ADB:Peter von Zittau

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Artikel „Peter von Zittau“ von Johann Loserth in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 25 (1887), S. 476–478, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Peter_von_Zittau&oldid=- (Version vom 13. November 2019, 09:11 Uhr UTC)
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Peter von Zittau, der einzige Geschichtschreiber, welcher über die Anfänge und ersten Jahrzehnte des luxemburgischen Hauses in Böhmen ausführlich berichtet, der bedeutendste Geschichtschreiber Böhmens im 14. Jahrhundert überhaupt, wurde um 1275 in der Stadt, nach welcher er genannt wird und die damals zu Böhmen gehörte, geboren. Seine Lebensverhältnisse kennen wir erst von dem Augenblicke an, da er in das Cistercienserkloster Königsaal (Aula regia) eintrat, welches der König Wenzel II. ein Jahrzehnt zuvor gestiftet und reich begabt hatte. Sein Eintritt dürfte kaum vor 1303, nachdem er sich zuvor vergebens bei den Kreuzherren um Aufnahme beworben, erfolgt sein. Um 1308 beendete er sein Noviziat; acht Jahre später wurde er Abt des Klosters. In der Reihenfolge der Aebte war er der Dritte. Seine Verwaltung fiel in eine sehr schwere Zeit, denn die Steuern, die der unternehmungslustige König Johann dem Kloster auferlegte, stiegen allmählich ins Unerschwingliche, und so war das Stift um 1338 so herabgekommen, daß seine Auflösung wegen des Druckes der Schulden bevorstand und der Markgraf Karl von Mähren demselben 3000 Schock Prager Groschen vorzustrecken genöthigt war. P. entsagte unter diesen Verhältnissen gern seiner Würde (1338). Nicht lange hernach – wahrscheinlich 1339 – ist er gestorben.

Während seiner zum Theil aufreibenden Thätigkeit als Abt fand P. noch Muße zu schriftstellerischer Thätigkeit: er glänzte als Kanzelredner und hinterließ einen Band Predigten; seine Schrift – ein Lehrgedicht – über „die Erbauung eines angehenden Klerikers“ wurde seinerzeit gern gelesen und fand große Verbreitung. Am wichtigsten aber war es, daß er einen Theil seiner Muße historischen Studien zuwandte. An eigenen geschichtlichen Aufzeichnungen war Königsaal bei der kurzen Zeit seines Bestehens arm. Einige Notizen über die wichtigsten Punkte der böhmischen Geschichte wurden wohl bald nach 1292 aus bekannten Quellen zusammengestellt (die sog. Annales Aulae regiae). Als dann Wenzel II., der Zeit seines Lebens dem Kloster gewogen war und sich gern als Mitglied desselben betrachtete, 1305 gestorben war, ging man daran, sein Andenken durch die Abfassung seiner Lebensgeschichte zu verewigen, und diese Aufgabe [477] wurde dem Mönche Otto, genannt von Thüringen, der früher, freilich nur auf kurze Zeit (1297–98), das Kloster geleitet, einem kränklichen schüchternen Manne, übertragen. Derselbe, seiner Aufgabe wenig gewachsen, schrieb Wenzel’s Leben bis zum Jahre 1296 im Stile mittelalterlicher Legenden, verschwieg vieles und berichtete manches durchaus fehlerhaft. Nach Otto’s Tod forderte der Abt Johann III. von Waldsassen seinen Freund P. auf, die Biographie Wenzel’s zu beenden und dieser folgte dem Rathe; doch stellte er sich, es war das in der Zeit, da er zum Abt gewählt wurde, sein Ziel viel höher: „Ich werde“, sagt er in der Widmung an den Abt von Waldsassen, „nicht bloß von der Gründung von Königsaal und von den Königen Böhmens, die zu meiner Zeit gewesen sind, sprechen, sondern auch von anderen Königreichen und Ländern, geistlichen und weltlichen Fürsten, von verschiedenen Ereignissen, an denen sich des Lesers Sinn erbauen kann.“ Es sind also im Wesentlichen seine Erlebnisse, die er schildert und die man seine Memoiren zu nennen gewohnt ist – nicht ganz richtig, da er seine Nachrichten ziemlich gleichzeitig mit den Ereignissen niedergeschrieben.

Daß er zu dieser Arbeit in hohem Grade befähigt war, ist sicher: er führte eine gewandte und verhältnißmäßig gute Feder und hatte für das, was er erzählt, wofern er nicht Augenzeuge war, stets ausgezeichnete Quellen. Sehr viel dankt er dem ersten Abte von Königsaal, Konrad von Erfurt, einem tüchtigen Staatsmanne, der zu Wenzel II., Wenzel III., Rudolf I., dem Kaiser Heinrich VII., namentlich aber zu Peter v. Aspelt, dem Erzbischof von Mainz, in nahen Beziehungen stand. Seinem Abte hatte er es auch zu danken, daß er selbst bei bedeutenden Staatsactionen, wie z. B. bei der Erhebung des Luxemburgischen Hauses auf den böhmischen Thron thätig sein konnte. Im J. 1297 war P. Zeuge der Krönung, 1305 des Begräbnisses Wenzel’s II.; er sah nach dem Tode Wenzel’s III. die anarchischen Zustände in Böhmen und begleitete 1309 seinen Abt nach Heilbronn, wo die letzten Verhandlungen stattfanden, die Johann, dem Sohne des Kaisers, die Krone Böhmens sicherten. 1310 war P. mit seinem Abt in Frankfurt, 1313 im Begriffe, mit demselben nach Italien zu gehen, als die Nachricht vom Tode des Kaisers Heinrich VII. eintraf. Ebenso hatte er Gelegenheit, einzelne Ereignisse, die sich bei der Königswahl Ludwig’s abspielten, näher zu beobachten. Als Abt genoß er das Vertrauen der Königin Elisabeth in hohem Grade; wir finden ihn in der Folge als Theilnehmer bei vielen Festlichkeiten und wichtigen Ereignissen innerhalb der königlichen Familie. Im J. 1317 wohnte er als Abt von Königsaal dem Prager Landestage bei, welcher bei St. Clement abgehalten wurde. Von der Königin beauftragt, den König in Luxemburg aufzusuchen und zur Heimkehr nach Böhmen zu bewegen, traf er denselben in Trier. In den folgenden Jahren war er Zeuge der Zwistigkeiten im königlichen Hause und der wirren Zustände des Landes; 1320 sah er die Belagerung der Altstadt Prag durch den König. In den Jahren 1323–1325 finden wir ihn in der Umgebung der Königin, als dieselbe, entzweit mit ihrem Gemahl und fern von diesem, zu Kamb in Baiern lebte. 1328 weilt er in Mähren, im folgenden Jahre legte er im Namen der Königin den Grundstein zu einer neuen Kirche in Königsaal; 1331 finden wir ihn in Regensburg in der Umgebung des Königs Johann, der daselbst mit Ludwig von Baiern Unterhandlungen führte. Im J. 1333 ist er in Königsaal mit dem Bau einer kostspieligen Wasserleitung beschäftigt; 1334 hielt er sich auf der Reise zu dem Ordenscapitel in Würzburg, Trier, Clairvaux, Dijon, Paris u. a. O. auf. 1335 wohnte er in Znaim der Hochzeit Otto’s von Oesterreich mit Anna von Böhmen bei. 1337 machte er seine letzte Reise zum Generalcapitel. Das Wichtigste ist, daß er auf solchen Reisen, zu denen er als Abt [478] verpflichtet war, eine Menge Notizen sammelte und sie sofort niederschrieb. Von besonderem Werthe sind die zahlreichen Briefe und Urkunden, welche er in seiner Chronik mittheilt. Wie uns diese heute vorliegt, besteht sie aus drei Büchern von ungleichem Umfange: das erste umfaßt nämlich 120, das zweite 34, das dritte nur 15 Capitel. Diese Eintheilung rührt daher, daß P. seine Chronik in drei Bänden von ungleichem Umfange niederschrieb. Aus diesem Umstande erklärt sich auch das Vorkommen vereinzelter Bände, von denen sich heute der erste in Donaueschingen und Raudnitz und der zweite (Autograph) in der Vaticana befindet. Wie die einzelnen Bücher ihrem Umfange nach verschieden sind, so ist dies auch nach ihrem inneren Werthe der Fall. Für die erste Zeit, da, wo er die Arbeit seines Vorgängers fortsetzt, spricht P. nicht als Augenzeuge, sondern nur vom Hörensagen. Zeitgenosse und für das meiste, was er erzählt, auch Augenzeuge, ist er von den letzten Jahren Wenzels II. angefangen. Für die Regierung Wenzel’s III., Rudolf’s von Oesterreich, Heinrich’s von Kärnthen und Johann’s bietet sein Werk eine wichtige Fundgrube. Hie und da etwas zu scharf – oft etwas voreilig – in seinen Urtheilen, läßt er sich doch von der Leidenschaft niemals zu weit hinreißen; daher entspricht denn auch seine Darstellung der Dinge in Böhmen seit dem Ausgange der nationalen Dynastie im Wesentlichen den thatsächlichen Verhältnissen. Was die formelle Seite des Werkes betrifft, ist sie eine der merkwürdigsten, die wir im 14. Jahrhundert finden; einem jeden Capitel läßt P. Verse (leoninische Hexameter) folgen, welche die Gefühle des Schreibers bei Gelegenheit der Darstellung einzelner historischer Thatsachen enthalten und die Handlungen, welche erzählt werden, mit Lob und Tadel begleiten. P. hatte die Absicht, das ganze Werk in die Form von Reimchroniken umzugestalten, ist aber zu dieser Umarbeitung niemals gekommen. Die Königsaaler Chronik erfreute sich in Böhmen großer Beliebtheit. Schon drei Jahre nach Peter’s Tode wurde sie von dem Domherrn Franz von Prag völlig abgeschrieben und mit einigen Zusätzen und einer Fortsetzung bis 1351 versehen; auch noch das Geschichtswerk des Benesch v. Weitmühl, eines Zeitgenossen Karls IV., knüpft an Peter’s Chronik an.

Drucke: 1. In Frehers SS. rer. Bohemicarum, Hanoviae 1602 (enthält nur das zweite Buch nach dem in Rom, damals noch in Heidelberg befindlichen Autograph); 2. Im V. Bd. von Dobner’s Monumenta historiae Boemica, Prag 1784, vollständig nach der Iglauer Handschrift. 3. Mit Benützung aller Handschriften hrsg. von Loserth unter dem Titel „Die Königsaaler Geschichtsquellen mit den Zusätzen und der Fortsetzung des Domherrn Franz von Prag“ im VIII. Bd. der Fontes rer. Austriac. 1. Abth. Scriptores. 4. Mit tschechischer Einleitung und Noten ed. von Emler im IV. Bd. der Fontes rerum Boh. Prag 1882. – Die gesammte Litteratur über Peter v. Z. in O. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im M. A. I, 292–303. – Vgl. Loserth, die Königsaaler Geschichtsquellen. Krit. Untersuchung über die Entstehung des Chronicon Aulae regiae im LI. Bd. des Arch. f. österr. Gesch.