ADB:Gaßmann, Florian Leopold

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Gaßmann, Florian Leopold“ von Carl Ferdinand Pohl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 8 (1878), S. 402–405, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ga%C3%9Fmann,_Florian_Leopold&oldid=- (Version vom 6. Dezember 2019, 15:32 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Gasser, Simon Peter
Band 8 (1878), S. 402–405 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Florian Leopold Gassmann in der Wikipedia
GND-Nummer 118869442
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|8|402|405|Gaßmann, Florian Leopold|Carl Ferdinand Pohl|ADB:Gaßmann, Florian Leopold}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118869442}}    

Gaßmann: Florian Leopold G., k. k. Hofcapellmeister, wurde am 4. Mai 1729 zu Brüx in Böhmen geboren. Im Jesuitenseminar zu Komotau erhielt er die erste Schulbildung, die auch die musikalischen Anfangsgründe umfaßte. Da er Talent zur Musik verrieth, nahm sich der Chorregent des Brüxer Kirchspiels, Joh. Woborzil, seiner besonders an und unterrichtete ihn mit Erfolg im Gesang und auf verschiedenen Instrumenten, unter denen er für die Harfe besonderes Geschick zeigte. Die Absicht seines Vaters, eines Krämers, ihn zu demselben Geschäft aufzuziehen, war nicht nach des Knaben Sinn, denn die Lust zur Musik hatte bei ihm bereits die Oberhand gewonnen. Um sich ihr ganz widmen zu können, faßte er, kaum zwölf Jahre alt, den Entschluß, aufs Gradewohl sein Glück in der Welt zu versuchen. Er entwich heimlich aus dem Elternhause und wanderte, die Taschen leer, aber im Besitze seiner Harfe, schnurstraks nach Karlsbad, das gerade stark besucht war vom reichen höheren Adel. Seine angenehme Stimme und sein fertiges Spiel erwarben ihm hier in kaum zwei Wochen die erstaunliche Summe von 2000 Thaler. So romantisch auch sein erster Schritt in die Welt ausfiel: er sollte noch weit überboten werden. Seine Phantasie war durch den unerwarteten Erfolg erhitzt und strebte höher und höher. Seinen Schulkenntnissen verdankte er zur Noth die Kenntniß von Italien und daß nur dort die rechte Musik zu erlernen sei. Daß der Weg dorthin ein [403] weiter, daß er der Landessprache nicht mächtig sei und unter Fremden allein dastehe, kam ihm nicht in den Sinn. Hatte er doch einstweilen Geld und die Post stand zur Hand. Ihr vertraute er sich an und langte eines Tages richtig in Venedig an. Jetzt erst wurde er sich seiner Hülflosigkeit bewußt; seine Thaler hatte die Reise fast verschlungen, Jedermann ging gleichgültig an ihm vorüber, Niemand verstand seine Sprache. Auf einer der vielen Brücken stehend, die über die Lagunen führen, nicht wissend, wo aus und ein, überkam ihn so recht das Herzeleid des Alleinseins. Die Gondeln fuhren an ihm vorüber, aber schon konnte sein Blick ihrem Lauf nicht folgen, denn er weinte bitterlich und vergaß seiner Umgebung. Da nahte sein Retter: ein Priester kam des Weges, hielt still, redete ihn an und vernahm in gebrochenem Schullatein die Schilderung seiner Lage. Von Theilnahme ergriffen, nahm er ihn mit sich nach Hause und hier bedurfte es nicht lange, um zu entdecken, welchen Schatz an Wissensdrang und Talent ihm das Schicksal zugeführt. Er sorgte väterlich für seine allseitige Ausbildung und schickte ihn dann nach Bologna, um bei P. Martini seine musikalischen Studien zu vollenden. Ausgerüstet mit dem nöthigen Wissen, kehrte G. nach Venedig zurück, wo er durch seines Wohlthäters Bemühung eine Organistenstelle in einem Nonnenkloster erhielt. Sein Spiel erregte Aufsehen und eine der Nonnen, verwandt mit dem reichen kunstsinnigen Grafen Leonardo Veneri, lenkte dessen Aufmerksamkeit auf den Musiker. Die Bekanntschaft war rasch gemacht und der Graf von G. so eingenommen, daß er ihm in wahrhaft verschwenderischer Weise seine Zuneigung bewies. Er räumte ihm in seinem Palais ein ganzes Stockwerk als Wohnung ein, stellte ihm seine Dienerschaft zu Gebot, wies ihm die kostbarsten Kleider zu und gab ihm freie Tafel mit der Erlaubniß, nach Belieben Gäste zu laden. Von alledem machte der Ueberglückliche nur den bescheidensten Gebrauch; sein Augenmerk war und blieb vielmehr seine Kunst, in der er so glücklich vorwärts schritt, daß sich bald die bedeutendsten Kirchen und Theater um seine Werke bewarben. Sein Ruf drang rasch über Italien hinaus und bald auch nach Wien, von wo er 1763 für das kaiserl. Hoftheater verschrieben wurde, um Balletmusik zu componiren. Gegen Ende 1764 wurde er an Stelle Gluck’s zum Capellmeister der Oper und zum Hofcompositor ernannt. Seine erste für Wien geschriebene Oper war „L’Olimpiade“ (Text von Metastasio), welche nebst zwei großen Ballets am 28. Oct. 1764 im Theater nächst der Burg in Gegenwart des Hofes zur Aufführung kam. G. erwarb sich die Zuneigung Kaiser Josephs II. in so hohem Grade, daß ihn dieser am Todestage des Hofcapellmeisters Georg v. Reutter, 13. März 1772, zu dessen Nachfolger ernannte. Schon vordem sicherte sich derselbe ein unvergeßliches Andenken durch die im Frühjahre 1771 erfolgte Gründung einer Wittwen- und Waisen-Tonkünstler-Societät, zu deren Fond die Kaiserin Maria Theresia und Joseph II. die ersten Beiträge zusteuerten; auch wurde dem Verein gestattet, alljährlich zu ihrem Besten zwei Doppelaufführungen von Akademien im Theater veranstalten zu dürfen, deren erste im Frühjahr 1772 Statt hatte; G. selbst schrieb zu diesem Zwecke sein Oratorium „La Betulia liberata“, Text von Metastasio. Die Tonkünstler-Societät hat sich im J. 1862 neu constituirt und legte sich den Namen „Haydn“ bei in dankbarer Erinnerung der enormen Erfolge, die ihnen die Aufführung von der „Schöpfung“ und von den „Jahreszeiten“ eintrugen. Das Pensionsausmaß, anfangs 100 Gulden, beträgt gegenwärtig (1877) 500 Gulden, der letzte Jahresausweis für Pensionen betrug über 21300 Gulden, das Vermögen selbst ist zur Höhe von über 700000 Gulden in Werthpapieren gestiegen. – G. war es nur kurze Zeit vergönnt, sich seiner humanen Schöpfung zu erfreuen. Auf seiner letzten Rückfahrt von Italien (er war im Spätherbst 1769 nach Rom gereist, um daselbst für den kommenden Carneval eine Oper zu [404] schreiben) wurden die Pferde scheu und schleiften G., der aus dem Wagen gesprungen war, sich aber in der Kette verfangen hatte, eine weite Strecke fort, wobei dem Unglücklichen mehrere Rippen gebogen wurden. Seit jener Zeit kränkelte er, wurde endlich ganz bettlägerig und starb an der Wassersucht am 21. Januar 1774. Sein Leichnam wurde auf dem damaligen Montserrat (Schwarzspanier-) Friedhof vor dem Schottenthor zur Ruhe bestattet; sein ungewöhnlich großes Herz aber, an dem sich Polypen angesetzt hatten, wurde bei den barmherzigen Brüdern aufbewahrt. Gaßmann’s Werke errangen sich allseitige Anerkennung. Haydn gestand, daß dessen Gesangmusik den meisten Einfluß auf ihn ausgeübt habe; Mozart äußerte sich noch in Leipzig zu dem zweifelnden Doles: „Wenn Sie nur erst alles kennten, was wir in Wien von ihm haben; komme ich jetzt heim, will ich seine Kirchenmusik fleißig durchstudiren und hoffe viel daraus zu lernen.“ – Als G. im September 1770 mit den kaiserl. Operisten nach Mährisch-Neustadt reiste, wo Joseph II. mit Friedrich d. Großen zusammenkam, wurde Gaßmann’s Oper „La Contessina“ aufgeführt, an welcher der König, für den G. dann noch mehreres für die Flöte componirte, so großes Wohlgefallen trug, daß er den Kaiser bat, ihm den Mann zu überlassen, „der so ganz nach seinem Herzen schriebe“. – Wie sehr der Kaiser G. schätzte, bewies er noch bei der Audienz, welche die Wittwe bei ihm nahm, um seinen Schutz anzuflehen. Feuchten Auges sagte er zu ihr: „Ich habe nicht nur einen großen Künstler, sondern auch einen der rechtschaffensten Männer verloren“. – Seine Quartette aber hielt der Kaiser immer verschlossen und ließ sie nur selten als besondere Gunst Jemand hören und als er sie dem Großfürsten von Rußland, der 1781 auf Besuch in Wien war, zeigte, sagte er mit Wehmuth: „Dies sind noch Blumen von meines Gaßmann’s Grab“. – Als Componist gehört G. jenen an, die sich eines mehr erweiterten und vervollkommneten Periodenbaues und einer reicheren Ausstattung der Instrumentalbegleitung beim Gesange befleißigten. Er schrieb Symphonien, Streich-Trios und Quartette, fast durchgehends in der strengen gebundenen Schreibart. Im Drucke erschienen: „Six quintettes pour deux violons, deux violes et basse“, Paris. „Six quatuors pour violon, flûte, alto et basse“, Paris. „Six quatuors pour deux violons, alto et violoncelle concertants“, Amsterdam. „Six quatuors pour deux violons, alto et basse, chacun avec deux fugues“, Wien 1805 (oeuv. posth.), 15 Symphonien für Orchester blieben Manuscript. Für die Kirche haben sich in Manuscript erhalten ein Requiem[WS 1] C-moll, mehrere Messen, Psalmen, Motetten, ein Stabat mater und Dies irae. Oben erwähntes Oratorium, das noch stark im Geschmack jener Zeit mit ausgedehnten Arien und Recitativen überladen ist, wurde in der Tonkünstler-Societät im J. 1776 wiederholt; bei der 50jährigen Jubelfeier des Vereins (1821) hatte es Salieri zeitgemäß umgearbeitet, die Recitative und Arien gekürzt und drei neue Chöre hinzugeschrieben mit Benutzung von Gaßmann’schen Compositionen. (Die Partitur in dieser Gestalt befindet sich im Archive der Gesellschaft der Musikfreunde zu Wien.) Von den durchaus auf italienischen Text componirten Opern, deren größere Zahl zu den komischen (giocoso, buffa) gehört, hat G. mehrere zwei Mal componirt. Drei wurden auch deutsch gegeben und von diesen hat sich das oft gegebene Singspiel (italienisch von Goldoni) „Die Liebe unter den Handwerksleuten“, am längsten erhalten und fand auch im Auslande Verbreitung. Als das Singspiel im J. 1790 auf dem damaligen Theater der Vorstadt Landstraße gegeben wurde, hatte Haydn drei Arien dazu componirt. Im J. 1801 wurde daselbe im Kärnthnerthor-Theater von F. K. Lippert neu bearbeitet gegeben, die Musik „von verschiedenen Meistern“. (Einleitung, erstes Finale, ein Theil des zweiten Finale und die Arie des François wurde von G. beibehalten.) Das Verzeichniß aller Opern von G. ist folgendes: „Merope“ [405] (Italien 1759) – „Issipile“ (Italien 1760) – „Ezio“ (Italien 1761) – „Catone in Utica“ (Italien 1761) – „L’Olimpiade“ (Wien 1764) – „Il mondo della luna“ (Venedig 1765) – „Il trionfo d’amore“ (Schönbrunn, zur Vermählung Josephs II., 1767 in Venedig) – „Amor e Psyche“ (Wien 1767) – „Gli Uccellatori“ (Venedig 1768) – „Il filosofo inamorato“ (Venedig 1768, Wien 1771) – „La notte critica“ (Wien 1768, deutsch: „Die unruhige Nacht“ 1783) – „I viaggiatori ridicoli“ (Wien 1769) – „Un pazzo ne fà cento“ (Venedig 1769) – „La contessina“ (Mährisch-Neustadt 1770, Wien 1771; deutsch von Hiller: „Die junge Gräfin“) – „L’amor artigiano“ (Rom, Wien 1770; deutsch von Neefe: „Die Liebe unter den Handwerksleuten“, Wien 1779) – „Le Pescatrici“ (Wien 1771) – „I Rovinati“ (Wien 1772) – „L’amore e venere“ (Wien 1772) – „La casa di Campagna“ (Wien 1773). Im Museum der Gesellschaft der Musikfreunde zu Wien befindet sich Gaßmann’s Gypsbüste, ein ausdrucksvoller schöner Kopf und sein in Oel gemaltes Bild. Der Haydn-Verein besitzt sein nach einer Zeichnung von Antonius Hickel in Kupfer gestochenes Porträt von J. Balzer. G. hatte sich im September 1768 mit Barbara Damm, der Tochter eines gebildeten, aus adelichem Geschlecht entsprossenen Gewerbsmannes vermählt. Dieser Ehe entsprossen ein Sohn und zwei Töchter. Der Sohn starb im ersten Lebensjahre; die zweite Tochter kam erst nach des Vaters Tode zur Welt. Für letztere erbot sich die Kaiserin selbst als Taufpathe und sorgte überhaupt für die Familie mit kaiserlicher Großmuth. Die Töchter wurden zuerst von Karl Friberth, Capellmeister am Jesuiten-Collegium im Gesang unterrichtet, später aber von Joseph II. Salieri zur höheren Ausbildung zugewiesen. Salieri, Gaßmann’s würdigster Schüler, wurde somit Gelegenheit geboten, die Liebe seines Lehrers, der ihm in Italien hülfreiche Hand geleistet und für sein künstlerisches Wirken väterlich gesorgt hatte, auf die schönste Weise an dessen Töchtern zu entgelten. Beide wurden im Herbst 1790 am Hoftheater für kleinere Singparthien angestellt; die ältere, Maria Anna, blieb hier bis 1807 in einer mehr untergeordneten Stellung, verehelichte sich mit dem Violinisten, Hofmusikus Peter Fux und starb am 29. Aug. 1852 im 81. Lebensjahre. Therese, die jüngere und begabtere, sang gleichzeitig in der italienischen und deutschen Oper, erlangte einige Bedeutuug aber erst bei der ersten Aufführung der „Zauberflöte“ in der inneren Stadt (Kärnthnerthor-Theater) am 24. Februar 1801. Sie sang damals mit Erfolg die „Königin der Nacht“ und trat dann in noch mehreren großen Rollen auf, als „Gräfin“ (Figaro’s Hochzeit), „Elvira“ (Don Juan, Opferfest), „Maria“ (Maria von Montalban), „Vitellia“ (Titus), sang auch in Schuppanzigh’s Augarten-Concerten und wurde von der hohen Aristokratie und der Kaiserin vielfach ausgezeichnet. Daß Haydn sie nicht in seinen beiden großen Oratorien singen ließ, sondern ihre Nebenbuhlerin, Mlle. Saal, und bei den fürstlichen Privataufführungen Mlle. Gherardi vorzog, konnte sie nicht verschmerzen. Ihr Stern glänzte nur kurze Zeit; sie sang bis 1808 in der Oper, dann aber noch ab und zu in Concerten. Sie hatte sich am 11. Juni 1800 mit Jos. Rosenbaum, Eszterhazy’schen Beamten, vermählt. Nach dem fast gleichzeitigen Tod der beiden Gatten zogen sich die Schwestern gänzlich ins Privatleben zurück und pflegten die Kunst mit gleichgestimmten Verehrern. Therese starb am 6. Oct. 1837 im 63. Lebensjahre. Die Wittwe G. überlebte ihren Mann volle 39 Jahre und genoß durch diese lange Zeit als eine der ersten die Segnungen des von ihrem Manne gegründeten Unterstützungsvereins.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage Requim