ADB:Luschka, Hubert von

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Artikel „Luschka, Hubert von“ von August Hirsch, Julius Hartmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 653–655, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Luschka,_Hubert_von&oldid=- (Version vom 24. August 2019, 01:01 Uhr UTC)
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Luschka: Hubert v. L., Arzt, Sohn eines in Konstanz ansässigen Forstmeisters, ist daselbst den 27. Juli 1820 geboren. Dem Willen seines strengen Vaters gemäß und gegen seine Neigung widmete er sich dem Apothekerstande, indem er in seinem 15. Lebensjahre vor Beendigung der Gymnasialausbildung als Lehrling in die Officin seines in Ueberlingen lebenden Oheims eintrat. Hier verbrachte er 3½ Jahre, während er sich eifrig mit Botanik und Chemie beschäftigte, mit der ihm aufgedrungenen Lebensstellung aber konnte er sich nicht befreunden und erst den vereinigten Bestrebungen seiner Mutter und der älteren Geschwister gelang es, seinen Vater dazu zu bewegen, daß er dem Wunsche des Sohnes, sich dem Studium der Medicin widmen zu dürfen, nachgab. – Im Herbste 1841 bezog L., mit einem vorzüglichen Zeugnisse der Reife ausgestattet, das er sich nachträglich hatte erwerben müssen, die Universität in Freiburg und hier gelang es ihm bald das Wohlwollen und die Gönnerschaft des Anatomen Arnold zu gewinnen, der sich mit großer Anerkennung über den Fleiß, die gediegenen Kenntnisse und das eminente Geschick des Schülers im Anfertigen anatomischer Präparate aussprach. Das Wintersemester 1843–44 verlebte L. auf der Universität zu Heidelberg, wo er sich namentlich an den klinischen Vorlesungen von Puchelt und Naegele betheiligte; dann kehrte er nach Freiburg zurück und legte im Winter 1844 die ärztlichen Staatsprüfungen in Karlsruhe ab, aus welchen er mit dem Zeugnisse „vorzüglich in allen Fächern“ hervorging. – Er habilitirte sich darnach als praktischer Arzt in Meersburg und erwarb sich ein Jahr darauf, nach Einsendung der von ihm verfaßten Inauguraldissertation über die „Entwickelungsgeschichte der Formbestandtheile des Eiters und der Granulationen“, bei der Freiburger medicinischen Facultät die Doctorwürde. – Noch in demselben Jahre übernahm L. für kurze Zeit die Stelle eines Assistenten bei dem Chirurgen Stromeyer und trat dann eine wissenschaftliche Reise nach Paris, Wien und Oberitalien an, auf der er nicht nur seinem Specialfache Aufmerksamkeit schenkte, sondern auch der Kunst lebte, für welche er vermöge des bei ihm hoch entwickelten Formsinnes, der sich namentlich in den von ihm später veröffentlichten anatomischen Arbeiten sehr bestimmt ausspricht, stets ein lebhaftes Interesse gehabt hatte. – Von seiner Reise zurückgekehrt, ließ er sich in seiner Vaterstadt als Arzt nieder, fühlte sich aber hier in der mit den Bewegungen des Jahres 1848 entwickelten radikal-politischen Strömung wenig behaglich und folgte daher im April 1849 mit Freuden einem Rufe als Prof. extraord. und Prosector nach Tübingen, der auf Wunderlich’s Veranlassung an ihn ergangen war. Nach Arnold’s Abgang von Freiburg[1] nach Heidelberg (1853) wurde ihm provisorisch der Lehrstuhl für pathologische, chirurgische und mikroskopische Anatomie und das Directorium der anatomischen Anstalt in Freiburg[1] übertragen, zwei Jahre später wurde er zum Prof. ord. daselbst ernannt und ins dieser Stellung ist er bis zu seinem, am 1. März 1875 erfolgten Tode verblieben. – In den letzten Jahren seines Lebens hatte sich bei dem bis dahin rüstigen Manne ein auffallend starker und schneller Verfall der Kräfte und des äußeren Aussehens, sowie eine trübe Gemüthsstimmung bemerklich gemacht, über dessen ominöse Bedeutung er selbst sich nicht täuschte. Seit den Herbstferien 1874, welche L. in Baden-Baden verlebte, traten vorübergehende [654] Anfälle von Bewußtlosigkeit und Sprachstörungen ein, welche seine Lehrthätigkeit, die er nach Schluß der Ferien wieder aufgenommen hatte, erheblich beeinträchtigten. Am 26. December wurde er von einem schweren apoplektischen Anfall betroffen, am 13. Februar 1875 wiederholte sich derselbe und ein dritter Schlaganfall am 1. März machte seinem Leben ein Ende. – Die Section wies Hypertrophie des linken Herzventrikels, weitverbreitete Erkrankung (Atherom) der Arterien und im Gehirne neben mehreren älteren apoplektischen und Erweichungsheerden einen frischen Bluterguß nach, welcher die Ursache des Todes abgegeben hatte.

L. nimmt unter den Anatomen der neuesten Zeit eine ganz hervorragende, unter den Vertretern der topographischen Anatomie wol eine der ersten Stellen ein. – In seinem wissenschaftlichen Leben und Schaffen lassen sich zwei Perioden unterscheiden: die eine, welche mit seinem ersten litterarischen Auftreten als Anatom, mit der Veröffentlichung der Schrift „Die Nerven in der harten Hirnhaut“, 4°, mit 3 Tafeln“ im J. 1850 beginnt und im J. 1860 endet, innerhalb welcher Zeit neben zahlreichen von ihm in verschiedenen Zeitschriften (Henle und Pfeufer, Zeitschrift für rat. Med.; Müller, Archiv für Anatomie; Virchow, Archiv für pathologische Anatomie; Zeitschrift Für Gynaekologie; Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie; Prager Vierteljahrschrift für praktische Heilkunde; Sitzungsberichte der Wiener Akademie u. A.) veröffentlichten Artikeln seine monographischen Arbeiten: „Die Nerven des menschlichen Wirbelkanals“, 1850, 4°, mit 2 Tafeln; „Die Structur der serösen Häute des Menschen“, 1851, 4°, mit 3 Tafeln; „Die Adergeflechte des menschlichen Gehirns“, 1855, 49, mit 4 Taf.; „Der Muscul. transv. colli des Menschen“, 1858, 8°, mit 1 Tafel; „Der Nerv. phrenicus des Menschen“, 1853, 4°, mit 3 Tafeln; „Die Halsrippen und die Ossa suprasternalia des Menschen“, 1859, 4“, mit 2 Tafeln (Abdruck aus den Wiener Sitzungsberichten); „Die Fascia pelvina in ihrem Verhalten zur hinteren Beckenwand“, 1859, 8°, mit 1 Tafel; „Der Herzbeutel und die fascia endothoracica“, 1859, 4°, mit 3 Tafeln; „Die Blutgefäße der Klappen des menschlichen Herzens“, 1859, 8°, mit 2 Tafeln; „Die anomale Artikulation des ersten Rippenpaars“, 1860, 8°, mit 3 Tafeln und „Der Hirnanhang und die Steißdrüse des Menschen“, 1860, 8°, mit 2 Tafeln“, erschienen sind, welche somit seine Leistungen im Gebiete der systematischen Anatomie umfaßt, und eine zweite Periode, welche bereits durch die im J. 1856 erschienene Schrift „Die Brustorgane des Menschen in ihrer Lage“, Fol., mit 6 Tafeln, eingeleitet, mit dem Erscheinen seines ausgezeichneten Werkes „Die Anatomie des Menschen, in Rücksicht auf die Bedürfnisse der praktischen Heilkunde bearbeitet“, 3 Bde. in je 2 Abtheilungen 1862–69 mit zahlreichen Holzschnitten, ihren Anfang nimmt, und in diesen, wie in den später erschienenen, vorzugsweise der topographischen Anatomie zugewendeten Arbeiten: „Die Venen des menschlichen Halses“, 1862, 4°, mit 2 Tafeln (abgedruckt aus den Wiener Sitzungsberichten); „Die Muskulatur am Boden des weiblichen Beckens“, 1862, 4°, mit 4 Tafeln; „Der Schlundkopf des Menschen“, 1868, 4°, mit 12 Tafeln; „Der Kehlkopf des Menschen“, 1871, 4°, mit 10 Tafeln, und „Die Lage der Bauchorgane des Menschen“, 1873, Fol., mit 5 Tafeln, den eigentlichen Glanzpunkt seiner wissenschaftlichen Leistungen bildet. – Er hatte sich, wie er in der Vorrede zu seinem Handbuche der Anatomie erklärt, in denselben die Aufgabe gestellt, „der Heilkunde eine Grundlage zu gewähren, welche jeder Zeit sowol das ärztliche Handeln sicher zu leiten vermag, als auch in den Stand setzt, in den Entwickelungsgang der Wissenschaft fördernd einzugreifen“, und man wird ihm das Zeugniß nicht versagen können, daß er diese Aufgabe erfüllt und mehr wie die meisten seiner Vorgänger und Zeitgenossen es verstanden hat durch Klarheit und Präcision in der Darstellung die Beziehungen der Anatomie zur Physiologie und zur praktischen [655] Heilkunde in das vollste Licht zu stellen und in diesen topographisch-anatomischen Arbeiten der ausübenden Medicin eine werthvolle Grundlage zu gewähren. Durch die vortrefflichen Abbildungen, welche er seinen Schriften beigegeben hat, wird der Werth derselben noch wesentlich erhöht. – Uebrigens hat L. nicht unterlassen, auch mehrere pathologisch-anatomische Beobachtungen mitzutheilen, welche er gelegentlich gemacht hatte. Luschka’s Bedeutung für die medicinische und speciell für die anatomische Wissenschaft spricht sich aber nicht nur in seinen litterarischen Leistungen, sondern auch in seiner Lehrthätigkeit aus. Seine Vorlesungen erstreckten sich über das ganze Gebiet der Anatomie, einschließlich der topographisch-chirurgischen und histologischen Seite derselben. Die anatomischen Uebungen leitete er mit größter Gewissenhaftigkeit viele Jahre lang gemeinschaftlich mit seinem bewährten Prosector, Professor Durfy. Seine Zuhörer, deren Zahl eine verhältnißmäßig sehr große war, fesselte er nicht nur durch die Klarheit des Vortrages in seinen Vorlesungen, auf welche er sich stets in der sorglichsten Weise vorbereitet hatte, durch die Eleganz in der Form derselben und durch die gewandte Verbindung anatomischer Daten in ihren Beziehungen zur Physiologie und praktischen Medicin, sondern auch durch das freundliche, wohlwollende Entgegenkommen, das er den oft aus weiter Ferne zu dem großen Anatomen herbeigeeilten Jüngern der Wissenschaft entgegentrug, die ihm die lebhaftesten Beweise ihrer Anhänglichkeit und Dankbarkeit nicht nur bei freudigen Gelegenheiten, bei dem 25jährigen Jubiläum, das er als Professor feierte, sondern auch während seiner Krankheit und an seinem Grabe gegeben haben. L. war eine milde, weiche, jedem Rohen abgeneigte Natur, in seiner äußeren Erscheinung, in seinem Auftreten elegant, etwas aristokratisch reservirt, dabei von angeborener Herzensgüte und Liebenswürdigkeit, im Ganzen eine in hohem Grade fesselnde Persönlichkeit, wie Schreiber dieser Zeilen bei einem einmaligen Zusammentreffen mit ihm selbst es erfahren hat. – Seiner letztwilligen Bestimmung gemäß sind sämmtliche von ihm hinterlassene Manuscripte verbrannt worden, darunter auch das Manuscript seiner Vorlesungen über „physische Anthropologie“, welche er seit dem Jahre 1849 alljährlich unter der größten Betheiligung und dem lebhaftesten Beifalle seiner Zuhörer gehalten hat.

Ueber sein Leben und seine Schriften vgl. die Nekrologe im Schwäb. Merkur vom 31. März 1875, S. 677, in Augsb. Allg. Zeitung Beil. vom 22. April 1875, S. 1741 und Langer in Wien. med. Woch. 1875, Nr. 16, S. 321.

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. a b S. 653. Z. 9 u. 7 v. u. l.: Tübingen (st. Freiburg). [Bd. 22, S. 794]