ADB:Genähr, Ferdinand

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Artikel „Genähr, Ferdinand“ von Ludwig von Rohden in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 8 (1878), S. 558–559, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gen%C3%A4hr,_Ferdinand&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 01:59 Uhr UTC)
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Genähr: Ferdinand G., rheinischer Missionar in China, stammte aus Schlesien und wurde 1846, nachdem er seine Vorbildung im Missionsseminar zu Barmen empfangen, nach dem südlichen China gesandt. Er war der erste rheinische Missionar in China. Veranlassung zu seiner Aussendung gab der vielfach als Apostel China’s bezeichnete Missionar Gützlaff, welcher den Satz aufgestellt hatte, China müsse durch Chinesen bekehrt werden. Demgemäß hatte er eine große Menge Chinesen getauft und als Volksprediger in alle Provinzen gesandt. Da er selbst durch seine amtliche Stellung als Dolmetscher bei der englischen Regierung auf Hongkong stark in Anspruch genommen war, verlangte [559] er von Basel und Barmen junge Missionare, die er als Aufseher (Superintendenten) seiner chinesischen Volksprediger gebrauchen könne. Einer von denen, die ihm zu diesem Zweck gesandt wurden, war G. Es dauerte einige Zeit, bis er der chinesischen Sprache mächtig wurde. Sobald er aber anfing mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, erkannte er, daß die sogenannten chinesischen Volksprediger fast durchgehends unwürdige Menschen seien und nur darauf ausgingen Geld zu machen und die Weißen zu betrügen. G. zog sich deshalb völlig von dem Gützlaff’schen Unternehmen zurück und begründete selbst eine kleine Evangelistenschule in Taiping, die er später nach Hoau verlegte im Sanon Kreis in der Provinz Kwangtung (Canton). Die Pflege dieses kleinen Seminars blieb seine liebste Beschäftigung bis an seinen Tod. Für seine jungen Evangelisten verfaßte er mehrere chinesische Lehrbücher und Tractate, unter anderen eine alttestamentliche Geschichte in Versen. Daneben zog er als Arzt und Prediger durch die chinesischen Städte und Dörfer, heilte und predigte, ließ auch die älteren Evangelisten predigen und gewann in weiten Kreisen das Zutrauen der Heiden. Als ihm 1849 Missionar Krone (geb. 1823, früher Seminarist in der Altmark und Hauslehrer in Rußland) zu Hülfe geschickt war, übernahm dieser, sobald er die Sprache erlernt hatte, vorzugsweise die Rundreisen, die Straßenpredigten und Heilungen. Beide Missionare hatten würtembergische Pfarrerstöchter zu Frauen, welche sich der chinesischen Weiber annahmen und Mädchenschulen anlegten. Als aber alles im besten Gange war, brach der englisch-chinesische Krieg aus 1856, und veranlaßte eine fast vierjährige Unterbrechung aller missionarischen Thätigkeit im Innern des Landes. Der aufgestachelte Nationalstolz der Chinesen, welcher die weißen Barbaren für Verräther und Räuber ansah, unterschied nicht zwischen Engländern und Deutschen, und machte Jagd auf die Köpfe aller Weißen. G. und Krone flüchteten mit ihren Pfleglingen nach Hongkong, suchten dort das kleine Seminar fortzuführen, betheiligten sich an den humanen Bestrebungen der Engländer zur Rettung der Tausende von Elenden in dem eroberten Canton, die in Hunger und Verwahrlosung zu Grunde gingen; suchten auch in Macao und in Hongkong Gutes zu thun und das Evangelium zu verbreiten wo und wie sie konnten, bis endlich 1860 der Friede von Tientsin ihnen gestattete wieder ins Land zu gehen. Die Evangelistenschule wurde wieder nach Hoau verlegt und beide Missionare waren im Begriff die frühere Thätigkeit wieder zu beginnen, als eine schwere Erkrankung der Frau Krone seine Rückkehr nach Europa nöthig machte. Erst nach zwei Jahren war die Kranke so weit hergestellt, daß Krone es wagen konnte nach China zurückzukehren, wo G. schon auf ihn wartete. Denn auch dieser selbst bedurfte einer längeren Ausspannung, da auch seine Gesundheit auf’s äußerste geschwächt war. Aber Krone kam nicht wieder nach China, er starb auf der Rückreise in Aden (November 1863) und G., der sich schon zur Abreise nach Europa gerüstet hatte, entschloß sich auf diese Nachricht hin, noch zu bleiben und einen Nachfolger und Ersatzmann Krone’s abzuwarten. Da brach in Hoau die Cholera aus. Die Heiden flüchteten vor den Erkrankten aus den Häusern oder warfen die Sterbenden auf die Straße. G. nahm ein schwerkrankes Weib, das hülflos vor seiner Thür lag, in sein Haus und pflegte es. Das Weib genas, aber die ganze Missionarfamilie ward angesteckt. Die übrigen Familienglieder wurden gerettet, aber G. selbst mit zwei seiner Knaben starb, ein Opfer seiner Barmherzigkeit, am 6. August 1864.