ADB:Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, Johann VIII. Graf zu

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Artikel „Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, Johann VIII. Graf zu“ von Otto Meinardus in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 619–623, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Sayn-Wittgenstein-Hohenstein,_Johann_VIII._Graf_zu&oldid=3033662 (Version vom 23. August 2017, 11:44 Uhr UTC)
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Wittgenstein: Johann VIII., Graf zu Sayn-W., der älteste Sohn des Stammvaters der Hauptlinie der Wittgensteins, des Grafen Ludwig II. und der Gräfin Juliana v. Solms-Braunfels, geboren am 14. October 1601, ist denjenigen Staatsmännern und Kriegern zuzurechnen, welche ihre diplomatische und [620] militärische Ausbildung der großen Schule des 30jährigen Krieges verdankten. Ob er schon unter Gustav Adolf im schwedischen Heere gedient hat, ist zweifelhaft, jedenfalls wurde er bei der Gründung des Heilbronner Bundes als Mitglied in das consilium formatum aufgenommen, welches dem Reichskanzler Oxenstierna an die Seite gestellt wurde, und das Wittgenstein’sche Regiment betheiligte sich an den Kämpfen der Hessen unter Landgraf Wilhelm in Westfalen und an der Weser. In den Prager Frieden ist der Graf, welcher sich über die geringe Anerkennung seiner Leistungen seitens der Schweden beklagte, wol mit aufgenommen. In den folgenden Jahren scheint er sich meistens auf seinem Stammsitz aufgehalten zu haben, bis der Stern des jungen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg neben andern hervorragenden Staatsmännern auch ihm zu leuchten begann. Schon im Mai 1643 bestanden wechselseitige Beziehungen. Damals weilte Friedrich Wilhelm in Cüstrin; in einer Geheimrathssitzung wurde Graf W. als erster Bevollmächtigter für die Friedensverhandlungen in Osnabrück und Münster in Vorschlag gebracht. Ungefähr um dieselbe Zeit leistete W. dem Kurfürsten einen wichtigen Dienst, indem er ihn darauf aufmerksam machte, daß die Landgräfin von Hessen bereit sein werde, Calcar und Lippstadt einzuräumen. Als sich die Friedensaussichten verzögerten, bittet der Graf im Februar 1644 um eine Stelle im brandenburgischen Geheimen Rath und um Theilnahme an den Sitzungen, was ihm aber abgeschlagen wird mit der Motivirung, es würde sich nicht schicken, da er für die Friedensverhandlungen bestimmt ausersehen sei. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß auch der Kaiser ihn in seine Dienste hat ziehen wollen, und das der gut protestantische Graf eine brandenburgische Dienststellung begehrte, um seine Ablehnung des kaiserlichen Anerbietens begründen zu können.

Wittgenstein’s Beziehungen zu Hessen und Frankreich, die letzten vom Heilbronner Bunde her, veranlaßten die brandenburgischen Geheimen Räthe nun ihn, ehe er definitiv in den Dienst des Kurfürsten aufgenommen wurde, für die wichtige Aufgabe vorzuschlagen, mit der Landgräfin Amalie über die Einräumung der noch in Cleve-Mark besetzten festen Plätze in Unterhandlungen einzutreten und den Erlaß der Contribution an der Westseite von Cleve sowie die Verschonung der Erblande bei den französischen Heerführern zu erwirken. Ende September 1644 an die Landgräfin abgesandt, konnte der Graf bereits am Ende des nächsten Monats einen glücklichen Erfolg seiner Verrichtung melden und den mit der Fürstin vereinbarten Receß zur Ratification einsenden. Einige Schwierigkeiten wußte er dann noch persönlich in Kassel auszugleichen, wobei auch eine erkleckliche Summe für die hessischen Räthe abfiel. Gleichen Erfolg hatten im Anfang des folgenden Jahres Verhandlungen mit dem kaiserlichen Feldzeugmeister Grafen v. Vehlen über die Freigabe einiger Oerter in der Grafschaft Mark von kaiserlichen Besatzungen.

Anfang December 1644 wurde W. endlich verständigt, sich zur Reise nach Osnabrück und Münster bereit zu halten. Ende März 1645 schloß er sich, jetzt als bestallter brandenburgischer Geheimer Rath, in Ravensberg den beiden andern brandenburgischen Abgesandten an, und Ende April/Anfang Mai fand der Einzug in Osnabrück und Münster statt. Die Gründe, weshalb gerade W. zum Principalgesandten für die Friedensverhandlungen ausersehen wurde, ergeben sich aus der obigen Skizze seiner bisherigen Wirksamkeit. Seine diplomatische Befähigung hatte er mehrfach bewiesen, und auch auf militärischem Gebiete war er bewandert. Persönlich bekannt mit den schwedischen und französischen Diplomaten, hatte sich der Graf in der hervorragenden Stellung innerhalb des consilium formatum der Heilbronner Bundesgenossen auch mit den Mitteln und Zielen der französisch schwedischen Politik vertraut gemacht. Von Bedeutung für [621] viele Fragen diplomatischer Etiquette und Verhandlungsart war ferner seine reichsgräfliche Würde, sie befähigte ihn besonders dazu, den kaiserlichen und reichsfürstlichen Abgesandten mit Nachdruck und Ansehen gegenüber zu treten. Was die sachlichen Verhandlungen betrifft, so war er besser mit auswärtigen Fragen bekannt als mit Reichssachen, für die Erledigung dieser erbat er sich selbst eine kundige Persönlichkeit, und erhielt dafür den Geheimrath v. Löben zugeordnet.

W. hat in Osnabrück und Münster den brandenburgischen Standpunkt meisterhaft vertreten; in den ersten Jahren den Anordnungen Friedrich Wilhelm’s gemäß fest auf Pommern bestehend, wußte er im Anfang Januar 1647 den Kurfürsten persönlich zu überzeugen, daß die Preisgabe Vorpommerns unvermeidlich und allein dazu geeignet sei, die politische Isolirung Brandenburgs zu beendigen. Und seiner Geschicklichkeit ist es wesentlich zu verdanken, daß die Aequivalent-Fürstenthümer, namentlich auch Minden, dem Kurfürsten zufielen. Auch in andern Fragen, auf religiösem Gebiete, bewährte sich sein diplomatisches Talent. Man muß hervorheben, daß er es gleichermaßen verstanden hat, zur rechten Zeit auf die schwedischen und französischen Staatsmänner mit goldenem Händedruck zu wirken. Es fehlte seinem persönlichen Auftreten nicht an Schärfe: im Juni 1646 geschah es, daß er bei einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Legaten Oxenstierna über Pommern diesem das W. hoch ehrende Wort entlockte, „er sehe wohl, daß noch einiger Sauerteig von des Grafen v. Schwarzenberg consiliis übrig und man nur suchte, das Werk durch Cunctiren aufzuhalten, bis man etwa durch einen Streich sich in eine oder andere Postur setzen könnte“. Auch andere schwierige Fragen der damaligen brandenburgischen Politik suchte W. in dieser Stellung ihrer Lösung näher zu bringen, so namentlich die Evacuation Hamms, wenn auch damals ohne Erfolg; „der liebe, ehrliche Graf“ nennt ihn wegen dieser vermittelnden Bestrebungen einmal Johann v. Löben. Und es ist wahr, seine persönlichen Angelegenheiten setzte er hintan, um für seinen kurfürstlichen Herrn bei diesen Verhandlungen des ersten großen europäischen Congresses möglichst viel Vortheil herauszuschlagen.

Nach deren Beendigung beehrte der Kurfürst den Grafen zum Dank mit seinem höchsten Vertrauen, indem er ihn zum Statthalter von Minden-Ravensberg ernannte und dadurch bis an sein Lebensende an sich und den brandenburgischen Staat fesselte. Schon im Mai 1648 mit der Anwartschaft auf diesen Posten begnadigt, konnte der im April 1649 definitiv ernannte Statthalter der Münsterschen Nachverhandlungen wegen sein Amt erst Ende des Jahres antreten. W. hat es verstanden, das neue Fürstenthum der brandenburgischen Verwaltung, dem brandenburgischen Staate anzugliedern und zur Zufriedenheit des Kurfürsten zu verwalten, wenn auch die neuere Forschung festgestellt haben will, daß sein Eifer und redlicher Wille, manche Uebelstände der damaligen Verwaltung zu beseitigen, mangelnde „volkswirthschaftliche Kenntnisse“ und mangelnde „Verwaltungsroutine“ nicht immer zu ersetzen vermocht haben.

In allgemeinen politischen Fragen erholte sich der Kurfürst auch weiterhin öfter seines Rathes. Glaubte man doch in Wien, der Krieg gegen Pfalz-Neuburg sei hauptsächlich auf Anrathen Wittgenstein’s und des Grafen Johann Moritz von Nassau von Friedrich Wilhelm begonnen, allerdings eine irrthümliche Annahme! Jedenfalls war W. an den Vorbereitungen zum Feldzuge und an der Mobilisirung lebhaft betheiligt. Ein Sohn von ihm führte eine Compagnie, mußte jedoch im August 1651 sein junges Leben lassen, nicht vorm Feinde, sondern als er es in selbstloser Hingebung daran setzte, um einen Kameraden vom Ertrinken zu retten. In den Jahren 1652–1654 wurde W. mehrfach vom Kurfürsten dazu verwandt, die damals ins Auge gefaßte Alliance mit den evangelischen norddeutschen Fürsten einzuleiten. Beim Ausbruch der kriegerischen [622] Verwickelungen mit Schweden und Polen ließ Friedrich Wilhelm gleichfalls die reichen Erfahrungen des Grafen nicht ungenutzt. Als der Kurfürst nach Preußen zog, setzte er W. zum Statthalter der Mark Brandenburg ein und zeigte durch die Uebertragung dieses wichtigen Vertrauenspostens, wie hoch er den Grafen schätzte. Die 11/2 Jahre vom Herbst 1655 bis zum Tode Wittgenstein’s am 2. April 1657 haben ihn vor eine verantwortungsreiche und bedeutende Aufgabe gestellt, an deren Last er schwer zu tragen gehabt hat.

Vor Antritt seiner neuen Stellung mußte er die Kurfürstin Louise Henriette nach Cleve begleiten und bei ihren Bemühungen unterstützen, die Streitigkeiten im oranischen Hause beizulegen, welche wegen der gleichzeitigen Bewerbungen der Grafen Johann Moritz und Wilhelm Friedrich von Nassau um die holländische Feldmarschallswürde eine große Ausdehnung gewonnen hatten. Auch die Verwaltung von Cleve-Mark, wo Johann Moritz die Statthalterschaft inne hatte, litt stark unter der Vernachlässigung ihres Statthalters. Hier sollte W. eingreifen, zugleich die clevischen Stände endgültig versöhnen und einer Bewilligung für den Feldzug geneigt machen. Zurückgekehrt besorgte er nicht nur die Civilverwaltung von Minden und von der Mark Brandenburg, sondern er übernahm zugleich die noch für die Mobilisirung und Heeresergänzung nöthigen Arbeiten in allen westlichen Provinzen des brandenburgischen Staats und die militärische Instandsetzung des Landes und ergriff alle zur Befestigung und Vertheidigung erforderlichen Maßregeln. Bald kam es an den Grenzen zu Kämpfen mit hereinbrechenden polnischen Horden. Da hat noch in den letzten Monaten seines Lebens der Graf einen bösen Conflict erlebt. Nach einigem Widerstande hatte er den Polen mehrere Plätze eingeräumt und dadurch gegen weiteres Vordringen vertragsmäßige Sicherheit erlangt. Die Kunde hiervon rief jedoch beim Kurfürsten und seiner Umgebung lebhafte Unzufriedenheit hervor. W. schwieg nicht gegen die ihm gemachten Vorwürfe. In einer längeren Vertheidigungsschrift konnte er nicht nur die Zweckmäßigkeit seines Vorgehens rechtfertigen, sondern zugleich hervorheben, daß er nur mit Zustimmung der Kurfürstin-Mutter, der sämmtlichen Geheimräthe und der Ständedeputirten gehandelt habe. Pflichtvergessen und meineidig sei er nicht. „Es kann nichts Grausameres sein, als Einen eines Meineids (das heißt hier: Pflichtvergessenheit) beschuldigen; denn wenn ich dessen schuldig, so wäre ich nicht werth, daß mich der Erdboden trüge, noch weniger, daß ich den Namen eines Grafen, am wenigsten aber den eines kurfürstlichen Statthalters führte. Gott sei es geklagt, daß ich gegen alle meine treuen Dienste dergestalt belohnt werde.“ Damals waren schlimme Zeiten für Brandenburg hereingebrochen, wo auch des Besten Thun mißverstanden werden konnte. Noch vor seinem Tode söhnte sich der Kurfürst wieder mit ihm aus, so daß der treue, charaktervolle Mann mit dem Bewußtsein aus dem Leben scheiden konnte, bis zum letzten Augenblicke für Kurfürst und Vaterland nützlich wirksam gewesen zu sein.

Aus seiner Ehe mit Anna Augusta Gräfin zu Waldeck entsproßten 8 Söhne und 10 Töchter. Der jüngste Sohn war Friedrich Wilhelm’s Pathe; der Kurfürst übernahm dessen Erziehung, welche dem Grafen Otto von Schwerin, dem Erzieher der kurfürstlichen Prinzen, übertragen wurde. Seinem Hause brachte W. die Grafschaft Hohenstein ein, mit der ihn der Kurfürst im März 1647 belehnte. Auf das Amt Wetter, welches ihm verpfändet wurde, hatte er schon im J. 1646 40 000 Thaler vorgestreckt.

Rheinischer Antiquar III, 1. – Cosmar und Claproth, Der brandenburgische Staatsrath. – Rikskansleren A. Oxenstiernas skrifter och brefvexling. I. Bd. 7. – Orlich, Geschichte des preußischen Staats im 17. Jahrhundert. Bd. I. – Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten [623] Friedrich Wilhelm I. IV.–VIII. X. – Protokolle und Relationen des Brandenburgischen Geheimen Raths unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm II. bis IV. – K. Spannagel, Minden und Ravensberg unter brandenb.-preuß. Herrschaft von 1648–1719.