ADB:Marnix, Philipp von

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Artikel „Marnix, Philipp v.“ von Karl Theodor Wenzelburger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 397–400, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Marnix,_Philipp_von&oldid=2516125 (Version vom 19. Dezember 2018, 01:55 Uhr UTC)
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Marnix: Philipp v. M., Herr von Mont St. Adelgonde, Souburg und Touwink, Staatsmann, Soldat, Theolog und Gelehrter, eine der bedeutendsten Figuren aus dem niederländischen Unabhängigkeitskampf, geb. 1538 in Brüssel aus einer der Reformation ergebenen Familie, studirte, wie die meisten reformirten Niederländer der damaligen Zeit, in Genf unter Calvin und Beza Theologie, besuchte dann noch einige andere Hochschulen, an denen er sich dem Studium der Rechtswissenschaften widmete und kehrte im J. 1560 in sein Vaterland zurück, wo er alsbald den thätigsten Antheil an den religiösen und politischen Ereignissen nahm. Unermüdet war er im Anfang de sechziger Jahre für die Sache der Reformation thätig und mit zuversichtlicher Glaubensfreudigkeit hoffte er trotz der immer heftiger werdenden Verfolgung auf den endlichen Sieg der „guten Sache“. Zum Zustandekommen des Bundes der Edlen hatte er neben Ludwig von Nassau am meisten beigetragen, und wenn alle Mitglieder des Bundes von demselben Eifer für die Sache des Volkes beseelt gewesen wären, dann wäre letzterem sicher viel Jammer und Leid erspart geblieben; er war denn auch einer der ersten, welche die Bittschrift an die Statthalterin um Suspendirung der Religionsplakate unterzeichneten. Daß die Protestanten aus ihrer passiven Rolle heraustraten, ist zum guten Theile sein Verdienst, denn bei der Zusammenkunft der reformirten Consistorien in Antwerpen im J. 1566, wo das reformirte Glaubensbekenntniß festgestellt und die bekannte Vorstellung an Philipp II. erlassen wurde, war er einer der Wortführer und zu dem Beschlusse, nicht mehr heimliche, sondern öffentliche Predigten und Gottesdienste abzuhalten, hat er aus voller Ueberzeugung mitgewirkt und es mag als Beweis des hohen Ansehens, in dem er stand, dienen, daß er zum Schatzmeister und Verwalter der von den Consistorien aufgebrachten Summen angestellt wurde, welche zum bewaffneten Widerstand gegen die Regierung dienen sollten. Allein der Bildersturm und die darauf erfolgte Sendung Alba’s in die Niederlande vereitelten alle derartigen Anstrengungen und M. sah sich genöthigt, mit Oranien und anderen Protestanten vor der Ankunft Alba’s das Land zu verlassen. Eine Zeit lang war er im Dienste des Kurfürsten von der Pfalz, der ihn zum Kirchen- und Staatsrath ernannte, aber bald rief ihn Oranien zu sich und von nun an ist er ein treuer und unermüdlicher Rathgeber und Diener des Prinzen, der seiner diplomatischen Gewandtheit und seiner hinreißenden Beredsamkeit die wichtigsten Erfolge zu verdanken hatte. Am 15. Juli 1572 wurde die erste Staatenversammlung in Dordrecht gehalten, in der M. eine lange und energische Rede hielt, die Verdienste Oraniens um die Sache des Vaterlandes und der Glaubensfreiheit hervorhob, die Versammelten zur Ausdauer und zur Opferfreudigkeit anspornte und in Folge seiner dringenden Vorstellungen die Versammlung dazu brachte, daß sie Oranien als königlichen Statthalter über Holland, Zeeland, Westfriesland und [398] das Stift erkannten und die von dem Prinzen geforderten Summen zur Fortsetzung des Widerstandes gegen Spanien bewilligten. In den verschiedensten Stellungen, bald als Unterhändler, bald als Stellvertreter des Prinzen, bald als Truppenführer, diente er in den folgenden Jahren der Sache der Provinzen, fiel aber (1573) in einem Gefecht bei Maaslandsluis in die Hände der Spanier. Daß er nicht hingerichtet wurde, hatte er nur dem Umstande zu verdanken, daß einige Wochen vorher Alba’s Admiral, Bossu, in einem Seegefecht auf der Zuidersee in die Hände der Niederländer gefallen war und Oranien Alba mittheilen ließ, daß Bossu dieselbe Behandlung und dasselbe Schicksal erfahren solle, wie M. Zwei Jahre dauerte seine Gefangenschaft und erst im October 1574 wurde er in Freiheit gesetzt. Bei allen wichtigen Ereignissen der folgenden Zeit – Friedensanträge Spaniens, Pacification von Gent – tritt sein Name in den Vordergrund. In der Versammlung der Generalstaaten in Brüssel (Nov. 1576) brachte er im Namen des Prinzen den Antrag ein, Geld in Deutschland aufzunehmen und Kriegsvolk zu werben, um jedem Anschlag Don Juans wirksam zu begegnen. Als der Prinz von Oranien mit dem Gedanken umging, sich mit Charlotte von Bourbon zu vermählen, die sich am Hofe des Pfalzgrafen aufhielt, ging M. dahin als Unterhändler, bei welcher Gelegenheit er sich vergeblich bemühte, die deutschen Fürsten für die Sache der Niederlande zu interessiren, wie auch sein späteres Auftreten auf dem Reichstage in Worms (1578), wo er als Abgesandter der Generalstaaten und des Erzherzogs Matthias die bekannte ergreifende Rede hielt („tua, tua res agitur“), durchaus nicht den gewünschten Erfolg hatte, da weder der Kaiser noch die übrigen Reichsfürsten zu bewegen waren, die Provinzen zu unterstützen. Von allen Seiten verlassen boten Holland und Zeeland bekanntlich Elisabeth die Souveränität an und bei der Gesandtschaft, die zu diesem Zweck nach England geschickt wurde, befand sich auch M. Man weiß, in welch’ hochfahrender Weise die Königin das Anerbieten abschlug und es mag damals wol der Grund zu der Antipathie gegen England gelegt worden sein, welche die spätere politische Wirksamkeit von M. charakterisirte. Nach seiner Rückkehr aus England sandte ihn der Prinz nach Gent, um den Excessen der dortigen Calvinisten gegen die Katholiken ein Ende zu machen, ohne daß es ihm jedoch gelang, sich des ihm gewordenen Auftrags mit Erfolg zu entledigen. Viel hervorragender war die Rolle, die er beim Abschluß der Union von Utrecht (1579) spielte, die für den Landrath, das vollziehende Organ der Union, aufgestellte Instruction rührt in ihren wesentlichen Bestandtheilen von ihm her. Bei der Gesandtschaft, die 1580 dem Herzog von Anjou die Souveränität über die Provinzen anbot, war auch er und er machte alle Anstrengungen, um eine Heirath zwischen Elisabeth und dem Herzog zu Stande zu bringen, den er 1581 nach England begleitete. Später, als die wahren Absichten Anjou’s kennbar wurden, zog er sich vom öffentlichen Leben eine Zeit lang zurück und lebte auf seinen Gütern in Zeeland, bis er im November 1583 von Oranien zum Bürgermeister von Antwerpen ernannt wurde. Dies war ein bedeutender Wendepunkt in seiner politischen Laufbahn. Treu und unerschütterlich hatte er bis jetzt dem Prinzen und der Sache der Freiheit gedient, aber als die Kugel des Mörders den „Vater des Vaterlandes“ hingestreckt hatte, schien auch das Selbstvertrauen und die Zuversicht von M. gewichen zu sein. Zwar ist sein bei der Vertheidigung Antwerpens gegen Parma an den Tag gelegter Heldenmuth über alles Lob erhaben, und wenn die seeländische Flotte ihre Pflicht und Schuldigkeit gethan hätte, so wäre Antwerpen der Republik und dem Protestantismus erhalten geblieben, jedenfalls hätte es den Widerstand noch bis zur Ankunft Leicester’s fortsetzen können, – aber M. ließ sich mit Parma noch während der Belagerung in Unterhandlungen ein, die zum allermindesten ein sehr zweideutiges [399] Licht auf seinen Charakter werfen und seine ganze Vergangenheit desavouriren mußten. Denn nicht nur war durch die Uebergabe Antwerpens der Verlust der südlichen Provinzen für die Republik definitiv besiegelt, sondern M. hatte sich selbst herbeigelassen das Versprechen zu geben, dafür zu wirken, um die abgefallenen Provinzen mit dem König von Spanien zu versöhnen, d. h. dieselben wieder unter spanische Botmäßigkeit zu bringen. Zu seiner Entschuldigung konnte er allerdings auf die Zusage Parma’s hinweisen, daß den Reformirten keinerlei Hindernisse bei der Ausübung ihrer Religion in den Weg gelegt werden sollten. Diese Leichtgläubigkeit des in der Schule des Schweigers herangewachsenen Staatsmannes mußte um so mehr überraschen, als er aus dem bisherigen Verhalten Philipps II. ohne Mühe erkennen konnte, daß der spanische König seinen Unterthanen nie und nimmer Gewissensfreiheit gewähren und daß er ein etwaiges durch den Drang der Umstände in dieser Richtung ihm abgepreßtes Zugeständniß erfahrungsgemäß doch niemals halten würde. Alsbald nach der Capitulation der Stadt wurde denn auch die ausschließliche Duldung der katholischen Religion dekretirt und die dortigen Protestanten mußten es noch als besondere Gnade des Königs anerkennen, daß ihnen noch eine Frist von zwei Jahren zugestanden wurde, innerhalb deren sie ihr Vermögen zu Geld machen konnten, um dann die Stadt zu verlassen. Selbstverständlich hatte sich M. dadurch in sehr schneidenden Contrast mit der Politik der abgefallenen Provinzen gesetzt, die die Herrschaft der englischen Königin angeboten hatten. „Lieber spanisch als englisch“ war sein Wahlspruch und es läßt sich deshalb auch begreifen, daß nicht nur das Volk, sondern auch Elisabeth und Leicester äußerst erbittert gegen ihn waren. Laut beschuldigte man ihn des Verrathes und sein Wunsch, Holland und Zeeland zu besuchen, wurde ihm rundweg abgeschlagen, da man ihn immer noch für einflußreich genug hielt, um durch die Macht seiner Beredsamkeit sich Anhänger zu verschaffen. M. suchte sich in mehreren Schriften zu vertheidigen und verlangte wiederholt, obwol vergeblich, ein öffentliches Gerichtsverfahren, um sich gegen die wider ihn vorgebrachten Beschuldigungen zu vertheidigen. Indessen mußten ihm über seine Verblendung und seine Leichtgläubigkeit – und dies ist der einzig begründete Vorwurf, der ihm gemacht werden kann – bald die Augen aufgehen. Antwerpens Reichthum und Handel war mit dem Einzuge der Spanier vernichtet und die Art, wie die Zusage Parma’s hinsichtlich der Duldung der Protestanten gehalten wurde, mußte ihn für immer von dem Glauben curiren, als ob sich Spanien in religiöser Hinsicht auf irgend eine Transaction einlassen würde. Er sah seinen Irrthum ein und nahm auch keinen Anstand ihn unumwunden einzugestehen, mit unermüdlichem Eifer sandte er seine Rechtfertigungsbriefe an angesehene und einflußreiche Personen in den Provinzen und in England, man sah ruhig zu, wie er nach Zeeland kam und in Souburg wohnte, Walsingham und Davison waren bald von seiner Unschuld überzeugt, in den Provinzen begann man sich seiner Verdienste wieder zu erinnern, mehr und mehr schwand der Verdacht, der seine Person umgab und selbst Leicester konnte nicht umhin, der Königin gegenüber für ihn Partei zu ergreifen, die sogar darauf gedrungen hatte, M. gefangen zu nehmen und ihn des Hochverraths anzuklagen. Aber der Mißgriff, den er gethan, daß er im gegebenen Augenblick sich auf die Seite Spaniens und nicht auf die Englands stellte, war nicht mehr gut zu machen; seine politische Laufbahn war geschlossen, er lebte lange genug, um sich gegen den auf ihn geworfenen Verdacht glänzend zu rechtfertigen und die Achtung der Edelsten und Besten seiner Zeit sowie des Volkes in den Provinzen wieder zu gewinnen, aber er mußte noch im kräftigsten Mannesalter sich vom politischen Leben zurückziehen. Die Umstände hätten es ihm möglich gemacht eine Hauptrolle in der ferneren Entwicklung zu spielen und es war unthunlich [400] für ihn, sich mit einer untergeordneten zu begnügen. Von einzelnen diplomatischen Sendungen abgesehen, zu denen er sich noch ab und zu gebrauchen ließ, beschäftigte er sich von nun an fast ausschließlich mit theologischen und wissenschaftlichen Studien, „er suche noch tiefer in den Geist der Reformation einzudringen“, sagte er, „und das jüngere Geschlecht mit noch innigerer Liebe zu der Lehre zu beseelen, die der Leitstern seines ganzen Lebens gewesen sei“. Auf Ersuchen der Staaten von Holland übernahm er 1593 die Aufgabe, die Bibel in die niederländische Sprache zu übertragen, nachdem er schon früher in seiner Gefangenschaft die Psalmen übersetzt hatte. Von 1586–1595 lebte er in Souburg, dann siedelte er im Interesse seiner Bibelübersetzung nach Leyden über, wo er am 15. December 1598 starb. „Repos ailleurs“ war sein Wahlspruch gewesen und getreu demselben hat er erst am Ende seines Lebens die Ruhe gefunden, die er sich auf Erden versagt hatte. Was den religiösen und theologischen Standpunkt von M. betrifft, so war er ein starrer und unbeugsamer Calvinist, der auf kirchlichem Gebiet jeden Transactionsversuch mit Entrüstung verwarf. „Lieber sterben, als lutherisch werden“ hatte er sich einmal geäußert und man begreift darnach, wie er sich zu dem vom Schweiger gehandhabten Princip der Gewissensfreiheit verhielt. Von seinem exclusiv calvinistischen Standpunkte aus fordert er für die Obrigkeit das Recht, Alle, die von der „wahren Religion“ abweichen, zu verfolgen, nöthigenfalls auch zu vertilgen. Seine theologischen Streitschriften, deren eine ziemliche Anzahl von ihm geschrieben sind, sind deshalb auch in sehr entschiedenem, bald heftigem, bald ironischem Ton verfaßt. Sein bedeutendstes Werk ist der „Byenkorf der H. Roomsche Kerke“, den bekanntlich Johann Fischart deutsch bearbeitet hat; zur Abfassung einer „Geschichte der reformirten Kirche“, wozu er von den Staaten von Holland mehrmals aufgefordert wurde, ist er nicht mehr gekommen. Das bekannte „Wilhelmuslied“ ist aller Wahrscheinlichkeit nach von M. Der französischen und der vlämischen Sprache gleich gut mächtig ist er einer der besten Prosaisten seiner Zeit und seine Schriften zeichnen sich ebenso durch Schönheit und Eleganz der Sprache wie durch ungemeine Klarheit aus. – Die Litteratur über M. ist eine ungeheuer reichhaltige, sowol Verehrer als Gegner haben sich im Laufe der Zeit mit dem Charakter und der Wirksamkeit dieses merkwürdigen Mannes in der eingehendsten Weise beschäftigt.