffte eines schändlichen Quacksalbers und Menschenmörders hinaufsteigen? Wer bürgt dem Pfuscher für die guten Naturen der Kranken, die selbst Gift – und was sind Pferdarzneyen anders? – zu verarbeiten, und unschädlich zu machen, im Stande sind? Wer anders, als ein Unsinniger, wird vorsetzlich den gefährlichen Weg zur Wiederherstellung der Kranken wählen, so lange noch sichere, ob schon etwas längere, vorhanden sind?
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 Man weiß es wohl, daß es gewisse Krankheiten gibt, bey denen die gewöhnlichen, sonst hülfreichen Mittel nicht auslangen, wo man dann, mehr oder weniger stärkere, nothgedrungen, und unter gehöriger Vorsicht anwendet: diese soll aber nur ein geschickter Arzt, der sie gehörig kennet, gemildert und gemäßigt, und zur rechten Zeit anzuwenden weiß, aber kein Pfuscher in Gebrauch| ziehen, da sie in seiner Hand dem Schwerde ähnlich werden, dessen sich ein Rasender bemächtigt hat.
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 Das sind nun die berühmten Curen der Pfuscher und Quacksalber, und die Art, auf welche sie sie verrichten. Wollten sich diejenigen, deren Pflicht es ist, den Landmann über Alles, was seine jetzige und künftige Wohlfahrt betrifft, auf eine zweckmässige Art aufzuklären, und zu unterrichten – ich meine die Herren Landgeistlichen – bisweilen die Mühe nehmen, die in ihren Gemeinden Aufsehen erregenden Curen der Pfuscher sorgfältig nach ihrer wirklichen Beschaffenheit zu prüfen, sie gehörig zu würdigen, alle Nebenumstände, die vorhergegangene und darauf folgende Gesundheitsbeschaffenheit der Personen, die sie betroffen haben, in Betrachtung ziehen, und sich mit dem gutmüthigen, größtentheils doch wenigstens fürs Bessere empfänglichen Landmann, über den Ungrund und das Elende solcher Scheincuren, über die Gefahr, sich einheimischen oder fremden Pfuschern blindlings anzuvertrauen, bey schicklichen Gelegenheiten, die sich so leicht finden lassen, recht oft, und wo möglich durch Beyspiele aus der Nähe, unterhalten: wollten sie dem| Gleichgültigen, seinen Pflichten Ungetreuen, Beyspiele anderer vernünftigerer Dorfseinwohner, die durch schickliche Hülfe oft mehrmahl von gefährlichen Krankheiten genesen sind, beym Krankenbesuch, oder wo sich sonst Veranlassungen dazu finden, recht eindringend entgegen setzen; wollten Sie diese letztern öffentlich als nachzuahmende Muster der ganzen Gemeine empfehlen, und ihnen bey mancherley Vorfällen größere Achtung als den Übrigen, bezeugen: vielleicht würde auf diese Art der Pfuscherey auf dem Lande mehr als eine Wurzel auf einmahl abgeschnitten, zu denen selbst Obrigkeiten, nicht ohne in andern Rücksichten kaum ausführbare Einschränkungen der bürgerlichen Freyheit, kommen können. Freylich waren die hiedurch fürs gemeine Beste, zu hoffenden fruchtbaren Wirkungen, bey manchem von ihnen schon gemachten Versuch, nicht so sichtbar und groß, als sie der Menschenfreund wünschen möchte: aber sie werden es bey daurender Beharrlichkeit, öfterer Wiederhohlung, Anspornung der Ehrbegierde des Landmanns, und durch so manches andere zweckmäßige Mittel gewiß noch werden, und dann wird das süße Bewußtseyn die Masse des menschlichen Elends um ein Großes vermindert| zu haben, für jede Bemühung reichlich belohnen!
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 Ich komme nun auf die geheimen, und wie man glaubt, besonders wirksamen Arzneyen der jetzigen Pfuscher. So wenig als irgend ein Schneider ein Kleid zu verfertigen im Stande ist, das einigen hundert Personen gleich gut stehet, und das keinem von diesen vielen zu kurz, keinem zu lange, keinem zu eng und keinem zu weit seyn soll: eben so wenig wird irgend ein Quacksalber eine Arzney ersonnen haben, oder ersinnen können, die zu jederzeit jedem nutzt, keinem schadet, und bey so sehr verschiedenen Naturen hunderterley Krankheiten heilt. Jeder wird mir zugeben, daß man, was das Kleid betrifft, das so vielen stehen soll, an der Kunst, auch des berühmtesten Schneiders, verzweifeln müsse. Wenn aber das Gleichniß auf die Arzneyen des Pfuscher gedeutet werden soll, so wird sich mancher nicht so leicht zur Einwilligung verstehen, oder sein Verhalten beweist wenigstens, daß er hier nicht so richtig schließen gelernt habe. Wie leicht glaubt nicht der Landmann auch in unsern Tagen noch, daß es einem Quacksalber wirklich möglich seyn könne, die ganze Litaney von Krankheiten, die er in| seinem erbärmlichen Zettel aufführet, mit einem oder höchstens mit ein paar Mitteln zu heilen. Er liest es, daß dem Schwindsüchtigen, dem mit der fallenden Sucht behafteten, dem Wassersüchtigen und noch so manchem andern Kranken einerley Mittel geradezu und ohne Einschränkung empfohlen wird, und der vernünftige Gedanke, auf den er doch so leicht hätte kommen können, daß es unmöglich mache, daß man so sehr verschiedne sich widersprechende Krankheiten, ohne alle Rücksicht auf ihre manchfaltigen Ursachen, Verwicklungen, und die so sehr verschiedenen Naturen der Patienten, auf einerley Art werde curiren können, drängt sich ihm hier nicht von sich selbst auf – und er denkt nicht mehr an das Kleid, das Hunderten gerecht seyn sollte, an dessen Möglichkeit er doch vorhin selbst nicht glauben wollte. Doch ich will es zugeben, daß nur die unverschämtesten Quacksalber – das sie freylich nicht alle in gleichen Grade sind – dergleichen Albernheiten in den Tag hineinschreiben, und ihren Nebenmenschen auf eine so nichtswürdige Art zum Besten haben: ich will zugeben, daß es unter ihnen auch hie und da einen Vernünftigen geben könne, der eine erträgliche Arzney, selbst als nur| für einen einzigen Fall passend und anwendbar, ausgibt und verkauft: man betrügt sich aber noch immer recht sehr, wenn man glaubt, daß diese Leute besonders wirksame, geheime, und nur ihnen allein bekannte, doch aber dabey sehr wohlfeile Arzneyen besitzen könnten, oder wirklich besäßen. Gewöhnlich sind es den Ärzten allgemein bekannte, uralte, auf mancherley Art versteckte, gewaltthätige, von Vernünftigen schon lange wieder verworfene Sachen, die ihnen um einen sehr geringen Preis zu stehen kommen, und die sie auf mancherley Art gemeiniglich sehr fehlerhaft zusammensetzen. Daß sie ihre Kräuter aus der Schweiz hohlen, und die unnützen Elendsklauen, denen Thieren, wovon sie herkommen, selbst in der Heimath derselben abgeschnitten haben sollen – wie neulich ein Quacksalber in unserer Gegend gelogen hat – glauben schon manche Landleute nicht mehr. Man untersuche aber erst einmahl ihren Arzneyplunder, oder lasse ihn von Verständigen untersuchen: man frage nur in den Apotheken und Materialhandlungen nach den Waaren, die sie daselbst einkaufen – denn oft müssen sie ihren saubern Arzneyschatz vom täglichen Erlös erst wieder ersetzen: und es ist dann gar| leicht hinter das Geheimniß zu kommen – und man wird sich von der Wahrheit dessen, was ich gesagt habe, leicht überzeugen können. Wodurch sollten aber auch diese rohen und unwissenden Leute klüger geworden seyn, als so viele Ärzte, die ihre Kunst mit allem Fleiß erlernt haben, sie am Krankenbett mit Seegen und Beyfall ausüben, und noch dazu durch die Bücher gelehrter Männer sich auch alles das, was diese wußten, und zum Heil ihrer Kranken ersonnen haben, zu eigen zu machen suchen? Wenn also wirklich noch nicht bekannte, wirksame und wohlfeile Arzneyen in unsern Gegenden aufzufinden seyn sollten, so wird sie gewiß jeder Vernünftige eher von demjenigen, der alle Hülfsmittel zu dergleichen Entdeckungen in seiner Gewalt hat, als von Unwissenden erwarten, und ihnen, wenn sie sich rühmen, dergleichen zu besitzen, wenigstens nicht zu trauen.

 Man könnte vielleicht das bisher gesagte für unvollständig halten, wenn ich nun nicht noch am Schlusse, einigen Einwürfen, die man bisweilen im gemeinen Leben hört, ganz kurz begegnen würde. Ich glaube, es möchten ungefähr folgende seyn, und zwar

Erstlich: daß man den Quacksalber an| Jahrmärkten, wie jeden andern Krämer zu betrachten habe, dem man die Freyheit seine Waaren feilzubieten, ohne besondere Rücksicht auf ihre Beschaffenheit, gönne. – Hätte er freylich, wie die andern fremden Krämer, bloß solche Sachen feil, von deren Güte, schlechten und schädlichen Gehalt, sich schon der gemeine Mann bey genauer Betrachtung leicht überzeugen, und sie also nach diesem Befund, so wie er es für gut hält, kaufen und verwerfen kann – oder wäre dieses allemahl so schnell und sicher durch Untersuchungen der Policey, wie in andern Fällen, auszumitteln, so ließe sich dieser Einwurf allerdings hören – da aber beydes auf die Arzneyen der Quacksalber nicht anwendbar ist, wie Sachverständige zugeben werden, so können ihnen auch die Rechte der andern Krämer nicht zu gute kommen. Zweytens wendet man vielleicht ein, daß manche Quacksalber und herumziehende Ärzte, wenn schon nicht würdig, doch oft sehr bedürftig wären, und also beym Erwerb ihres Stückchen Brods auf einige Nachsicht Anspruch hätten, besonders da sie doch alle nicht so ganz elend wären, und der Schaden, den sie stiften sollen, nicht so sichtbar in die Augen fiele. – Was das letztere betrifft,| so ist davon schon weiter oben die Rede gewesen, und ich hoffe, daß mir jeder aufmerksame Leser die wiederhohlte Beweisführung schenken wird. Gibt es aber nicht tausend ehrliche Wege, auf denen sich jeder, der arbeiten will, sammt den Seinigen fortbringen kann? – Wer heißt es dem Quacksalber sich gerade die trübe Quelle der Pfuscherey auf Kosten seines Nebenmenschen, zum Unterhalt zu wählen? Auch selbst dann, wann er seine Lebensart nicht ändern will, oder kann, und wirklich bedürftig ist, darf er nicht mehr fordern oder erwarten, als jeder andere fremde Arme – eine Gabe nämlich, die ihn in den Stand setzt, weiter zu reisen.


Vierte Ursache.

 Ungeduld bey etwas verzögerter Wiederherstellung der Gesundheit.

 Jedermann begreift es leicht, daß ein sehr baufälliges Haus, wenn auch schon alle Materialien in gehöriger Menge und Güte vorhanden sind, wenn auch ein geschickter Meister und gute Gehülfen desselben daran arbeiten, längere Zeit zur Wiederherstellung in den baurechten Zustand bedürfe, als ein weniger, und zum Beyspiel, blos etwa durchs| Wetter beschädigtes. Jeder Vernünftige würde dem Besitzer eines solchen baufälligen Hauses, wenn er über den langsamen Fortgang, der durch größere und nicht vorherzusehende Fehler, verzögerten Arbeit, ungeduldig werden würde, oder gar dem Meister den Abschied geben wollte, seine Unbilligkeit vorhalten, und ihm zeigen, daß der Grund des langsamen Fortgangs der Ausbesserung, nicht in diesem, der bis hieher seiner Schuldigkeit vollkommen nachgekommen, sondern in der unerwartet großen Beschädigung des Hauses zu suchen sey, und der unzufriedene Eigenthümer desselben, wird bey gehöriger Überlegung sein Unrecht selbst einsehen, oder wenn ers nicht thäte, für einen unbilligen, vom Bauwesen nichts verstehenden Mann gehalten werden.  Laßt uns nun dieses, aus dem gemeinen Leben hergenommene, zum Theil wenigstens passende Beyspiel anwenden. Man stelle sich nämlich unter dem baufälligen Hause, den mehr oder weniger verdorbenen Körper irgend eines Kranken vor, und denke sich unter dem zu Hülfe gerufenen Arzt den Meister. Sollten nicht hier, auch dem rechtschaffenen Arzte die nämlichen Entschuldigungsgründe bey so manchem Patienten zu gut| kommen, die vorhin zur Vertheidigung des Meisters als geltend angeführt worden sind, wenn, wie der Fall so oft eintritt, bey langwierigen oder andern Krankheiten, schon viele Jahre von der Entstehung der ersten Keime bis zum endlichen Ausbruch verflossen sind, wenn ihre Ursachen verborgen oder nur sehr schwer wegzuräumen sind, wenn Unfolgsamkeit beym wankelmüthigen Landmann oder Städter neue Hindernisse in den Weg legen. – Freylich sollten sie. Freylich ermahnen auch hier nicht selten Vernünftigere zu daurender Beharrlichkeit, spannen die übertriebenen Forderungen der Patienten an ihre Ärzte herunter, stellen ihnen vor, daß der mit keinem irdischen Händewerk zu vergleichende künstliche Bau unsers Körpers, je mehr er von seiner gesunden Beschaffenheit abgewichen und verdorben sey, desto mehr Zeit und Geduld zu seiner Wiederherstellung erfordere. – Wenn man nun schon bisweilen die Wirkungen ihrer Bemühungen am Krankenbette spürt, wenn auch auf diese Art mancher Unbillige gewonnen wird, und vernünftiger denken lernt: so bleibt dennoch der Haufen der wankelmüthigen, unachtsamen, Wunderwerke erwartenden, gar nicht nach Grundsätzen handelnden, jeder Zudringlichkeit| der Pfuscher und ihrer Helfershelfer nur gar zu leicht nachgebenden, besonders unter dem Landvolk noch immer erstaunlich groß. – Bringt auch die auf die Neige gehende Weisheit der Pfuscher, der Schmerz, oder ein selten vorkommender Zufall, manchen hartnäckigen Landmann zu dem sauren Schritt, sich an einen Arzt zu wenden: so erwartet er gewöhnlich von einer, höchstens zwey Verordnungen, sichtbare ja augenblickliche Hülfe – erscheint nun diese in dieser kurzen Zeit nicht, wie es auch nur in seltenen Fällen wirklich möglich ist, so ist das Zutrauen und der Glaube an den Arzt verloren. – Er sagt dann, er habe alles ausgedoctert, es habe aber alles nicht geholfen. – Und nun braucht er weiter gar keine vernünftige Hülfe mehr, oder er fällt, wenn die Gleichgültigkeit der Umstehenden und seine eigene nicht zu groß ist, einem Pfuscher nach dem andern in die Hände; und so stirbt dann mancher Landmann, ungeachtet, wenn man die Sache beym Licht besiehet, eigentlich gar nichts passendes zu seiner Wiederherstellung gebraucht worden ist, in der vestesten Überzeugung alles mögliche angewendet zu haben, ganz beruhigt, und sein Weib und seine Kinder trösten sich| noch vor seinem Grabe damit, daß sie alles ausgedoctert hätten, aber alles umsonst gewesen wäre. Wo wendet denn hier der Bauersmann das Gleichniß vom baufälligen Hause an, das vorhin gegeben worden ist? Er vergißt es, sich einem geschickten Meister anzuvertrauen, er zeigt bey seinem baufälligen Körper lange die Geduld nicht, die er bey seinem baufälligen Hause hat, er hört vernünftige Leute, die ihm sein zweckwidriges Verhalten vorstellen, mit Gleichgültigkeit an, und folgt ihnen nicht; er dankt den verständigen Meister gar noch ab, und wirft sich elenden Pfuschern in die Arme. Und auf was kommt es hier an? Leider nur gar zu oft auf Leben oder Tod; bisweilen noch auf das ganze zeitliche Glück seines Weibes und seiner Kinder; und doch ist er in einem so wichtigen Fall wankelmüthiger, unbeständiger, unbilliger, und hört die vernünftigen Rathschläge derer, die es gut meinen, weniger willig, oder befolgt sie weniger gern, als er es bey seinem baufälligen Hause that, das doch, im Vergleich mit Leben und Gesundheit, eine wahre Kleinigkeit ist und bleibt! Wollte es der Landmann begreifen, daß selbst gute Arzneyen, ohne das geringste schickliche Verhalten im Essen| und Trinken, und so vielen andern Stücken, unmöglich, wie sichs gehört, und wie sie unter andern Umständen gethan haben würden, wirken können: wüßte ers, oder wollte er wissen, wie mühsam der geschickteste Arzt, aus den schlechten Erzählungen der Boten und derer, die Hülfe für ihn suchen sollen, auch nur Einiges, zur Erkenntnis seiner Krankheit, heraus suchen muß – denn daß das Uringlaß in der Hand, den rechtschaffenen Arzt über die Beschaffenheit derselben allein beruhigen und ihm alles haarklar aufklären könne, glauben nur sehr schwache Landleute zu jetzigen Zeiten noch – wollte ers einsehen, daß die eigentliche Beschaffenheit seiner Krankheit oft lange im dunkeln bleibt, wenn er nicht dem Arzt, wenigstens einmahl, Gelegenheit schafft ihn selbst zu sehen: wahrlich, er könnte sichs nicht selten selbst erklären, warum er ungeheilt bleibt, lange ein sieches Leben führt, und oft, einer im Anfang unbedeutenden Krankheit, aus Wankelmuth, Ungeduld, und übel angebrachtem Geiz unterliegt!