ADB:Flörke, Gustav

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Artikel „Floerke, Gustav“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 602–609, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Fl%C3%B6rke,_Gustav&oldid=3439470 (Version vom 15. Oktober 2018, 13:23 Uhr UTC)
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Band 48 (1904), S. 602–609 (Quelle).
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Floerke: Gustav F., Kunsthistoriker, Novellist und Italien-Schilderer, wurde am 4. August 1846 als Sohn des juristischen Senators G. Floerke zu Rostock geboren, einer alteingesessenen Familie entstammend, wie ja auch trotz seiner vieljährigen Abwesenheit später er und seine Angehörigen in der Heimathsstadt neu Wurzel schlugen; so ist der Präpositus und Pastor zu Kirch-Mulsow Joh. Ernst F., der unter dem Namen „Eduard Stern“ schriftstellerte, 1824 zu Rostock öffentlich gegen den Gebrauch des Plattdeutschen scharf auftrat (K. Braun i. „Unsere Zeit“ 1883, I, 372; K. Th. Gaedertz, Das niederdeutsche Schauspiel II, 132) und um 1830 starb, Gustav Floerke’s Großonkel. Auf dem Gymnasium schon kündigten sich bei F. dichterische Neigungen an, die jedoch erst in der Berliner und Münchener Kunstjünger-Periode sowie besonders am Tiberstrande zu rechtem Nährboden und Blute gelangten. Er studirte in Rostock, dann zu Jena Jurisprudenz, wandte sich aber unter Einfluß und Anleitung seines engsten Landsmanns, des Berliner Professors Friedrich Eggers (s. d.), kundigen Herausgebers des „Deutschen Kunstblatts“, in Berlin, wo er in der bekannten Litteratur-Gesellschaft „Der Tunnel über der Spree“ verkehrte und vielfache Anregungen empfing, der Kunstgeschichte zu, die er in München an der Quelle eifrig pflegte. Nach der hierselbst vorbereiteten Promotion in der Vaterstadt und der im Anschlusse daran in letzterer durchgeführten Vollendung einer Baugeschichte der vier Parochialkirchen Rostocks, die 1871 als Dissertation gedruckt, 1872 als „Die vier Parochial-Kirchen Rostocks. Ein Beitrag zur Geschichte des Backsteinbaues in der norddeutschen Tiefebene (nebst 16 Blättern Skizzen. Als Anhang: Ansicht der Stadt Rostock aus dem 16. Jahrhundert mit einem Gedicht von Hans Sachs und Erläuterung)“ die „Beiträge zur Geschichte Mecklenburgs, vornehmlich im 13. Jahrhundert, herausgegeben von Prof. Dr. Fr. Schirrmacher“ eröffnete, ward er, wieder nach dem ihn überaus anmuthenden Isar-Athen übergesiedelt, mit einzelnen Mitgliedern des ehemaligen Dichterclubs „Die Krokodile“ – Julius Grosse, P. Heyse, H. Lingg, W. Hertz bildeten damals den Rest – näher bekannt, wenn er auch seiner freien ungebundenen Art nach intimeren und Hausverkehr kaum pflegte; dagegen verbanden ihn mit dem als Mensch wie als Lyriker gleich vortrefflichen bairischen Officier Heinrich v. Reder rege Beziehungen. Diese datirten aus seiner Münchner Studienzeit und waren in Frankreich, zumal bei einem Zusammentreffen nach der zweiten Schlacht bei Orleans, noch enger geknüpft worden. F. hatte den Krieg 1870/71 als Vicefeldwebel im 30. norddeutschen Infanterieregiment mitgemacht und da, durch einen Sturz verwundet, das Eiserne Kreuz erworben. Aus Frankreich schickte er interessante eigenartige Briefberichte heim, die in seiner deutlichen und scharfen Weise persönliche Erlebnisse wiedergaben und als „Von unsern Truppen im Felde“ 1871 gesammelt wurden; über den Durchschnitt hervorragend, sind sie heute verschollen und nicht auftreibbar.

Sogleich im Frühling 1871 ging F., nach flüchtigem Besuche im Vaterlande, nach Italien, der Sehnsucht seiner schönheitsseligen Seele, wo er rasch, [603] wie schon 1869, heimisch ward und am liebsten dauernden Aufenthalt genommen hätte. 1871–73 begann die feurige rastlos thätige Natur, die in der glänzend begabten Persönlichkeit gärte, in Rom sich auszuleben. Dort widmete sich F. mannichfachen kunstgeschichtlichen Studien, die freilich bei aller Tiefe des Interesses und allem feinen Verständnisse nie auf äußerliche Universalität abzielten. Schön steht an der Spitze seines litterarischen Debüts, jener Rostocker Kirchenbaugeschichte, der wohlbedachte Passus: „Die Kunstgeschichte ist eine jener Schwesterwissenschaften, die – jede auf eigenem Wege – die Vergangenheit zum Sprechen nöthigen, um so dem Menschen ein Bild seiner geistigen Entwickelung wiederherzustellen. Die Sprache der Vergangenheit, auf welche die Kunstgeschichte in erster Linie lauscht, ist die der Formen …“; ein Systematiker des Fachs war und ward F. nicht. So fing er denn auch damals an, in der „Gegenwart“, der Wiener „Neuen Freien Presse“ (die unter andern „Römischen Briefen“ den auffallenden über „Das neue Rom und die neuen Römer“ von ihm brachte), der „Magdeburgischen Zeitung“ u. a. Tagesblättern gediegene, packende Feuilletons über Italiens Kunst und sociale Cultur zu bieten, wobei die Gemälde-Kritik im engern Sinne oft etwas kurz wegkam, ein flüssiger origineller Stil mit sehr feinen Bemerkungen über die Kunst und ihre Nachbargebiete aber stets entzückte. Wirkliche Novellen mit echten Farben von der Apenninenhalbinsel schlossen sich an, in den genannten u. a. großen Journalen, die Erstlinge in der heimischen „Rostocker Zeitung“. Es müssen wol seine Kunstbriefe unter dem Strich gewesen sein, die 1873 dem noch jugendlichen Manne den Ruf als Professor der Kunstwissenschaften und Secretär der Großherzoglichen Kunstschule zu Weimar eintrugen; diese Doppelstellung versah er bis 1879. Da zog es ihn unwiderstehlich von neuem über die Alpen und fünf Jahre war er nun gleichsam ständiger Gast in Florenz, wo er 1881 Arnold Böcklin, den urwüchsigen Meister modern-individueller und großzügig-phantastischer Malerei, richtig kennen und bewundern lernte, so zwar, daß er mit ihm in Italien oft ununterbrochen, dann aber seit 1884 auch in Zürich in intimstem Umgange zubrachte. In Florenz kamen sie fast jeden Abend bei Rossi im Palazzo Strozzi beim Wein zusammen, den Sommer 1883 saßen sie bei La Spezzia in San Terenzo und der Vallata, und so setzte sich dieser intensive, beiderseits fruchtbare Umgang, immer zwischen Atelier und Weinstube wechselnd, eben noch fort, indem Böcklin den seit 1886 zum dritten Male in München Aufhältigen mehrmals daselbst besuchte. F. sah in diesem Verhältnisse ein Hauptmoment seines ganzen Fühlens, Denkens und Lebens, und er, der fast als Entdecker Böcklin’s (in Nr. 46 S. 318 d. „Gegenwart“ 1876, wo er in 9 Artikeln „Die 50. Ausstellung der Akademie der Künste zu Berlin“ [Nrn. 41, 43–50] besprach), jedenfalls als derjenige zu betrachten, der den vielumstrittenen Schweizer mit auf sein Renommé „hinaufgeschrieben“ hat, machte sich seit der Anknüpfung mit dem überaus hochgeschätzten Künstler genaue Notizen. Jedoch ist das 1881–83 Fixirte in der genannten Vallata zusammen mit einem Schatze von novellistischen Entwürfen, Skizzen und Studien untergegangen: ein Unfall, der für Floerke’s ganze schriftstellerische Production, wenn er es auch nicht einräumte, verhängnißvoll wurde. Die Bedeutung des aus diesen Gesprächsaufnahmen erhaltenen litterarischen Torsos würdigen wir, weil es doch ein nachgelassenes, in dieser Form vom Verfasser kaum veröffentlichtes Werk, hinter den übrigen.

In den glücklichen Florentiner und nachherigen gleichsam Böcklin’schen Jahren ging F. der Sinn für den Zauber der italischen Landschaft vollends auf und er nahm gründlichst Einblick in Natur und Volk, wie sie seine damaligen, fast alle belletristisch verbrämten Schilderungen widerspiegeln. Und [604] seitdem gehörten die Niederschläge seiner poetischen Laune dem heutigen Italien und den Seelenschwingungen seiner Bevölkerung. F. blieb in München seit 1886 als freier Litterat mit Weib und Kindern wohnen. Im ganzen lebte der von Haus aus zum Welt- und Lebemann Angelegte nunmehr ziemlich zurückgezogen, pflegte wenig Hausverkehr außer mit den alten Freunden vom frühern Münchner Aufenthalt, so mit Oberst a. D. H. Ritter v. Reder, auch mit dem geistvollen Kunstkenner Adolph Bayersdorfer, Custos der Pinakothek, saß dagegen oft, gern und lange mit schaffenden Künstlern, namentlich Julius Severin aus Rom und einigen Schweizer Malern, z. B. dem verstorbenen Stäbli, in ein paar kleinen gemüthlichen Weinkneipen zusammen, so der bekannten im Floßmann’schen Hause an der Luitpold- und der „Dichtelei“ in der Türkenstraße. Wie F. ein reichliches Drittel seiner bis 1892 währenden Münchener Anwesenheit schon an und für sich sehr leidend war, so daß er körperlich oft stark an der Production gehindert war, so setzten die für Geist und Gemüth erquicklichen Stunden beim Becher seiner Gesundheit arg zu. Zu diesen Gründen kamen familiäre, hier nicht näher anzudeutende, die einen Wegzug von München angezeigt erscheinen ließen, drum übersiedelte F., zumal auf Drängen seiner Gattin, 1892 nach der Geburtsstadt – ein halbgebrochener, ja theilweise schon ein stiller Mann. So ruhte in diesen letzten Jahren die gewandte Feder fast ganz, wie er weitere, auch frühere Beziehungen vielfach abgeschnitten hatte; freilich rissen die Fäden nach München, seinem liebsten Fleck auf deutscher Erde, nie ab – und so meinte ihn die Mitglieder-Todtenliste in den „Berichten des Freien Hochstifts zu Frankfurt a. M.“ N. F. XV, 175, im J. 1898 noch in München wohnhaft gewesen. Gestorben ist F. in Rostock am 15. October 1898. Seit längerem war F. nicht mehr der Alte, der von Geist und Witz sprühte, bei dem sich Gemüth und Verstand in der Unterhaltung wie in der Schriftstellerei die Wage hielten, in dessen spontanen Einfällen nicht weniger als in den von einem Künstlerauge gebornen italischen „Land und Leute“-Skizzen jedoch echte Poeten-Phantasie webte. Floerke’s Witz mischte sich allmählich eine leichte, keineswegs bissige Satire bei, wie sie bei dem im Grunde seines Herzens sehr gutmüthigen Sanguiniker zunächst kaum zu erwarten stand. Deshalb besaß er, auf manche mündliche und feuilletonistische Aeußerungen hin, mancherlei Feinde. Im allgemeinen aber war der schöne, blühende Mensch mit dem genialen kühnen lebensfreudigen Kopfe bei Männern und Frauen äußerst wohlgelitten und arg verwöhnt. Der bekannte Münchener Historien- und Genremaler Theodor Pixis, mit F. gut befreundet, hat ihn einmal bei einer größeren Gruppe groß angelegter Illustrationen zu Richard Wagner’s Tondramen als Modell für den Fliegenden Holländer benutzt, was dem Beschauer des haar- und bartumwallten sinnenden Hauptes der Photographie Floerke’s (s. u. S. 609) leicht einleuchtet.

Reichthum an Wissen, Stil, Einbildungskraft bedingen die Wirksamkeit des Schriftstellers Floerke; zudem war er äußerst form- und sprachgewandt, beherrschte zumal das Italienische, in dessen Dialekten er verschiedentlich Bescheid wußte, wie ja genug Stellen seiner Skizzen und Geschichten zeigen. Obwol er von Haus aus Kunsthistoriker, insbesondere voll Interesse für Architektur war und auch wol zunächst als solcher zwei Mal für längere Zeit nach dem Lande der alten Kunst gewallfahrt ist, lagen doch seine Kraft und Lust zu litterarischer That mehr auf belletristischem Felde. Ja, auch die vielen ungemein anziehenden Kunstaufsätze, die F. im Laufe der Zeit an verschiedenen Stellen, so auch Besprechungen von Ausstellungen, z. B. den Münchnern, veröffentlicht hat, besitzen ihre Hauptstärke in der eindringlichen farbigen Darstellung. Als Litterat ohne die stoffliche Anlehnung seines Studiengebietes [605] trat er mit zwei netten rein poetisch erfaßten Verstexten hervor, die der Arbeit des verbundenen Malercollegen bis zu gewissem Grade congenial sind und nicht mit Unrecht bei einem Vertreter alten Geschmacks das Beiwort „allerliebst“ führen. Der erste war 1874 der dichterische Rahmen zu Moritz v. Schwind’s, des drei Jahre vorher Verblichenen, wundervoller Wiedergabe deutscher Märchenromantik in dem Aquarellencyklus (1858) „Das Märchen von den sieben Raben (und der treuen Schwester)“. Der zweite, frei erfundene, in demselben Jahre gedruckt, ist die Erzählung in Versen „Schwarze Bilder aus Rom und der Campagna“, zu des Bildhauers Fritz Schulze originellen Silhouetten aus dem römischen Leben, so wie F. es eben damals warm erschaut und in sich aufgenommen hatte. Viel genannt in engeren Kreisen war seiner Zeit „Ein lustig Mirakelstück von der gar schweren Kunst der Malerei“, sein 1878 für Weimars Kunstakademie geliefertes Gelegenheitsstück; in der kleinen thüringer Residenzstadt, in der damals noch reichlich die Intentionen der Goethe- und Karl August-Epoche blühten, war F. sehr gut angeschrieben und spielte eine ziemlich hervorragende Rolle: trotz seiner Sehnsucht über die Alpen wäre er wol nicht so rasch fortgegangen, hätten nicht gewisse höfische Rangstreitigkeiten Dissidien hervorgerufen.

Als sich F. nun für die Apenninenhalbinsel von neuem entschied, trat auch deren Milieu in seiner Schriftstellerei ein für alle Mal ausschließlich auf den Plan. Schon 1873 hatte er in der damals angesehenen „Spenerschen Zeitung“ (Berlin) „Die Volskerin“ erscheinen lassen, welche Erzählung auch F. selbst für so wohlgelungen angesehen haben muß, daß er sie später nicht bloß als ein schließendes Drittel der Sammlung „Italisches Leben“ beigab, sondern auch als seine typische Repräsentantin für die Muster-Lese „Neuer deutscher Novellenschatz, herausgegeben von P. Heyse und L. Laistner“ verfügbar machte, wo sie 1886 mit Theodor Storm’s „Aquis submersus“ den XVIII. Bd. ausfüllte. Bei dieser Gelegenheit schickte Paul Heyse, dem F., ungeachtet der verschiedenen Temperamente und Lebensansichten, stets menschliche Dankbarkeit für freundliches Entgegenkommen und, mit auf Grund verwandter künstlerischer Tendenzen, litterarische Verehrung erwies, eines der dort üblichen knappen Lebens- und Charakterbilder voraus. Diesem entnehmen wir folgende Charakteristik, weil sie eben der Feder eines in des Schauplatzes wie in Floerke’s Eigenart genau Eingedrungenen entstammt: „Von allen deutschen Erzählern, die Land und Leute des südlichen Italiens geschildert haben, hat keiner so tiefe Blicke in Geist und Art jener Volksnatur gethan wie Floerke, keiner mit so echten Lokalfarben jene Landschaften und ihre Staffage wiedergegeben. In seinen römischen, capresischen, volskischen Lebensbildern finden wir nirgends eine Spur der landläufigen Schönfärberei, welche sentimentale nordische Poeten, die nur mit flüchtigem Touristenblick diese Gegenden gestreift haben, fast ausnahmslos sich zu Schulden kommen lassen, ohne dadurch, wie es F. gelingt, den strengen Adel jener Formen, die charakteristische Anmuth und naive Größe des Stils, die jenen Gestalten eigen sind, nur entfernt zu erreichen. Bei ihm ist alles angeschaut, ergründet, erlebt, oft mit so überstrenger Wahrheitsliebe, daß der Erzähler sich nicht hat entschließen können, die zur novellistischen Vollendung seiner Skizzen nach der Natur erforderlichen Striche aus freier Phantasie hinzuzufügen“, und demgegenüber bemerkt Heyse danach: „Erst die verklärende Erinnerung wird dem jetzt wieder in Deutschland Angesiedelten den Muth dazu geben. Die hier mitgetheilte Novelle („D. V.“) indessen läßt auch in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig“.

Schon vom December 1879 dedicirte F. aus Florenz seinem alten Kumpan, [606] dem Maler J. Severin in München, den Band „Die Insel der Sirenen. Capresische Dorfgeschichten. Mit 25 Zeichnungen von Franz Arndt und Ch. Krohn“: das ist ein bunter Kranz von 17 zusammenhängenden Novelletten, mit erstaunlicher Verve aus der Boden-, Menschen-, Fremden-, Malersphäre des köstlichen Eilands sich seine Farben herausholend; Johannes Prölß (s. u.) hat später nach Autopsie mit Lob dem höchst naturtreuen F. in diesem Betracht vergleichend auf den Zahn gefühlt. Ueber ein Decennium danach legte F. seinen dickleibigsten, vielseitigsten und im einzelnen wol vollkommensten Sammelband vor: „Italisches Leben. Geschichten und Abenteuer aus alten Skizzenbüchern“ (1890), dem Münchener Freunde Oswald Schmidt bescheiden als „dies Stück Herbarium“ gewidmet. Sie pflegen eine Gattung, die ein Mittelding ist zwischen volkspsychologischer Skizze und Novelle, mehr und mehr sich zu letzterer auswachsend, welcher „die Volskerin“ schon ganz angehörte. Während die erste Ausbeute seines italienischen Wandern und Schauens, „Die Insel der Sirenen“, möglicherweise infolge der wenig günstigen Illustrationen, leider keine sonderliche Beachtung fand, schenkten eine solche wenigstens kundige Richter der zweiten, reichhaltigeren, technisch reiferen und gehaltvolleren, die ohne Anmaßung „Italisches Leben“ abzuspiegeln behaupten durfte. Leihen wir für diese bestgelungene der einschlägigen Schriften Floerke’s, deren Art zugleich für sein Verfahren und seinen Stil typisch ist, einem guten Kenner des Menschen und des Litteraten sowol wie des stofflichen Vorwurfs das Wort, dem Dichter Julius Grosse: „Es sind nicht bloß geschlossene, abgerundete Novellen, nicht bloß kulturgeschichtliche Betrachtungen, nicht bloß farbige Sittenbilder, satte Lokalveduten und feuilletonistische Genreskizzen einzelner Figuren und ganzer Gruppen – es ist von allen etwas und somit ein neues Genre“, und obwol manchmal Anklänge an L. Steub und H. Noë aufstoßen, erkenne man doch „eigenartig und durchaus selbständig – ja … den berufensten Interpreten für Malermodelle und Malerabenteuer, nebenbei auch für Malerhumor und Malermoral“. Im Anschlusse hieran gibt Grosse (am unten notirten Orte) den echt italienischen Hintergrund nebst den entsprechenden Gestalten und meisterhaft erdachten Handlungen des Näheren an, in deren Mittelpunkt eben in der Regel der Maler, sein weibliches Modell und die diesen Verhältnissen entspringenden Conflicte stehen. Diese Conflicte der Leidenschaft steigert die bedeutendste Gabe, „Die Volskerin“ (ein Mädchen aus dem Volke mit seinen Wirrsalen zwischen Geliebtem, Clerus und einem Fremdlinge ist hier die Heldin), ein abgekürzter Volksroman und würdiges Seitenstück zu Manzoni’s „Promessi sposi“, zu erschütterndster Tragik. Was J. Grosse danach weiterhin über Floerke’s Stil und Technik in diesen gestalten- und farbenreichen drastischen Landschafts- und Menschenbildern sagt, das gilt so wahr von allen Reproductionen seiner zahlreichen Ausflüge in die Felsennester der Sabinerberge sowie Mittel- und Unteritaliens, wo er mit offenen Augen deutschen Spürsinns enge Fühlung mit dem Milieu der lebendigen und unbelebten Schöpfung nahm und das Gesehene poetisch umkleidet der Feder anvertraute. „Flörke’s Gestalten“, faßt Grosse zusammen, „erscheinen mit allem Sonnenglanz, aller Farbenpracht italischer Sonne, aber auch mit allem Staub und Schmutz des Tages – keck herausgegriffen aus der Sphäre des Elends, der Noth, belebt mit der lachenden Laune des Uebermuths, mit der naiven Sinnenfreude am Dasein, mit dämonischer Leidenschaft der Liebe und Rache, wie sie nur Italienern eignen. Auch in seinen geschlossenen Novellen tritt die eigentliche Führung der Compositionslinie zurück neben der leichten flüssigen Plauderei. So bleibt alles gleichsam im Rahmen des Feuilletons, der Skizze, der Studie für die Mappe. Aber man würde [607] sehr irren, zu glauben, diese Art sei leichte Kost. Flörke schreibt prägnant und plastisch, aber seine Momentaufnahmen und Augenblicksbilder sind durchsetzt von geistreichen Paradoxen, Antithesen und vor allem von sophistischer Dialektik, dergestalt, daß man nur langsam lesen kann und daß alles suffisante Blättern, Kosten und Naschen ausgeschlossen bleibt“. Endlich stellte F. für „Kennst du das Land? Eine Büchersammlung für die Freunde Italiens. Herausgegeben von Julius R. Haarhaus“ als Band VI 1896 eine Serie „Sommerfäden. Hundstage in Italien“ zusammen, Ernstes und Heiteres, aber durchweg sachlich sicher Fundirtes aus der Mappe seiner liebevoll festgehaltenen Beobachtungen zu einem kaleidoskopmäßigen Guckkastenspiel verbindend. Vom feiernden Bummel in den Latiner Bergen führt der Autor uns über eine Campagnafahrt, Weinkellerfreuden, ein Bad im grünen Nemisee, Stillleben in den Castelli, durch capresisches Hafentreiben, einen Besuch im „verwunschenen Schloß“, eine Vorstellung im Stadttheater von Pozzuoli, den Einzug der Malersleute in Assisi und die Andacht beim großen Heiligen Franz daselbst nebst einem Ausfluge nach dessen Klause zum eleganten Hausball beim Marchese von Assisi, ehrwürdige mystische Vergangenheit im fidelen Vergnügen lebendigster Gegenwart ausklingend. Alles in allem erscheint über Floerke’s an Italien anknüpfende Schriftstellerei das Urtheil nicht übertrieben, daß deren Erzeugnisse in der langen Reihe subjectiver Streiflichter und Einzelgemälde italienischer Basis von Goethe, Seume, Wilh. Müller bis herunter auf Ad. Stahr, Gregorovius, V. Hehn, W. Kaden – von den wirklichen Romanziers, deren fruchtbarster Konrad Telmann, ganz zu geschweigen – nicht nur einen durchaus unabhängigen Rang behaupten, sondern mit am intensivsten sich in die Unterlagen vertieft und das Colorit von Land und Leuten am ungeschminktesten nachgeschaffen haben, trotzdem die Intuition von der poetischen Invention öfters überwuchert scheint. Diese Ursprünglich- und Anschaulichkeit als Floerke’s Vorzug beruht einmal in seinem längern Aufenthalte inmitten der vorschwebenden Gebiete, anderntheils gewiß in dem ungemein nahen Verhältnisse zu dem gewaltigen Meister des Landschaftsbildes und dessen Ausstaffirung durch Humor und geistvolle Lichter, zu Böcklin.

Und wenn auch eingeweihte Bekannte um dies Verhältniß wußten, so überraschte doch Ende 1901, drei Jahre nach Floerke’s Tod, das merkwürdige Buch „Zehn Jahre mit Böcklin“, das die während des Zeitraums 1881–91 über die Gespräche mit Böcklin à la Goethe-Eckermann, jedoch mit ungleich stärkerem Mitreden des Berichterstatters gemachten Aufzeichnungen enthält und zwar so, wie sie nach dem Hinscheiden in Rostock vorgefunden wurden, von Floerke’s Sohn in einem prächtig ausgestatteten Bande mit vielen Bildertafeln durch die Münchener Kunstanstalt Bruckmann beider Männer würdig vorgelegt. Freilich erhoben sich in der Presse sofort die verschiedenartigsten Stimmen, die das und jenes in Floerke’s Mittheilungen bekrittelten oder gar anzweifelten, ja zum Theil die ganze Veröffentlichung als Indiscretion brandmarkten. Im ganzen fand jedoch sowol die Fülle werthvoller, interessanter Angaben über den Meister Böcklin und origineller Auslassungen desselben über Kunst und Künstler wie die Wiedergabe durch seinen geistreichen Interviewer und Glossator F. dankbaren Beifall. Aus einem an das Buch angeschlossenen ausführlichen (anonymen) Artikel i. d. „Grenzboten“ heben wir einige für die Beurtheilung Floerke’s nicht gleichgültige Sätze heraus, obzwar sie Wahres und Falsches arg mischen. „Floerke war ohne Frage ein feiner Kopf, ein Künstler des höheren Lebensgenusses, ein Hyperästhetiker, wie man heute sagt, den seine Ueberkritik wohl an schaffender Arbeit gehindert hat [!?], wenigstens scheint es begreiflich, daß, wer 10 Jahre lang einem Künstler beobachtend folgt und es [608] nicht über Anmerkungen hinausbringt, kein fruchtbarer Schriftsteller hat werden können. Für das Verständniß Böcklin’s ist das auch übrigens gedankenreiche Buch jedenfalls wichtig, weil es viele Züge zu seinem Bilde bringt, die den meisten Lesern neu sein werden … Noch mehr Freiheit des Urtheils wird man den Erzählungen und Berichten Fl.s (wie jeder Mittheilung eines Dritten) gegenüber haben dürfen, vollends aber seinen Schlußfolgerungen gegenüber und seinen Auffassungen, wo man außerdem immer mit dem Standpunkt einer bedingungslosen Verehrung Böcklin’s zu rechnen hat: ,Böcklin und Schwind sind unsere einzigen originellen und unerschöpflichen Künstler …’ … Es kommen in diesen Gesprächen beinahe alle an die Reihe, große und kleine Künstler, Dichter und Musiker: Feuerbach, Lenbach, Leibl, Klinger, Hildebrand, Paul Heyse, Gottfr. Keller, K. F. Meyer, Graf Schack, um nur einige anzuführen, erhalten scharfe Streiflichter … in Bezug auf die Lichtquelle kann man oft nicht unterscheiden zwischen Böcklin und Floerke, vieles ist jedenfalls von diesem allein, aber auch das ist lebendig und gescheit … Oft fragt man sich: Was hätte hiezu der Alte gesagt? Oft auch, ob dies und das auch nur F. veröffentlicht haben würde. Wir meinen auch nicht etwa, F. hätte untergeschoben, vielmehr scheint uns alles sehr in Böcklin’s Geist und Sinn gedacht zu sein …“

Das verständliche Aufsehen, das dies actuelle, völlig unmittelbar gemeinte subjectine Sammelbuch erregte, beweist die innerhalb weniger als Jahresfrist 1902 nöthig gewordene 2. Auflage, wo außer den für die Charakteristik des Verfassers interessanten Vorbemerkungen des Herausgebers (der auch eine Anzahl fachlicher Fußnoten beigesteuert hat) aus Notizbüchern Floerke’s längere und kürzere Einschübe in mehrere kunsttechnische u. a. Capitel dazukamen; natürlich trugen die vortrefflichen Nachbildungen Böcklin’scher Gemälde, die das Werk zahlreich enthält, wesentlich zur Aufnahme im Publicum bei. Daß nun aus den vielen Besprechungen (der 1. Auflage) gerade diejenige i. d. „Grenzboten“ (Nr. 49 v. 5. Dec. 1901, S. 475–489) hier genauere Rücksicht fand, liegt daran, daß fast nur diese auf Floerke’s starken Antheil, überhaupt auf seine Persönlichkeit eingeht. Von den Referaten in den eigentlichen Kunstzeitschriften absehend, nennen wir noch als typisch das von Eduard Engels i. d. „Gegenwart“ (Bd. 60, Nr. 45 v. 9. Nov. 1901, S. 294–97) und das Fr. Collberg’s in „Ueber Land und Meer“ (87. Bd. 1901/2, Nr. 5, S. 86), die sich beide lediglich an das im Buche Dargebotene halten. – Im übrige nimmt es kaum wunder, daß, wie Collberg bemerkt, F. „nicht zu so hohem litterarischen Ansehen gelangt“ ist wie sein directester Landsmann Ad. Wilbrandt (zwar „in seinen feinsinnigen Novellen und geistreichen Essays enthüllt sich doch eine echte Künstlerseele“). Denn einmal kümmerte er sich gar nicht um litterarischen Ruf und die Buchkritik; andererseits gilt bis zum Tode das Wort Heyse’s von 1886: „Seine wissenschaftlichen Aufgaben und die Unstäte seines Lebens haben ihn bis jetzt noch nicht zu einer Sammlung der vielen Aufsätze und novellistischen Arbeiten kommen lassen, die er in den verschiedensten Zeitschriften veröffentlichte“. Von letzteren kommen außer den bereits genannten nach Mittheilung des Sohnes Dr. Hanns Floerke in Rostock, der für vorstehende Biographie etliche Fragen prompt beantwortete, in Betracht: „Neue Züricher Zeitung“ für Novellen und Aufsätze (Nachruf auf Karl Hillebrand; Ueber Adolf Wilh. Keims in München Mineralfarben-Maltechnik), „Münch. Nst. Nachr.“ (besonders der Nachruf auf den Maler Svertschkoff[WS 1], Reorganisator des Münchner Kunstgewerbes); für Novellen und Skizzen: Schles. Zeitung, Deutsche Rundschau, Westermanns Monatshefte, Kunst für alle, Illustrierte Frauen-Zeitung, endlich das Journal „Römische Blätter“, dessen Redacteur [609] F. einige Zeit war. Da es der Sohn im August 1903 brieflich für noch ungewiß erklärt, ob von diesen verstreuten Leistungen etwas gesammelt erscheinen wird, so sei hier auf die Fülle feiner Gedanken des phantasievollen und klugen Aestheten aufmerksam gemacht, die dort schlummert. Paul Heyse’s, der auch direct an mich einiges mittheilte, ausgezogene biographisch-kritische Notiz steht S. 3 f. vor Bd. 18 des „Neuen dtsch. Novellenschatz“, Julius Grosse’s ausführliche Würdigung i. d. 19. „Beilage zur Allgem. Zeitung“ Nr. 82, 23. März 1891, S. 4; die Auslassungen Johs. Prölß’ über die Capri-Geschichten ebd. 1901, Nr. 276 S. 5 (u. in P.’s netter Anthologie „Deutsch Capri“ [1902) S. 30 u. 127–134). Kurzer Nekrolog ebenda 1898 Nr. 237 S. 8. Wol auf eigenen Daten Floerke’s beruht der Artikel bei Frz. Brümmer, Lex. d. dtsch. Dicht, u. Pros. d. 19. Jhs.4 u. 5 I, 367 (u. 556); biographische Notiz bei (M. Maack, „Die Novelle“ oder:) „Die bekanntesten dtsch. Dichter d. Gegenwart mit bes. Berücksichtigung der Novelle“ (1896), S. 204. Artikel des Unterzeichneten (wo jetzt hiernach einiges zu berichtigen) in Bettelheims „Biogr. Jahrb. u. dtsch. Nekrolg.“ III, 240 f. Zur obigen Charakteristik Floerke’s und seinem Dasein in München gaben seine dortigen Freunde Oberst H. v. Reder und Dr. med. Oswald Schmidt willkommene mündliche Aufklärung; viel in F.s Büchern. Porträt vor dem Böcklin-Werke F.s.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Wladimir Dmitrijewitsch Swertschkow, zeitgenössisch oft auch: Wladimir von Schwertschkoff oder Swertschkoff (* 4. September 1821 in Loviisa im Großfürstentum Finnland; † 14. Juli 1888 in Florenz), hauptsächlich in Deutschland wirkender russischer Künstler und Kunstagent.