ADB:Verschaffelt, Peter von

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Artikel „Verschaffelt, Peter von“ von Ludwig Nieser in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 632–634, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Verschaffelt,_Peter_von&oldid=3129173 (Version vom 15. August 2018, 15:15 Uhr UTC)
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Verschaffelt: Peter v. V., Bildhauer und Baumeister, geboren zu Gent am 9. Mai 1710. Zuerst von seinem Großvater, der Bildschnitzer war, unterrichtet, kam V. dann in die Lehre eines besseren Meisters Minilius. Nach beendeter Lehrzeit ging V. nach Paris, wo er in Bouchardon’s Atelier gegen sehr geringen Sold Beschäftigung und die Erlaubniß zum Besuche der Akademie erlangte. Nach zehn Jahren mühevoller Arbeit trat er mit ersparten hundert Louisd’or 1737 die Reise nach Rom an. Durch den Maler Soubleyras dem Cardinal-Staatssecretär Valenti empfohlen erhielt V. Aufträge, auch für den Papst Benedict XIV. zunächst zu einer Büste des hl. Vaters für das Capitol, dann auch zu einer Statue des Papstes für das Kloster Monte-Cassino. Weiter [633] folgten das Bild des hl. Johannes und vier Basreliefs für die Façade der Kirche S. Croce und das Modell des Bronzeengels, der noch jetzt das Castell St. Angelo krönt. Weitere Arbeiten aus seiner römischen Zeit – in welcher er den Namen Pietro Fiomingo führte – wie der hl. Paulus für die Peterskirche zu Bologna, zwei Kinder mit Guirlanden auf dem Fronton v. Sta Maria Maggiore, die Büste des hl. Norbert für das Portal der gleichnamigen Kirche zu Rom und ein Genius mit päpstlichen Attributen für den Dom zu Ancona bezeugen die Anerkennung, welche seine Kunst in Rom fand. Doch war seines Bleibens nicht dort. Der frühe Tod einer geliebten Gattin und die Ungnade seines bisherigen Protectors Valenti waren Veranlassung, einem Rufe des Prinzen von Wales nach London zu folgen. Nach kurzem Aufenthalte in England, wo verschiedene Sculpturen, ein Triton, ein Bacchus, ein für die Wiederherstellung der Kirche des hl. Bavo zu Gent bestelltes Modell entstanden, traf ihn eine Berufung des Kurfürsten der Pfalz, Karl Theodor nach dessen Residenzstadt Mannheim, welcher V. auch am 11. September 1752 Folge leistete. Er ward zum Director der Zeichnungsakademie daselbst und zum ersten Hofbildhauer ernannt und entfaltete von jetzt ab eine sehr vielseitige und erfolgreiche Thätigkeit für seinen kunstsinnigen Fürsten. Nächst dem Lehrberuf an der neugegründeten Akademie, wo in einem großen Saale die vom Kurfürsten Johann Wilhelm erworbenen Abgüsse der besten Antiken vereinigt wurden, für die Zöglinge der Akademie herrliche Vorbilder für ihre Zeichenstudien, traten an V. als ausübenden Bildhauer vielfache Aufgaben heran: die Bildwerke an der Façade der neuerbauten Jesuitenkirche, am Hauptaltar der gleichen Kirche die Gruppe des hl. Ignatius, welcher dem nach Indien reisenden Franz Xaver den Segen ertheilt, zur Seite zwei allegorische Frauengestalten, den Glauben und Afrika darstellend, sodann die beiden grandiosen Engel mit den Marterwerkzeugen am 3. Seitenaltar (Kreuzaltar) und beide Weihwasserschaalen mit Engelkindern, nach dem Vorbilde der Bernini’schen in der Peterskirche zu Rom entworfen; des Weitern dann die Marmorbildsäulen des Kurfürsten und der Kurfürstin für den Rittersaal des Residenzschlosses, zwei Büsten derselben Fürstlichkeiten für den großen Bibliotheksaal daselbst, die Bildhauerarbeiten im fürstlich Bretzenheim’schen Palais, das große Frontalrelief über dem Eingang zum Archiv- und Bibliotheksgebäude im kurfürstlichen Schlosse, die Sculpturen am Zeughause, das schöne Grabdenkmal seiner Tochter, der Gräfin St. Martin in der Nonnenkirche, endlich ein prächtiger kleiner Johannes d. Täufer an einem Hause der Capuzinerstraße, der heute noch an Ort und Stelle, wenn auch unter einer Oelfarbenschicht verdeckt, erhalten geblieben ist. Für den kurfürstlichen Park in Schwetzingen hatte V. ebenfalls viele Bildwerke auszuführen, so die kolossalen liegenden Gestalten des Rhein und der Donau, die beiden großen Hirschgruppen in der Hauptallee, alle Sculpturen des Apollontempels, vier Sphinxe, in deren individuellen Köpfen die Volksmeinung die Porträts von Hofdamen vermuthete, im Tempel selbst die Marmorfigur des Apollo, etwa manierirt und insofern verfehlt, als der Gott die Leyer in der rechten Hand hält, also mit der linken spielen müßte, dazu noch viele verschiedene im Park vertheilte Bilderwerke.

Zahlreiche Porträts und viele kleinere Marmor- und Thonwerke werden noch weiter von Verschaffelt’s Biographen aufgezählt, alles Zeugnisse der ausgebreiteten und fruchtbaren Thätigkeit des in seinem Berufe hochgeschätzten Künstlers. Auch in der ausübenden Baukunst versuchte sich V. in den letzten Jahren seines ruhmvollen Lebens; das imposante Zeughaus (heute Infanteriekaserne) zu Mannheim, die Kirche zu Oggersheim mit der Lorettocapelle und anderes, sind Beweise seines seltenen, vielseitigen Talentes. Für seine künstlerische Thätigkeit fehlte ihm auch die Anerkennung des Fürsten nicht; Karl Theodor [634] erhob ihn in den Adelstand und der Papst Pius ernannte ihn zum Ritter des Christusordens. V. war zweimal verheirathet; zuerst mit einem Frl. Chinchinieri, einer Römerin, aus welcher Ehe zwei Töchter stammten, die erste an einen Grafen v. St. Martin, die andere an den Leibarzt Mai verheirathet. Eine zweite Ehe schloß er, nachdem die erste Gattin frühe verstorben, mit einem Frl. de Maurroy von Paris. Aus dieser Verbindung stammen zwei Söhne, der ältere als Oberbaudirector zu Wien 1818 gestorben, der jüngere zu Mannheim als Hofgerichtsrath. Im J. 1793 am 5. April starb hochbetagt V. in Mannheim. Sein ungenannter Biograph rühmt seinen geraden offenen Charakter, sein freimüthiges, wenn auch strenges künstlerisches Urtheil, seine Biederkeit und Herzensgüte und das unablässige Streben, sich geistig und künstlerisch zu vervollkommnen und auch den Schülern ein nachahmenswerthes Vorbild zu sein. Die Richtung seiner Kunst stand, des Ernstes und der großen Anschauung nicht entbehrend, rückhaltlos unter dem Einflusse Bernini’s und der Barockzeit.

Kurze Lebensbeschreibung des Ritters Peter v. Verschaffelt mit dessen Bildnisse gem. v. Sintenis gest. v. A. Karcher, Mannheim 1797. – Nagler’s Künstlerlexikon XX, 177/178. – Müller, Klunzinger und Seubert, Künstler aller Zeiten und Völker III, 775/6.