ADB:Schrot, Martin

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Artikel „Schrot, Martin“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 32 (1891), S. 556–558, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schrot,_Martin&oldid=- (Version vom 20. April 2019, 16:54 Uhr UTC)
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Schrot: Martin S., protestantischer Tendenzdichter des 16. Jahrhunderts, stammte aus Augsburg und scheint dort sein Leben lang seinen festen Wohnsitz gehabt zu haben. Von Beruf war er wahrscheinlich Goldschmidt; daß er ein, vielleicht sogar zwei, politische Lieder mit der Aufschrift versieht „Hat ein gemainer Lantzknecht gemacht“, berechtigt noch nicht zu dem Schluß, daß er selbst wirklich jemals Landsknecht war: das kann poetische Fiction sein. Er stand Zwingli’s Lehre wahrscheinlich näher als Luther’s, dessen Name nie bei ihm begegnet; demgemäß citirt er weit überwiegend die Züricher Bibel und copirt sogar ein paar mal deren Holzschnitte. Seine schriftstellerische Thätigkeit concentrirt sich auf die ernsten Jahre 1545–52, auf das Decennium des Schmalkaldischen Krieges; später ermattet in ihm die confessionelle Leidenschaft und mit ihr der Productionstrieb. Nach der vom 21. Juli 1576 datirten Vorrede, mit der Schrot’s Verleger Adam Berg aus München sein „Wappenbuch“ einleitet, muß der Dichter nicht lange vor jenem Zeitpunkt gestorben sein, und daran wird man festhalten müssen, obgleich noch in den neunziger Jahren Bücher unter Schrot’s Namen erschienen sind; es handelt sich da wol nur um moderne Bearbeitungen älterer Sachen Schrot’s. S. war, wie das bei einem Augsburger Dichter, der nicht Geschlechter und nicht Gelehrter ist, damals nahezu sich von selbst verstand, Mitglied der Meistersängerschule und zählte sogar zu der auserlesenen Zwölfzahl der Augsburger Meister. Er erfand eine 20reimige Schrotweis und eine 24reimige Narrenweis; in beiden hat auch Hans Sachs gedichtet. Die erhaltenen Meisterlieder Schrot’s selbst sind historischen und didaktischen Inhalts, behandeln z. B. ein moralisches Beispiel Petrarca’s, einen allegorischen Traum, die That des Zopyrus u. Aehnl., in nüchternster reizlosester Thatsächlichkeit: auffällig ist auch für einen Meistersänger immerhin, daß S. den Satzübergang aus einer Strophe in die andere nicht für verboten hält.

Minder auffällig und ein Beweis von sicherm Stilgefühl, freilich auch von der geringen Popularität des Meistergesangs, daß S., wo er Wirkung auf weitere Kreise erstrebte, nicht nur Meistertöne, sondern sogar die meisterliche Silbenzählung verschmähte: seine politisch-religiösen Lieder im Tolner Ton, im Bruder Veit, im Ton „Ich weiß nit, was der Gilgen bricht“ u. s. w., in lauter kurzen, durch ihre sangliche Melodie beliebten Strophenformen, sie alle lassen doppelte Senkung zu, meiden aber jenes Strophenenjambement der Schrot’schen Meisterlieder. S. ist ein überzeugter, gottvertrauender und höchst bibelkundiger Protestant. In seinen Liedern kommt mehr die zuversichtliche oder kampfesmuthige Stimmung der Partei zum Ausdruck, als daß Thatsächliches erzählt würde, so daß die Datirung dieser Lieder, die meist o. J. gedruckt sind, vielfach unsicher bleibt. Vom Titel bis zum Schluß sind Schrot’s Dichtungen von einem wahren Arsenal von Bibelsprüchen und Bibelcitaten umschanzt. Wol das [557] älteste ist sein „Schöns News Christlichs Liede, Vonn der ietzt schwebenden gefärligkeyt“, das gequält und ungeschickt den Kaiser und die Seinen vor dem Kampfe gegen die Getreuen Gottes warnt; er wird die Tyrannen stürzen, die wider ihn rumoren. Dies, wie das erheblich bessere „newe Lied ganntz wol betracht, Hat ain gmainer Lantzknecht gemacht, Von diser noth, in Teütschem Lannt“, das dieselbe zuversichtliche Stimmung athmet, wird in die Zeit gehören, als der Krieg näher rückte, ohne doch zum Ausbruch gekommen zu sein, in die ersten vierziger Jahre. Aber charakteristischer für Schrot’s Art sind die erhitzteren Lieder des entbrennenden und des durch Moritz von Sachsen unerwartet günstig entschiedenen Krieges. Da, zumal in den Jahren 1546 und 1552, wird S. ein gewaltiger Apokalyptikus, der nirgends besser zu Hause ist, als in der Offenbarung Johannis und den Propheten; er erhebt etwa auf eine Siegeshoffnung hin „ain Freüdengeschrey über das gefallen Bapstumb“, das er in ausführlicher Deutung auf das siebenköpfige Thier und die babylonische Hure zugleich bezieht; er betitelt im Liede vom „Ursprung und ursach diser Aufrur Teütscher Nation“, bestimmt die im Unglück Schwankenden bei der guten Sache zu erhalten, den Papst Antichrist, blutgierigen Hund, Mordfuchs; seine Anhänger in Deutschland, das der Papst als milchende Kuh betrachtet, sind ihm ein ehrlos Nattergezücht, das das eigene Nest beschmutzt; und der Triumphgesang „von dem Adler und seinem vndergang In Germania“ (1552), der, wie S. das liebt, auch an eine Prophezeihung (4. Buch Esdre, Cap. 11) anknüpft, findet gegen das römische Teufelsgeschmeiß, gegen den Kaiseradler, der aus Spanien Nachtraben, Eulen und Hetzen gegen sein Volk aufbietet, grimmige Töne, die von weitem an den maßlosesten Spruch Walther’s v. d. Vogelweide erinnern. Der Gegensatz welsch und deutsch ist in S. sehr lebendig, entschieden lebendiger als das eigentlich Religiöse; Freiheit und Vaterland sind ihm weit mehr als politische Stichworte; und die ehrliche Leidenschaft mildert den peinlichen Eindruck der zuweilen widerwärtig rohen, schimpfenden Reime, deren Wirkung noch obendrein unter den unvermeidlichen Bibelstellen leidet, mit denen sie gestopft sind. Auch die Prosa stellt S. in den Dienst der protestantischen Polemik: sein „neüwer Römischer Pasquillus“ (1546) enthält zwar nur Bibelsprüche mit tendenziösen Ueberschriften; aber auch andere in Othmar’s Verlage zu Augsburg erschienene Flugschriften desselben Jahres, namentlich ein „kurtzer bericht des Pfaffen-Kriegs, Den kaiser Carl der fünft wider Teütsche Nation vnd das Vaterland gefürt hat“, mögen aus Schrot’s fehdelustiger Feder stammen.

Schrot’s protestantische Kampflieder bezeichnen den Höhepunkt seines Schaffens. Nach 1552 fehlen Zeugnisse für seine weitere Betheiligung an den religiösen Streitigkeiten. In einem undatirten, aber wol jüngeren prosaischen „Dialogus. Vom Gellt vnd der Armut“ hallt die alte Kampfesstimmung nur noch sehr abgeschwächt nach, wenn die Armuth die Schädlichkeit des Geldes an dem Reichthum des Papstes, an der Kriegslust des Kaisers demonstrirt, der mit dem verhaßten protestantischen Scheltnamen „Carl von Gent“ benannt wird, und wenn anderseits das Geld die faule Armuth der Mönche und Nonnen verwirft. Diese beiläufigen polemischen Bemerkungen des knappen Prosagesprächs sind in einer 1596 in München erschienenen Bearbeitung des Dialogs in Reimpaaren sorgfältig getilgt, Grund genug, um nicht im Dichter selbst den Reimer zu suchen. Daß Schrot’s im selben Münchner Verlage herausgekommenes „Wappenbuch“, eine Wappensammlung ohne erwähnenswerthen Text, mit dem päpstlichen und den geistlichen Wappen anfängt und nur sie einigermaßen vollständig enthält, ist nicht auffallend bei einer bestellten Lohnarbeit, die Schrot’s Tod abschnitt. Merkwürdiger ist Schrot’s confessionelle Gleichgültigkeit in der Prosaschrift „Kurtze Beschreibung Wie mächtig, weit und breit, sich das H. Röm. Reich erstrecket [558] hat“ (Frankfurt a. M. 1595). Aber die Tendenz dieser Arbeit, die außer einem Abriß der türkischen Geschichte namentlich eine fingirte Correspondenz zwischen Kaiser und Fürsten enthält, richtet sich gegen die Türken, und schon darin lag Grund genug, mehr das der Christenheit Gemeinsame zu betonen, als die Gegensätze der Bekenntnisse. Ferner unterliegt es keinem Zweifel, daß diese Schrift, wenn ihr Autor Martin Schrott nicht ein ganz anderer ist – und dagegen spricht z. B. der S. so geläufige Vergleich des Kaisers mit dem Adler – uns nur überarbeitet vorliegt: S. starb spätestens Anfang 1576 und kann also wol noch den Regierungsantritt Murad’s III., aber nicht einmal mehr den Kaiser Rudolf’s erlebt haben; und jene Schrift erwähnt noch Ereignisse der achtziger Jahre, ja anhangsweise sogar den Tod Murad’s 1595. Es wurde also wol eine ältere Türkenschrift Schrot’s bei besonders hochgehender Türkengefahr zeitgemäß umgestaltet und publicirt. Auch diese Prosa erscheint in einem Wittenberger Druck von 1595, betitelt „Wecker oder Auffmunterung der Edlen Deutschen“, größtentheils in Reimpaare umgegossen, an denen S. gewiß unschuldig war. Er selbst hat Reimpaare nur in den kurzen Einleitungen einiger seiner Werkchen verwandt; die einzige Ausnahme scheint das Büchlein „Die X Alter der welt mit irem lauf vnd aygenschafften … in Reymen verfaßt“ (Augsburg 1574) zu bilden, wol seine letzte poetische Arbeit, die mir aber unbekannt geblieben ist.

Lieder Schrot’s sind gedruckt in Liliencron’s Historischen Volksliedern der Deutschen, Bd. 4, Nr. 470 und 598; in Wackernagel’s Deutschem Kirchenlied III, 970 fgg.