ADB:Pritius, Johann Georg

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Artikel „Pritius, Johann Georg“ von Hermann Dechent in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), S. 602–604, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Pritius,_Johann_Georg&oldid=- (Version vom 20. Oktober 2019, 06:18 Uhr UTC)
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Pritius: Johann Georg P. (eigentlich Priz), Dr. theol., lutherischer Theologe, geboren am 22. Sept. 1662 zu Leipzig, erhielt seine erste wissenschaftliche Ausbildung in der Schule zu St. Nikolai in seiner Vaterstadt, auf deren Hochschule er auch in das Studium der Theologie eingeführt wurde. Seine akademischen Lehrer waren Alberti, J. B. Carpzov, Menken u. A. Im J. 1685 wurde er Magister, gleichzeitig mit August Hermann Francke, der um diese Zeit sein Collegium philobiblicum anfing. Ob P. in die pietistischen Händel zu Leipzig verwickelt wurde, ist nicht bekannt, da er aber nachmals ein großes Interesse an Spener’s Schriften zeigte, so mag die Anregung dazu ihm in dieser Zeit gekommen sein; gewiß hat er den Dresdner Oberhofprediger damals persönlich kennen gelernt. Im J. 1690 wurde er Prediger an St. Nikolai, 1691 Mitglied der philosophischen Facultät und 1693 Baccalaureus. In diesen Jahren verfaßte er mehrere philosophische und theologische Dissertationen. Im J. 1699 folgte er einem Rufe nach Zerbst an die Dreifaltigkeitskirche; da er aber zugleich am Gymnasium das Lehramt der Theologie und Metaphysik zu bekleiden hatte, wurde ihm diese [603] Berufung ein Anlaß, sich zu Leipzig die Würde eines Licentiaten, sowie auch eines Doctors der Theologie, zu erwerben. Von Zerbst kam er 1701 nach Schleiz als Superintendent und Schulvorsteher und trat hier dem pietistisch angeregten Grafen Heinrich XI. von Reuß so nahe, daß derselbe ihn bald zu seinem Hofprediger erwählte. Die mancherlei praktischen Berufsarbeiten hinderten übrigens P. nicht, seine wissenschaftlichen Studien fortzusetzen. Er beschäftigte sich mit der Herausgabe einiger Schriften (Macarii Aegyptii opuscula, Lipsiae 1698, Jo. Arndtii de vero christianismo libri IV, Lipsiae 1704 u. s. f.), ferner übersetzte er Werke von Baxter, Milton, Asgill u. s. f. Vor allem aber ist zu erwähnen seine Ausgabe des griechischen neuen Testaments, zu Leipzig 1703 erschienen, welche dreimal aufgelegt wurde, sowie seine 1704 ebenda erschienene „Introductio in lectionem Novi Testamenti“, ein umfangreiches Werk, das nicht nur zu seinen Lebzeiten mehrere Auflagen erlebte, sondern auch nach seinem Tode öfter, besonders durch C. G. Gottlieb Hofmann (1737), zuletzt 1764, verbessert und vermehrt herausgegeben wurde. Dies seiner Zeit vielgebrauchte Handbuch enthält zwar keinerlei neue Gesichtspunkte, aber ein reiches Material; auch ist bemerkenswerth, daß der von P. gewählte Name für diese theologische Disciplin seitdem sich allmählich eingebürgert hat. Wenn er durch diese Schriften sich in der Gelehrtenwelt bereits einen Namen erworben hatte, so sollte ihm auch eine Gelegenheit geboten werden, auf einer 1705 angetretenen längeren Reise die bedeutendsten Vertreter der theologischen und philosophischen Wissenschaft aus den verschiedensten Lagern in Deutschland, Holland und England (einen Vitringa, Bayle, Poiret, Clericus, Penn u. A.) kennen zu lernen, ein in jener Zeit nur Wenigen beschiedenes Glück! Die angeknüpften Beziehungen suchte er durch eifrigen Briefwechsel lebendig zu erhalten; sogar mit der griechischen Kirche kam er durch Correspondenz in Berührung. Häufig wurde er um empfehlende Vorreden für neu erscheinende Werke oder Ausgaben angegangen. Im J. 1708 wurde er von dem Schwedenkönig Karl XII. als Professor der Theologie nach Greifswald berufen, wo er zugleich das Hauptpfarramt zu St. Marien bekleidete und dem Consistorium angehörte. Bei seiner Einführung predigte Joh. Fr. Mayer, der bekannte Gegner Spener’s, über „die pietistischen Verführungen“, um den als Verehrer Spener’s ihm verdächtigen neuen Collegen, den er auch später vielfach drückte, zu verwarnen. Bald darauf sollte P. Spener’s Kanzel selbst besteigen. Als in Frankfurt a. M. dessen Nachfolger Arcularius 1710 gestorben war, wurde P. im folgenden Jahre das Seniorat mit der Pfarrstelle an der Barfüßerkirche angetragen, welches Anerbieten er denn auch einem Rufe nach Magdeburg vorzog. Er bemühte sich sehr, das Andenken Spener’s zu ehren, indem er mehrere Schriften desselben (z. B. die Soliloquia) herausgab und das Lesen seiner Werke vielfach empfahl. Auch übersetzte er dessen 1683 erschienenen Tabulae catecheticae, welche für die Pädagogik von großer Bedeutung waren, ins Deutsche und machte sie zugleich durch eine Bearbeitung brauchbarer (Frankfurt bei Zunner’s Erben 1713 und 1717.). Dennoch ist P. kein Pietist im strengsten Sinne gewesen. Zwar nennt ihn ein Leichengedicht mit Grund „Speneri ächten Sohn“, aber eben weil er der ursprünglichen Anregung desselben folgte, zeigte er sich dem separatistischen Zuge, sowie dem krankhaften Tone des späteren Pietismus, abhold. Seine Stellung ergibt sich am klarsten aus der „geistlichen Tugend- und Sitten-Lehre“ (Frankfurt und Leipzig bei den Zunner’schen Erben 1721). Das Werk ist nicht sowohl eine wissenschaftliche Ethik als eine Erbauungsschrift, „darinnen der Weg gezeiget wird, auf welchem ein rechtschaffener Christ zu seiner wahrhafftigen Glückseeligkeit gelangen kann“. Man findet überall Anklänge an Arndt und Spener, wie auch an die „deutsche Theologie“, von der P. eine lateinische Uebersetzung Castellio’s 1730 herausgegeben hat; aber nirgends ist die Linie der lutherischen [604] Rechtgläubigkeit bei aller Betonung des Heiligungsstrebens überschritten, auch macht sich bei Beurtheilung der irdischen Freuden und Güter keine weltflüchtige Richtung geltend. Katholiken und Reformirten ist P. auch stets als Vertheidiger der reinen Lehre in Wort und Schrift entgegengetreten. Was seine homiletischen Leistungen angeht, so gehörte er zu den tüchtigeren Predigern seiner Zeit. Wohl hielt er es für angebracht, öfter den hebräischen und griechischen Text auf der Kanzel anzuführen und etwa auch durch lateinische Uebersetzung zu erläutern, aber diese übertriebene exegetische Gründlichkeit entsprach der damals herrschenden Sitte, und im Uebrigen ist nicht zu verkennen, daß eine praktische Richtung in den Predigten sich geltend macht und der Ton oft etwas Frisches und Kräftiges hat. Es war P. vergönnt, 21 Jahr lang dem Frankfurter lutherischen Kirchenwesen vorzustehen, doch waren seine letzten Amtsjahre sehr getrübt durch Mißhelligkeiten, welche mit der Gründung eines lutherischen Consistoriums (1728) zusammenhingen. Er glaubte der neuen Behörde gegenüber die seiner Meinung nach verletzten Rechte des Predigerministeriums wahren zu sollen und gab seinem Mißfallen durch Verlassen der ersten Sitzung (26. Juni), sowie durch andauerndes Fernhalten von den Verhandlungen des Consistoriums, energischen Ausdruck. Zwar ging man gegen den gelehrten Senior nicht disciplinarisch vor, doch beraubte er sich durch seine Haltung fast allen Einflusses. Erst unter seinen Nachfolger Münden kam es zu geordneten Verhältnissen. Einen Einblick in das Gemüthsleben des alleinstehenden, von außen und innen angefochtenen Greises in seinen letzten Jahren gewähren vier merkwürdige Manuscripte der Frankfurter Predigerbibliothek, welche für die Jahre 1731 und 32 (bis zum 16. August) einen doppelten Cyclus täglicher lateinischer Gebete unter den Titeln meditationes de morte, colloquia cum Jesu, laudes divinae und querelae enthalten: diese bis wenige Tage vor seinem Tode (24. August 1732) fortgesetzten Sammlungen sollten vermuthlich Angehörigen und Freunden ein geistliches Vermächtniß sein; ein Band ist ausdrücklich für seinen geistesverwandten Collegen Johann Friedrich Starck, den Verfasser des bekannten Gebetbuchs, bestimmt. Das Andenken an P. hat sich in Frankfurt unter Anderem durch einige von ihm gestiftete Stipendien erhalten.

Vgl. besonders die lateinische Erinnerungsrede von Münden in den Acta Historico-Ecclesiastica (Tomus I, p. 48–78), in der auch seine zahlreichen Schriften meist verzeichnet sind.