ADB:Gelzer, Heinrich

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Artikel „Gelzer, Heinrich“ von Friedrich Curtius in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 277–284, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gelzer,_Heinrich&oldid=- (Version vom 18. September 2019, 13:08 Uhr UTC)
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Gelzer: Johann Heinrich G., Theologe und Historiker, geboren zu Schaffhausen am 17. October 1813, † auf dem Witwald im Baseler Jura am 15. August 1889.

G. stammte aus einer alten Bürgerfamilie Schaffhausens. Der Vater hat die Geburt des jüngsten Kindes nicht erlebt. Die Mutter, Elisabeth geborene Abegg, weckte in der zarten und empfänglichen Seele des Knaben den Keim einer innigen Frömmigkeit, welche die Richtung seines Lebens bestimmt hat. G. besuchte die Volksschule und das Gymnasium der Vaterstadt. Seine ungewöhnliche Begabung wurde von seinen Lehrern, dem Pfarrer Maurer und dem Antistes Veith erkannt und der letztere verschaffte ihm die Mittel für das akademische Studium. G. studirte in Zürich, Jena, Halle und Berlin, und verweilte wiederholt in Göttingen. Da er seine ursprüngliche Absicht, Pfarrer zu werden, seiner zarten Gesundheit wegen aufgeben mußte, bestimmte ihn das Vorbild des großen Schaffhausers Johannes v. Müller für das Studium der Geschichte, ohne daß dadurch die religiöse Grundrichtung seines Denkens und Strebens geändert worden wäre. Vielmehr ist gerade die Verbindung umfassenden geschichtlichen Wissens mit einer ausgesprochenen ethisch-religiösen Tendenz für Gelzer’s Schriftstellerei und Lehrthätigkeit charakteristisch geworden. „Ethik und Geschichte“, schrieb er später, „gehören zusammen, wie inneres und äußeres Leben, wie Gedanke und Wort. Ohne tieferen sittlichen Sinn würde die Geschichte eine Lästerung Gottes oder der Menschheit, oft genug ist sie beides zugleich. Ohne geschichtlichen Sinn, ohne historische Erfahrung verlöre sich die Ethik leicht in jenen falschen Idealismus, welcher den festen Boden unter den Füßen verliert. Es entstände eine Sittenlehre, die ihre Ideale und Gesetze frei schwebend in die Luft hängt, ohne zu fragen, ob im Menschen ein Bedürfniß dafür und eine Kraft dazu vorhanden sei und ob je ein ähnliches Streben vorhanden gewesen.“

Von den deutschen Universitätslehrern haben ihn besonders Ewald und Tholuck sowie der Jenenser Historiker Luden gefesselt. Luden (s. A. D. B. XIX, 370) war wie G. ursprünglich Theologe gewesen. Seine erste gedruckte Schrift war eine Predigt „Ueber den Glauben an den Sieg des Guten“. Seine Laufbahn als Historiker war in ihren Anfängen durch Johannes v. Müller geleitet worden. Goethe hatte ihm seine besondere Gunst zugewendet. Als Luden aber 1813 zu politischer Schriftstellerei überging, rieth ihm Goethe, die Welt ihren Gang gehen zu lassen und sich nicht in die Zwiste der Könige zu mischen, „in welchen“, sagte er, „doch niemals auf Ihre oder meine Stimme gehört werden wird“, ein sprechendes Zeugniß der Verständnißlosigkeit des 18. Jahrhunderts für den Geist einer neuen Zeit. Aber gerade dieser Geist war es, der in den Ueberlieferungen der Burschenschaft lebendig war und G. in Jena mächtig ergriff. Wie von der Theologie in die Geschichte so begleitete ihn der ursprünglich religiöse Impuls seiner Natur von der Geschichte in die Politik. Der Glaube der Königin Luise: „es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Ich glaube fest an Gott, also an eine sittliche Weltordnung“, Stein’s Ueberzeugung, daß das Schlechte in der Welt „durch die Idee und die Meinung“ wieder gestürzt werden könne, dieser politische Idealismus der Freiheitskriege hat sich in Gelzer’s Wirken lebendig erhalten bis in eine Zeit, welche mit dem Worte „Realpolitik“ die Lösung aller politischen Räthsel zu besitzen glaubte. G. bekannte sich zu der „Religion der wahren [278] Politik: alles Ernstes daran zu glauben, daß Gottes Gerechtigkeit das letzte, tiefste Wort der Weltgeschicke sei“.

In Jena erwarb G. 1836 auf Grund einer Dissertation über „Prinz Moritz und Oldenbarneveld – eine politische und kirchliche Krise der Niederlande“ die philosophische Doctorwürde. Fünfzig Jahre später hat die theologische Facultät derselben Universität ihn zum Doctor der Theologie gemacht.

Den Winter 1836/37 verlebte G. als Hauslehrer einer englischen Familie in Südfrankreich und Nizza und brachte dann als Erzieher in der Familie v. Erlach mehrere Sommermonate auf dem Schlosse Spiez bei Thun zu, dessen reiche Bibliothek ihm die bequemste Gelegenheit bot, sich in die Schweizergeschichte einzuarbeiten. Mit Beginn des Winters ließ sich G. als Privatgelehrter in Bern nieder. Durch Vorträge geschichtlichen und ethischen Inhalts gelang es ihm, aus den besten Kreisen der Berner Gesellschaft ein verständnißvolles und dankbares Publicum zu sammeln. Er las im Winter 1837/38 über Schweizergeschichte, im folgenden Winter gleichzeitig über allgemeine Geschichte und über christliche Ethik. Seine Vorlesungen über Schweizergeschichte erschienen gedruckt, zuerst „Die drei letzten Jahrhunderte der Schweizergeschichte“ in zwei Theilen 1838 und 39, später auf Grund von in Basel gehaltenen Vorlesungen: „Die zwei ersten Jahrhunderte der Schweizergeschichte“ 1840. Dazwischen erschienen 1839 die ethischen Vorlesungen unter dem Titel: „Die Religion im Leben oder die christliche Sittenlehre, Reden an Gebildete“. Dieses Buch hat große Verbreitung gefunden und ist zuletzt 1863 in vierter Auflage gedruckt.

Zum Wintersemester 1839/40 habilitirte sich G. als Privatdocent in Basel, wo er mit zweimaliger Unterbrechung durch längere Aufenthalte in Italien bis 1844 gewirkt hat, seit 1842 als außerordentlicher Professor. Gelzer’s Vorlesungen wendeten sich in dieser Zeit neben Geschichte und Politik der Litteraturgeschichte zu und führten zu dem Unternehmen einer Geschichte der deutschen poetischen Litteratur seit Klopstock und Lessing (erste Auflage in einem Bande 1841, von einer zweiten Auflage sind zwei Bände erschienen 1847 und 1849, von der dritten Auflage nur der erste Band 1858). Wie in der politischen Geschichte ist G. auch hier religiös-ethisch interessirt. Er bezeichnet selbst als den Grundgedanken seines Werks, „daß dem deutschen Geiste nicht nur ein wissenschaftlicher und philosophischer, nicht bloß ein ethisch-praktischer, sondern wesentlich auch ein religiöser Beruf innewohne, der in unserer Litteratur als dem Ausdruck des nationalen geistigen Lebens sich bedeutende Organe geschaffen hat“. Aber er fand in unserer classischen Dichtung neben den Quellen des reinsten Idealismus auch die Anfänge entgegengesetzter Strömungen, aus denen ein großer Theil der zeitgenössischen Jugend seinen Atheismus und ethischen Radicalismus geschöpft hatte. „Unsere Bildung, unsere Litteratur stellt uns von der einen Seite an die Spitze des geistigen Europa, sie verbirgt noch Schätze von Entwicklungen, wie bisher keine andere Nation sie besitzt. Aber bis in ihr innerstes Mark ist sie auch durchzogen von Elementen der Zerstörung und Vergiftung, die zuletzt unsere Nation in ihren hoffnungsvollsten und jugendlichsten Gliedern mit sittlichem und geistigen Bankerotte bedrohen.“ G. würdigt die Werke der Poesie mit geläutertem Geschmack und ohne eine Spur von dogmatischer Befangenheit, aber mit dem tiefen, sittlichen Ernste, der auch dem künstlerisch vollendeten gegenüber auf seinen eigenen Maßstab nicht verzichtet und die Wirkung der Poesie zu hoch schätzt, um ihre Bedeutung für die religiös-sittliche Gesundheit des Volkslebens zu ignoriren. Wenn man der Litteraturgeschichte vorwarf, daß sie ungleichartiges vermische und der Poesie und Bildung fremdartige [279] Maßstäbes aufdringe, so durfte sich G. darauf berufen, daß die Einheit des inneren Lebens das Ziel aller wahren Bildung sein muß, und daß daher eine Verständigung zwischen den unvertilgbaren Interessen der Religion, der Bildung und des Lebens eine unabweisbare Aufgabe sei. Das Weihnachtsfest 1839 feierte G. in Bunsen’s Hause, der seit dem Herbst des Jahres als preußischer Gesandter auf dem „Hubel“ bei Bern wohnte. „Sein Besuch“, schreibt Bunsen’s Biograph, „bewies die Wirklichkeit einer bereits vorausgesetzten Freundschaft, deren Anfang durch einen Briefwechsel gemacht war“. Die nahe Beziehung beider Männer hat bis zu Bunsen’s Tode gedauert. 1860 hat ihm G. eine Gedächtnißrede gehalten, die unter dem Titel „Bunsen als Staatsmann und Schriftsteller“ gedruckt ist. Durch Bunsen kam G. in Beziehung zu Guido v. Usedom und zu dem Berliner Kreise, welcher bei dem Thronwechsel das Ziel verfolgte, die lange vermißte Fühlung zwischen der preußischen Regierung und der wissenschaftlichen und publicistischen Bewegung der Zeit herzustellen. In diesem Sinne redigirte Usedom die preußische Staatszeitung und wünschte G. für die Mitarbeit zu gewinnen.

G. hatte 1839 eine Denkschrift über die Straußischen Zerwürfnisse in Zürich herausgegeben, eine ergreifende Schilderung der Kämpfe, durch welche der Angriff des siegreichen und übermüthigen Radicalismus auf die heiligsten Güter der religiösen Ueberlieferung von einem gesunden Naturvolke kraftvoll zurückgewiesen wurde. Dieses Bild einer conservativen und ganz religiösen Volksbewegung hatte die Aufmerksamkeit Friedrich Wilhelm’s IV. erregt und da gleichzeitig die Litteraturgeschichte die Augen weiterer Kreise auf G. lenkte, so erfolgte 1843 seine Berufung nach Berlin. Vor dem Antritt des neuen Amtes unternahm G. eine Reise nach England, Schottland und Irland. Nachdem er sich im September 1844 mit Julie Sarasin in Basel vermählt hatte, siedelte er zu Beginn des Winters 1844 nach Berlin über und hielt am 31. October seine Antrittsvorlesung über „Die ethische Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart“. Es folgten Jahre erfolgreicher Thätigkeit, glücklichen Familienlebens und eines mannichfaltigen und erfreulichen freundschaftlichen Verkehrs mit Gelehrten und Staatsmännern Berlins.

Im J. 1846 machte G. im Auftrage Friedrich Wilhelm’s IV. eine Reise nach Wien und der Schweiz. In Wien wurde der vergebliche Versuch gemacht, Metternich für ein thatkräftiges Handeln zur Verhinderung des Sonderbundskriegs zu bestimmen. In der Schweiz machte G. eingehende Studien über die Verhältnisse der geheimen deutschen Verbindungen, deren Ergebnisse in einer Denkschrift niedergelegt wurden. Diese Denkschrift wurde dem Könige überreicht und 1847 als „Ein Beitrag zur Geschichte des modernen Radicalismus und Communismus“ zuerst in Huber’s Zeitschrift „Janus“ anonym veröffentlicht.

Im Frühjahr 1850 wurde G. durch eine schwere Erkrankung genöthigt, seine Vorlesungen einzustellen und Berlin zu verlassen, wohin er seitdem nicht wieder dauernd zurückgekehrt ist. Zunächst fand er Heilung durch einen neunmonatlichen Aufenthalt in Südfrankreich und Italien, den er zu eingehenden Studien über die politischen Zustände des katholischen Südens nach der Revolution von 1848 benutzte. Als Frucht dieser Studien erschienen 1852 „Protestantische Briefe aus Südfrankreich und Italien“ (zweite Auflage 1868). In Sorrent erfreute ihn die Bekanntschaft Tocqueville’s, dessen politischen Ideen G. ein sympathisches Verständniß entgegenbrachte. Die unbefangene Würdigung der demokratischen Richtung der Zeit, die Einsicht in das Unaufhaltsame dieses Zuges unterschied G. mehr und mehr von seinen conservativen Freunden aus der vormärzlichen Zeit und von den tonangebenden Politikern [280] der Reaction, denen, wie er in der Vorrede zur dritten Auflage der Litteraturgeschichte sagt, „die culturgeschichtliche Desorientirung wie eine geistige und nationale Excommunication auf der Stirn geschrieben stand“. „Die drei großen Traditionen unserer Geschichte“, schreibt G. ganz im Geiste Tocqueville’s, „Monarchie, Aristokratie und Kirche sind mit dem Untergange bedroht, wenn sie nicht eine fruchtbare Ehe mit der Demokratie, der Kraft der Gegenwart und Zukunft, eingehen“.

Nach der Rückkehr aus dem Süden ließ sich G. in Basel nieder, das von da an sein Wohnsitz geblieben ist. Da Gelzer’s Gesundheit die Wiederaufnahme der regelmäßigen Lehrthätigkeit verbot, so suchte er ein anderes Arbeitsfeld, um für seine religiösen und politischen Ideen zu wirken. Von 1852–1870 gab er die „Protestantischen Monatsblätter“ heraus, eine „Zeitschrift für innere Zeitgeschichte“. Die tiefe Entmuthigung aller Patrioten nach dem Niedergang der preußischen Politik wollte er bekämpfen durch das Vertrauen auf „die Höhe und die Vorzüge der seit einem Jahrhundert erblühten deutschen Bildung“. G. erkannte, daß die Lösung der Zukunftsfrage bedingt sei „durch die Erscheinung großer Männer, genialer Helden des Kriegs und Friedens, deren Auftreten von keinem weltlichen Willen abhängt, sondern ein ausschließliches Geheimniß der göttlichen Weltregierung ist“. Aber wenn die Stunde der Erfüllung kam, sollte sie ein bereites und reifes Geschlecht finden. Diesem Ziele sollten die Monatsblätter dienen. Sie haben eine große Anzahl der besten Männer Deutschlands als Mitarbeiter und Leser in einer Gemeinschaft des Geistes und der Gesinnung verbunden, welche so tief gegründet keine andere Zeitschrift hergestellt hat. Daneben blieb G. seiner Neigung für öffentliche Vorträge vor einem gemischten Publicum treu. In Basel hielt er verschiedene Reihen von Vorträgen, so 1862 über die Geschichte Europas seit 1848. Das Ziel war immer „die Geschichte des 19. Jahrhunderts als angewandte Ethik zu dociren“.

Als 1856 die Spannung zwischen der Schweiz und Preußen wegen der Neuenburger Frage einen Grad erreicht hatte, welcher die Gefahr eines Krieges nahebrachte, ging G. auf Veranlassung seiner conservativen Freunde in Basel, ohne amtliche Mission, aber mit Wissen des Bundespräsidenten, nach Berlin, wo er die beiden ersten Monate des Jahres 1857 verweilte. Er hielt einen klaren und bündigen Verzicht auf Neuenburg für Preußen ebenso wünschenswerth wie für die Schweiz und sah deshalb keinen Gegensatz zwischen den Interessen seiner Heimath und denen des Vaterlandes seines Berufs und seiner Bildung. Vor allem war er überzeugt, daß die Ehre beider Staaten fordere, den Streit unter sich auszumachen und nicht einen Schiedsspruch Europas, d. h. Napoleon’s, herbeizuführen. Namentlich war es für die Schweiz nach Gelzer’s Ansicht von höchster Bedeutung, „daß sie nicht wie die Türkei ein Schachbrett werde, auf welchem die europäischen Mächte ihre Züge und Gegenzüge ausführen“. G. hatte mehrere eingehende Unterredungen mit dem Könige und wußte das leidenschaftlich bekümmerte Herz des am Vorabende seiner Erkrankung stehenden Herrschers mit der ihm eigenen Zartheit und Wärme wohlthuend zu berühren, so daß ihn der König beim Abschiede seinen wahren Freund nannte und ihn bat, nach Berlin zurückzukehren, wo er immer freien Zugang zu ihm haben solle. Ohne Frage war es auch sachlich von Bedeutung, daß der Schweizer Standpunkt durch einen nicht radicalen sondern im innersten Grunde conservativen Politiker vertreten wurde und G. durfte es sich zum Theil als sein Verdienst anrechnen, wenn der König endlich darein willigte, Verhandlungen mit dem Ziele der völligen Lösung Neuenburgs einzuleiten, nachdem vorher die gefangenen Neuenburger Royalisten in Freiheit gesetzt [281] waren. Der Bundesrath hat G. in einem amtlichen Schreiben für seine in Berlin geleisteten Dienste gedankt. Für G. waren jene Berliner Tage auch um deswillen bedeutsam, weil die Verhandlungen auf preußischer Seite durch den preußischen Bundestagsgesandten geführt wurden und er auf diese Weise einen lebendigen persönlichen Eindruck des Staatsmannes erhielt, der die zeitgeschichtlichen Probleme zur Lösung bringen sollte.

Zwei Jahre später war G. wieder in Berlin. Die Regentschaft schien die Hoffnung der conservativ-liberalen Kreise zu erfüllen, denen sich G. bei fortschreitender Entfremdung von den Conservativen der Reaction zugewendet hatte. Sobald Bethmann-Hollweg zum Cultusminister ernannt war, berief er G. nach Berlin und suchte ihn für eine leitende Stellung in seinem Ministerium zu gewinnen. G. hat damals mehrere Monate in Berlin gearbeitet und bei Ausführung einer Denkschrift über den Jesuitenorden in Preußen 1849–1859 sich zugleich Klarheit darüber verschafft, ob er sich zu einer regelmäßigen Beamtenthätigkeit entschließen könne. Das Ergebniß dieser Prüfung fiel verneinend aus und G. empfing zugleich, schon in diesen Honigmonden der neuen Aera, so entschiedene Eindrücke von dem Ungenügen der vorhandenen Kräfte für die zu lösenden Aufgaben, daß er keine Neigung fühlte, seine Zukunft diesem Schiffe anzuvertrauen, vielmehr gern in seine Baseler Muße und Freiheit zurückkehrte.

Durch den ihm von Berlin her befreundeten Freiherrn v. Roggenbach wurde G. 1860 dem Großherzog Friedrich von Baden zugeführt, welcher sich durch die vielseitige Bildung und die religiöse Wärme Gelzer’s angezogen fühlte und sich ihm zunächst persönlich in häufigem, ergiebigen Gedankenaustausch verband. Als Schüler Arndt’s, Schlosser’s und Dahlmann’s war der Großherzog von demselben Interesse für Geschichte und demselben politischen Idealismus beseelt wie G. Die Verehrung von Stein’s Andenken, der Glaube an die deutsche Zukunft, Pläne für eine Reform der nationalen Erziehung vereinigten beide Männer und Gelzer’s unerschöpfliches, geschichtliches Wissen, sein nie versagendes Gedächtniß waren dem lebhaften Bedürfniß des Großherzogs nach geschichtlicher Belehrung von höchstem Werthe. Bei der Erziehung des Erbgroßherzogs konnte G. durch Rath und That behülflich sein und er trat namentlich durch diese Thätigkeit auch zu der Großherzogin in ein Vertrauensverhältniß. Im Juni 1866 schickte der Großherzog G. nach Berlin, in einer vertraulichen Mission an König Wilhelm, welche keinen anderen Erfolg hatte, als Gelzer’s persönliche Beziehungen zu diesem einzuleiten und ihm das Vertrauen des Königs zu verschaffen. Nach dem durch die öffentliche Meinung erzwungenen Umschwunge der badischen Politik mußte G. den Großherzog in der schwersten Krisis verlassen. Aber unmittelbar nach der Entscheidung trat er nunmehr auch in amtlicher Weise in den Dienst des Großherzogs. An demselben 27. Juli, an welchem Mathy mit Neubildung des Ministeriums beauftragt wurde, wurde Gelzer’s Ernennung zum badischen Staatsrath mit Mathy’s Gegenzeichnung vollzogen. Als solcher nahm G. an den Friedensverhandlungen Theil. Schwer empfand er wie sein Fürst die herbe Enttäuschung, daß Baden von dem neuen Bunde ausgeschlossen bleiben mußte. Dagegen brachte ihm der längere Aufenthalt in Berlin die Gelegenheit zu öfterem, vertraulichen Verkehr mit dem Kronprinzen, und er hielt sich gern an das Wort der Kronprinzessin, daß es den beiden Friedrich nördlich und südlich des Mains noch beschieden sein müsse, die deutsche Frage in ihrem ganzen Umfange zu lösen.

Die folgenden Jahre verflossen für den Großherzog in der peinlichen Beengung zwischen dem Drängen seines eigenen Patriotismus und seiner [282] Volksvertretung nach dem Anschlusse an den Nordbund und Bismarck’s ablehnender Haltung. In diesen Jahren war es Gelzer’s Bestreben, seinen fürstlichen Freund in geduldigem Ausharren zu bestärken, zugleich aber König Wilhelm bei mehrfachen eingehenden und vertraulichen Besprechungen auf die noch ungelösten Aufgaben seines Hauses für Deutschland hinzuweisen. Im Jahre 1867 verlebte G. mehrere Wochen in München, wo ihn der Ministerpräsident Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der G. schon aus seinen Schriften kannte und schätzte, mit freundschaftlichem Entgegenkommen aufnahm und in sein Programm einweihte. Zu Beginn des Jahres 1870 ging G. nach Rom, um im Auftrage des Königs Wilhelm und des Großherzogs die Entwicklung der Dinge auf dem vaticanischen Concil aus der Nähe zu beobachten. Durch seine umfassende historische Bildung und durch die Milde und Weitherzigkeit seiner Religiosität gewann G. mit leichter Mühe Beziehungen zu den nicht jesuitisch verbildeten Vertretern eines religiösen Katholicismus auf dem Concil und durchlebte mit warmer Sympathie und rasch schwindender Hoffnung den unglücklichen Vertheidigungskampf dieser Kreise gegen den hereinbrechenden päpstlichen Absolutismus. Namentlich mit dem Bischof Hefele von Rottenburg schloß G. damals eine warme, persönliche Freundschaft, welche später auch die stärkste Prüfung bestanden hat. Denn eine solche war es für G., wenn auch dieser hochgebildete Mann, dieser reine, von allem weltlichen Ehrgeize freie Charakter es schließlich über sich gewann, gegen seine bis zuletzt offen bekundete Ueberzeugung seine Unterwerfung unter den Concilsbeschluß zu vollziehen.

Während des französischen Krieges verweilte G. einige Wochen des Spätherbstes in München, um im Auftrage des Großherzogs dafür zu arbeiten, daß König Ludwig für Kaiser und Reich gewonnen wurde. Es gelang ihm nicht, den König zu sprechen. Die Verhandlungen wurden durch den Cabinetsrath Eisenhart geführt, bei welchem G. von Anfang an ein volles, sympathisches Entgegenkommen fand, und durch einen Brief Gelzer’s, über die Idee und die politische Bedeutung des neu zu errichtenden Kaiserthums, mit welchem König Ludwig demnächst seine volle Uebereinstimmung aussprach, abgeschlossen.

Bei Ausbruch des Culturkampfes war G. von Bismarck für eine persönliche und publicistische Unterstützung der Regierungspolitik ausersehen worden. G. würdigte aus voller Ueberzeugung das Ziel der Bismarck’schen Kirchenpolitik, aber er war über die Untauglichkeit der gewählten Mittel von Anfang an außer Zweifel. Er kannte die katholische Kirche genug und war von der ungeheuren Widerstandskraft auch irriger und verfälschter religiöser Volksstimmungen genügend unterrichtet, um von einem Kriege mit rein äußerlichen Mitteln, mit Gehaltsentziehungen und Gefängnißstrafen, Erfolg erwarten zu können. Nach seiner Meinung konnte nur eine nationale Erziehungsreform im großen Style, für welche er ein deutsches Cultusministerium forderte, langsame aber sichere Erfolge herbeiführen. Es war G. daher unmöglich, sich Bismarck zur publicistischen und persönlichen Unterstützung seiner Politik einfach zur Verfügung zu stellen. Er hat aber während des Culturkampfes durch wiederholte längere Aufenthalte in Rom im Auftrage des Großherzogs und des Kaisers für die fortlaufende Aufklärung der leitenden Persönlichkeiten über den Gang der Dinge gearbeitet und nach Aufhebung der preußischen Gesandtschaft beim Vatican in nicht amtlicher Weise Vermittlerdienste geleistet.

Die letzten Jahre verlebte G., von Arbeiten der praktischen Politik befreit, in seiner Studierstube und in seinem glücklichen Familienkreise. Den nordischen Winter liebte er durch die Flucht an die Riviera abzukürzen. Größere litterarische Arbeiten wurden durch die Beschwerden des Alters gehemmt, das [283] ehemals so thätige, viel bewegte Leben fand sein Ende in Stille und Meditation. In nahezu vollendetem 76. Lebensjahre erlag G. einem Schlaganfall auf einem Landsitze der Familie im Baseler Jura.

Der Bedeutung Gelzer’s kann man nur gerecht werden, wenn man seine Arbeiten in Geschichte, Religion und Politik in ihrer Einheit und in der innigen Verbindung mit seiner Persönlichkeit auffaßt. G. war kein wissenschaftlich productiver Theologe, auch kein Geschichtsforscher im Sinne der deutschen Universitätsgelehrsamkeit. Im Mittelpunkt seines Denkens und Wirkens stand allezeit im kleinen wie im großen die religiös-ethische Einwirkung auf andere Menschen, derselbe mächtige Impuls, der ihn in frühester Jugend zur Wahl des geistlichen Berufes bestimmt hatte. Litterarische Arbeiten, politische Geschäfte, Reisen, Freundschaft, Geselligkeit, alles stand im Dienste dieser beherrschenden Tendenz. In dem kleinen Buche über „Schule und Erfahrung“, 1844, hat G. die inneren Erlebnisse seiner Jugend und die Entstehung seiner religiösen Weltanschauung dargestellt. Die Nothwendigkeit einer vollkommenen Versöhnung zwischen Bildung und Religion war Gelzer’s Grundüberzeugung. So schreibt er 1851 aus Italien: „Setzt sich in den denkenden und gebildeten Gliedern einer Nation die Ueberzeugung fest, die herrschende Religion lasse sich nur durch Niederhaltung der Wissenschaft und Wahrheit behaupten, so ist alle Gesundheit des höheren Lebens untergraben und das unersetzliche geistige Band zerrissen, welches die höchsten geistigen Güter des Daseins umschlingt, Glaube und Erkennen, Liebe und Wahrheit. Dann geht in üppigen Trieben wie eine geistige Wucherpflanze der Wahn im Herzen auf, es lasse sich überhaupt eine höhere Wahrheit nirgends finden, alle ideale Ueberzeugung sei Selbsttäuschung und das ganze Getriebe des Lebens und der Welt beruhe auf feinerem oder gröberem Egoismus“. Aber so sehr G. für die Rechte der Wissenschaft und des Herzens zugleich eintrat, so war seine Religion doch nichts weniger als ein mühseliges Compromiß zwischen den Negationen der Kritik und den Positionen des Glaubens. Vielmehr hatte er einen Zug religiöser Genialität, durch welchen er das Wesen des Christenthums als ein ganzes, untheilbares in mystischer Unmittelbarkeit erfaßte. Lessing und Tersteegen standen ihm gleich nahe. „Mein Credo“, sagt er, „ist größte Freiheit im historischen Glauben (Kritik), aber Unantastbarkeit der inneren Religion, der Religion Christi, die uns beten lehrt: Unser Vater! Nicht was Christus war, sondern was er wollte, ist das entscheidende. Der wahre Glaube ist ein unbegrenztes Vertrauen, ein heroisches Hingeben in Gottes Hände trotz aller Abgründe, die dem fragenden Geiste im Materialismus und Fatalismus entgegenstarren. Selig sind die nicht sehen und doch glauben! ist meine Losung gegen den Dogmatismus der Theologen und die poetische Intuition der Theosophen.“ G. stand während seiner Berliner Jahre der sogen. Vermittlungstheologie nahe und zählte deren namhafteste Vertreter, wie Ullmann, Hundeshagen, Dorner auch später zu seinen Freunden. Er selbst wurde an der Haltbarkeit dieses Standpunktes im Verlaufe seiner wissenschaftlichen Entwicklung irre und erkannte eine größere Unbefangenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber der historischen Kritik für geboten. Dagegen war der reine Liberalismus, wie ihn sein Landsmann Schenkel in Baden vertrat, seinem religiösen Gemüthsleben unerfreulisch. Er vermißte an ihm religiöse Tiefe und Wärme. Als Schüler Herder’s verband G. mit der Innerlichkeit und Sammlung einer ganz persönlichen religiösen Stimmung und Begeisterung den Zug in die Weite der Weltbildung und des Menschenlebens. An einem Gesinnungsgenossen früherer Jahre konnte er in reiferem Alter tadeln, daß er über den Augustinischen Pietismus, der sich nur in dem Gegensatz von Sünde und Gnade bewegt, nicht hinausgekommen sei. „Diese Anschauung“, [284] schreibt G., „hat ethische Tiefe gegenüber der sittlichen Oberf1ächlichkeit der Welt, aber für das religiöse Verständniß der Natur und der Weltgeschichte hat sie keinen Raum“. „Was sein Jahrhundert bedurfte“, heißt es bei der Besprechung Herder’s in der Litteraturgeschichte, „war ein allerwärmender und belebender Hauch göttlichen Lebens, eine Fülle innerer, unverkümmerter Existenz, ein Aufatmen aus vollem Herzen, woran das fröstelnde Unbehagen der Zeitbildung, die Unruhe des zweifelnden Sehnens genesen konnte“. Dieses urwüchsige, innerlich gesunde, seiner selbst gewisse religiöse Leben war Gelzer’s eigener Besitz, der seinen Schriften die überzeugende Kraft gibt und seinen persönlichen Einfluß in weiten Kreisen, bei Menschen der verschiedensten Art und Bildung, begründete.

Nekrologe in der Allgemeinen Schweizer Zeitung vom 17. August 1889 und in den Nummern vom 5., 6., 7. September 1889; in Nr. 223 der Baseler Nachrichten und in den Nummern 109 und 110 der Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 10. und 12. Mai 1890 (Herrmann Schultz). – Friedrich Curtius, Heinrich Gelzer. Gotha 1892. – Ueber Gelzer’s politische Thätigkeit: Ottokar Lorenz, Kaiser Wilhelm und die Begründung des Reichs. S. 86 ff., S. 414 ff.