ADB:Laukhard, Friedrich Christian

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Artikel „Laukhard, Friedrich Christian“ von Gustav Baur in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), S. 42–49, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Laukhard,_Friedrich_Christian&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 05:00 Uhr UTC)
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Laukhard: Friedrich Christian L. (geb. 1758, † 1822). – Das Interesse für diesen „bekannten literarischen Vagabunden“, wie ihn Häusser genannt [43] hat, knüpft sich hauptsächlich an seine von 1792–1802 in sechs Bänden veröffentlichte Selbstbiographie, welche, wie die wenige Jahre vorher erschienene des famosen K. F. Bahrdt (vgl. den Art.), eine der Hauptquellen für die Cultur- und Sittengeschichte Deutschlands in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bildet. Und wer an optimistischer Schwärmerei für „die gute alte Zeit“ leidet und an pessimistischer Schwarzseherei in Bezug auf die Zustände der Gegenwart, in welcher alles schlechter geworden sei, der muß, wenn ihm überhaupt noch zu helfen ist, durch diese beiden Schriften gründlich geheilt werden. Die seichte und rohe Aufklärerei jener Zeit, die Misère der damaligen Kleinstaaterei, die Abhängigkeit jeder Beförderung von persönlicher Gunst oder Ungunst, die Käuflichkeit der Aemter und die Bestechlichkeit der Beamten, die Rohheit der akademischen Sitten bei Professoren wie Studenten, die nicht seltene Verlotterung auch des Familienlebens, die trotz Kant und Winckelmann, Lessing und Herder, Goethe und Schiller das große Publicum noch durchaus beherrschende Geschmacklosigkeit in Bezug auf Kunst und Litteratur, die kleinliche Beschränktheit des Bürgerthums, die gedrückte Lage des mißachteten Bauernstandes, das alles findet, an dem Faden der Lebensereignisse der Verfasser selbst aufgereiht, eine auf persönlichem Erleben und Erfahren beruhende Darstellung. Dabei verräth L. allerdings in noch höherem Grade wie Bahrdt ein inneres Behagen in der breiten Darstellung des Gemeinen und Häßlichen. Er streift mit plumper Hand allen Schmelz von dem menschlichen Leben rücksichtslos ab und desinficirt seine Darstellung von dem letzten Atom einer idealen Auffassung. Aber dafür ist er auch aufrichtiger und namentlich in Bezug auf sein persönliches Sein und Verhalten von jeder Schönfärberei so völlig frei, daß er sich vielmehr gefällt, in wahrhaft cynischer Offenheit seine Thorheit, Sittenlosigkeit, Unbeständigkeit und Liederlichkeit in unverhüllter Nacktheit zu präsentiren; und doch hat er daneben auch für ehrenhafte Charaktere, tüchtige Gelehrte, bewährte Freunde öfter ein anerkennendes Wort. Zugleich hat er vor dem bereits 1792 gestorbenen Bahrdt voraus, daß er die volle Entwickelung der weltbewegenden Ereignisse der französischen Revolution und ihre Wirkungen nicht blos aus der Ferne mit angesehen, sondern großentheils in nächster Nähe persönlich mit erlebt hat. Er liefert zu ihrer Geschichte manchen beachtenswerthen Beitrag und beweist dabei trotz seiner Neigung zu den Lehren und Einrichtungen der Neufranken ein offenes Auge für das Thatsächliche und einen klaren Blick für seine Beurtheilung. Dabei wird er von einer leichten Fassungsgabe, einem ausgezeichneten Gedächtniß und einer guten Schulung in den alten Sprachen unterstützt, von welcher aus er auch mit den neueren eine ausgebreitete Bekanntschaft geschlossen und durch eine große, durch alle Wechsel seines unruhigen Lebens nicht unterbrochene Belesenheit eine Menge mannigfaltiger Kenntnisse sich erworben hat. Trotz alledem ist seine Darstellung zu geistlos, als daß man sie frivol nennen könnte: sie ist eben nur durch eine aufrichtige Gemeinheit charakterisirt. Von einem unter allen Umständen unbedingte Erfüllung fordernden Pflichtgebot weiß er nichts. Um geradezu zu stehlen und direct zu betrügen, wäre er zu ehrlich, auch wohl zu stolz gewesen, aber um eines äußeren Vortheils willen katholisch zu werden, hatte er nicht übel Lust. Das Verhalten des Menschen sah er wesentlich als eine Folge seiner äußeren Verhältnisse und seiner natürlichen Leidenschaften an, und war daher geneigt, alles zu entschuldigen, wenigstens bei sich selbst, wenn er auch anderen gegenüber mit verurtheilenden Prädicaten nicht eben sparsam ist. Obwol er sonach keine Spur von wahrer Reue über sein wüstes Leben zeigt und kein Gefühl der schweren Verschuldung, welche er dadurch auf sich geladen hat, so will er sein Buch doch als einen „nicht unebenen Beitrag zur praktischen Pädagogik“ angesehen wissen. „Ich habe bei meiner Biographie [44] gar den Zweck nicht, dem Leser eine mitleidige Thräne abzulocken und dem Publicum so was vorzuwinseln: nein, meine Begebenheiten sollen nur den Beweis erneuern: daß man bei sehr guter Anlage und recht gutem Herzen ein kreuzliederlicher Kerl werden und sein ganzes Glück ruiniren kann. Da wird nun vielleicht Mancher, der das liest, vorsichtiger in der Welt handeln, damit er nicht auch anrenne, wie ich angerannt bin“. Es ist stark zu bezweifeln, daß Laukhard’s „Leben und Schicksal“ jemals einem Leser diesen pädagogischen Dienst erwiesen habe, wie hoch auch der culturhistorische Werth des Buches anzuschlagen ist.

L. war im J. 1758 zu Wendelsheim in der Unterpfalz geboren, einem Dorfe, welches damals zu der Rheingrafschaft Grehweiler gehörte, jetzt der großherzogl. hessischen Provinz Rheinhessen angehört, an deren südwestlicher Grenze es liegt. Sein Vater war der Prediger jener lutherischen Gemeinde und „genoß einer ganz guten Besoldung bei einem sehr ruhigen Dienst“. Er war durch die Wolfische Philosophie zum Spinozismus vorgedrungen und ersetzte, was er dadurch an seinem evangelischen Glauben eingebüßt hatte, durch alchymistischen Aberglauben, welcher ihn viel Zeit und Geld kostete. Dem Sohne brachte er durch seinen Unterricht in den alten Sprachen eine solide Grundlage bei, hatte aber für die eigentlich pädagogische Aufgabe der Charakterbildung kein Verständniß; vielmehr gewöhnte er durch sein Vorbild seinen Sohn bald, das geistliche Amt als einen Miethlingsdienst anzusehen, unter dessen schützender Hülle man die eigene irreligiöse Anschauung und ungeistliche Gesinnung ungestört pflegen könne. Auch die gutmüthige aber schwache Mutter, eine Enkelin des berühmten Johannes Schilter in Straßburg, vermochte die frühe praktische Bekanntschaft des Sohnes mit den leichten Sitten seiner pfälzischen Heimath nicht zu verhindern, welche durch eine dem Trunk ergebene Tante und nichtsnutziges Gesinde gefördert wurde. Nachdem L. eine Zeitlang zu Dolgesheim in dem Pensionat des in Latinis und Graecis wohlbeschlagenen, aber durch und durch rohen Inspectors Kratz verweilt hatte, wurde er, 13 Jahre alt, dem Gymnasium zu Grünstadt übergeben, dessen Unterweisung jedoch der Vater längere Zeit durch den sehr unzulänglichen Unterricht eines Hauslehrers unterbrechen ließ. Schon als Gymnasiast spann L. ein Liebesverhältniß mit seiner Therese an, auf welches er in seiner Lebensbeschreibung mit einer gewissen Sentimentalität immer wieder zurückkommt, und welches ihn im Anfang geneigt machte, behufs einer ordentlichen Versorgung zur römischen Kirche überzutreten. Bereits mit 16 Jahren bezog er die Universität Gießen, welcher er vom Herbst 1774 bis Ostern 1778 als akademischer Bürger angehörte. Bis zum Mai 1775 konnte er dort noch die persönliche Bekanntschaft und die Vorlesungen des ihm in mancher Beziehung geistesverwandten Bahrdt genießen. Seine allerdings sehr ins Schwarze oder vielmehr in Schmutzige gemalte Beschreibung jener Universitätsjahre bildet einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des akademischen Lebens jener Zeit und wird durch seine beiden akademischen Romane, die Annalen der Universität Schilda und den Eulenkapper, welche beide wesentlich aus seinen Gießener Erlebnissen hervorgegangen sind, ergänzt. Wenn man sich übrigens gewöhnt hat, die Universität Gießen als die Hauptrepräsentantin des unglaublich rohen damaligen Studenten- und Professorentreibens zu betrachten, so hat dies eben in den gerade jener Universität vorzugsweise gewidmeten Schilderungen Laukhard’s seinen Grund: er selbst läßt es nicht an Andeutungen fehlen, daß es anderwärts nicht viel besser bestellt war. Die Kunde davon hat er sich durch öftere „Donquixotische Reisen“ verschafft, welche er von Gießen aus unternahm. So ist er Ostern 1776 in dem benachbarten Wetzlar Zeuge einer auf Werther’s Grabe dargebrachten sentimentalen Ovation gewesen und hat dann auch die Universität [45] Marburg, im Herbst 1776 Jena, welches mit Gießen um den Preis des correcten studentischen Comments concurrirte und später Mainz kennen gelernt. Als er von Gießen abzog, führte ihn in Frankfurt seine leichtsinnige Liederlichkeit österreichischen Werbern in die Hände, von welchen er nur durch die wohlwollenden Bemühungen eines ehrenhaften Majors befreit wurde. Trotz seines wüsten Lebens hatte er indessen in Gießen so viel gelernt, daß der gelehrte Vater mit seinen Kenntnissen wohl zufrieden war und ihn zu deren Consolidirung noch ein Jahr lang auf die Universität Göttingen schickte, wo er bis Ostern 1779 verweilte. In die Heimath zurückgekehrt, wußte er, trotz seiner notorischen Liederlichkeit, sich durch seine gewandten Predigten so zu insinuiren, daß ihm ein Vicariat zuerst in Udenheim, dann in Obersaulheim übertragen wurde. Seine Bemühungen, in eine bessere Stellung zu gelangen, welche er in Darmstadt, Heidelberg und in Franken, bei welcher letzteren Gelegenheit er auch die Universität Erlangen kennen lernte, anstellte, blieben jedoch durch seine eigene Schuld ohne Erfolg, indem es ihm jedesmal gelang, den schlechten Ruf, welcher ihm voranging, durch ein neues Beispiel zu bestätigen. Ja er wurde infolge seines anstößigen Wandels und seiner lästerlichen Reden, welchen er niemals einen Zügel anlegen mochte, seiner Stelle entsetzt. Zunächst fand er nun seinen Unterhalt als Jagdaufseher, Kellermeister und Sprachlehrer bei dem Freiherrn v. Goldenberg, welcher als pensionirter Major in Guntersblum bei Oppenheim lebte. Die Aussichten, im Leiningenschen oder in Straßburg, wo er sich längere Zeit aufhielt, oder in Darmstadt eine passendere Stellung zu finden, zerschlugen sich wieder wie die früheren; dagegen wurde er nach einiger Zeit in sein bescheidenes Amt in Obersaulheim wieder eingesetzt. Hier blieb er, bis es seinem Vater durch seine Bekanntschaft mit Semler gelang, ihn am Waisenhause zu Halle unterzubringen. Wohl schon im Herbste 1781 reiste er über Erfurt und und Jena dorthin, wenigstens war nach seiner Angabe die Rectorwahl von 1782 die erste, die er in Halle mitmachte. Er selbst fand im Anfang Befriedigung in dem geordneten Leben, welches er als Insasse und Lehrer des Waisenhauses führte, obgleich er auch hier nicht unterlassen konnte, durch übelangebrachtes Rationalisiren in seinen Religionsstunden Anstoß zu erregen. Später wurde er Semler’s Hausgenosse, ein Verhältniß, welches für seine Studien in hohem Grade förderlich war, dabei aber freilich seinen Leichtsinn nicht in demselben Maße, wie das frühere vor Versuchungen schützte. Sein gesundes Urtheil über wissenschaftliche Dinge wird durch seine Bemerkung über den im Herbst 1783 nach Halle berufenen F. A. Wolf bethätigt: „Wolf fing an Kollegien zu lesen; da aber die Studenten auf dergleichen gar nicht achteten, so waren anfänglich seine Lehrstunden wenig besetzt. Aber bald lernte unsere Jugend, was sie an Wolfen hatte, und Wolf wurde fleißiger besucht. Selbst Herr D. Semler war sein geflissentlichster Werber. Wolf ist indeß der Mann nicht, der erst in die Welt hineinposaunt und à la Basedow allerhand philanthropinische Luftschlösser baut; daher wurde auch sein Seminarium der Welt erst durch den Effekt bekannt: und doch hat dieses Seminarium schon mehr Gutes geleistet, als alle Dessauische, Marschlinzer und Heidesheimer Philanthropine: selbst Herrn Heynes Seminarium ist mit dem Hallischen in Rücksicht des wirklich gestifteten Nutzens kaum zu vergleichen. Ich sage nur noch, daß die schon rühmlich bekannten jungen Männer, Schellenberg, Fülleborn, Ideler, Fischer, Koch, Rambach und mehrere andere, Herrn Wolfs Schüler gewesen; und durch seine Bemühung in den Stand gesetzt sind, die alte griechische und römische Litteratur und nach beiden die deutsche zweckmäßig zu benutzen“. L. selbst wurde durch Semler veranlaßt, außer dem Unterricht, welchen er im Hebräischen und anderen Sprachen ertheilte, auch wirkliche Vorlesungen über deutsche Reichsgeschichte und Kirchengeschichte [46] zu halten, und er erwarb sich das formelle Recht dazu, indem er am 11. Januar 1784 das Magisterexamen bestand und am 18. öffentlich disputirte und promovirt wurde. Allein sein unüberwindlicher Hang zu einem unordentlichen Leben führte dahin, daß er in einer Art von Verzweiflung über kleine Schulden, die er im Augenblick nicht zu decken wußte, sich wenige Monate darauf als Soldat bei dem in Halle garnisonirenden v. Thadden’schen Regiment anwerben ließ. Die Kinder liefen ihm auf der Straße nach und sangen: „L. hin, L. her, L. ist ein Zottelbär!“ oder auch die Variante: „L. ist kein Magister mehr!“ Schon im Mai 1784 wohnte er der ersten Revue bei Magdeburg bei. Nachdem er sodann den Winter 1786 auf 87 auf Urlaub in der Heimath gewesen war, machte er vom 5. Juni bis zum 10. October 1790 den erfolglosen Feldzug nach Schlesien mit und lernte bei dieser Gelegenheit Berlin kennen. Von Seiten seiner Vorgesetzten bis zum Herzog Friedrich August von Braunschweig hinauf hatte er sich stets eines rücksichtsvollen Wohlwollens zu erfreuen, namentlich aber widmete ihm der Exfranziscaner Bispink, welcher sich in Halle als Buchhändler niedergelassen hatte, eine trotz aller seiner Extravaganzen treu ausharrende und thatkräftige Freundschaft. So konnte er sogar seine schriftstellerische Betriebsamkeit in dieser Zeit fortsetzen, wovon insbesondere seine derbe Kritik der Selbstbiographie Bahrdt’s, welcher damals in Halle ein Asyl, allerdings aber auch auf der Festung zu Magdeburg ein Jahr lang eine unwillkommene Unterkunft gefunden hatte, Zeugniß ablegt. Die guten Anfänge eines geordneteren Lebens, welche L. gemacht hatte, wurden indessen schon 1791 durch den Tod seines Gönners Semler erschüttert und gingen im folgenden Jahre in seiner Theilnahme an der unglücklichen Campagne in Frankreich völlig unter. Der vornehmen Darstellung, welche Goethe von diesem Feldzug gegeben hat, dient Laukhard’s plebejischer, aber nicht minder wahrheitsgemäßer Bericht, der allerdings eher aus der Froschmaus-, als aus der Vogelperspective abgefaßt ist, zur Bestätigung und Ergänzung. Am 14. Juni 1792 marschirte L. aus Halle, kam am 9. Juli in Coblenz an und hatte da während eines sechswöchentlichen Aufenthaltes hinlängliche Zeit, das arrogante und nichtsnutzige Treiben der Emigrirten kennen zu lernen. Am 19. August erfolgte der Einmarsch in Frankreich und bereits am 22. October kehrte die Armee in der traurigsten Verfassung auf deutschen Boden zurück. Hier erlebte L., bei den betheiligten Truppen in Dienst stehend, am 2. December die Einnahme von Frankfurt, am 23. Juli 1793 die von Mainz und wurde während der Belagerung von Landau auf Veranlassung oder wenigstens unter Mitwissen des Kronprinzen von Preußen unter der Maske eines Deserteurs in die Festung geschickt, um mit Hülfe des ihm von früherer Zeit her bekannten Dentzel, welcher als Repräsentant des Nationalconvents sich in derselben befand, deren Uebergabe zu bewerkstelligen. Der Plan hatte keinen Erfolg, vielleicht weil L. selbst sich nicht ernstlich darum bemühte; und als gegen Ende des Jahres die Belagerung aufgehoben werden mußte, wurde L. mit vielen anderen Deserteuren und Gefangenen am 28. December in das Innere von Frankreich abgeführt. Ueber Weißenburg und Straßburg, wo er die Bekanntschaft von Eulogius Schneider machte, Kolmar, Belfort, Besançon, Dole, Macon, kam er am 21. Jan. 1794 in Lyon an, noch zeitig genug, um den letzten Kämpfen des Sansculottismus mit der beginnenden Gegenrevolution beizuwohnen. Nach einem Ausflug nach Bienne, Grenoble und Avignon erhielt er bei einem Duell eine Verwundung, welche ihn infolge seiner unverbesserlichen Nachlässigkeit jahrelang quälte, übrigens Veranlassung wurde, daß er im Hospital zu Dijon eine Anstellung als Krankenwärter erhielt, die ihm noch Zeit ließ, durch Ertheilung von Privatunterricht sich eine ganz leidliche Subsistenz zu verschaffen. Ein Fluchtversuch, [47] welchen er gleichwohl nach der Schweiz unternahm, mißrieth, und bald darauf erweckte ein unvorsichtiger Brief, welchen er an den damals in Paris weilenden Dentzel geschrieben hatte, um sich die Erlaubniß zu einem Besuch der Weltstadt zu erwirken, wieder den alten durch seine Spionage in Landau begründeten Verdacht, sodaß er in der Conciergerie gefangen gehalten wurde und mit genauer Noth der Guillotine entging. Bald nachher erhielt er durch die treuen Bemühungen Bispinks und durch die Nachsicht der Behörden, welche es mit kleinen Fälschungen in den erforderlichen Documenten nicht genau nahmen, die Erlaubniß zur Rückkehr. Der Abschied aus Frankreich veranlaßt ihn zu folgender charakteristischen Selbstapostrophe: „Du gehst jetzt aus einem Lande, in welches du auf die unwürdigste Weise von der Welt getreten bist. Du hast wollen das Deinige beitragen, die Freiheit einer edlen Nation stürzen zu helfen – eine Freiheit, deren wohlthätigen Einfluß du selbst gefühlt und genossen hast. Geh, L., schäme dich! du bist ein Niederträchtiger, ein Verworfener. Sprich ferner nicht mehr von Schurken: denn du gehörst in ihre Klasse, stehst mit unter den verächtlichsten. Die Franzosen hätten recht gehabt, wenn sie dich deiner Unternehmungen wegen mit dem Tode bestraft hätten; und noch auf der Guillotine hättest du dir selbst bekennen müssen, daß sie dir nicht Unrecht thäten. Aber wie sind sie mit dir verfahren! – Welchen Ersatz kannst du ihnen geben? – Hier faßte ich den festen Vorsatz, von den Franzosen niemals anders zu reden oder zu schreiben, als wie es die Wahrheit nach meiner Ueberzeugung fordere: und durch diesen Vorsatz wurde ich um etwas beruhigter. – Es ist eine erzfatale Sache um ein böses Gewissen, welches um so beißender anspricht, je schonender die natürliche Strafe unserer schlechten Handlungen eintritt.“ Am 4. Febr. 1795 trat er die Reise über Besançon, Belfort und Hüningen nach Basel an. Da ihm aber die Herren Baseler einen Paß nach Zürich, wohin er Empfehlungen von Bispink hatte, verweigerten, so begab er sich nach Freiburg im Br. und ließ sich hier trotz seiner Begeisterung für die französische Republik als Korporal bei der Bande anwerben, aus welcher die Emigranten eine streitbare Armee gegen ihr Vaterland zu bilden gedachten. Indessen fand selbst L. diese Gesellschaft so schlecht, daß er bereits am Palmsonntage nach Offenburg desertirte und bei den schwäbischen Kreistruppen in Dienst trat, in welchem er sich wieder, von seinen Vorgesetzten begünstigt, sehr wohl befand, bis er durch den Kronprinzen von Preußen die Entlassung aus seiner preußischen Dienstpflicht erhielt. Am 27. October 1795 nach Halle zurückgekehrt, schlug seine Hoffnung, durch den Kronprinzen eine feste Anstellung, etwa als Lector an der Universität, zu erhalten, fehl, weil er es immer wieder im wesentlichen selbst verschuldete, daß die von den Behörden einzufordernden Berichte nicht günstig ausfallen konnten. Im Herbst des Jahres 1797 trat er in den Ehestand ein, wekcher auch mit einigen Kindern gesegnet wurde. Obwol L. auch die schwarze Wäsche seines häuslichen Lebens mit gewohnter Ungenirtheit vor dem Publicum ausbreitet und „über das fehlgeschlagene Glück, welches er mit seinem Hannchen zu genießen hoffte“, sich mit der „leidigen Erfahrung“ tröstet, „daß tausend Ehen, wo nicht unglücklicher, doch auch um kein Haar besser sind als die seinige“; so scheint doch das neue Verhältniß für seine Lebensführung nicht ohne heilsame Einwirkung geblieben zu sein. Sobald der Kronprinz im November 1797 als Friedrich Wilhelm III. König geworden war, beeilte sich L., sich bei ihm eine Audienz zu erwirken, bei welcher er auch, obgleich er mit dem Stock in der Hand seine Aufwartung machte, sehr gnädig empfangen wurde, welche aber aus den oben bereits angegebenen Gründen so wenig zu dem gewünschten Resultat führte, daß er, als im Sommer 1799 der König und die Königin Halle besuchten, einen weiteren Annäherungsversuch gar nicht mehr machte. Da auch [48] anderweite Bewerbungen fehlschlugen, beschied er sich, nach wie vor durch Schriftstellern und Unterrichtgeben seine Subsistenzmittel sich zu verschaffen. Mit dem Jahre 1802 bricht seine Selbstbiographie ab. In ihrem letzten Absatze spricht er die Absicht aus, in dem genannten Jahre noch seine Mutter in der pfälzischen Heimath zu besuchen, sowie die Hoffnung, in der künftigen Ostermesse dem Publicum mit den Beobachtungen, welche er auf dieser Reise machen werde, seine Aufwartung zu machen. Diese Hoffnung hat sich, wie gesagt, nicht erfüllt und von dem Augenblicke an, wo seine eigenen ausführlichen Mittheilungen aufhören, sind nur sehr dürftige Notizen über sein abenteuerliches Leben aufzutreiben. So konnte Meusel im 14. Band des Gelehrten Teutschlands ihn als im Jahre 1806 verstorben bezeichnen. Er war aber vielmehr, wie dies im 18. Band auch theilweise berichtigend nachgetragen wird, 1804 Pfarrer zu Veitsrodt im Saardepartement geworden, wurde am 12. August 1807 seiner Stelle entsetzt und wegen seiner Schriften zu Trier in Untersuchung gezogen. Dort lebte er noch im J. 1811, ist aber am 28. April 1822 als Privatlehrer zu Kreuznach gestorben. – Was M. v. Geismar (Edgar Bauer), Deutschland im 18. Jahrhundert, 2. Ausgabe, Leipzig 1851, über ihn mittheilt, beruht lediglich auf der Selbstbiographie.

In dem nachfolgenden Verzeichnisse seiner großentheils sehr selten gewordenen Schriften sind die anonym erschienenen mit einem * bezeichnet: „Diss. inaug. de Ruperto Palatino“, Hal. 1783, 4°. – „Diss. de J. Bruno“, Ib. 1783, 4°. – * „Carmina et Epigrammata quaedam selecta“, Goetting. 1780. – „Abriß der römischen Geschichte, z. Vorlesungen“, 1783. – * „Abhandl. d. Grafen von Arco über den Einfluß des Handels auf den Geist und die Sitten der Völker; aus dem Französ.“ O. O. 1788. – * „Beyträge und Berichtigungen zu Dr. Bahrdt’s Lebensbeschreibung in Briefen eines Pfälzers“, 1791. – „Merkwürdiges Leben und Schicksale, von ihm selbst beschrieben“, 5 Thle. (in 6 Bden.), Halle 1792–1802. – * „Briefe eines preuß. Augenzeugen über den Feldzug des Herzogs von Braunschweig gegen die Neufranken“, 1.–5. Pack. Germanien (Altona) 1793–96 (nach Laukhard’s eigener Angabe rühren nur der 1. u. 2. Pack von ihm her). – „Die Reichsarmee in ihrer wahren Gestalt etc.“, 1796. – „Anleitung zur Uebung in der französischen Sprache“, 1797, 1805, 1813. – „Leben und Thaten des Rheingrafen Karl Magnus, den Joseph II. auf zehn Jahre ins Gefängniß nach Königstein schickte, um da die Rechte der Unterthanen und anderer Menschen respectiren zu lernen; zur Warnung für alle winzige Despoten, Leichtgläubige und Geschäftsmänner geschildert“, 1798. – „Denkschrift über die Einnahme der Festung Mainz durch die französischen Truppen im J. 1792, aufgesetzt von Rudolph Eickemeyer. Mit Bemerkungen herausgegeben“, 1798. – * „Annalen der Universität zu Schilde:, oder Bocksstreiche und Harlekinaden der gelehrten Handwerksinnungen in Teutschland; zur Auflösung der Frage: Woher das viele Elend durch so manche Herren Theologen, Aerzte, Juristen, Kameralisten und Minister?“ 2 Thl. 1798–99. – * „Teutsch gesprochen mit Herrn Pott über seine Ausgabe der Briefe rechtschaffener Männer an den Doctor K. F. Bahrdt … 1798. – * „Sammlung erbaulicher Gedichte für alle die, welchen es Ernst ist, das Wohl ihrer Unterthanen, Untergebenen und Mitmenschen nicht zu untergraben, sondern nach dem Gesetze der Gerechtigkeit und Menschenliebe zu fördern und dadurch Menschenwohl zu begründen und zu erhalten“, 1798. Dieselbe Sammlung unter folgenden Titeln: * „Zuchtspiegel für Fürsten und Hofleute“, 1799; *„Zuchtspiegel für Theologen und Kirchenlehrer“, 1799; * „Zuchtspiegel für Adeliche“, 1799; * „Zuchtspiegel für Eroberungskrieger, Advokaten und Aerzte“, 1799. – „Der Mosellaner- oder Amicistenorden, nach seiner Entstehung, innern Verfassung und [49] Verbreitung auf den Teutschen Universitäten dargestellt, und zur Zurechtweisung der Schrift: Graf Guido von Taufkirchen, wie auch zur Belehrung über das akademische Ordenswesen für Universitätsobrigkeiten und Studierende“, 1799. – „Franz Wolfstein oder Begebenheiten eines dummen Teufels“, 2 Bde, 1799. – „Erzählungen und Novellen“, 2 Bdchen., 1800. – „Marki von Gebrian oder Leben und Abentheuer eines Französischen Emigranten; ein politisch-komischer Roman“, 2 Thle., 1800. – „Fasten-Ressource“ (in Gemeinschaft mit Dornsteg herausgegeben), 1800. – * „Bild der Zeiten oder Europas Geschichte von Karl dem Großen bis auf Bonaparte“, 2 Bdchen. mit 6 Kupfern, 1801. – „Bonaparte und Cromwell; ein Neujahrsgeschenk für die Franzosen von einem Bürger ohne Vorurtheil; aus dem Französischen mit einigen Anmerkungen“, 1801. – „Anekdotenbuch oder Sammlung interessanter Begebenheiten aus der wirklichen Welt“, 1. Thl. 1802. – „Eulenkapper’s Leben und Leiden; eine tragische Geschichte“, 1804. – Corilla Donatini oder Geschichte einer empfindsamen Buhlerin“, 1804. – Wilhelm Stein’s Abentheuer“, 2 Bde., 1810. – „Vertraute Briefe eines alten Landpredigers an einen seiner jüngeren Amtsbrüder“, 1811.