ADB:Olearius, Gottfried (Professor der Theologie in Leipzig)

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Artikel „Olearius, Gottfried“ von Gotthard Lechler in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 24 (1887), S. 277–278, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Olearius,_Gottfried_(Professor_der_Theologie_in_Leipzig)&oldid=- (Version vom 24. Mai 2019, 21:46 Uhr UTC)
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Olearius: Gottfried O., Sohn des Johann O., der als erster Professor der Theologie und Senior der Universität Leipzig 1713 starb (s. u.), wurde am 23. Juli 1672 in Leipzig geboren. Ein frühreifes Talent, bezog er sehr zeitig die heimische Universität, um sich zunächst philologischen und philosophischen Studien zu widmen. Schon mit 20 Jahren promovirte er in rühmlicher Weise zum Magister. Im J. 1693 trat er eine längere Reise an, auf der er Holland und England besuchte, und sich mit berühmten Gelehrten jener Länder bekannt machte. Mit mehreren derselben, z. B. mit dem aus Deutschland gebürtigen, aber in England ansässig gewordenen Joh. Ernst Grabe, führte er später einen gelehrten Briefwechsel. In England zogen ihn besonders die Universitäten Oxford und Cambridge an. Am längsten hielt er sich in Oxford auf, wo er, mit den handschriftlichen Schätzen der Bodley’schen Bibliothek beschäftigt, ein volles Jahr blieb, indem er besonders griechische Handschriften aus dem classischen und dem christlichen Alterthum studirte. Nach Leipzig zurückgekehrt, warf er sich mit angestrengtem Fleiß auf die theologischen Studien, hielt aber zugleich philosophische Vorlesungen, und wurde 1698 zum Assessor der philosophischen Facultät ernannt, und schon 1699 zum Professor des Griechischen und Lateinischen befördert. Nun erwarb er sich die Würde eines Licentiaten der Theologie, wurde 1708 zum Professor der Theologie ernannt, und erwarb sich im gleichen Jahr die theologische Doctorwürde, während ihm theils zuvor, theils nachher verschiedene Functionen und Ehrenämter an der Universität zu Theil wurden. Am 23. April 1710 erhielt er eine Domherrnstelle am Hochstift zu Meißen, und am 11. Trinitatissonntag gleichen Jahres eröffnete er durch Predigt den neu eingerichteten Universitätsgottesdienst in der Paulinerkirche, der von da an durch ihn und seine theologischen Collegen regelmäßig gehalten wurde. Er verehelichte sich 1701 mit Christiane Sophie Alberti, nachdem aber diese schon im folgenden Jahr ihm durch den Tod entrissen worden, 1703 mit Christine Sabine Lang, die ihm mehrere Kinder schenkte, von welchen nur einige Töchter reifere Jahre erlebten. O. selbst starb, noch nicht 43 Jahre alt, am 10. November 1715 an Auszehrung, woran er mehrere Jahre gelitten hatte, die letzten Monate aber bettlägerig geworden war. Auf seinem Krankenbette bewies er fromme Geduld und Standhaftigkeit. Er bezeugte unter anderem: er habe nichts auf der Welt vollkommen befunden, als allein das Verdienst Jesu Christi, dessen er sich herzlich getröste. Seine letzten Worte waren: „Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben!“ Seine Demuth bethätigte er durch die letztwillige Verordnung, daß sein Leib in aller Stille, ohne Leichenpredigt u. dgl. beerdigt, und auf seinen [278] Grabstein nichts weiter gesetzt werden solle als oben die Worte: Gottfridus Olearius, Theologus Lipsiensis, hic situs est, und unten: Domine, misertus es mei, ut promiseras mihi, nach Psalm 119, 76. Diese Verfügung wurde von den Hinterbliebenen treulich beobachtet; von den vielen Gedichten, die zu seinem Ehrengedächtniß einliefen, wurde keines gedruckt. – O. war ein Mann von sehr lebendigem Geist und großer Selbständigkeit des Denkens, keineswegs ein einseitiger Gelehrter, sondern ein Freund der schönen Wissenschaften, ein gewandter Mann von den angenehmsten Umgangsformen, ein gediegener christlicher Charakter, ein Prediger, dessen lichtvolle Darstellung, dessen fesselnde Ausführung und überzeugende Kraft überaus hoch geschätzt wurde. Hatte schon der Vater in dem Conflict zwischen Orthodoxie und Pietismus eine unparteiische Stellung eingenommen, so war des Sohnes kirchlich theologischer Standpunkt noch selbständiger und unabhängiger. Er erklärte sich unverholen zu Gunsten Spener’s in seiner Vorrede zu einer lateinischen Uebersetzung von dessen Buch von der Natur und Gnade. Er hegte über manche Gegenstände des Glaubens originelle und selbständige Ansichten, gewährte auch anderen gleiche Freiheit und mißbilligte es, wenn Theologen sich wegen ihrer Ansichten gegenseitig verketzerten. Er selbst betheiligte sich an theologischen Controversen aus Grundsatz nicht. Seine Schriften sind überaus zahlreich und verbreiten sich über die mamiigfaltigsten Gebiete der Wissenschaft: Geschichte, Philosophie, Auslegung neutestamentlicher Stellen und Bücher, Glaubenslehre etc. Nachdem er von seiner englischen Reise zurückgekehrt war, berichtete er 1695 in einem Briefe (abgedruckt bei Ranfft, Leben kursächsischer Gottsgelehrten, II, 874 ff.) an den gelehrten Hamburger Philologen Fabricius über seine Studien auf der Bodley’schen Bibliothek. Man sieht daraus, wie viele griechische Schriften er dort in den Handschriften gefunden und zum Behuf des Druckes studirt hatte. Es sind darunter Reden und Briefe von Libanius, Bruchstücke von Porphyrius und Philoponus etc. Allein zur Ausführung sind diese Pläne größtentheils nicht gekommen. Eine Anzahl seiner exegetischen Dissertationen wurden unter dem Titel „Observationes sacrae ad Evangelium Matthaei“ gesammelt 1713 herausgegeben. Mehrere Schriften, z. B. eine von Johann Locke über Erziehung, hat er aus dem Englischen übersetzt, letztere ins Deutsche, andere, mehr gelehrte Bücher ins Lateinische.

Vgl. Acta Eruditorum 1716, p. 235 ss. – Ranfft, Leben kursächsischer Gottesgelehrten, 1742, II, S. 842 ff.