ADB:Müller, Wolfgang

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Artikel „Müller von Königswinter, Wolfgang“ von Franz Brümmer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885), S. 698–701, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%BCller,_Wolfgang&oldid=- (Version vom 21. Mai 2019, 23:21 Uhr UTC)
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Band 22 (1885), S. 698–701 (Quelle).
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Müller von Königswinter: Wolfgang M., eigentlich Wilhelm M. geheißen, wurde am 15. März 1816 zu Königswinter am Rhein unterm [699] Drachenfels geboren, wo sein Vater als praktischer Arzt lebte. Dieser übernahm schon 1819 die Stelle eines Kreisphysikus in Bergheim, einem Städtchen im Jülicher Lande, und hier empfing der Sohn die ersten Jugendeindrücke. Aus der „ziemlich guten“ Elementarschule Bergheims zu Verwandten nach Düsseldorf versetzt, besuchte er hier 1827–1835 das Gymnasium. In dieser Zeit wurde auch die Quelle der Poesie, die lange schon in ihm geschlummert hatte, ans Licht gerufen. Seine dichterischen Versuche, zuerst insgeheim betrieben, erlangten bald Aufmunterung, namentlich durch den damaligen Gymnasiallehrer, späteren Professor Fichte in Tübingen, der einigen Frühlingsliedern des jungen Dichters den Preis zuerkannte. Im Hause der Eltern, die inzwischen von Bergheim nach Düsseldorf übergesiedelt waren, machte M. die Bekanntschaft der Maler A. Achenbach, Alfred Rethel und Jakob Becker; in ihrem Umgange lernte er die Kunst verstehen und würdigen. Auch Robert Reinick, der Maler und Dichter, nahm sich des jüngeren Genossen freundlich an und sandte gelungene poetische Blumen desselben an Adalbert von Chamisso, der sie im „Musenalmanach“ dem Publikum vorlegte. Auf der Universität Bonn, die M. im J. 1835 bezog, studirte er zwar nach väterlichem Wunsche Medicin, ohne indes dem ihm angeborenen Triebe für das Schöne zu entsagen. Daher suchte er auch die bedeutenden Geister auf, die in jener Stadt damals den Musen huldigten, namentlich Kinkel und Simrock; ingleichen war ihm die Bekanntschaft mit Freiligrath und Matzerath, die gelegentlich in Bonn vorsprachen, von hohem Interesse. Ueber Dresden, wo er Tieck begrüßte, ging M. 1838 nach Berlin, um hier seine Studien fortzusetzen und 1840 sein Staatsexamen zu absolviren, worauf er bei einer der in Düsseldorf garnisonirenden Schwadronen als Chirurg eintrat und seiner Militärpflicht genügte. In dieser Zeit sammelte er seine „Junge Lieder“ (1841) und seine „Romanzen und Balladen“ (1841), welche beiden Bändchen von dem strengen Kritiker Wolfgang Menzel als „gar frisch, theils zärtlichen Inhalts, theils schöne und treue Landschaftsmalereien“ gekennzeichnet wurden. Der junge rheinische Poet nannte sich auf den Titelblättern seiner Erstlingsgaben, um sich von dem bekannten Dichter der Griechen- und Müller-Lieder, Wilhelm Müller, zu unterscheiden, Wolfgang, und fügte nach dem Vorbilde anderer Schriftsteller auch seinem Familiennamen noch den Namen seiner Geburtsstadt hinzu. Aus dem Militärdienst ausgetreten, begab sich M. 1842 nach Paris, um in den dortigen Spitälern seine medicinischen Studien fortzusetzen. Der Aufenthalt in dieser Weltstadt wurde ihm durch den Umgang mit Heinrich Heine, Georg Herwegh und Franz Dingelstedt doppelt angenehm; aber schon nach wenigen Monaten rief ihn der Tod des Vaters in die Heimath zurück und verwies ihn auf den eigenen Broterwerb. Er ließ sich in Düsseldorf als praktischer Arzt nieder und knüpfte hier abermals mit den Malern, zu denen er sich besonders hingezogen fühlte, den vielseitigsten Verkehr an. Die glückliche Einwirkung dieses frischen geistigen Umganges ist in seinem epischen Gedichte „Rheinfahrt“ (1846) unverkennbar. Dasselbe feierte den schönen heimathlichen Strom mit solcher Fülle von „Innigkeit, Wärme, Wahrheit und Wohllaut“, daß hier des Dichters eigenstes Wesen so recht aus der Natur, dem Leben und der Geschichte seiner Heimath empor gewachsen erschien. Im November 1847 gründete sich M. durch seine Vermählung mit Emilie Schnitzler aus Köln eine anmuthige Häuslichkeit und ließ zur Feier dieses Ereignisses einen Band „Gedichte“ (1847) ausfliegen, die das volle Glück der Liebe und die heiterste Seelenstimmung des für sein rheinisches Land begeisterten Sängers athmeten. Freilich die politische Gährung des Jahres 1848 trübte wieder einigermaßen den „goldigen“ Wein der Müller’schen Lyrik. Von Düsseldorf nach Frankfurt ins Vorparlament entsendet, begrüßte der Dichter den Umschwung der Dinge mit einer „Ode der Gegenwart“ (1848) und versuchte die Gegenbestrebungen durch ein satirisches Märchen „Germania“ (1848) [700] zu geißeln. Glücklicherweise dauerte der politische Rausch nicht lange; die rheinische Sagendichtung zog den Liebling in ihren Zauberbann zurück und gab ihm wieder die wohlklingende Laute in die kunstgeübten Hände. So entstanden – abgesehen von dem „Kinderleben in Liedern und Bildern“ von Th. Mintrop (1850) und den Gedichten „Zu Goethe’s hundertjähriger Geburtstagsfeier“ (1849) – in den folgenden Jahren „Lorelei. Rheinsagen-Buch“ (1851); „Die Maikönigin. Eine Dorfgeschichte in Versen“ (1852); „Prinz Minnewein. Ein Mittsommerabendmärchen“ (1854); „Der Rattenfänger von St. Goar. Eine rheinische Kleinstädtergeschichte“ (1854); ein Band lyrischer Gedichte „Mein Herz ist am Rheine“ (1857) und die deutsche Reitergeschichte „Johann vom Werth“ (1856). In allen diesen Werken erschien der Reiz, die Kraft und das Vollmaß des Müller’schen Talents zur duftigen Blüthe entwickelt, in der nichts ungesundes und krankhaftes war. Seine Lyrik imponirt zwar nicht durch Tiefe der Leidenschaft, Originalität und hohen Gedankenflug, gewinnt uns aber durch ihren frischen und freien Hauch, ihren musikalischen Ausdruck, ihren zarten Schmelz und sinnlich-poetischen Duft, sowie durch die vorherrschend freudige Natur- und Weltanschauung. Betritt dagegen M. das epische Gebiet, so entfaltet er den ganzen Reichthum seines hervorragenden Talents. „Seine Sprache ist reich und gebildet, seine Verse sind wohllautend, seine Reime beinahe immer glücklich und ungesucht. Seine Gedanken sind immer schön, seine Darstellung ist immer einfach, ruhig und klar.“ – Schon seit 1853 hatte M. seine ärztliche Berufsthätigkeit in Düsseldorf eingestellt und seinen Wohnsitz in Köln genommen, wo er sich nunmehr ganz schriftstellerischer Thätigkeit widmete. In dankbarer Erinnerung an die geistigen Anregungen, die er in der Malerstadt empfangen, widmete er den „Düsseldorfer Künstlern aus den letzten 25 Jahren“ (1854) eine Reihe kunstgeschichtlicher Briefe, übernahm später (1860–1866) auch die Leitung des schon einmal (1851–1852) redigirten „Düsseldorfer Künstler-Albums“, wodurch er eben seine aufrichtige Liebe zur bildenden Kunst bezeugte. Sonst wandte M. seine Thätigkeit vorwiegend der Erzählung und Novelle zu. Außer dem „Münchener Skizzenbuch“ (1856), dem Essay über Alfred Rethel (1861) erschienen die „Erzählungen eins rheinischen Chronisten“ (II, 1860 bis 1861); die deutschen Adelsgeschichten „Vier Burgen“ (1864); die ländlichen Geschichten „Von drei Mühlen“ (1865); die Künstlergeschichten „Zum stillen Vergnügen“[WS 1] (II, 1865); das „Rheinbuch“ (1856), Geschichte, Sage, Volksleben und Landschaften des Rheins schildernd; „Eine Fahrt durch’s Lahnthal“ (1865) und „Sommertage im Siebengebirge“ (1867). In allen diesen Novellen, Geschichten und landschaftlichen Bildern, welche meistens auch die Heimath ihres Verfassers wiederspiegeln, finden wir Erfindungsgabe, lebenswarmen Anhauch und Lebendigkeit der Gestaltung, wie reizende Gemüthlichkeit, Geist und Humor. Zwischendurch lieferte er auch wol noch ein poetisches Werkchen, wie das epische Gedicht „Aschenbrödel“ (1862) und das „Märchenbuch für meine Kinder“ (1866). Im letzten Jahrzehnt seines Lebens bewarb sich M. auch vielfach um die Gunst der dramatischen Muse, und in einem besonderen Falle mit ganz entschiedenem Glück. Am 2. November 1863 verhalf Friederike Goßmann seinem Lustspiele „Sie hat ihr Herz entdeckt“ in Nürnberg zu einem glänzenden Siege, und gehört dasselbe seitdem zum ständigen Register der deutschen Bühne. Dieser schöne Erfolg feuerte den Dichter an, auf der so glücklich betretenen Bahn weiter zu schreiten, und so entstand denn seitdem eine Reihe von Dichtungen, von denen ein Theil als „Dramatische Werke“ (VI, 1872) erschienen ist. Eine nach dem Süden unternommene Reise zeitigte 1868 ein Büchlein, das unter dem Titel „Der Pilger in Italien“ in einer großen Anzahl von Sonetten die dort empfangenen Eindrücke wiedergab. In dem darauf folgenden Jahre hatte der Dichter [701] den herben Schmerz zu bestehen, seinen ältesten Sohn, einen hoffnungsvollen Jüngling, an einem unheilbaren Lungenleiden erkranken, hinsiechen und sterben sehen zu müssen. Seitdem schien seine Seele nicht mehr die alte Fröhlichkeit zu haben, sondern von einem leisen Flor bedeckt zu sein. In dieser schwermüthigen Stimmung suchte er Trost bei der alten lieben Romantik und dichtete den „Zauberer Merlin“ (1871). Das Kriegsjahr 1870 gab ihm wieder neue Spannkraft und „Durch Kampf zum Sieg“ (1870) sang er eine Reihe kräftiger patriotischer Streitlieder, wie er denn auch, um den vom Schlachtfelde heimkehrenden verwundeten Kriegern sich hülfreich zu erweisen, zeitweise zu seinem ärztlichen Berufe zurückkehrte. Im J. 1871 begann er die Werke seiner eigentlichen Blüthezeit gesammelt herauszugeben; doch erlebte er den Abschluß dieser Sammlung „Dichtungen eines rheinischen Poeten“ (VI, 1871–1876) nicht mehr: ein Leberleiden machte im Sommer 1873 seine Uebersiedelung nach dem Bade Neuenahr nöthig, und dort ist er am 29. Juni 1873 gestorben. Seine Ruhestätte hat er in Köln gefunden.

Kölnische Zeitung vom 5. Juli 1873. – Ignaz Hub, Deutschlands Balladen- und Romanzendichter, 3. Bd., S. 263. – Kurz, Geschichte der deutschen Litteratur, 4. Bd., S. 184 u. 394. – Joh. Minckwitz, Der neuhochdeutsche Parnaß, S. 600.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: schließendes Anführungszeichen fehlt