ADB:Blücher von Wahlstatt, Gebhard Leberecht Fürst

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Artikel „Blücher, Gebhard Leberecht von“ von Richard von Meerheimb in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 2 (1875), S. 727–733, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Bl%C3%BCcher_von_Wahlstatt,_Gebhard_Leberecht_F%C3%BCrst&oldid=- (Version vom 19. August 2019, 13:58 Uhr UTC)
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Blücher: Gebhard Leberecht von B., geb. 16. December 1742 in Rostock, † 12. September 1819. Sein Vater war kurhessischer Rittmeister gewesen, hatte ein Fräulein von Bülow aus mecklenburgischem Geschlecht geheirathet [728] und lebte auf dem Gute Großen-Rensow. Während der Streitigkeiten der Ritterschaft mit dem Herzog Karl Leopold ging die Mutter, um während der Kriegsunruhen sicherer zu sein, nach Rostock, das so Blücher’s Geburtsstadt wurde. Mit einem älteren Bruder wurde Gebhard, der jüngste von 7 Söhnen, zu einem Schwager, Herrn von Kradwitz in Pommern, geschickt, scheint aber dort so wenig Unterricht empfangen zu haben, als im elterlichen Hause. Als die Schweden 1757 am siebenjährigen Krieg Theil nahmen, sahen beide Brüder schwedische Husaren des Regiments Mörner und wussten, gegen den Willen ihres Schwagers, ihre Annahme bei demselben durchzusetzen. Bei einem Streifzuge der Schweden wurde der Junker v. B., am 29. August 1760, von einer Abtheilung des preußischen Husaren-Regiments Belling, nachdem ihm sein Pferd erschossen war, gefangen genommen. Belling fand Gefallen an dem Gefangenen und überredete ihn, in preußischen Dienst zu treten. Im September wurde er Cornet, im Januar des folgenden Jahres Secondelieutenant und noch im Juli desselben Jahres Premierlieutenant. Als Belling’s Adjutant zeichnete sich B. bei Kunersdorf und Freiberg aus; in letzterer Schlacht wurde er verwundet.[1] Von der Schwadron des Generals von Belling wurde er zu der des Majors von Podscharly versetzt, den er neben Belling, seinem Lehrer in allem Dienste, besonders im kleinen Kriege, nannte. Während des Krieges, wie nach dem Frieden wurde sein kecker Reitermuth, die Frische und Lebendigkeit seines Geistes allgemein geliebt, aber seine Freude an der Jagd, dem Spiel, am Wein, wie seine Streitlust, verwickelten ihn oft in Händel, die er immer bereit war mit dem Säbel auszufechten. Unter General v. Belling rückte B. 1770 in Polen ein, wo Unruhen ausgebrochen waren; im März 1771 wurde er Stabsrittmeister. – Belling wurde bald abberufen und General von Lossow übernahm den Befehl der in Polen eingerückten Regimenter. Als B. in Folge von Lossow’s ungünstigem Berichte, zu dem sein Verkehr mit polnischen Familien, sein lockeres Leben und die Misshandlung eines katholischen Geistlichen Veranlassung gegeben, übergangen wurde, schrieb er dem König: „Der von Jägersfeld, der kein anderes Verdienst hat, als der Sohn der Markgrafen Schwedt zu sein, ist mir vorgezogen; ich bitte um meinen Abschied.“ Im Januar 1773 verfügte der König: „Der Rittmeister B. kann sich zum Teufel scheeren.“ – B. war bereits mit der schönen Tochter des sächsischen Obersten v. Mehling verlobt, der die Herrschaft Flatow gepachtet hatte. Er heirathete nun und pachtete das kleine Gut Gerrissunde von seinem Schwiegervater. Seine landwirthschaftliche Thätigkeit war so erfolgreich, daß er sich nach einigen Jahren das Gut Gr. Raddow in Hinterpommern kaufen konnte. Auch dies Gut verbesserte er wesentlich, wurde bald zum Ritterschaftsrathe gewählt, erhielt vom König zur Aufbesserung seines Gutes Darlehen und Geschenke, konnte aber trotz vieler Besuche und Bittschreiben die Wiederanstellung im Heere erst nach dem Tode Friedrich des Großen durch des Generals von Bischoffswerder Fürsprache erlangen. Die Sehnsucht, wieder Soldat werden zu können, der Mißmuth über viele misslungene Versuche, hatte ihn in den letzten Jahren dahin geführt, seine Gutswirthschaft zu vernachlässigen. Er hatte bedeutende Schulden, die kaum durch den günstigen Verkauf seiner Güter 1789, nach dem Tode der Gattin, gedeckt werden konnten. 1787 trat B. als Major wieder in sein altes Regiment ein, sein Patent wurde bis 1779 vordatiert; er empfing also die vollste Genugthuung für die erfahrene Kränkung. B. rückte noch im Jahre seines Wiedereintritts unter der Anführung des Herzogs von Braunschweig mit in Holland ein und kehrte im folgenden Jahre mit seiner Schwadron nach Rummelsburg in Hinterpommern zurück. 1788 Oberstlieutenant geworden, erhielt er 1789 bei einer Revue den Orden pour le mérite und wurde 1794 als Oberst zum Commandeur des Regiments [729] der rothen Husaren ernannt, bei denen er zuerst eingetreten war und immer gedient hatte. 1793 war Blücher dem Corps des Herzogs von Braunschweig am Niederrhein zugetheilt und zeichnete sich unter andern im Gefecht bei Moorlautern durch eine glänzende Cavallerie-Attaque auf den linken Flügel der Franzosen und ebenso bei Kaiserslautern – 1794 – aus. Bei Kirrweiler erbeutete er 6 Kanonen, Wagen, Pferde und machte 500 Gefangene, wofür er zum Generalmajor ernannt wurde. Ueber diese und andere Gefechte in den Feldzügen von 1793 und 1794 hat Blücher, der in Münster 1805 auch einen Aufsatz über die Formierung einer Nationalarmee schrieb, Tagebücher geführt; sie erschienen später bearbeitet durch den Adjutanten Grafen Golz und den Kriegsrath Ribbentrop („Campagne-Journal der Jahre 1793, und 1794 angefertigt von Gen.-Lieut. v. B.“). Diese Tagebücher, auf die B. Werth legte und deren Lehren und Beispiele er noch im Alter empfahl, sind sehr anschaulich und lebendig geschrieben und enthalten für den Parteigängerkrieg, für den Vorposten- und Patrouillendienst der Cavallerie, für Ueberfälle und Anderes, viel noch heute Gültiges. – 1795 erhielt B. ein Commando bei der Demarcationslinie in Norddeutschland; in Aurich lernte er die Tochter des dortigen Kammerpräsidenten v. Colomb kennen und schloß mit ihr eine zweite Ehe, die kinderlos geblieben. 1801 wurde er zum Generallieutenant und zum Gouverneur von Münster ernannt. Erst in diesen Jahren tritt Blücher’s Persönlichkeit auch im politischen Leben der Nation hervor; er war ein Gegner von Haugwitz, sprach seinen Haß gegen Napoleon offen und derb aus und warnte vor jedem Bündniß mit demselben. 1805 drängte er Theilnahme an dem Kriege gegen Frankreich und war dem Ausbruche des Krieges 1806 neben Prinz Louis Ferdinand und Rüchel einer der geistigen Führer der Kriegspartei im preußischen Heere. In der Schlacht bei Auerstädt führte er die Avantgarde der preußischen Armee, machte, sobald er Auerstädt passirt, mit der Cavallerie eine glückliche Attaque, wurde aber dann durch feindliche Quarrés im weiteren Vordringen aufgehalten; sein Pferd wurde erschossen, und er ging mit der Cavallerie nach Eckartsberge zurück. Als die preußischen Truppen Hassenhausen geräumt hatten und die französische Division Moraud ihre Umgehung ausführte, hoffte B. durch einen Angriff mit den beiden Reserve-Cavallerie-Divisionen der Schlacht noch eine günstige Wendung zu geben; allein der König genhemigte seinen Vorschlag nicht. Auf dem Rückzuge an die Oder führte B. Hohenlohes Arrièregarde. Nach der Capitulation von Prenzlau zog er sich gegen Lübeck zurück, wurde aber von Bernadotte, Soult und Murat eingeschlossen und mit nur noch 6000 Mann bei Rathau nach einer Reihe von Gefechten am 7. November 1806 zur Kapitulation gezwungen. – Bald darauf – 27. Februar 1807, – wurde er gegen General Victor ausgewechselt und sollte im Rücken der Franzosen mit den Schweden in Pommern operiren. Nach dem bald darauf geschlossenen Frieden von Tilsit wurde er Militär-Gouverneur von Pommern. In dieser damals so schwierigen Stellung zeigte er viel Umsicht und Gewandtheit. Allen Männern, die in jener Zeit auf eine Erhebung Preußens, auf eine Befreiung Deutschlands hinarbeiteten, war er eng verbunden, und die Kühnheit seiner Äußerungen, die Unerschütterlichkeit seiner Hoffnung auf Napoleon’s Sturz richtete alle Blicke auf ihn. Scharnhorst schrieb ihm 1808, als er die Nachricht seiner Erkrankung erhalten: „Sie sind unser Anführer und Held und müssten Sie auf der Sänfte uns vor- und nachgetragen werden; nur mit Ihnen ist Entschlossenheit und Glück.“ 1809 hatte B. gehofft, daß Preußen sich Österreich verbinden und am Kriege gegen Napoleon Theil nehmen werde; Schill’s kühnes und unglückliches Unternehmen schien ihm der erste Schritt dazu. In demselben Jahre wurde er zum General der Cavallerie ernannt, erhielt eine erledigte Präbende des Domcapitels in Brandenburg, die 3000 Thaler trug, [730] und 1812 als Ersatz für einzelne Forderungen aus dem letzten Kriege das Gut Kunzendorf in Schlesien. Bald nach Abschluß des Bündnisses mit Frankreich wurde B., in Folge amtlicher Beschwerden französischer Behörden, von seinem Obercommando in Pommern abberufen; er ging nach Berlin, wo er sich an öffentlichen Orten so kräftig über Napoleon und die Franzosen äußerte, seine Verachtung derselben und seine Hoffnung auf baldige Befreiung so zur Schau trug, daß der König für gut fand, ihm Schlesien als Aufenthaltsort anzuweisen. Er ging zunächst nach Schweidnitz. Als in Folge des von Scharnhorst mit Rußland geschlossenen Vertrages der Aufruf vom 3. Februar 1813 von Breslau aus erlassen war, erhielt, auf Scharnhorst’s dringende Bemühungen, B. den Oberbefehl über 25000 Mann preußischer Truppen und über 13000 Russen unter Winzingerode, um später Wittgenstein, dann Barclay, der Form nach untergeordnet zu werden. In der Schlacht bei Lützen kämpfte er gegen Mortier um den Besitz des Dorfes Kaja und ließ noch spät Abends den freilich erfolglosen Cavallerie-Angriff auf die französischen Bivouacs ausführen. Bei Bautzen – 20. und 21. Mai. – commandirte B. den rechten Flügel. Den Abschluß des Waffenstillstandes scheint er wie Gneisenau deshalb getadelt zu haben, weil er fürchtete, er würde zu einem ehrlosen, alle Hoffnung auf dauernde Herstellung Preußens unmöglich machenden Frieden führen. Die folgenden Ereignisse haben bewiesen, daß der Waffenstillstand viel nützlicher für Preußen und sein Verbündeten, als für Napoleon gewesen. Besonders konnten die Rüstungen in Preußen über jede Erwartung hinaus vervollständigt werden. Allen neuen Formationen, besonders der Bildung der schlesischen Landwehr und der Befestigungsanlagen, die Gneisenau in Schlesien mit Eifer und Einsicht leitete, folgte B. mit lebendigem Interesse, wie er schon früher die Neuorganisation der Armee durch Scharnhorst überall mit Wort und That unterstützt hatte. Während des Waffenstillstandes und nach Abschluß der Trachenberger Convention wurde B. an die Spitze der schlesischen Armee von 90000 Mann gestellt, die aus 50000 russischen Truppen unter Langeron und Sacken und aus 40000 Preußen unter York bestand. Das Hauptquartier der schlesischen Armee war sehr glücklich zusammengesetzt; man hat B. das handelnde Element, Gneisenau das geistige, beseelende, Müffling das rechnende genannt. In den beiden Ersten lebte Scharnhorst’s Geist, dem beide befreundet gewesen. Sie waren in ihrer Vaterlandsliebe, ihrem energischen Franzosenhaß, in ihren politischen und militärischen Ueberzeugungen so gleich gesinnt, als einig in der Freiheit und Größe ihres ganzen Wesens. Beide hatten, als General Rauch und Oberlieutenant Oppen[WS 1] anderweitig verwendet wurden, die Anstellung von Clausewitz und Grolmann im Hauptquartier der schlesischen Armee erbeten, aber auf des einflußreichen Knesebeck Rath wurde Müffling zum Oberquartiermeister ernannt, vielleicht, um in dessen Natur ein Gegengewicht gegen die Kühnheit, geistige Freiheit und Elasticität von B. und Gneisenau zu finden. Der gelehrte Müffling hatte das Talent, Befehle und Dispositionen zu redigiren, in hohem Grade, kannte das Detail seines Dienstes gründlich, blieb aber bei der weit überlegenen Geistes- und Willensfreiheit Gneisenau’s, dem B. unbedingt vertraute, ohne allen Einfluß auf die Leitung der Operationen. Sehr schwierig war während des ganzen Krieges das Verhältnis zu Langeron und York; die seltene militärische Tüchtigkeit des letzteren wurde, trotz dessen wenig liebenswürdiger Natur, von B. überall rühmend anerkannt. Die ihm von Barclay zugedachte wesentlich defensive Rolle verwarf B. unbedingt und wußte durchzusetzen, daß ihm freie Hand gelassen wurde. In ihm, Gneisenau und York, in Bülow und Tauenzien, wie in den Officieren und Soldaten des Heeres lag die treibende Kraft, die alle Zögerungen und Unentschlossenheiten im großen Hauptquartier [731] mit sich fortriß, und alle Schwierigkeiten, die in den Sonderinteressen Oesterreichs, des Kronprinzen von Schweden und Englands lagen, zu überwinden wußte. Am 26. August vernichtete B. Macdonald’s Corps an der Katzbach, eroberte 105 Kanonen und befreite Schlesien, wendete sich dann nach Sachsen, wo York bei Wartenburg den Uebergang über die Elbe erzwang und Bertrand schlug. Am 16. October kämpfte B. bei Möckern siegreich gegen Marmont, suchte in der Voraussicht des Sieges die Franzosen durch York an der Saale abschneiden zu lassen, und trug am 19. wesentlich zur Erstürmung von Leipzig, das er am Halleschen Thor angriff, bei. Ebenso gebührt ihm das Verdienst, zur energischen Verfolgung Napoleon’s gedrängt zu haben. Indessen glückte der Versuch, ihm bei Erfurt zuvorzukommen, nicht. Am 3. November war B. in Gießen angekommen und erst in der Neujahrsnacht 1814 ging er bei Caub auf einer Schiffbrücke über den Rhein; andere Theile seiner Armee gingen bei Coblenz und Mainz über. – Im großen Hauptquartier der Verbündeten, damals in Frankfurt a. M., hatte man gezögert, den Rhein zu überschreiten und einen Invasionskrieg in Frankreich zu führen, theilweise, weil Oesterreich seine Pläne, den alten Besitz in Italien wieder zu gewinnen, in erste Linie stellte und Preußens größere Erfolge fürchtete, dann weil Einzelne, wie Knesebeck, in der Schule methodischer Kriegführung erzogen, die Nothwendigkeit eines so kühnen Entschlusses nicht einsehen konnten. B., Gneisenau, Stein und Münster wussten, neben Anderen, endlich den Befehl zum Übergang über den Rhein durchzusetzen. Am 17. war B. in Nancy, rückte dann bei Brienne vor und erfocht am 1. Februar, unterstützt durch Wrede, den Kronprinzen von Würtemberg und österreichische Truppen unter Giulay den Sieg bei La Rothière (Brienne), wo die Franzosen 83 Geschütze und 3000 Gefangene verloren. Dann trennten sich die Verbündeten und B. wendete sich nach der Marne, wo er York fand und bald mit Langeron und Kleist zusammentreffen konnte. Napoleon folgte ihm. Die längs der Straße echelonnirten Corps von Olsuwieff und Sacken wurden bei Champaubert und Montmirail von Napoleon geschlagen, B. selbst am 14. bei Vauchamps zurückgeworfen. Fürst Schwarzenberg folgte nur sehr langsam, Napoleon wendete sich gegen die Corps von Wittgenstein, Wrede und den Kronprinzen von Würtemberg und schlug sie einzeln. Schwarzenberg zog sich an die Seine bei Troyes zurück und vereinigte sich am 22. Februar mit B.; er beschloß einen weiteren Rückzug und bildete eine Südarmee, die, 50000 Mann stark, die Hauptarmee schwächte und von dem Endziel der Vernichtung des napoleonischen Heeres, abführte. Daher trennte sich Blücher von der Hauptarmee, marschirte an die Aisne, siegte am 9. und 10. März bei Laon über Ney, am 21. bei Arcis sur Aube, vereinigte sich mit Schwarzenberg, der ihm widerwillig gefolgt war, drang unbeirrt durch Napoleon’s Umkehr über die Marne; am 29. rückten die Verbündeten vor Paris, siegten am 30. und rückten den 31. in Paris ein.

Am 16. October, dem Schlachttage von Möckern, war B. zum Feldmarschall ernannt worden, und am 3. Juni 1814 wurde er als B. von Wahlstadt in den Fürstenstand erhoben. In Begleitung der verbündeten Monarchen ging er nach England, wo er mit solchem Enthusiasmus empfangen wurde, daß diese fast in den Hintergrund traten. Die Universität Cambridge verlieh ihm das Doktordiplom, in Oxford wurde ihm das Ehrenbürgerrecht ertheilt. Den Oberbefehl legte er schon am 2. April nieder, da ihn sein Augenleiden, von dem er während des Winterfeldzuges oft gequält worden, eine Theilanhme an den politischen Verhandlungen nicht erlaubte. Seine Unkenntniß der französischen Sprache und seine mangelhafte wissenschaftliche Bildung gestatteten ihm nicht eine so einflussreiche Rolle wie Wellington. Reich mit den höchsten Orden fast aller Staaten geschmückt, kehrt B. nach dem Frieden nach Schlesien zurück.

[732] Als der Krieg 1815 nach Napoleons Rückkehr von Elba wieder ausbrach, wurde B. an die Spitze der Armee des Niederrheins gestellt. Um im Verein mit der englisch-niederländischen Armee unter Wellington zu kämpfen. Bei seiner Popularität im Heer und Volk, selbst in England, konnte ihn Niemand ersetzen, und es war eine treffliche Wahl, daß ihm sein Freund Gneisenau als Chef des Generalstabes zur Seite gestellt wurde. Die erste Aufstellung der Heere beider Verbündeten war zu ausgedehnt, sie setzten sich der Gefahr aus, getrennt geschlagen zu werden. Am 15. Juni rückte Napoleon in Belgien ein, schlug Blücher bei Ligny und wäre d’Erlons’ Corps zur Stelle gewesen, so drohte dem preußischen Heere die Vernichtung, um so mehr, da Bülow’s Corps, in Folge eines Missverständnisses, nicht am Schlachttage eintraf. B. selbst war mit dem Pferde gestürzt und in Gefahr, gefangen zu werden. Trotz seiner Verluste beschloß er auf Gneisenau’s Rath Wellington zu Hülfe zu eilen, und dieser Entschluß, der mit eiserner Energie bei großen Beschwerden ausgeführt wurde, entschied den Feldzug und den Sturz Napoleon’s. Am 18. trafen die Preußen auf dem rechten Flügel des französischen Heeres ein, das im Begriff war Wellington’s Centrum zu durchbrechen, warfen gegen Abend verstärkt das französische Heer über den Haufen und zersprengten es größtenteils durch eine hitzige Verfolgung. B. drang bis nach Paris, warf Davoust zurück, schlug den angetragenen Waffenstillstand aus und zwang Paris zur Capitulation. Am 3. Juli wurde die Convention zu St. Cloud geschlossen, die französische Armee übergab Paris, in welches am 7. preußische Truppen einrückten, und ging selbst bis hinter die Loire zurück. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland wurde B. überall festlich empfangen, kam im Januar krank in Berlin an, ging auf seiner Güter in Schlesien, dann, wie er pflegte, im Sommer nach Karlsbad, und reiste später nach seinem Geburtslande Mecklenburg, wo er in Rostock, Doberan und besonders in Hamburg gern verweilte. Sein rednerisches Talent, das er als eifriger Freimaurer gepflegt hatte, fand er vielfache Gelegenheit glänzend zu entfalten. 1819 traf er in Karlsbad mit Schwarzenberg zusammen und ging scheinbar gekräftigt nach seiner Herrschaft Krieblowitz, erkrankte aber bald und starb am 12. September im 77. Jahre seines Lebens. Aus erster Ehe hinterließ er zwei Söhne und eine Tochter. B. war ein großer, schlanker, schöner Mann, – die hohe breite Stirn, die stark gekrümmte Nase, die blitzenden Augen, gaben auch seiner äußeren Erscheinung das Gepräge des Helden. Die Kühnheit seines Wesens, die unerschütterliche Ruhe, die geistige Klarheit und die Festigkeit seines Willens sprachen sich in seinen Zügen aus, – in seinen Mundwinkeln lag nach Arndt’s Ausdruck Verschmitztheit und Husarenlist. Er war ein Mann von scharfem, klaren Verstand, von großer Menschenkenntniß und von warmem edlem Gemüth. Bei seiner geistigen Freiheit war er aller Begeisterung für die höchsten Ideale seiner Zeit fähig und in seinem Streben den Besten gleichstehend. Aber bei der völligen Vernachlässigung seiner Erziehung, dem gänzlichen Mangel an Unterricht, dem sittenlosen Leben seiner Jugend, das in jenen Kreisen damals allgemein war, kamen nicht alle seine reichen Gaben zur Entfaltung. – Die Neigung zum Spiel, die Lust am kecken Wagen, hat ihn nie verlassen, ebenso die Freude an lärmender Geselligkeit. Seine Vermögensumstände waren daher, trotz der Liberalität des Königs, selten in geordnetem Zustande. Im December 1814 wurde ihm die versprochene Dotation verliehen, – ein Theil der Trebnitzer Güter, darunter Krieblowitz, im Werthe von 700000 Thalern. Im folgenden Jahre erhielt er sein Haus am Pariser Platze in Berlin und 50000 Thaler als Geschenk, und noch mehrere kleine Summen in den folgenden Jahren. – Außer allen preußischen Kriegsorden wurde ihm allein das eiserne Kreuz, von goldenen Strahlen umgeben, verliehen; in Berlin, Breslau und Rostock wurden ihm eherne Standbilder gesetzt.

[733] Vgl. neben der ausgebreiteten Litteratur der Kriege von 1792–1815: Varnhagen von Ense, Leben des Fürsten Blücher von Wahlstadt. – F. Förster, Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstadt. – Rumpf, Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstadt und seine Heldenthaten.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 728. Z. 15 v. o.: Der Satz von „Als – verwundet“ ist zu streichen und dafür zu setzen: In der Schlacht bei Freiberg wurde er verwundet. [Bd. 45, S. 666]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Oppen war damals nicht Ober-, sondern Generallieutenant