ADB:Seidel, Nathanael

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Artikel „Seidel, Nathanael“ von Alexander Glitsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 625–627, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seidel,_Nathanael&oldid=3459106 (Version vom 11. Dezember 2018, 19:59 Uhr UTC)
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Seidel: Nathanael S., geb. am 2. October 1718 zu Lauban in der Oberlausitz, starb als Bischof der Brüderkirche am 17. Mai 1782 zu Bethlehem in Nordamerika. Sein Vater, ein Abkömmling böhmischer Emigranten, und seine Mutter waren gottesfürchtige Leute, welche ihren Sohn fromm erzogen; sein inneres Leben erwachte früh und wurde zweckmäßig genährt. Als Tuchmachergeselle war er 3½ Jahre auf Reisen; nach Haus zurückgekehrt, machte er mit Christo einen Bund, Ihm sein Leben zu weihen. Da seiner Mutter die evangel. Brüdergemeine nicht unbekannt war, fühlte er, obgleich er letztere persönlich nicht kannte, sich doch zu ihr hingezogen. In Gefahr, von Werbern unter das Militär genommen zu werden, verließ er 1739 Lauban und ging nach Herrnhut. Nachdem [626] er hier und in Herrnhag in der Wetterau in verschiedenen kleinen Aemtern gedient hatte, reiste er nach der Bestimmung des Grafen N. L. v. Zinzendorf 1742 nach London, von wo er mit einer größeren Gesellschaft lediger Männer nach Pennsylvanien, wohin sein Sinn schon lange gestanden hatte, abgefertigt wurde. In Bethlehem in Pennsylvanien erhielt er das Amt eines Aeltesten der ledigen Brüder, arbeitete aber mit Vorliebe in der Mission unter den Indianern. Zeugniß dafür sind die Reisen, die er zu denselben und unter denselben machte. Schon 1743 ging er mit drei anderen, unter denen sich auch Anton Seifert befand, nach der Susquehannah. 1745 besuchte er die in New-York gefangen gehaltenen Missionare Zeisberger und Post. Später war er bei der Uebersiedelung der christlichen Indianer von Chekomeko nach Wajomik betheiligt. Dieser Trieb seines Herzens war wohl auch Grund, daß er auf einer Synode 1746 zum „Pilgerältesten“ gewählt und eingesegnet wurde. Von da an ist sein Lebenslauf eine fast ununterbrochene Kette von Missionsreisen, die er stets wo möglich zu Fuß ausführte. In Muddy Creek, in Gnadenhütten, an der Susquehannah predigte er, ja seine Thätigkeit erstreckte sich bis Manakosy in Maryland; Shomokin, Pachgatgoch, Chekomeko, alles Stationen der bekehrten Indianer, wurden von ihm besucht. Viel Gefahren im Schnee, auf dem morschen Eis der Flüsse, beim Umherirren in den Wäldern hatte er zu bestehen. Von einem Gefährten begleitet, durchreiste er 1749 das Land bis Boston und erfreute viele Seelen, Christen und Heiden, durch das Wort des Evangeliums. Im Juli desselben Jahres ging er mit Johannes v. Wattewille und Cammerhof nach Philadelphia, um dort mit den Abgesandten der sechs indianischen Nationen über das Missionswerk unter ihnen zu verhandeln. Nachdem er die Ordination zu einem Presbyter der evangelischen Brüderkirche erhalten hatte, wurde es ihm 1750 vergönnt, sein deutsches Vaterland wieder zu sehen. Er reiste auf der Irene, dem Missionsschiff der Brüdergemeine, am 1. Sept. von New-York ab und kam nach einer sehr gefährlichen Seereise, auf der das Schiff die Masten verlor und dem Untergang nahe war, über London nach Herrnhut. Aber schon im nächsten Jahr kehrte er über Holland nach Pennsylvanien zurück, war wieder unter den Indianern thätig und wurde 1753 mit der amtlichen Visitation der westindischen Brüdermission betraut, die er in den heißen Sommermonaten ausführte. Nach seiner Rückkehr begab er sich mit 13 ledigen Männern nach Nord-Carolina, um die erste der dortigen Brüdergemeinen zu gründen. 1755 finden wir den rastlosen Mann mit zwei Gefährten auf der Reise nach Berbice und Surinam in Südamerika, um an der Corentyn und Saramacca das von den Holländern der Brüdermission überlassene Land für Stationen auszusuchen und zu bestimmen. 1757 gründete er in der County Warwick (Nordamerika) den Gemeinort Lititz. Ebenfalls in diesem Jahr erhielt er das Amt eines der Leiter der Brüdermissionen im allgemeinen.

Am 12. Mai 1758 wurde er in Herrnhut, wohin er berufen worden war, zu einem Bischof der Brüderkirche geweiht, und erhielt den Auftrag einer abermaligen amtlichen Visitation der westindischen Brüdermission. 1759 reiste er krank von London ab und hielt sich vom März bis November des Jahres auf den Inseln St. Thomas, Barbados, Antigua, St. Kitts und Jamaica auf. Auf letzterer Insel gründete er mehrere Stationen und kehrte dann über Hispaniola und Cuba nach Europa zuruck, um seiner Behörde Bericht abzustatten. Sturm und Bedrängniß von französischen Kapern brachte ihn unterwegs mehrmals in augenscheinliche Gefahr und ernstlich erkrankt erreichte er am 28. März 1760 Herrnhut. Durch eine gefährliche chirurgische Operation erlangte er hier seine Gesundheit wieder und heirathete im Herbst des Jahres Anna Johanna Piesch, eine höchstbegabte und erprobte mährische Emigrantin, Nichte der Anna Nitschmann [627] (zweiter Gemahlin des Grafen N. L. von Zinzendorf). Mit ihr kehrte er 1761 nach Pensylvanien zurück und trat dort an die Spitze sämmtlicher amerikanischer Brüdergemeinen, wurde auch Nominalherr der dortigen Liegenschaften der Brüder-Unität. 1768 legte er eine neue Brüdergemeine in New-Jersey an, hielt in Lititz eine Provinzialsynode und reiste 1769 zu der in Marienborn in der Wetterau (Deutschland) tagenden Generalsynode der Brüder-Unität, um über die Gemein- und Missionsverhältnisse in Nordamerika Bericht abzustatten. 1770 nahm er seine Aemter in Bethlehem wieder auf, und machte mit den Visitatoren der Indianermission, Chr. Gregor und J. Loretz, seine letzte Missionsreise nach Friedenshütten oder Wielusing.

Am Schluß seines thatenreichen Lebens hatte er manches Schwere zu erfahren. Der unselige Krieg mit England, die Verwüstung vieler Brüderplätze, die Plagen und Strafen wegen verweigerten Kriegsdienstes, die Wegführung der christlichen Indianer vom Muskingum, die nachherige Ermordung eines großen Theils derselben durch Amerikaner, drückte seinen Geist nieder und machte ihn müde. Dazu kam Krankheit des Leibes, heftige Gichtschmerzen, eine Folge von Strapatzen, denen er sich früher auf seinen Reisen, ohne jegliche Schonung, ausgesetzt hatte. So schwanden denn die Kräfte seines Leibes merklich dahin, Krämpfe traten hinzu und beschleunigten sein Ende, das am 17. Mai 1782 ihn in Bethlehem ereilte.