ADB:Strauß, Friedrich

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Artikel „Strauß, Gerhard Friedrich Abraham“ von Gustav Frank in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 532–534, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Strau%C3%9F,_Friedrich&oldid=3448374 (Version vom 14. November 2018, 11:47 Uhr UTC)
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Strauß: Gerhard Friedrich Abraham St. ist am 24. Sept. 1786 in Iserlohn geboren, wo sein Vater Abraham Strauß (vergl. über ihn E. Frommel, J. A. Strauß, 1879), ein durch Semler von der Orthodoxie befreiter, ernster Pietist, Pfarrer war. „Es ist etwas Großes“, sagt von ihm der Sohn, „einen Vater zu haben, der uns glauben lehrt.“ Schon vor seiner Geburt dem geistlichen Stande verlobt, kannte er als Knabe keine süßere Hoffnung, als die erste Predigt und dann ein seliger Tod. Er studirte in Halle, wo er seinen Freundschaftsbund mit Neander schloß. Schleiermacher blieb ihm damals unverständlich. Seine heilige Stunde schlug am 9. Juli 1806, an welchem Tag sich ihm der Gottmensch in Christo als die Einheit des Objectiven und Subjectiven herausstellte. „Ich sprang auf, weil ich mich nicht sitzend halten konnte, weinte, schluchzte, fiel auf meine Knie, dankte dem Herrn und wußte nicht, wie ich mein Glück ausdrücken sollte.“ Seine Studien beendigte er in Heidelberg unter Schwarz und Daub. Von den Mystikern, besonders von Bernières-Louvigny und Tersteegen, befruchtet, von Gottfried Arnold’s Gebeten und Novalis’ Schriften bewegt, durchhallen sein Leben und seine Predigten das Halleluja, Hosianna und Kyrie eleison. Allezeit rhythmisch gestimmt, schrieb er, seit 1809 Pastor zu Ronsdorf im ehemaligen Herzogthum Berg, seine „Glockentöne; Erinnerungen aus dem Leben eines jungen Geistlichen“ (1815, 7. A. 1840), voll Begeisterung für das schönste der Aemter und die seligste unter allen Lebensweisen. „Wenn ich in dir stehe, liebes Kirchlein, begeistert unter den [533] Andächtigen, da möchte ich nimmer von der Kanzel, nimmer von dem Altare hinweg.“ Theologen aller Richtungen dankten dem gefühlvollen Verfasser und prognosticirten ihm eine für das Reich Jesu heilsame Amtsführung. Einst von den Gläubigen begrüßt als ein den neuen Kirchenfrühling verkündendes Festgeläute, haben sie in unserer realistischen Zeit an diesem Idyll den Geschmack verloren. Seit 1814 Pfarrer der lutherischen Gemeinde in Elberfeld, wurde ihm die Verlobung mit einer Reformirten (Johanna v. der Heydt) als Verrath an seiner Gemeinde ausgelegt. Als der von Napoleon geraubte und nach dessen Sturz zurückgebrachte Kunstschatz, die Victoria, Elberfeld passirte, hielt er eine „Predigt von der Wiedererstattung“ (Elberfeld 1815) über Ez. 33, 15. In „Helons Wallfahrt nach Jerusalem 109 Jahre vor der Geburt unseres Herrn“ (4 Bde. 1820.21) und der (1822 anonym erschienenen) „Taufe im Jordan aus dem 2. Jahrh. der christlichen Kirche“ gab er anschauliche Darstellungen des gläubigen alttestamentlichen Judenthums und der Kirchengeschichte des zweiten Jahrhunderts. Er hat auch den für ihn und Andere zum Gnadenmittel gewordenen Predigerverein in der Farbmühle, in der Mitte zwischen Elberfeld und Gemarke, begründen helfen. Als vierter Hof- und Domprediger in Berlin (seit 1822) und zugleich Professor der praktischen Theologie an der Universität – nachmals auch wirklicher Oberconsistorialrath (1836), Mitglied des neucreirten Oberkirchenrathes (1850), und Oberhofprediger (1856) – hat er, in neuen geistlichen Zungen redend, wesentlich mit beigetragen zu der dortigen Erweckung und Bekehrung der Metropole der Vernunftreligion. Er ließ hier eine Reihe einzelner Predigten, zumeist auf Wunsch des Hofes, und eine Predigtsammlung über die zwei Grundlehren des Protestantismus, die Rechtfertigung aus dem Glauben und die Lehre vom Worte Gottes, unter dem Titel „Sola“ (2 Bde. 1844 und 1846) erscheinen. Er hat seines Amtes in der königlichen Familie, auch am Grabe bedeutender Männer der Wissenschaft, wie Schleiermacher und Neander, gewaltet. Als Abgeordneter seines Königs verhandelte er 1837 in Wien mit Metternich über den freien Abzug der Zillerthaler, welcher gewährt wurde. Seine letzte Predigt war die zum Gedächtniß Friedrich Wilhelm’s IV., dessen Tod sein eignes Leben knickte. Mit der Losung: „Ruhe du, Herr, in mir, daß ich ruhen könne in dir“ ist er am 19. Juli (dem Todestag der Königin Louise) 1863 heimgegangen. Ein geborener Prediger und mit Novalis die Predigt für das höchste achtend, was der Mensch liefern kann, war ihm das Predigen das gute Werk seines Lebens. „Nie war mir wohler, als wenn ich von der Kanzel kam.“ Mochte in seinen Predigten die Klarheit des Gedankens manchmal zurücktreten hinter das schillernde Bild, die Wahrheit hinter die Schönheit, mochte seine Lebendigkeit manchen zu dramatisch und theatralisch, sein Pathos echauffirt erscheinen, alle solche Einwendungen wichen vor der Bewunderung seiner hinreißenden Beredsamkeit, von welcher Cicero’s Wort vom influere in animos hominum, in aures concionis wirkliche Geltung hatte. In seinen Vorlesungen trug er die Katechetik vor als die Wissenschaft von der Mittheilung kirchlichen Wissens, der kirchlichen Stimmung die Liturgik, des kirchlichen Wollens die Pastorallehre, des ganzen kirchlichen Lebens die Homiletik. Im übrigen liebte er, als hätte er mit Hegel die Dreiheit für die absolute Form der Vernunft gehalten, für jeden Gegenstand die trichotomische Eintheilung. So behandelte er die Pastorallehre nach Subject, Object und Art der Seelsorge; das Object wiederum dreifach: Weltlinge, Selbstlinge, Lüstlinge. In seinem Werk „Das evangelische Kirchenjahr, in seinem Zusammenhang dagestellt“ (1850. 2. Aufl. mit erweiternden und berichtigenden Anmerkungen von K. Schwarzlose. Berlin 1891) hat er die Entstehung und den organischen Zusammenhang des Kirchenjahres theils aus dem Verlauf des Sonnenjahres, theils [534] aus den altkirchlichen Pericopen erklärt und seine Symbolik gedeutet. Eine große Anzahl bedeutender Prediger hat sich unter ihm gebildet. Löhe (s. A. D. B. XIX, 116) bekannte, für die Praxis des geistlichen Amtes von ihm am meisten gelernt zu haben. Seine theologische Richtung charakterisirt sein Ausspruch: „Der menschliche Geist, der sich vor seinem ewigen Herrn beugen soll bis zur gänzlichen Unterwürfigkeit, mag sich in den heiligsten Angelegenheiten von bloßer menschlicher Macht nicht knechten lassen.“ Dieser pietistisch-weitherzige Standpunkt gestattete ihm, in ein engeres Verhältniß zu Hengstenberg (Bachmann, Hengstenberg II, 19) wie zu Bunsen (Nippold, Bunsen I, 321) zu treten. Das ungleichartige Triumvirat Neander, Twesten, Stahl hat er einmal als die drei festen Säulen der Berliner Universität und des wahren Glaubens bezeichnet. Er war ein eifriger Vertreter der Union, darum auch der königlichen Agende, ihm das Ideal einer Liturgie. Dem in den höchsten Kreisen sich bewegenden Hofprediger gereicht es zur Ehre, daß er keine höhere Ehre für ein Kind Gottes kannte, als dem Herrn das Kreuz nachtragen.

Nekrolog in der Neuen Evangel. Kirchenzeitung 1863, Nr. 30 und 31. Selbstbiographie unter dem Titel: Abend-Glockentöne. Erinnerungen eines alten Geistlichen aus seinem Leben von F. Strauß. Berlin 1868.