ADB:Hackeborn, Mechthild von

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Artikel „Mechthild von Hackeborn“ von Philipp Strauch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 156–158, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hackeborn,_Mechthild_von&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 03:45 Uhr UTC)
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Mechthild von Hackeborn, geboren 1242 auf der Burg zu Helfta bei Eisleben, trat wider Willen ihrer Eltern mit 7 Jahren (1249) in das damals noch im nahen Rodardesdorf befindliche, 1258 nach Helfta verlegte Cistercienserinnenkloster, anläßlich eines mit ihrer Mutter dort abgestatteten Besuches. Unter der Leitung ihrer älteren Schwester Gertrud, die 1232 geboren, seit 1251 über 40 Jahre lang segensreich wirkend dem Kloster als Aebtissin vorstand (s. Bd. IX, 73), dann auch im Verkehr mit Dominicanerbrüdern wurde M. für das geistliche und geistige Leben herangebildet, das gerade in Helfta durch sie und andere gottbegnadete Frauen, wie Mechthild von Magdeburg, die um 1270 nach Helfta kam und dort um 1282 starb (s. o.), Mechthild von Wippra (Sang- und Lehrmeisterin, lebte noch um 1303) und die jüngere Gertrud (geboren 1256, † um 1301, s. Bd. IX, 74) zu hoher Blüthe gelangte. Schon in früher Jugend offenbarte Gott der M. viele seiner Heimlichkeiten und verlieh ihr neben dieser geistlichen und innerlichen Gnade auch natürliche und äußere, so „im Verständnisse der Schriften und im Wohlklange der Stimme“. Wegen der Schönheit ihres Gesanges wurde ihr, „der Philomele Gottes“, später das Amt einer Sangmeisterin übertragen. Aber es fehlte auch nicht an mancherlei Leiden, wie Kopfschmerz, Steinleiden und Entzündung der Leber, die Gott ihr als Prüfung auferlegte, sie selbst aber noch durch gelegentliche Kasteiungen verschärfte. M. starb am 19. Novbr. 1299, nachdem sie in den letzten drei Jahren von beständigen [157] Schmerzen gequält worden war. Ihr Fest wird am 26. Februar gefeiert. In einer längeren Krankheit, die sie in ihrem 50. Lebensjahre zwischen Advents- und Fastenzeit 1292/3 befiel, während welcher ihre Schwester, die Aebtissin starb, ihr selbst aber die wunderbarsten Geheimnisse Gottes offenbart wurden, theilte sie zuerst auch Andern die innerlichen Gnadenbeweise mit, die sie so viele Jahre bei sich verborgen gehalten hatte. Was sie seit (gelegentlich auch vor) 1292 geistig durchlebt und insbesondere ihrer Freundin, wohl der jüngeren Gertrud, deren eigene Offenbarungen (Legatus divinae pietatis, Gertrudenbuch) sich gleichfalls öfters mit M. beschäftigen, anvertraut hat, bildet – aber es ist nur wenig gegenüber dem, was übergangen wurde – den Inhalt des in lateinischer Sprache geschriebenen Liber specialis gratiae, der ohne Mechthilds Wissen von zweien ihrer Mitschwestern verfaßt wurde und zwar so, daß eine von ihnen nach Mechthilds eigenen Mittheilungen und nach den Aussagen und Aufzeichnungen der anderen (eigentlich ersten) Schreiberin, die aller Wahrscheinlichkeit nach die jüngere Gertrud selbst war, das Ganze redigirte. Auf Befehl der Aebtissin wurde das Werk bald nach Mechthilds Tod veröffentlicht, nachdem sie selbst noch durch göttliche Eingebung von der Niederschrift ihrer Gesichter erfahren, sich von den beiden Schreiberinnen das Ganze mit Ausnahme des Vorworts und Schlusses hatte vorlesen lassen, es bestätigt und corrigirt hatte. Die fünf Bücher, in die das Werk eingetheilt ist, zeigen eine wenn auch nicht streng durchgeführte systematische Anordnung. Im ersten sind Mechthilds Offenbarungen über die Hauptfeste, wie sie sich im Kirchenjahre folgen und über einige Heilige, namentlich über die Jungfrau Maria erzählt, im zweiten die besonderen Begnadigungen, die M. an sich selbst erfahren, das dritte und vierte Buch giebt Belehrungen bezüglich des Lobes Gottes und des menschlichen Heiles; der letzte Theil endlich schildert wie der fünfte des Gertrudenbuches vorwiegend Mechthilds Verkehr mit den Seelen Verstorbener, insbesondere verstorbener Klosterangehöriger. Anhangweise sind diesen fünf Theilen dann noch ein sechster und siebenter beigegeben, die uns über die letzten Lebenstage, die Tugenden und Verdienste des Geschwisterpaares Gertrud und M. von Hackeborn zum Zwecke ihrer Verherrlichung unterrichten. Daß die jüngere Gertrud auch bei der Abfassung dieses Anhangs, wenigstens des siebenten Theiles, betheiligt war, ist höchst wahrscheinlich. Wir erfahren aus dem Liber specialis gratiae, über das M. die Eingebung erhielt, es wäre aus dem göttlichen Herzen geflossen und würde in dasselbe zurückfließen, daß sich die Helftaer Nonnen um M. wie um einen Prediger scharten, um Gottes Wort zu hören, von ihr in Gebeten, die sie selbst zahlreich dictirte, unterwiesen zu werden. Wegen ihrer prophetischen Begabung und hohen Einsicht wurde sie wie eine Heilige verehrt, mannigfach nicht nur von Klosterangehörigen sondern auch von Auswärtigen, die oft aus weiter Ferne zu ihr kamen, um Rath und Trost angegangen. „In thätiger Nächstenliebe und mildem Umgange diente sie den Unglücklichen mit herzlichem Mitleide, den Sündern mit der Hülfe des Gebetes, den Nachlässigen mit zurechtweisender Ermahnung, den Unwissenden mit belehrendem Worte“. Lehre und Liebe werden uns als die Grundzüge ihres Wesens und Wirkens bezeichnet. Die Worte des Evangeliums las M. stets mit solchem Feuer, daß sie die Zuhörenden zur Andacht erweckte, mit besonderer Gluth aber sprach sie über die Liebe und „es brannten dann ihre Worte gleich den Worten des Elias wie Fackeln“. In ihren Offenbarungen nimmt das Geheimniß der Menschwerdung Gottes die erste Stelle ein. Christus erscheint nicht nur als Erlöser sondern auch als Mittler zwischen Gott und dem Menschen. Um der Liebe willen hat Christus dies Amt des Vermittlers auf sich genommen. Was die Sprache im Liber specialis gratiae betrifft, so steht sie an poetischem Schwung Mechthilds von Magdeburg Fließendem Licht der Gottheit nach; sie entbehrt wohl nicht der Bilder, [158] die mit Vorliebe aus der Natur genommen sind, aber diese sind nur „Hülfsmittel des Gedankens“ und wirken durch Wiederholung etwas monoton. Bei der jüngeren Gertrud, deren Charakter energischer war als der der liebenswürdigen, feinsinnigen M., sind die Bilder und Vergleiche ausgeführter, anschaulicher, aber bisweilen auch gesuchter. Das weltliche Leben liegt M. nicht so fern, daß sie nicht öfter dadurch das geistige und himmlische uns näher zu bringen und zu veranschaulichen suchte. Mechthilds Offenbarungen fanden große Verbreitung. Die ältesten Handschriften – die jetzige St. Galler gehörte einst dem Mystiker Joh. Tauler – sind auch die vollständigsten. Später wurde das Werk verschiedentlich redigirt und abgekürzt, in welch letzterer Fassung, die später noch weitere Kürzungen und Veränderungen erfuhr, es seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts mehrfach gedruckt und übersetzt wurde. In der deutschen Bearbeitung trägt das Werk den Titel „Buch geistlicher Gnaden“. Flacius Illyricus nennt M. unter den Zeugen der Wahrheit und möglicherweise war schon zu Boccaccio’s Zeit die Kunde des Mechthildenbuches bis nach Italien vorgedrungen (Decamerone 7, 1 nennt La lauda di donna Matelda, das göttliche Lob aber bildet einen wesentlichen Bestandtheil des Liber specialis gratiae, welche Thatsache, falls sie richtig gedeutet sein sollte, die Ansicht einiger Gelehrten stützen könnte, daß für Dante’s Matelda in der Göttlichen Komödie M. Vorbild gewesen sei. Einstweilen spricht jedoch manches mehr zu Gunsten der Mechthild von Magdeburg, für die Preger eingetreten ist, möglich freilich auch, daß in Dante’s Matelda die beiden deutschen Helftaer Mechthilden zu einer Person zusammengeflossen sind.

Vgl. die Ausgabe des Liber specialis gratiae im 2. Bande der Revelationes Gertrudianae ac Mechtildianae, Pictavii et Parisiis 1877. Deutsche Uebersetzung von J. Müller, Regensburg 1880. Preger, Dante’s Matelda, München 1873, S. 11 ff. und Gesch. der deutschen Mystik im Mittelalter 1, 79 ff., 116 ff. Denifle, Hist.-politische Blätter 75, 699 ff. Zeitschrift für deutsches Alterthum, Bd. 27 S. 373 ff. Zur Mateldafrage vgl. die oben unter Mechthild von Magdeburg verzeichnete Litteratur.