ADB:Nobile, Peter von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Nobile, Peter von“ von Franz Vallentin (Kunsthistoriker) in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 638–642, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Nobile,_Peter_von&oldid=- (Version vom 20. Mai 2019, 01:22 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Noë, Heinrich
Band 52 (1906), S. 638–642 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Peter von Nobile in der Wikipedia
GND-Nummer 121066215
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|52|638|642|Nobile, Peter von|Franz Vallentin (Kunsthistoriker)|ADB:Nobile, Peter von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=121066215}}    

Nobile: Peter von N., k. k. Hofbaumeister, geboren 1774 zu Campestre im Kanton Tessin, † am 7. November 1854 in Wien.

Seine erste wissenschaftliche Ausbildung erhielt er in Triest, seiner Geburtsstadt und der Grabstätte Winkelmann’s, des litterarischen Begründers des neuzeitlichen Classicismus. In jener Zeit, in der man als einzigen Canon und Nährboden für jeden Zweig der bildenden Kunst die Antike betrachtete, schien es auch für Nobile unumgänglich, seine Schulung in Rom zu vollenden. Er fand hier sowol die letzte Vorbildung zu seiner späteren Thätigkeit als praktischer Ingenieur wie die Festigung seines Geschmackes und der Richtung seiner eigenen architektonischen Formenwelt, für die er Vitruv, Vignola und Palladio zum Codex erhob. Nach Triest zurückgekehrt, beginnt er seine eigentliche Schaffenszeit und genießt als Ingenieur bald einen anerkannten Ruf, der ihm zunächst den Titel eines k. k. Oberingenieurs für die Bezirke Triest, Istrien, Görz, Adelsberg und Fiume verschafft. In den Jahren 1815–1818 leitet er so im Auftrage der Regierung mehrere öffentliche Bauten. Hierher gehören eine Brücke über den Canal, die gegenwärtige Handels- und nautische Akademie und der 1817–1818 erbaute säulenartige Leuchtthurm von St. Salvore. Aufsehen erregte damals hierbei der erste Versuch, die Laterne [639] des Leuchtthurms mit Gas anstatt mit Oel zu speisen. Eine eigene Broschüre darüber wurde, mit einer lithographirten Darstellung versehen, 1822 in Wien gedruckt. Auch einige Privatbauten wurden in Triest nach seinen Entwürfen und Plänen ausgeführt. Für die Ausgrabungen um Pola und Aquileja wurde er mit der Leitung der Arbeiten betraut und zu diesem Zwecke immer wieder, wenn man den damals arg mitgenommenen Staatsfond in Betracht zieht, mit verhältnißmäßig hohen Geldern unterstützt. Dafür waren aber bedeutende Fortschritte zu verzeichnen. Zwei dem Einsturz nahe Bogen des Amphitheaters daselbst werden unter anderen hergestellt, die Triumphbogen und die zwei schönen Tempel von den angebauten kleinen Häusern und Gartenmauern befreit, gereinigt und gestützt, wie man überhaupt die energische Inangriffnahme einer archäologischen Freilegung dieser ganzen Gegend nicht zum kleinen Teil Nobile’s Wirksamkeit zu verdanken hat. Es erfolgt nun seine Berufung nach Wien, wo er zum k. k. Hofbaumeister avancirt und zum Director der Architekturschule an der Akademie der bildenden Künste ernannt wird. In dieser Stellung war er bis in sein hohes Alter thätig, schuf neben vielen kleineren und größeren Utilitätsbauten jene beiden Wiener Monumente, die wegen ihrer vornehmen künstlerischen Erscheinung und ihres engen Zusammenhanges mit dem öffentlichen Leben immer wieder das Augenmerk auf sich ziehen und zugleich den compromisfreien schroffen Ausdruck einer Persönlichkeit wie einer Zeitströmung verkörpern: das Burgthor und den Theseustempel. Diese seine Hauptwerke bedeuten den Höhepunkt seines Schaffens und seiner Laufbahn. Das äußere Burgthor, erbaut 1821–24, ist mit seinen drei nach außen beabsichtigt schmucklos und massig wirkenden Gliedern und seiner vorherrschenden Längentendenz gedacht als eine fünfthorige Oeffnung der ehemaligen Festungsmauern. Daher ist auch der ganzen Außenseite der Charakter einer schwerfälligen, gedrängten, massiven Mauerfront gegeben: einfach, trotzig und starr. Die beiden Seitenflügel haben in ihrer monotonen breiten Fläche nach außen hin keine andere Unterbrechung als je ein niedrig über dem Erdboden angebrachtes vergittertes Rundbogenfenster. Vier breite, gedrungene, dorische Pfeiler tragen die Bogen des Thoreinganges. Ueber das Ganze lagert sich der einfache, dorische Triglyphenfries mit Gesims und einer einzigen Attika über dem Mitteltheil. Die Durchgangshalle selbst (38 Klafter Länge, die Säulen 27 Fuß hoch bei 4 Fuß 7 Zoll Durchmesser) wird von fünf Stützenreihen gebildet: zwei Reihen von je vier dorischen Pfeilern nach außen, von denen je zwei hinter einander stehende durch Mauerwerk verbunden sind, und drei Reihen von je vier dorischen Säulen nach innen hin. Demgemäß wirkt die Structur der inneren Façade mit der auch in den Seitenflügeln beibehaltenen Säulenarchitektur um vieles leichter und bewegter. Den vorspringenden Seitenflügeln lagert sich ein Porticus von vier dorischen Säulen, die von zwei starken Eckpfeilern flankirt werden, vor, sodaß sich der Rhythmus des Thordurchganges hier wiederholt findet. Zugleich bilden die Säulen an sich einen vornehmen Schmuck, der als Vorklang und Entree zu einem Palastinnern wohl angebracht ist. Jedoch geben dem Ganzen der Contrast zu dem zierlichen Empire der Hofbauten des Paradeplatzes, den das Thor abschließt, wie das Fehlen der Mauer, als deren Oeffnung es einzig gedacht ist, das Aussehen eines überflüssigen zweckberaubten Daseins. Vielleicht mag es auch wirklich nicht lange dauern, so wird es möglicherweise einem Plane weichen, der die beiden Museen durch große Triumphbogen mit dem Paradeplatz verbinden und so das ganze Areal zu einem großen zusammenhängenden Complex gestalten will. Welche Bedeutung aber bei seiner Entstehung diesem Monument beigemessen wurde, erhellt aus einem Berichte der Grundsteinlegung, die am 22. September 1821 stattfand. Derselbe ist auch [640] insofern von Interesse, als er einmal eine gewisse ärmliche Freude an der Nachahmung des Augusteischen Zeitalters verräth und ferner einen Einblick gewährt in die damals bei allen Gelegenheiten beobachtete Bedachtsamkeit auf den Staatsfond, die ja zur Zeit geboten schien, leider aber auch die übeln Consequenzen jener unkünstlerischen, nur von den Rechnungsbureaux ausgehenden Bauweise hatte. „Um diese, die Hauptstadt und das Herz des Kaiserreiches, den Sitz des kaiserlichen Vaterhauses verherrlichenden Arbeiten für den Staatsschatz möglichst wenig lästig zu machen, wurden sie (ein wahres Römerwerk, auch nach Römerweise) einzig durch das Militär ausgeführt. Da die Fundamente zum neuen Burgthor beendigt waren, wurde am 22. September vorigen Jahres von dem Monarchen der Grundstein gelegt. Ein Bataillon Grenadiere und die gesammte Arbeitsmannschaft war auf dem großen neuen Platze vor der Burg aufgestellt. Ein Prachtgezelt erhob sich auf demselben. Kunstreiche Tapeten und köstliche Teppiche bedeckten die sichtbaren Grundmauern und die sanfte Abfahrt von diesem Zelte bis zum Grundstein. Jenseits des Grundsteins auf den bereits vollendeten Thorfundamenten war das Capellenzelt. Se. Majestät der Kaiser und König, umgeben von dem gesammten Allerhöchsten Hofe und den ersten Behörden des Staates und Krieges unterfertigten die Urkunde dieser Feier, legten unter den hergebrachten Gebräuchen den Grundstein, nach dessen Vermauerung ein Te Deum unter Salven und Musikchören die schöne Feier beschloß; den gerechten Stolz auf die Glorie der Waffen und den Einklang jener Segenswünsche austönend, welche die Herzen aller Anwesenden für den Kaiserstaat und für das Kaiserhaus in höchster Rührung durchglühten.“

Der Theseustempel im Wiener Volksgarten entstand 1823. Das Vorbild dazu ist das Theseion von Athen, hier in kleinerem Maaßstab und mit einigen Veränderungen wiedergegeben: dorischer Peripteros, sechs Säulen unter den Giebeln und zehn statt dreizehn an jeder Langseite. Pronaos und Opistodom sind fortgelassen. Seitdem 1891 die Theseusgruppe von Canova, zu deren Beherbergung in der Cella der Tempel eigens gebaut wurde, im k. k. kunsthistorischen Museum untergebracht ist, dient er nur noch zur Ausstellung antiker Ausgrabungsfunde. Eine Arbeit von Anton v. Steinbüchel [WS 1] widmete sich diesem Bauwerke ausschließlich und erschien 1827 in Wien unter dem Titel „Beschreibung des Theseums und dessen unterirdischer Halle“. Auch von diesem ernsten Monument, das nur einem ästhetischen Trieb seine Entstehung verdankt, geht mit seiner wunderbaren Umgebung von duftiger Vegetation eine wirklich weihevolle Stimmung aus. Hier an diesem beliebten Tummelplatz der Jugend, die mit diesem Anblick aufwächst, hat man ein deutliches Gefühl von dem Contrast, in dem eigentlich dieser frühe antike Stil, um so krasser je getreuer er erfühlt ist, gegen die unter andern ethnographischen und historischen Bedingungen gewordene Cultur der Neuzeit steht. Gerade die classicistische Strömung dieser Tage und deren Hinterlassenschaft in ihrem Culturmilieu zeigt, welcher Zwischenraum zwischen den Gegenwartswerthen und den eingebildeten Idealen des damaligen Lebens lag. Welcher Zwiespalt besteht nicht zwischen dem einfach wuchtigen, energischen Charakter des dorischen Stils und der Sinnesweise des Wiener Blutes! Gegenüber der classicistischen Schwärmerei, die bald in sentimentaler Sehnsuchtspose, in übertriebenem pathetischen Heroismus oder kleinkrämerischer, archäologischer Gelehrtheit, bald in hohler Barockschwulstreminiscenz, bald in den Nachklängen leerer Rococotändelei sich den Namen des reproducirten griechisch-römischen Alterthums beilegte, wirkt die Echtheit der Nobile’schen Antike sympathisch. Aber gerade in dieser Echtheit liegt die Unverbindlichkeit mit dem Boden, auf den sie ohne Assimilation verpflanzt [641] ist, und damit ihre abseitige Verlassenheit inmitten eines biegsamen, leichtbeweglichen und heiteren Milieus. Was die Zeit von N. erwartete, dieser aber aus innerstem Wesen ablehnte, das versuchte, allerdings auch nicht mit vielem Glück, sein genialer Zeitgenosse Schinkel in Norddeutschland zu erfüllen: nämlich eine Brücke für die klaffenden Gegensätze des Romantischen und Classicistischen zu finden. Solange der Lösung dieser Aufgabe theoretisch nachgejagt wurde, fand man sie nicht. Und doch war sie bereits auf ganz selbstverständliche Weise in einzelnen Persönlichkeiten gefunden, während man darüber noch theoretisirte. Schinkel’s Geschmack erweitert sich zunächst auf den jonischen, korinthischen und Compositstil, und in der Folge experimentirt er in dem zeitgemäßen Streben nach einer Vereinbarung mit der gothischen Formenwelt. N. bleibt hart stehen bei seinem Dorismus und[WS 2] verkörpert damit die beschränkteste, aber in sich reinste Phase des Classicismus in der Baukunst des neunzehnten Jahrhunderts.

Im Wiener Volksgarten befindet sich außer dem Theseustempel noch ein Kaffeehaus, das 1823 nach Nobile’s Entwurf als halbkreisförmige Säulenhalle gebaut wurde. Inzwischen war er 1821 unter anderem bei der Quellregulirung in Gastein thätig, baut dann 1825 in Graz das Theater am Franzensplatz, 1827 die Kirche S. Antonio nuovo in Triest mit einschiffigem Innenraum, Säulenporticus und Giebel wieder in griechischem Stil, 1835 das Schlachtendenkmal bei Kulm, die Schloßcapelle im Fürst Metternich’schen Schloß Königswart in Böhmen. Aus seiner frühen Zeit stammt die schriftliche Skizzirung einer großen Denkmalsidee, die unter dem Titel: „Progetti di vari monumenti architettonici immaginati per celebrare il trionfo degli Augusti alleati, la pace, la concordia de’popoli e la rinascento felicità di Europa nell’ anno 1814“ gedruckt erschien. Für seine Verdienste wurde N. mit dem Orden der eisernen Krone dritter Classe ausgezeichnet. Der Nekrolog, den ihm das Deutsche Kunstblatt von 1854 widmete, zeigt, welche Sympathie und Achtung man seiner Persönlichkeit entgegenbrachte, trotzdem man sich damals nach dem Durchbruch und in der Blüthezeit der romantischen Ideale bereits von dieser orthodoxen Anhänglichkeit an die griechische Antike weit entfernt hatte:

„Peter v. N. starb nach langem Leiden in einem Alter von 80 Jahren am 7. November. Die letzten Jahre lebte er in Zurückgezogenheit, einfach und mäßig, der Kunst mit warmem Herzen zugethan, deren Fortschritt in den letzten Jahren er gern anerkannte, wenn auch schon längst der Kreis durchbrochen war, in den er sie zu bannen suchte. Die Akademie der bildenden Künste bewahrt im akademischen Lehrsaal ein schönes Denkmal seines Geistes. Es ist die Bibliothek, die P. v. N. noch bei seinen Lebzeiten der Akademie schenkte und welche dieselbe in einem vom Architekten van der Nüll entworfenen, mit dem Porträt-Basrelief Nobile’s verzierten Schranke daselbst aufrichten ließ. Er war von Gestalt klein und stark beleibt. Bis in seine letzten Tage bewahrte er die Heiterkeit und Lebendigkeit des Geistes. Er war ein Künstler von echtem Schrot und Korn.“

Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Wien 1869. Bd. 20, S. 376. – Hormayr’s Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst. Wien, Joh. Strauß. Jahrg. XII, 1821, Nr. 49; XIII, 1822, Nr. 2, 30/31 und 95. – Kunstblatt (Stuttgart, Cotta) 1826, 1845. – Deutsches Kunstblatt 1854, Nr. 47. – Nagler, Neues allgemeines Künstlerlexikon. München 1839. Bd. X, S. 247. – Giornale dell’ Ingegnere-architetto ed Agronimo (Milano) Anno II, 1854/55. – [642] Hevesi, Oesterreichische Kunst im 19. Jahrhundert. Leipzig, A. Seemann. 1903.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Anton von Steinbüchel (1790–1883), österreichischer Numismatiker und Archäologe
  2. Vorlage: nnd