ADB:Tarnow, Fanny

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Artikel „Tarnow, Fanny“ von Max Mendheim in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 399–402, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tarnow,_Fanny&oldid=3439571 (Version vom 20. Oktober 2018, 15:37 Uhr UTC)
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Band 37 (1894), S. 399–402 (Quelle).
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Tarnow: Fanny T. (im Güstrower Kirchenbuch lautet ihr Vorname Franziska), Schriftstellerin, wurde am 17. December 1779 als erstes Kind des Commissionsraths und Stadtsecretärs Johann David T. und seiner Gattin Amalie Justine, einer Tochter des Landraths von Holstein, in Güstrow geboren. Die Abstammung und das Vermögen der Mutter veranlaßten, daß die Familie, zu der sich von vornherein der schon seit längerer Zeit als Wittwer lebende Großvater gesellte, auf großem Fuße und im Verkehr mit den aristokratischen, von französischen Sitten und Moden vielfach beherrschten Kreisen des Landes lebte. So brachte Fanny, der Liebling des alten Landraths, ihre ersten Jugendjahre unter den heitersten Eindrücken hin, bis das lebhafte, hochentwickelte Mädchen in seinem vierten Jahre das Unglück hatte, aus dem Fenster des zweiten Stockwerks auf die Straße zu stürzen. Wenn auch äußerlich unverletzt, wurde sie doch von da an kränklich, konnte nicht mehr gehen und mußte getragen oder gefahren werden; als sie allmählich genas, war sie, bisher ein [400] Gegenstand des Mitleids ihrer Umgebung, daran gewöhnt, alle ihre Wünsche erfüllt zu sehen und äußerte nun ganz die Launen eines verzogenen Kindes. Auch konnte sie natürlich in dieser Zeit keinen regelmäßigen Unterricht erhalten und mußte von den Kinderspielen ihrer Altersgenossen fern bleiben. Diese Vereinsamung führte sie, nachdem sie in kurzer Zeit lesen, schreiben, rechnen und Französisch gelernt hatte, dazu, ihre Unterhaltung in Büchern aller Art zu suchen, gleichviel, ob diese ihrem Alter angemessen waren oder nicht. Gleich nach ihrer Confirmation wurde dann Fanny auch in die Gesellschaften der ersten Familien eingeführt, war aber noch immer die meiste Zeit über mit sich selbst und ihren, durch die planlose Lectüre erregten phantastischen Träumereien beschäftigt. „Die zu große Selbständigkeit nährte die Neigung, durch ihre Persönlichkeit aufzufallen“. Diese Unarten aber führten schließlich zu heftigen Scenen mit dem Vater. In jener Zeit kaufte dieser ein kleines Gut, pachtete dazu die angrenzende fürstliche Domäne Dalkendorf und gab unbesonnener Weise zugleich seine Stellung beim Gericht auf, um mit seiner Familie ganz auf das Land zu ziehen und sich der Oekonomie zu widmen. Anfangs schloß sich auch Fanny mit Eifer den neuen Studien des Vaters an; als aber die erträumten glänzenden Erfolge ausblieben, zog sie sich wieder in ihre Einsamkeit zurück. Sie speculirte hier auf allerlei Abenteuer, schreckte aber alle Bewerber durch den „zu schnellen Gang ihrer Liebesintriguen“ ab, weil sie in jedem neuen Bekannten einen Freier, einen Bewunderer ihrer Person erblickte und sehr bald einen allzuvertraulichen, ihren Wünschen entsprechenden Ton anschlug. Alle ihre Hoffnungen auf eine baldige und glänzende Ehe zerschlugen sich sogleich, als der Vater nach wenigen Jahren in Concurs gerieth und die Familie unter Aufgabe ihres bisherigen großen Haushaltes das Gut wieder verlassen mußte und nach Neu-Buckow zog, wo der Vater eine Stelle als Secretär beim ritterschaftlichen Verein erhielt. Um bei diesen Verhältnissen ihrem Vater nicht zur Last zu fallen, suchte sich Fanny nun eine Stellung als Erzieherin und fand bald eine solche bei einem Herrn v. Schmiterlow auf Rügen, wo sie vier Jahre lang blieb, ihre freie Zeit noch immer mit Lesen, Träumen, dem Aufschreiben ihrer Gedanken und Ausmalen eingebildeter Liebesverhältnisse ausfüllend. Nach kurzem Aufenthalt im Elternhause nahm sie dann eine ähnliche Stellung bei einem Herrn v. Both auf Rohlstorff an und begann hier zuerst Beurtheilungen über Bücher, Aufsätze und Aehnliches an verschiedene Journale einzusenden und anonym veröffentlichen zu lassen. Als ihre „Alwine von Rosen“ 1805 und 1806 im „Journal für deutsche Frauen“ erschienen war, machte sie sich an die erste größere Erzählung, „Natalie“, deren Vollendung und Veröffentlichung sich allerdings bis 1812 hinauszog. Zugleich knüpfte sie jetzt durch ihre schriftstellerische Thätigkeit mehr und mehr Beziehungen zu bedeutenden Männern (Rochlitz, Hitzig, Fouqué u. A.) an; beschäftigte sich auch häufig mit den griechischen Classikern, besonders Xenophon, Lysias und Platon und schrieb eine Anzahl neuer Erzählungen. 1807 siedelte sie als Erzieherin nach Wismar in das Haus des Schwagers des Herrn v. Both über und fand hier wieder Gelegenheit, als Repräsentantin des Hauses eine bevorzugte Rolle zu spielen. Als sich nach einiger Zeit der Vater ihrer Zöglinge wieder vermählte, mußte Fanny ihre Stellung aufgeben, erhielt aber bald wieder eine neue bei einem Herrn v. Müller auf Rankendorf, die sie im Herbst 1812 verließ, um zu ihren Eltern nach Neu-Buckow zurückzukehren. Hier fand sie ihre Mutter an einem unheilbaren Uebel darniederliegen und widmete sich nun deren Pflege mit größter Aufopferung, bis der Tod die Geliebte endlich am 9. December 1815 erlöste. So von allen Lieben getrennt und von allen Mitteln entblößt, entschloß sich Fanny, zu ihrer theuersten Jugendfreundin nach Petersburg zu ziehen und trat die Reise am 6. Juli 1816 von Travemünde aus an. Aber [401] auch in Petersburg fühlte sie sich nicht wohl; alles war hier anders, als sie es sich vorgestellt hatte; die Freundin lebte mit ihrem Gatten nur in bescheidenen Verhältnissen und konnte der Verwöhnten nicht das bieten, was diese zu finden gehofft hatte. Zwar kam sie auch hier allmählich in größere Kreise, sie lernte Klinger, Kotzebue, Graf Sievers u. A. kennen, aber sie fühlte die Unmöglichkeit, auf russischem Boden von ihrer Feder leben zu können, und eine andere Erwerbsquelle fand sich nicht. Bereits nach einem Jahre kehrte sie in die Heimath zurück und ließ sich, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Berlin, mit einer Tochter Hitzig’s, die ihr dieser in Pflege gegeben hatte, bei ihrer eigenen Schwester in Lübeck nieder, fühlte sich aber auch in diesen Verhältnissen nicht glücklich und siedelte nach Hamburg über, um hier mit der Dichterin Amalie Schoppe eine Pensionsanstalt zu gründen. Die Verschiedenheit der Charaktere Beider verursachte bald Zwistigkeiten und vereitelte die Pläne, so daß Fanny T. schließlich im Frühjahr 1820 nach Dresden und von hier aus zeitweilig nach Schandau zog, wo sie erst in vertrautem Umgange mit Helmine v. Chezy lebte, mit der sie sich bald heftig verfeindete, und dann an der Gräfin Egloffstein, Elise von der Recke, Tieck, Tiedge u. A. lang ersehnte Freunde fand, mit ihrem jetzigen Leben zufrieden war und nur, wie immer, schmerzlich beklagte, daß sie es allein, ohne Geliebten, ohne Gatten hinbringen müsse. Als sie später durch Krankheit ihre Sehkraft einbüßte, suchten ihr die Freunde durch Herausgabe ihrer sämmtlichen Werke eine Existenz zu gründen und erlangten auch wirklich durch die Subscription 5000 Thaler. Ihre ganze jetzige Lage erregte nun in Fanny T. den Wunsch, sich von den Freunden und ihren Vergnügungen zurückzuziehen. So schied sie am 16. December 1829 von Dresden, um sich in Weißenfels, wo ihre Schwester Betty lebte, ein Asyl zu gründen. Als ihre Augen wieder besser wurden, verschaffte sie sich einen neuen Erwerb durch Uebersetzungen aus dem Französischen und Englischen, so daß sie von aller äußeren Sorge frei war und bald auch wieder geselligen Verkehr pflegen konnte. Noch einmal raffte sie sich auch zu eigenem Schaffen auf und schrieb anonym das Werk „Zwei Jahre in Petersburg“, das allgemeine Anerkennung fand. Als später ihre Schwester Weißenfels verlassen hatte, fühlte sich auch Fanny nicht mehr heimisch hier. Sie unternahm öfter Reisen nach Berlin, Leipzig und Dresden und siedelte schließlich 1841 nach Dessau über, wo sie, zuletzt von Leiden aller Art heimgesucht, am 4. Juli 1862 starb.

Die schriftstellerische Thätigkeit Fanny Tarnow’s wird ganz und gar von ihrem eigenen Leben und Empfinden bestimmt, und als sie „keinen Stoff mehr behandeln konnte, in welchen sie nicht Selbsterlebtes hineinzulegen vermochte“, stand sie schließlich ganz davon ab, mit eigenen Schöpfungen hervorzutreten. In allen ihren zahlreichen Erzählungen, die sie theils als selbständige Werke herausgab, theils in den verschiedensten Taschenbüchern und Zeitschriften veröffentlichte, finden sich Anklänge an ihre Lebensschicksale, an ihre sehnsüchtige Liebe zu Arndt, Hitzig und Anderen, die ihr im Leben theuer waren, aber ihre Sehnsucht ewig unbefriedigt ließen. Von ihrer „Natalie“, in die sie vielleicht die meisten und treuesten Erinnerungen ihres Herzens hineingelegt hat, sagt sie selbst: „Ich bin nicht Natalie – ihr Leben ist nicht das meinige – und doch kennt der, welcher sie gelesen hat, mein inneres Leben genauer, als Jemand, der Jahre lang mit mir, so wie ich jetzt bin, verkehrt“. In einer Art Selbstkritik aber sagt sie ebenso treffend als für ihr ganzes Empfinden bezeichnend: „Ich gelte für eins der geistreichsten Weiber unseres Zeitalters, ich besitze Kenntnisse, Seele, Begeisterung, ich kann denken, fühlen – kann alles Große und Schöne empfinden –, kann es der reinsten Idealität nachempfinden, kann glücklich sein im Anschauen der Natur, [402] glücklich sein im Genusse der Kunst – ich bin großsinnig von Gemüth und Charakter – alle kleinlichen Regungen des Neides, des Hasses sind mir fremd – und das Alles verschwindet vor dem Eindrucke, welchen der Kuß eines geliebten Mannes auf mich macht“.

Aufzählungen ihrer Werke finden sich in Goedeke’s Grundriß III, 149 fg. und in Brümmer’s Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten. Vgl. ferner: Schindel, Die deutschen Schriftstellerinnen des 19. Jahrh. II, 354 fg. – A. Bölte, Fanny Tarnow, ein Lebensbild (Berl. 1865). – Pierson, Gustav Kühne, sein Lebensbild und Briefwechsel mit Zeitgenossen (Dresden und Leipzig o. J.).