ADB:Hucbald der Kahlkopf von St. Amand

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Hucbald der Kahlkopf von St. Amand“ von Heinrich Bellermann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), S. 275–277, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hucbald_der_Kahlkopf_von_St._Amand&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 03:02 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Hübsch, Heinrich
Band 13 (1881), S. 275–277 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Hucbald in der Wikipedia
GND-Nummer 118707566
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|13|275|277|Hucbald der Kahlkopf von St. Amand|Heinrich Bellermann|ADB:Hucbald der Kahlkopf von St. Amand}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118707566}}    

Hucbald der Kahlkopf von St. Amand (Philosoph und Musiker), auch Hugbald, Hucbold, Hubald, Ubald genannt, ist um das J. 840 in Flandern geboren. Schon in seinem Knabenalter kam er zu seinem Oheim Milo in das Kloster des hl. Amandus am Elnon in der Diöcese Doornick (Tournay). Milo hatte sich als Lehrer und Schriftsteller einen bedeutenden Namen in den sieben freien Künsten erworben, und sein Neffe machte unter seiner Anleitung schnell sichere Fortschritte, namentlich in der Musik, für welche er eine hervorragende Begabung zeigte. Man erzählt, daß Milo des letzteren Umstandes wegen auf ihn eifersüchtig geworden sei und ihn aus dem Kloster verbannt habe, weil er befürchtete, daß der Jüngling ihm den Ruhm in den freien Künsten streitig machen könnte. H. wandte sich deshalb zunächst nach Nevers, wo er selbständig eine Schule eröffnete und die Lebensbeschreibung der hl. Cilinia verfaßt haben soll, zu deren Ehren er auch einige Gesänge componirte. Lange kann er sich hier nicht aufgehalten haben, denn es wird berichtet, daß er schon um 860 – also in dem jugendlichen Alter von 20 Jahren – nach Auxerre zu dem ihm etwa gleichaltrigen Heirich oder Hericus (geb. 841) gegangen sei, bei dem er, wie es scheint, den Remigius kennenlernte und mit demselben gemeinschaftlich den Studien oblag. Im Laufe der Jahre söhnte er sich mit seinem Oheim Milo wieder aus und kehrte nach St. Amand zurück, wohin er die Reliquien des hl. Cyricus mitbrachte, die bis dahin in Nevers aufbewahrt gewesen sein sollen. Im J. 871 starb Milo und H. trat nun ganz an die Stelle seines Oheims. Es war ihm beschieden, noch beinahe 60 Jahre als Lehrer der freien Künste in seinem Kloster wirken zu können, bis er 930 am 25. Juni, nach anderen Berichten am 21. October in dem hohen Alter von 90 Jahren starb. Er wurde im Kloster St. Amandus bestattet und ihm zu Ehren folgende Grabschrift errichtet:

Dormit in hac tumba simplex sine felle columba,
Doctor, flos & honos tam cleri quam monachorum
Hucbaldus, famam cujus per climata mundi
Edita Sanctorum modulamina gestaque clamant.
Hic Cyrici membra pretiosa reperta nivernis
Nostris invexit oris, scripsitque triumphum.

In Bezug auf sein äußeres Leben ist noch zu bemerken, daß H. in den letzten Jahrzehnten des 9. Jahrhunderts zwei Mal sein Kloster auf längere Zeit verlassen mußte, um auswärtig als Lehrer zu wirken. Zuerst erbat Rodulf, Abt des Klosters St. Bertin, etwa um 883 ihn sich von Gauscelin, dem Abt von St. Amand, damit er ihm behülflich sei, seine mangelhaften Schulkenntnisse zu ergänzen und zugleich die dortige Klosterschule wieder zu heben. Rodulf wies ihm zur Sicherheit seines Unterhaltes 889 ein Landgut an, welches H. aber später den Mönchen von St. Bertin hinterließ. Alsdann ging er 893 auf Anordnung des Erzbischofs Fulco gemeinschaftlich mit Remigius nach Rheims, wo die beiden Schulen der Domherren und der Landgeistlichkeit gänzlich in Verfall gerathen waren. Hier muß er sich bis zum Tode des Fulco aufgehalten haben, welcher gegen 900 starb; und von nun an ist das Kloster St. Amandus sein steter Wohnsitz geblieben. – Hucbald’s hauptsächlichste und verdienstvollste Thätigkeit liegt auf dem Gebiete der Musik. Wiederholt wird er als Componist von Kirchengesängen rühmlich genannt. In seinen musik-theoretischen Schriften, die bei Gerbert, Script. eccles. de musica, I, abgedruckt sind, lehrt er uns drei neue Tonschriften, die er erfunden hat, weil ihm die damals im Kirchengesange [276] gebrauchten Neumen zu unsicher erschienen. Hierbei greift er, wie auch auf anderen Gebieten der Musik, vielfach auf die Lehren der alten griechischen Theoretiker zurück, die er freilich oft nicht richtig verstanden hat. So gibt uns die von ihm zuerst beschriebene Notation ein Gemisch von Vocal- und Instrumentalzeichen der alten lydischen Transpositionsscale. In einer zweiten, der sogen. Dasian-Notation (vgl. Allgem. Musikal. Zeitung, 3. Jahrgang (1868), Nr. 37. Einige Bemerkungen über die Hucbald’schen Notationen von H. Bellermann) stellt er zunächst vier Zeichen für die voces finales, das sind die Schlußtöne der Kirchengesänge, auf; alsdann theilt er das ganze Tonsystem vom tiefen Γ bis zum eingestrichenen a in vier getrennte Tetrachorde, für deren jedes er dieselben Zeichen, aber in einer durch Umlegen etc. veränderten Gestalt anwendet. Diese Notation ist indeß durch den Umstand, daß man in ihr nicht mit der Oktave, sondern immer erst mit der None ein dem ersten entsprechendes Zeichen wieder bekommt, unbequem und unübersichtlich, weshalb sie von anderen Musiklehrern seiner Zeit, z. B. dem Hermannus Contractus, getadelt wird. In einer dritten Notation schreibt er die Silben der zu singenden Textworte auf die Zwischenräume eines Liniensystems, so daß wir hier zum ersten Male eine Tonschrift sehen, in welcher, wie in der unserigen, das Fallen und Steigen der Melodie bildlich dem Auge dargestellt wird. Als Schlüssel bedient er sich hierbei meist der Dasian-Zeichen oder er bestimmt die Lage der ganzen und halben Töne durch to=tonus und se=semitonium. – Ferner ist H. als einer der ersten zu bezeichnen, welcher Versuche der Mehrstimmigkeit anstellte. Diese Versuche, welche er Diaphonie nannte, bestanden zunächst darin, daß er einer vorhandenen Melodie (einer vox principalis) eine zweite Stimme in Quarten- oder Quinten-Parallele hinzufügte; diese letztere war gleichsam der Contrapunkt der ersteren und er nannte sie Organum. Von hier ist der Name Organum dann überhaupt auf einen solchen in Quarten und Quinten-Parallelen einhergehenden zwei- und mehrstimmigen Satz übertragen worden. Durch weitere Hinzufügung einer dritten und vierten Stimme, welche dann eine oder beide der bereits vorhandenen in Octaven-Parallelen begleiten mußten, wurde der Satz drei- bezw. vierstimmig. Es läßt sich nicht läugnen, daß dies eine höchst primitive und kunstlose Art zu componiren war, dennoch war sie der nothwendige Vorläufer der erst viel später sich allmählich entwickelnden kunstvollen symphonischen Musik. – Von besonderer Bedeutung sind Hucbald’s Bestrebungen, die alte griechische Terminologie für die Octavengattungen oder Kirchentöne wieder ins Leben zu rufen. Wenn er nun hierbei auch den großen Irrthum beging, die Namen in ganz verkehrter Weise zu gebrauchen, indem er die alten Transpositionsscalen mit den Octavengattungen verwechselte, so verdanken wir ihm dennoch die noch heutzutage gebräuchliche Benennung der Kirchentöne als dorisch, phrygisch, lydisch etc., die dann später im 16. Jahrhundert durch Glarean’s Dodekachordon in dem sogen. Zwölf-Tonarten-System ihren Abschluß fand. – Auch als sprachgewandter Dichter hat sich H. einen Namen erworben, namentlich durch ein zwar sehr kunstvolles, wol aber etwas geschmackloses Gedicht von 136 Versen, „In laudem calvorum“, in welchem jedes Wort mit einem C beginnt. Dasselbe ist an Karl den Kahlen gerichtet. – Von Werth sind schließlich seine Heiligen-Geschichten. Welche H. größtentheils erst in späteren Lebensjahren geschrieben zu haben scheint. Er benutzte zwar dabei ältere uns noch zugängliche Schriften; doch finden sich bei ihm einige treffliche Schilderungen der Verhältnisse von Völkern, unter denen jene Heiligen wirkten, namentlich in der Vita S. Lebuini (Liafwin), die deshalb zum Theil in die Monumenta Germaniae hist. aufgenommen worden ist. Außerdem gibt es von ihm eine „Vita S. Rictrudis (907)“, „S. Adelgundis“, „S. Madelbertae“, „S. Ciliniae (680 s. o.), „Acta de SS. Cyrico & Julitta“.

[277] Casimir Oudin, Commentarius de script. Eccles., T. II, Leipzig 1722. Martin Gerbert, Scriptores eccles. de musica, T. I, St. Blasien 1784. Derselbe, De cantu et musica sacra, T. II, S. Blasien 1774. E. de Coussemaker, Mémoire sur Hucbald, Paris 1841. Derselbe, Script. de musica med. aevi, T. II, Paris 1867. Fétis, Biographie univ. des music. Herzog, Realencyklopädie. W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, Berlin 1866. Aug. Potthast, Bibliotheca histor. med. aev. Berlin 1862 u. 1868.