ADB:Abraham a Sancta Clara

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Artikel „Megerlin, Johann Ulrich“ von Wilhelm Scherer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 178–181, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Abraham_a_Sancta_Clara&oldid=- (Version vom 20. Juli 2019, 06:01 Uhr UTC)
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Band 21 (1885), S. 178–181 (Quelle).
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Megerlin: Johann Ulrich M. oder Megerle (Abraham a Sancta Clara), Prediger und katholischer Erbauungsschriftsteller. Er war zu Kreenheinstetten (zwei Stunden von Meßkirch im badischen Seekreis) als das achte Kind des leibeignen Gastwirthes Matthäus M. geboren und wurde am 3. Juli 1644 getauft. Er erhielt in seinem Geburtsort und in Meßkirch den ersten Unterricht, besuchte dann das Gymnasium bei den Jesuiten in Ingolstadt bis 1659 und bei den Benediktinern in Salzburg bis 1662. Von da begab er sich nach Wien, wo er unter dem Namen Abraham a Sancta Clara in den Augustiner-Barfüßer-Orden Aufnahme fand. Das Noviziat bestand er in dem Kloster Maria-Brunn, zwei Stunden von Wien, und nachdem er in Wien seine erste Messe celebrirt und sich zum Predigtamte vorbereitet hatte, ward er als Feiertagsprediger nach dem Kloster Taxa in Baiern entsandt, „wegen seiner Vortrefflichkeit aber“, wie eine alte Lebensbeschreibung sagt, „in Kürze wiederum nach Wien citirt, allwo er viele Jahre als Feiertags- und Sonntagsprediger die Kanzel bestiegen und ein ungemeines Auditorium und Zulauf des Volkes durch seine wunderbarliche und [179] angenehme Redeart an sich gezogen, allermaßen Mund und Feder übereinstimmten, mit Lust und Ernst, gleichwie seine Bücher, untermenget zu sehen.“ Er hat, wie ein anderer Zeitgenosse bemerkt, erwiesen, „daß er kein geschwätziger, sondern ein tiefsinniger, beredsamer Schwab sei“: wobei man unter Tiefsinn freilich etwas anderes verstehen müßte, als was wir darunter verstehen. In- und außerhalb Wiens soll es wenig hohe und vornehme Kanzeln gegeben haben, die Abraham nicht öfters betrat. Die ersten Predigten, die wir kennen, stammen aus dem Jahre 1673. Aber schon 1672 findet sich, daß Abrahams Ordensbrüder, wo es etwas durchzusetzen gilt, ihn als den beliebten und stadtbekannten Prediger voranschicken. Wie er auf der Kanzel scherzend belehrte, so mochte ihm auch bei schwierigen Unterhandlungen leicht ein witziges Wort zu Gebote stehen, welches den Zurückhaltenden zum Lachen brachte und so in willfährige Stimmung versetzte. Bei Kaiser Leopold I., der ihn in der Augustinerhofkirche oft predigen hörte, stand er in hoher Gunst: was seine Ernennung zum Hofprediger (28. April 1677) für jedermann klar bezeugte. Auch adelige Herren zogen ihn gern in ihre Gesellschaft. Während der Pest von 1679 lebte er fünf Monate lang abgeschlossen im Hause des niederösterreichischen Landmarschalls Johann Balthasar Grafen Hoyos, als dessen Kaplan oder, wie ein Hausgenosse schreibt, „als Graf Hoyosianischer Erzbischof“ er täglich in einem Saale die Messe las (Mittheilung von Dr. Leeder aus dem Hoyos’schen Archiv). Im Jahre 1680, wie es scheint, ist Abraham Prior geworden: was aber nicht hinderte, daß er 1682 als einfacher Sonntagsprediger an das Kloster St. Anna zu Graz versetzt wurde, bis er auch dort nach drei Jahren zur Würde des Priors aufstieg. Erst 1689 kehrte er nach Wien zurück; 1690 ist er Provinzial; 1692 Definitor der Ordensprovinz. Er starb am 1. December 1709. Als ein wahrhaftiger, unerschrockener Mensch übte er das Predigtamt. Wie ein Satiriker entwarf er Lebensbilder. Gleich vielen katholischen Predigern der früheren Zeit erlaubte er sich komische Effecte auf der Kanzel; und in seinen Schriften glauben wir immer den drastischen Redner zu vernehmen. Er leidet unter dem Geschmacke des 17. Jahrhunderts. Weit ausholende Gelehrsamkeit aus niedrigen Regionen des Wissens, viele behaglich aufgetischte Geschichten und Curiositäten, schwülstige Gleichnisse, Figuren und Tropen, ein falsches Sinnreiche, das Alles mit Allem combinirt, das Entfernteste am liebsten verknüpft, in Wortspielen schwelgt und keinen noch so äußerlichen Faden verschmäht, um die disparatesten Dinge daran aufzureihen: diese und andere verwandte Eigenschaften versetzen den heutigen Leser sofort in eine fremdartige, abgestorbene Welt. Aber dennoch wird er gefesselt und wunderlich unterhalten, wenn er nur etwas gutwillig sich hingiebt. Abraham weiß mehr als irgend ein anderer Schriftsteller der Zeit Spannung zu erregen. Er versteht die Kunst der Ueberraschung und Steigerung. Er verbindet die höchste Uebersichtlichteit des Ganzen mit der größten Anschaulichkeit des Einzelnen. Er beherrscht die Sprache mit spielender Leichtigkeit, hat sehr gute Einfälle und wirkt immer auf die Phantasie, wenn auch zuweilen durch arge Uebertreibungen. Alle Mittel des populären Stils, die sich seit dem Mittelalter in Deutschland angehäuft hatten, stehen ihm zu Gebote; und volksthümliche Anschauungen benutzt er, wo immer sie sich bieten. Die Pest von 1679 machte ihn zum Schriftsteller: sein im Hoyos’schen Hause verfaßtes „Merks Wien! Das ist: des wüthenden Tods umständige Beschreibung“ (Wien 1680), führte die Gestalt des Todes als einer geschlossenen Persönlichkeit vollkommen charakteristisch, wie in den Todtentänzen, durch. Auch seine zweite schwächere Schrift „Lösch Wien“ (Wien 1680) galt noch der Pest und forderte die Hinterbliebenen auf, die Qualen des Fegefeuers für die Verstorbenen durch Andacht und Gebete zu löschen. Und eine dritte Schrift „Große Todtenbruderschaft“ (Wien 1681) behandelte das Thema vom Allbezwinger Tod noch [180] einmal, nur roher und derber. Die Türkengefahr von 1683 bewog ihn zur Abfassung des Werkchens „Auf, auf, ihr Christen! Das ist: eine bewegliche Anfrischung der christlichen Waffen wider den türkischen Blutegel“ (Wien 1683, Neudruck durch A. Sauer in den „Wiener Neudrucken“, Heft 1, Wien 1883), worin Belehrungen über türkische Geschichten und Zustände mit Ermunterungen zum Kampfe, Aufforderungen zur Einigkeit und Ermahnungen zur Buße wechselten: es ist die Schrift, aus welcher sich Schiller Anregung zur Kapuzinerpredigt in „Wallensteins Lager“ holte. Nach solchen Gelegenheitsarbeiten, in denen der aus der Zeit und auf die Zeit wirkende Prediger die Feder ergriff, um eine Art Tagesschriftstellerei im erbauenden und ermahnenden Sinne zu üben, nach einer Sammlung dieser und anderer Gelegenheitsschriften, die er unter dem Titel „Reim dich oder ich lis’ dich“ (Salzburg 1684) herausgab, nach einem Product von nur localer Bedeutung wie das Wallfahrtsbüchlein für das Kloster Taxa („Gack, gack, gack, gack a ga einer wunderseltsamen Hennen“, München 1685), das er in Erinnerung an seine alten Beziehungen zu diesem Kloster verfaßte, wandte er sich einem umfangreicheren Plane zu, der ihn zehn Jahre lang beschäftigte und in vier Quartbänden als „Judas der Erzschelm“ (Salzburg 1686–1695) erschien: die apokryphe Lebensgeschichte des Verräthers Judas war als Faden genommen, woran sich predigtartige Betrachtungen satirischer, humoristischer, erbaulicher Art aufreihten. Trotz vielen hübschen Einzelheiten ein ungeheuerliches und schwer genießbares Werk, das hinter den kleineren Schriften von mehr geschlossener Form entschieden zurücksteht. Um dieselbe Zeit schrieb Abraham ein Compendium der katholischen Moral, die Grammatica religiosa (Salzburg 1691), in welcher das beengende Gewand der lateinischen Sprache von der Abrahamischen Manier fast nur die überwuchernde Fülle der Geschichten und Beispiele Platz greifen läßt. Zu solchen größeren Conceptionen hat sich Abraham nicht wieder erhoben. Alle seine übrigen Werke reihen in Gedichten, Betrachtungen, Predigten nur Einzelheiten an einander. „Etwas für Alle“ (Würzburg 1699); „Sterben und Erben“ (Amsterdam 1702); „Neueröffnete Welt-Galleria“ (Nürnberg 1703); „Heilsames Gemisch-Gemasch“ (Würzburg 1704); „Huy! und Pfuy! der Welt“ (Würzburg 1707) sind wesentlich Bilderbücher mit Text, wie es einst Sebastian Brants Narrenschiff gewesen, an welches das „Narren-Nest“ (Salzburg 1710, aber ohne Zweifel noch zu Abrahams Lebzeiten fertig gedruckt) schon durch den Titel erinnert. Erweist sich das letztgenannte Buch als unerwartet arm in satirischer Hinsicht, so war doch Abrahams Kraft bis zuletzt nicht gesunken. Noch im „Wohlangefüllten Weinkeller“ (Würzburg 1710), den nach Angabe des Titels Abraham in seiner letzten Krankheit „zusammengetragen“ hatte, gährt und schäumt zum Theil die übermüthigste Laune und das verwegenste Neckspiel des Lesers, die launigste Verspottung und schlagfertigste Bekämpfung der Weltschäden, wie sonst. Auch noch ein weiteres Buch, „Besonders meublirt und gezierte Todten-Capelle oder allgemeiner Todten-Spiegel“ (Nürnberg 1710) soll Abraham dem Tode nahe verfaßt haben. Er lenkte damit in das Thema seiner ersten, zur Zeit der Pest gemachten schriftstellerischen Versuche wieder ein und bereitete sich zugleich auf sein eigenes Sterben vor. Aus seinem Nachlaß sind dann allmählich noch fünf Quartbände herausgegeben worden: „Abrahamisches Bescheidessen“ (Wien und Brünn 1717); „Abrahamische Lauberhütt“ (3 Bde., Wien und Nürnberg 1721–1723); „Abrahamisches Gehab dich wohl!“ (Nürnberg 1729). Dagegen enthält der „Geistliche Kramerladen“ (Würzburg 1710 und 1714) nur einzelne, wahrscheinlich schon früher einzelne gedruckte Predigten Abrahams; die Schrift „Mercurialis oder Wintergrün“ (Nürnberg 1733) ist unecht; und das anonym erschienene „Centifolium [181] stultorum in Quarto“ (Wien 1709) wurde mit Unrecht dem Abraham zugeschrieben.

Vgl. Th. G. v. Karajan, Abraham a Sancta Clara (Wien 1867). Scherer, Vorträge und Aufsätze (Berlin 1874), S. 147–192; Zeitschr. f. österr. Gymn. 1867, S. 49–55; Anzeiger für deutsches Alterth., Bd. 3, S. 279–281. H. Mareta, Ueber Judas der Erzschelm (Wien 1875, Programm).