ADB:Holbein von Holbeinsberg, Franz

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Artikel „Holbein, Franz Ignaz von“ von Joseph Kürschner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 725–727, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Holbein_von_Holbeinsberg,_Franz&oldid=- (Version vom 15. Dezember 2019, 11:11 Uhr UTC)
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Holbein: Franz Ignaz v. H., Edler von Holbeinsberg, Bühnenkünstler, Theaterdirector und Dramatiker, geb. am 27. August 1779 in Zizzersdorf bei Wien, † am 15. Septbr. 1855 in Wien. Zu den bewegtesten und vielgestaltigen Lebensläufen, welche die Theatergeschichte in ihren Annalen verzeichnet, gehört auch der Holbein’s, der wunderbar begabt nur etwas anzufassen brauchte, um sofort auch eine gewisse Fertigkeit darin zu erlangen. Einer Familie entstammend, die den berühmten Maler Hans H. zu ihren Ahnen zählte, verlor H. frühzeitig seinen Vater, den ihm nun sein Großvater, der k. k. Hofrath und Lottodirector Joseph v. H. ersetzte. Er schickte H. in die damals wohlangesehene Erziehungsanstalt im Kloster Lilienfeld, wo der vielwissende Director Alt auf seinen Weltsinn, der als Frater Ladislaus im Kloster lebende L. Pyrker auf sein religiöses Gefühl bedeutenden Einfluß gewannen. Nach dreijährigem Aufenthalt in Lilienfeld kehrte er zurück, machte mit einem Freund seines Hauses eine Reise nach Italien und wurde dann in Lemberg beim Lottoamt, als einer Stätte sicheren Berufs, angestellt. Bald aber der Lottozahlen überdrüssig, zog der 17jährige Jüngling unter dem Namen Fontano heimlich hinaus in die Welt, voll romantischer Ideen im Kopf, die Guitarre an der Seite, mit der er sich nach Rußland hinein und aus dem Zarenreich wieder heraus spielte. Auf der Reise nach Berlin begriffen, traf er auf die Döbbelin’sche Gesellschaft und all die Theaterfreuden, die er in Lilienfeld erlebt hatte, tauchten verlockend in ihm auf und ehe er sich’s versah, war er wohlbestalltes, wenn auch wegen seines Dialectes oft ausgelachtes Mitglied der genannten Truppe. Von Frauenstadt, wo er ihr beigetreten war, begleitete er sie nach mehreren Orten, verließ sie dann 1798 in Posen, um von neuem als moderner Troubadour singend und spielend die deutschen Lande zu durchziehen. 1799 band Iffland den Wanderlustigen durch einen Contract an das Berliner Hoftheater, doch einige Zeit darauf und nachdem er in Dessau und Stettin gastirt hatte, griff er abermals nach der Guitarre und kam mit dieser seiner Freundin auch nach Glogau, wo die einstige Maitresse Friedrich Wilhelms II., die Gräfin von Lichtenau (Minchen Enke) an dem schönen jungen Mann lebhaftes Gefallen fand und ihn so bestrickte, daß er, der 21jährige, nachdem er den Namen Fontano wieder abgelegt hatte, sich von der 46jährigen mit den Rosenketten der Ehe fesseln ließ. An die Dornen hatte der Leichtblütige nicht gedacht, aber sie rächten sich dafür und fünf Jahre später verließ H. die Gräfin, mit der er bis dahin in Breslau residirt hatte. In dieser Zeit hatte er Lieder und eine Oper mit einem selbstverfaßten Text componirt, das vielgegebene Schauspiel „Fridolin“ nach Schiller’s „Gang nach dem Eisenhammer“ geschrieben und ein ganz neues musikalisches Instrument gebaut, bei dem die Saitenschwingungen der Aeolsharfe mit einer Claviatur hervorgebracht wurden. Auf diesem „Uranicon“, wie Prof. Sibicke es nannte, spielte H. nun (1806) in Wien, Regensburg und München, nahm dann, von Palffy dazu berufen, eine Stelle als Theaterdichter am Theater an der Wien an, und schrieb in dieser Stellung die Operntexte „Ida“ und „Augenarzt“, welche ebenso wie sein schon früher gegebenes Melodrama „Myriana“ von Gyrowetz (s. Bd. X. S. 247 f.) componirt wurden; ferner die Lustspiele „Der Vorsatz“, „Der Verräther“ und „Das Wiedersehen“, das Schauspiel „Uebereilung und Argwohn“, „Der Tyrann von Syrakus“ nach Schiller’s „Bürgschaft“, eine Fortsetzung des „Fridolin“, „Der Brautschmuck“ und das Trauerspiel „Leonidas“. Holbein’s Stücke haben, wie hier gleich angeführt sein mag, keine größeren Vorzüge, als die geschickt [726] gemacht zu sein, dem Schauspieler dankbare Vorlagen und dem Publicum Amusement zu geben. Auch seine Bearbeitungen von Kleist’s „Käthchen von Heilbronn“, „Familie Schroffenstein“ und „Prinz von Homburg“, wie von Shakespeare’s „Bezähmte Widerspenstige“ etc. sind nur nach diesen Gesichtspunkten geleitet und sind in der That arge Verunstaltungen der Originale. Gesammelt sind Holbein’s Dramen zum Theil in dem „Theater“ (1811, 2 Bde.), „Neuestes Theater“ (1820–23, 5 Thle.) und „Dilettantenbühne für 1826“ (1826). – Ueberredet von neuem als Darsteller zu wirken, begab sich H. nach Regensburg, spielte hier wie in Stuttgart, dann am Theater an der Wien und an der Wiener Burg. 1809 wurde er Mitglied dieses Theaters und sang auch in der italienischen Oper, ging noch in demselben Jahr abermals nach Süddeutschland auf Gastreisen und übernahm endlich die Direction des Stadttheaters in Bamberg, die er vereint mit der des Theaters zu Würzburg von 1812–13 leitete. Würdigen Zielen nachstrebend, hob er diese Bühnen bedeutend und hatte das Glück, auf ihnen mehrmals bedeutende Künstler (Lebrun, Bader, Frl. Röckel, Frl. Lindner etc.) zu entdecken. Nach Aufgabe der Direction von neuem gastirend, engagirte er sich 1813 am Hoftheater zu Karlsruhe, wo u. A. sein Lustspiel „Turnier von Kronstein“ entstand, griff dann wieder zum Wanderstab und zog durch Süd- und Norddeutschland bis nach Kopenhagen. Von 1816–19 Mitglied des hannoverschen Theaters, spielte er daselbst Helden- und Charakterrollen (Wallenstein, Leonidas, Reinhold in den „Hagestolzen“, Peter den Großen im „Mädchen von Marienburg“), sang aber auch, so den Simeon in der Oper „Joseph“, ging 1819 nach Prag, wo er das Theater bis 1824, in den letzten Jahren als Unternehmer leitete und Talenten, wie Seydelmann, Henriette Sontag u. A. fördernd den Beginn ihrer Ruhmesbahn erleichterte. 1825 kehrte er nach Hannover zurück, wo er nun als Hoftheaterdirector, geschickt und vom Glück begünstigt, bis 1841 wirkte und neben anderen die Stücke „Liebe kann Alles“, „Alpenröschen“, „Doppelgänger“ und „Maria Petembeck“ schrieb. 1841 übernahm er die ihm angebotene Direction des Wiener Burgtheaters und verwaltete seine Geschäfte mit unermüdlichem Fleiß. Vermöge seiner exemplarischen Ordnungsliebe brachte er dem Institut bald die verloren gegangene ökonomische Regelmäßigkeit zurück, verwaltete mit Sparsamkeit und Genauigkeit und wenn ihm auch jetzt die Kraft fehlte, in den artistischen Theil einen großen stilvollen Zug zu bringen, so erwarb er doch der Bühne vortreffliche Kräfte und bereicherte das Repertoir. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich durch die 1844 auf seine Veranlassung geschehene Einführung der Autorentantième. Seit 1849 verwaltete H. nur noch den ökonomischen und technischen Theil der Burgtheaterdirection (Heinrich Laube den artistischen), nachdem ihm 1848 auch die Leitung der Hofoper übertragen worden war. 1853 wurde er pensionirt und ließ im selben Jahre eine Selbstbiographie mit Rechenschaftsbericht über seine directorialen Leistungen und sein dramaturgisches Glaubensbekenntniß, unter dem Titel „Deutsches Bühnenwesen“ (erster und einziger Theil) erscheinen. – Vermählt war H. drei Mal, das erste Mal mit der Gräfin Lichtenau, dann mit der Schauspielerin Renner und nach deren Tod mit der Schauspielerin Göhring. Marie Johanne Renner war geboren zu Mainz, † 1824 in Prag, wo sie sich nach dem Tod der Lichtenau (1820) mit H. vermählte, nachdem sie ihn schon seit mehr als einem Jahrzehnt auf seinen Fahrten begleitet und neben ihm, der ein vortrefflicher Wetter v. Strahl war, in liebenswürdigster Weise das Käthchen gegeben hatte. Sie war von Marchand, Leop. Mozart und ihrer Mutter, der trefflichen Sängerin Eva Brochard, für die Bühne ausgebildet worden, hatte diese 1790 am 22. August als Caroline in Jünger’s „Wechsel“ am Münchener Hoftheater zuerst betreten und war bis 1796, wie auch von 1799–1807 Mitglied [727] dieses Instituts. Von 1796–99 gehörte sie dem Mannheimer Theater an. 1792 vermählte sie sich zum ersten Mal mit dem Tänzer Franz Renner, doch wurde die Ehe später getrennt. Die Künstlerin galt ihrer Zeit als eine der vorzüglichsten Darstellerinnen des Naiven. Holbein’s dritte Gattin, Jeannette Göhring, ward als Tochter des hannöverschen Schauspielers Göhring 1800 zu Hannover geboren, betrat daselbst 1818 die Bühne und wurde nach dem Abgang der vorerwähnten Mad. Renner deren Nachfolgerin, ehelichte dann den Schauspieler Artour, der sie 1824 verließ und bald darauf starb. Ihr schönes Talent für jugendliche muntere und tragische Liebhaberinnen erprobte sie u. a. auch auf einer umfassenderen Kunstreise, sie kehrte dann nach Hannover zurück und heirathete dort 1828 H. Seitdem spielte sie Heldinnen und tragische Liebhaberinnen und zog sich 1841 gänzlich von der Bühne zurück. Sie starb am 8. März 1863 zu Wien. Eine uneheliche Tochter Holbein’s, Marie, seinem Verhältniß mit der Renner entsprungen, debütirte 1819 als Gurli in Hannover und wurde darauf für jugendlich-naive Partien engagirt.

Ueber Holbein’s Directionsführungen vgl. u. a. Müller, Chronik des k. Theaters zu Hannover (1876. Vorsichtig zu benutzen!). Wlassak’s Chronik des k. k. Hofburgtheaters 1876, ebenso) und Laube, Das Burgtheater (1868). Wesentlich für die Biographie ist vor allem Holbein’s „Deutsches Bühnenwesen“, für seine Beziehungen zur Lichtenau deren „Apologie“ (1808).