ADB:Mancinus, Thomas

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Artikel „Mancinus, Thomas“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 163–164, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Mancinus,_Thomas&oldid=- (Version vom 20. September 2019, 08:29 Uhr UTC)
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Mancinus: Thomas M., ein Componist des 16. Jahrhunderts, der nach einem Bilde zu urtheilen ums Jahr 1550 in Schwerin i. M. geboren ist. Von 1572–1578 war er Cantor an der dortigen Fürstenschule, ging dann nach Berlin und 1584 als „Musikus“ in braunschweigische Dienste. Zuerst berief ihn der kunstliebende Heinrich Julius, damals noch Erbprinz und Bischof von Halberstadt; 1587 zu Michaelis aber ward er von dessen Vater Herzog Julius als Kapellmeister in Wolfenbüttel angestellt. Im J. 1604 wurde er mit 200 Thaler pensionirt und erhielt die dortige Bibliothekarstelle. Fr. Chrysander theilt in seinen Jahrbüchern für musikalische Wissenschaft I, 148 und 150, auch im Archiv für Landeskunde, Schwerin 1854, Heft 4–6 mit, daß sich in den Akten obiger Bibliothek (soll heißen des Wolfenbütteler Archivs) zahlreiche Nachrichten über ihn finden, die aber sein früheres Verhältniß zur Musik nicht berühren. Mancinus’ beide Söhne, Thomas jun. und Jacob, waren um 1606/7 ebenfalls Mitglieder derselben Kapelle. M. hat ein Heft Lieder zu 4 und 5 Stimmen (Helmstädt 1588), eine Passion (Wolfenbüttel 1620) und mehrere Gelegenheitsgesänge im Druck hinterlassen, die sich auf den Bibliotheken in München, Göttingen, Berlin und Königsberg befinden. Eine 6stimmige Ode („Cantio nova“) auf den nachmaligen König Christian IV. von Dänemark (also jedenfalls vor 1588), seit 1590 Heinrich Julius’ Schwager, findet sich in prachtvoller druckähnlicher Handschrift auf gr. Royalpapier in der Kopenhagener kgl. Bibliothek. Der Satz ist namentlich harmonisch sehr schön. M. nennt sich hier noch „Chori musici magister domini Henrici Julii Episcopi Halberstadensis“. Die Passion [164] ist noch ganz im alten choralartigen und psalmirenden Tone abgefaßt und flößt uns kein weiteres Interesse ein, dagegen ist das Buch „Neue lustige und höfliche weltliche Lieder“ werthvoller. Es enthält 6 italienische Lieder, 26 deutsche und 2 lateinische. Die Sprache hat auf die Art der Composition keinen Einfluß und sie sind sämmtlich in der damals beliebten Art componirt: kleine winzige Motive, die sich in schneller Folge eines an das andere reihen, ein leicht geschürzter Contrapunkt, der sich fast der Homophonie nähert und viele kleine Noten, auf die Silbe für Silbe schnell ausgesprochen werden, vielleicht eine Erbschaft der schnellzüngigen Italiener. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts hatten die Deutschen für ihr Lied einen bestimmten Typus. Die alte Volksweise oder eine selbst erfundene Melodie, die denselben innigen, oft schwärmerischen Ton der alten Weisen zu treffen wußte und deren manche später zu vortrefflichen Choralmelodien wurden, bildete im Tenor die Grundidee des Tonsatzes, um die sich dann die anderen Stimmen in langathmigen Perioden und in contrapunktisch geführter Weise wie Ranken legten. Mit 1550 bricht diese Behandlung wie plötzlich ab. Die alten Weisen verstummen, obgleich die Texte noch lange wiederkehren, oft recht verstümmelt, und an die Stelle tritt ein kurzathmiges, nur kleine Motive enthaltendes, wenig contrapunktisch geführtes Gewebe von Stimmen, das sich auch oft in harmonische Wohlklänge auflöst. Ich habe an anderer Stelle versucht, diesen totalen Umschlag in der Behandlung einer Compositionsform den damals in Deutschland lebenden berühmten Niederländern zuzuschreiben, die sich des deutschen Liedes bemächtigten, wie Lassus, Le Maistre, Regnart u. A., denen sich auch die Italiener Scandelli und Pinelli anschlossen, worauf denn der Deutsche, stets bereit das Auswärtige dem Einheimischen vorzuziehen, die neue Art sich bald zu eigen machte. Hierbei wirkte noch mit, daß um 1550 der letzte der berühmten Componisten Deutschlands aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts starb und keiner da war, der die Erbschaft anzutreten im Stande war. So fiel sie unbehindert den Niederländern zu, bis H. Leo Haßler sie ihnen wieder entrang (um 1600), indem er das deutsche Lied, wenn auch in neuer Form und neuem Geiste, so doch in deutscher Weise wieder herstellte. Mancinus’ Tod fällt zwischen den 8. October 1611 und den 20. Mai 1612, so daß die Passion, welche 1620 erschien, erst nach demselben veröffentlicht worden ist.