ADB:Küchler, Heinrich

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Artikel „Küchler, Heinrich“ von Ernst Gurlt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), S. 286–288, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:K%C3%BCchler,_Heinrich&oldid=- (Version vom 23. Juli 2019, 09:29 Uhr UTC)
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Küchler: Heinrich K., großherzogl. hessischer geheimer Ober-Medizinalrath zu Darmstadt, war daselbst am 23. April 1811 als das jüngste Kind aus erster Ehe des geheimen Regierungsrathes Küchler geboren, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und bezog 1828 die Hochschule zu Gießen, wo er sich mit Eifer dem Studium der Medicin hingab und bald der Liebling seiner Lehrer, besonders Vogt’s und Balser’s wurde. Während sich K. anfänglich von den burschenschaftlichen Verbindungen fern hielt, nahm er später an denselben Theil, wofür er noch nach Jahren zu büßen hatte. – Nach Beendigung seiner Studien ging K. nach Paris und dachte daselbst seinen dauernden Aufenthalt zu nehmen, er kehrte aber auf den Wunsch seines Vaters nach Darmstadt (1834) zurück, machte bereits im September desselben Jahres zwei glückliche Staaroperationen und wurde rasch als Augenarzt bekannt. 1835 brachten die Heidelberger Medicin. Annalen seine Erstlingsarbeit über eine „Tödtliche Arsenik-Vergiftung, erzeugt durch äußerliche Anwendung des Arseniks“. In demselben Jahre bestand er die Prüfung an dem Medicinalcollegium und im August wurde von ihm auch eine Augenheilanstalt eröffnet. Der günstige Anfang von Küchler’s praktischer Laufbahn erfuhr jedoch eine plötzliche Unterbrechung durch seine am 29. Februar 1836 erfolgte, ganz unvorhergesehene Verhaftung. in Folge seiner Betheiligung an den Bewegungen der Burschenschaft in Gießen. Bis zum 11. Januar 1839, also fast volle drei Jahre, wurde er in elender, feuchter Einzelzelle zurückgehalten, in welcher er nur auf der Bettlade stehend, um dem Fenster näher zu sein, studiren konnte; daselbst wurde auch der Grund zu seinem rechtsseitigen nervösen Hüftweh gelegt, welches ihn durch sein ganzes Leben mit mehr oder minder großen Schmerzen begleitet hat. Nach seiner Entlassung eröffnete er mit der ihm eigenen Energie sofort wieder seine Augenheilanstalt, in der er noch 1839 allein 23 Staaroperationen ausführte. 1840 machte er sich in [287] weiteren Kreisen durch Vorträge über Physiologie, durch Ausführung seiner ersten Schieloperation und den Jahresbericht über seine Augenheilanstalt bekannt. 1841 unternahm er eine wissenschaftliche Reise nach Berlin, Dresden, Prag und den böhmischen Bädern. Es folgten (in den Heidelberger Annalen) 1841–43 einige kleinere Arbeiten: „Der Messergebrauch gegen den Milzbrand-Carbunkel des Menschen“, „Ueber die diagnostischen Zeichen des Typhus“, ferner (1848) eine erste selbständige Schrift: „Schriftnummerprobe für Gesichtsleidende“. Bereits 1842 hielt er auf der Mainzer Naturforscher-Versammlung einen Vortrag über eine Operationsmethode des Hornhautstaphyloms, die ihm später noch zu wiederholten Publikationen Anlaß gab. Im J. 1842/43 fesselte den jungen Ehegatten die schon erwähnte Neuralgie fast ein ganzes Jahr lang an das Bett; er hat aber auch auf dem Sopha liegend operirt. Auch erschienen, auf dem Schmerzenslager geschrieben, im folgenden Jahre einige Arbeiten „Die Horngeschwülste des Augapfels“ und eine viele beherzigungswerthe und treffende Bemerkungen über das praktische Handeln am Krankenbette enthaltende Schrift: „Bemerkungen über die Erkenntniß der Krankheiten, nebst einer Anleitung zur Führung einer geordneten Krankencontrole“. Das J. 1844 sah K. zwar an Krücken gehend, aber thätiger als zuvor; namentlich fällt in dieses Jahr die ihm allein zu dankende Gründung des aus den unscheinbarsten Anfängen hervorgegangenen, jetzt über 100 Betten verfügenden Mathilden-Landkrankenhauses, einer Anstalt zur Aufnahme heilbarer armer Kranker vom Lande bestimmt, die im Laufe der Jahre viele schwere und chirurgische Kranke aufgenommen und geheilt hat. K. hat dieser seiner Gründung sein ganzes Leben in uneigennützigster Weise geopfert und sich mehrmals in derselben bei Ausübung seines Berufes einen Rückfall seines schmerzhaften Leidens zugezogen. – Dabei war K. mehrfach litterarisch thätig, z. B. erschien 1853 von ihm, als Erweiterung einer früheren (1845) Publication, eine Schrift: „Eine neue operative Heilmethode der sämmtlichen Hornhautstaphylome etc.“; dabei Jahresberichte aus dem Landkrankenhause und der Augenheilanstalt, und endlich 1855, großes Aufsehen in der ärztlichen Welt erregend, ein Schriftchen: „Exstirpation eines Milztumor. Wissenschaftliche Beleuchtung der Frage über Exstirpation der Milz bei dem Menschen, ihre Ausführbarkeit, wie ihre Zulässigkeit“. Die Operation, welche dieser Schrift zu Grunde lag und erst die dritte bekannte, jemals ausgeführte war, gab Anlaß zu einer lebhaften Polemik gegen dieselbe und den Operateur, namentlich von Seiten einiger Darmstädter Collegen, unter denen Gustav Simon obenan stand, der ein „Urtheil des Vereins hessischer Aerzte in Darmstadt“ über diese und eine andere, ihrer Ansicht nach nicht gerechtfertigte Operation Küchler’s provocirte und eine größere Schrift über die Milzexstirpation beim Menschen herausgab (1857). In Folge davon schrieb K. 1858 eine Gegenschrift: „Kurze Zergliederung der Schrift des Dr. G. Simon etc.“ Heutzutage, wo auch noch andere Eingeweide, namentlich durch Simon selbst und andere deutsche Chirurgen mit glücklichem Erfolge exstirpirt worden sind, würde eine so erbitterte Polemik, wie sie damals stattfand, über eine allerdings sehr ungewöhnliche, aber in einzelnen verzweifelten Fällen doch vollkommen berechtigte Operation kaum noch möglich sein. – Trotz Krücken und Stöcken, denen K. einen Theil seines Körpergewichtes anvertrauen mußte, machte er abwechselnd mit dem Besuche von Bädern, namentlich von Wildbad, wissenschaftliche Reisen; so 1851 nach Belgien und England, 1855 nach Frankreich, 1856 nach Berlin, 1858 nach Wien; 1861–62 war er wieder Monate lang durch sein Beinleiden an das Bett gefesselt. 1862 wurde er auch zum Ober-Medicinalrath ernannt. – Außer kleineren Arbeiten, größtentheils ophthalmologischen Inhalts (Ueber Circumcision der Hornhaut, Iridectomie, schräge Beleuchtung des Auges als diagnostisches Hülfsmittel, Staaroperation, [288] Blepharoplastik, Exophthalmus, Tumoren der Augenhöhle), aber auch chirurgischen Inhalts (Anwendung der Arsenikpaste, Rhinoplastik, Kniescheibenbruch etc.), die, nebst Jahresberichten über die beiden von ihm geleiteten Krankenanstalten in der „Deutschen Klinik“ von 1854–1866 erschienen, gab K. eine größere Arbeit 1863 heraus unter dem Titel: „Die Doppelnath zur Damm-Scham-Scheidennath etc.“, mit 12 Tafeln in Farbendr., ferner 1868: „Die Querextraktion des grauen Staares der Erwachsenen“ , beide Publikationen neue Operationsmethoden betreffend, die er schon früher durch Wort und Schrift zu verbreiten gesucht hatte; endlich in demselben Jahre auch der „Sanitätsdienst im Großherzogthum Hessen“ , zur Erfüllung eines von den Verwaltungsbeamten lange gefühlten Bedürfnisses, in Folge wovon K. noch in demselben Jahre zum Geh. Ober-Medicinalrath ernannt wurde. – Wie die kriegerischen Ereignisse der Jahre 1849 und 1866, war der Deutsch-Französische Krieg von 1870–71 für den rastlosen Arbeiter eine noch in höherem Grade anstrengende Zeit. Außer seiner Thätigkeit in der Privatpraxis, in seiner Augenheilanstalt, im Mathilden-Landkrankenhause, wo er mit Beginn des Feldzuges seine beiden Assistenten abgeben mußte, übernahm er freiwillig die Direction des Reservelazareths in der Pionierkaserne, zweier Baracken im Bessunger Orangeriegarten, mit zusammen 168 Betten. In jenem Winter fand man ihn des Morgens um 6 Uhr bei der Visite und Nachts bei schriftlichen Arbeiten. Damals verschlimmerte sich sein seit mehreren Jahren bestehendes Blasenleiden, das ihn gegen Ende 1871 vollkommen an das Bett fesselte und den sonst so kräftigen Mann nach 1½jährigen furchtbar schmerzhaften Leiden am 29. März 1873 enden ließ. – Küchler’s letzte Arbeiten (Der rinnenförmige Mastdarmspiegel etc., Die literarische Slowakenkrankheit – Flecktyphus –, Statistik der Hornhautstaphylome) finden sich in den „Memorabilien“, deren Mitarbeiter K. 1867 geworden war. – Außerdem hinterließ K., nicht gerechnet die Journale der beiden von ihm geleiteten Krankenanstalten, an 80 000 selbst geführte vollständige Krankengeschichten von Privatkranken, womit er den Beweis geliefert hat, daß es auch für einen Privatarzt, wie er es in seiner 1844 (s. oben) erschienenen Schrift vorgeschlagen und empfohlen hatte, möglich sei, über alle seine Patienten Krankengeschichten zu führen. K. zeichnete sich, neben großer Energie, durch ein erstaunliches Organisationstalent und große Thätigkeit als Arzt aus. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zeigen überall den Praktiker, der mit nüchternem Verstande sein Material sammelt und sichtet; einige derselben stellen entschiedene Fortschritte dar und werden in der Geschichte der Chirurgie und Augenheilkunde unvergessen bleiben.

Vgl. Dr. C. K(üchler Sohn) in Friedrich Betz’s Memorabilien. 18. Jahrg. 1873. S. 333.