ADB:Tarnow, Johann

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Artikel „Tarnow, Johann“ von Paul Tschackert in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 397–398, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tarnow,_Johann&oldid=3439564 (Version vom 14. Dezember 2018, 01:23 Uhr UTC)
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Tarnow: Johann T., lutherischer Theologe, † 1629. „In Johann Tarnow gibt sich uns ein Exeget zu erkennen, wie damals die lutherische Kirche keinen zweiten zur Seite zu stellen hatte“. Mit diesen Worten leitet A. Tholuck in seiner Vorgeschichte des Rationalismus, I. Theil, 2. Abth. (1854) S. 102 die Charakteristik dieses edlen mecklenburgischen Theologen ein. „Felix ille sacrarum literarum interpres“, nennt ihn ein reformirter Theologe, Sixtus Amama (in einer Oratio de barbarie etc. 1620), „academiae ejusdem sol oriens et ocellus, cujus viri pretium academia Rostochiensis et ecclesia evangelica ignorare videntur“ (bei Tholuck a. a. O. S. 103). T. war am 19. April 1586 zu Grevismühlen im Mecklenburgischen geboren, studirte zu Rostock, Straßburg, Basel, Gießen und auf anderen Akademien und wurde 1614 Doctor und Professor der Theologie zu Rostock. Im 43. Jahre seines Alters, am 22. Januar 1629, starb er vor Kummer, da er sich als Exeget durch seine Commentare viel Feindschaft zugezogen hatte. In seinen „Exercitationes biblicae“ (1619) hatte er nämlich Auslegungen früherer lutherischer Lehrer, selbst solche eines Luther, Chemnitz oder Hunnius, die er für irrthümlich hielt, verworfen. Er drang auf das Studium der Grundsprachen der heiligen Schrift, was bei den damaligen Orthodoxen wenig Anklang fand, welche sich je länger, je mehr daran gewöhnten, die Bibel nach den Bekenntnißschriften auszulegen. Wie „ein Schutzwort für historisch-praktische Schriftauslegung“ gegen die dogmatistische klingt sein Ausspruch in einem seiner Briefe (Epp. ad Meisnerum II, 337) vom Jahre 1619: „Ich plane einen Commentar zu den kleinen Propheten, und während ich damit beschäftigt bin, erkläre ich andere biblische Sprüche, ut ita, si fieri possit, ad biblia Deique verbum, extra quae proh dolor! hodie plerique theologiae dant operam, studiosam juventutem reducam, quae nunc maximam partem studio perverso, antequam sciat thesin et biblia legerit, tantum in controversiis et homiliis ab illis bono fine editis, tota est“. Seine, der starren Tradition abgewandte, praktische Richtung führte ihn auch zu Principien bürgerlicher Duldung; so wurde 1619 unter seinem Vorsitz in einer von ihm gebilligten theologisch-politischen Rede (des Studiosus Daniel Rhuel) Duldung vom christlichen Staate für mehrere Religionen verlangt. Von seiner praktischen Gewissenhaftigkeit legt endlich eine Nachschrift zu einem Briefe an Meisner 1616 ein schönes Zeugniß ab, indem er seine Verwunderung äußert, daß, wie er auf seinen Reisen wahrgenommen, die Theologen in Oberdeutschland mit ihrem Gewissen vereinbar finden, sich dem Besuche der Pestkranken zu entziehen (Tholuck a. a. O. S. 104).

Schriften Tarnow’s sind: „Exercitationes biblicae, in quibus verus et genuinus locorum scripturae difficilium … inquiritur etc.“ (Rost. 1619, letzte und vollständigste von ihm bearbeitete Aufl. 1627); „Declaratio eorum, quae ad dicti Esaiae cap. XLV, v. 8 sensum … allata sunt etc.“ (Rost. 1621); „In decem primos psalmos Davidis commentarius“ (Rost. 1621); „In Threnos Jeremiae commentarius“ (Rost. 1627, 1707 cum praefatione Fechtii). [Dieser Editor sagt von dem Verfasser: „Primus Tarnovius fuit, qui Veteris Testamenti libros non ex versionum rivulis aut eorum interpretationibus, qui fontes ipsi neque consulere neque vim verborum phrasiumque penetrare potuerunt, linguarum quippe adminiculis destituti, sed ex ipso intimo linguae genio et argumentis [398] ex curatissima totius contextus consideratione ortis exposuit“.] „In psalmos poenitentiales VII commentarius brevis“ (Rost. 1628); „In psalmos passionales commentarius. Adjecta est explicatio cap. I. III Jesaiae“ (Rost. 1628). Die einzeln erschienenen Commentare über die kleinen Propheten sind dann zusammengedruckt (vgl. Rostocker Etwas von gelehrten Sachen V, 637 f., 655 f.). Nach v. Seelen’s Zeugniß in Athen. Lubec. II, 361 soll davon eine Ausgabe (Rost. 1632) erschienen sein. Bekannter ist Joh. Tarnovii … in prophetas minores commentarius etc. cum praef. Jo. Bened. Carpzovii (Leipz. 1706); vorhergegangen ist eine solche Ausgabe von 1688. Dazu kommt die unter seinem Präsidium gehaltene, oben erwähnte Rede „Oratio theologo-politica de quaestione non ignobili et hoc mundi tempore maxime necessaria: an in republica christiana a magistratu politico, salva conscientia, plures quam una tolerari queant religiones? quam affirmative, censente et approbante viro admodum rev. Joh. Tarnovio … recitabat Dan. Rhuel, Nurnberga. Neomarch. S. S. Th. Studios.“ (Rostock 1619).

Zu vgl. Etwas von gelehrten Rostockschen Sachen (1737 ff.) V, 664 ff. – Zedler’s Universallexikon Bd. 41 (1744) Sp. 1852 ff., wo noch Witte, Memoria theologorum citirt ist. Bei Zedler sind auch die Titel der kleineren Arbeiten, Abhandlungen und Disputationen Tarnow’s angegeben. – Krey (Joh. Bernh.), Die Rostockschen Theologen seit 1523 (Rost. 1817), S. 25 ff. – A. Tholuck, Der Geist der luth. Theologen Wittenbergs (1852), S. 153 ff. – Derselbe, Vorgeschichte des Rationalismus. I. Theil. Das akademische Leben, 2. Abtheilung (1854), S. 102 ff. – Gust. Frank, Gesch. der protest. Theologie. I. Theil (1862), S. 332 f.