ADB:Raber, Vigil

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Artikel „Raber, Vigil“ von Josef Eduard Wackernell in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 182–184, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Raber,_Vigil&oldid=- (Version vom 23. November 2019, 02:02 Uhr UTC)
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Raber: Vigil R. entstammt einer alteingesessenen Sterzinger Familie, wurde im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts geboren und besuchte die Lateinschule seiner Heimathstadt. Er verließ das Handwerk seiner Väter, die Bäckerei, und wurde Maler; er selber nennt sich in einem Spielregister Raber pictor. Dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, war er viel auf der Wanderschaft, die wir aber nur theilweise verfolgen können: von 1510–1522 erscheint er zumeist in Bozen in Verbindung mit dem Maler Silvester Müller [183] und mit anderen Malern, deren sich danach viele hier aufhielten, weil der Bau und die Ausschmückung der Pfarrkirche lohnende Arbeitsaufträge erwarten ließen; aber auch weiter das Etschthal hinunter wanderte R. bis Trient und hinein ins Fleimsthal. Von 1523–26 arbeitete er in der Heimath, von 1527–33 suchte er sein Brot neuerdings in der Fremde, von 1534 bis zu seinem Tode, in der ersten Hälfte Decembers 1552, können wir ihn wieder in Sterzing nachweisen. Er hinterließ eine Wittwe ohne Kinder.

In Sterzing wie in Bozen finden wir R. in guten Beziehungen mit dem jeweiligen Bürgermeister, dem Rathe, dem Lateinschulmeister Benedikt Debs und anderen angesehenen Persönlichkeiten. Er war ein „Kunsthandwerker“ im doppelten Vollsinne des Wortes: seine Thätigkeit richtete sich auf Kleines und Großes, auf die niedrigste Lohnarbeit wie auf künstlerisches Schaffen. So finden wir in den Rechnungsbüchern Lohnanweisungen von wenigen Kreuzern, weil er eine totenpar oder schlösser oder stanglen am Kirchenfenster angestrichen, oder Fahnenköpfe, ein Kreuzl vergoldet, ein Sacramentshäuschen versilbert hat; daneben aber größere Bezahlungen für Arbeiten, die bald weniger bald mehr in das Gebiet der Kunst gehören: z. B. weil er das pildt (St. Jakobi) gepessert, die urstendt (Bildniß des Auferstandenen) gepessert oder verneuert, einen Juden in einer figuralen Kreuzweggruppe gepessert und gemackt, ein Gemälde an der Außenseite und drei Wappen an der Innenseite der Sterzinger Stadtthore hergestellt, die Kanzel in der Pfarrkirche ausgemalt und vergult, ebenda eine figur, zu Bozen das Altargemälde der Quirinuskirche gemalt hat. Robert Vischer (Studien zur Kunstgeschichte S. 447) ist geneigt, ihm auch eines der schönsten Freskogemälde der Bozener Pfarrkirche, die Madonna mit dem Kinde beim Löwenportal, zuzuschreiben. Mehr noch als für öffentliche, wird er für Privataufträge gearbeitet haben, worüber aber die Nachweise fehlen.

Hervorragende Thätigkeit entfaltete R. ferner für die Ausbreitung und Aufführung von geistlichen und weltlichen Volksschauspielen; wir finden ihn als Dekorationsmaler, als Spielleiter und Schauspieler. Von ihm ging, nachdem er die Texte in Sterzing abgeschrieben hatte, die Anregung zur großen siebentägigen Passionsaufführung zu Bozen 1514 aus, wobei er die Judasrolle gab. In demselben Jahre schrieb er in Bozen ein register des passions ab, um es in Trient zur Aufführung zu bringen; hier copirte er neuerdings eine verwandte Handschrift. 1514 weilte er auch in Cavalese, wo ein Himmelfahrtspiel tragirt wurde, bei dem er als Präcursor auftrat. Zwischen 1510 und 1539 sammelte und schrieb er die Texte von 25 Fastnachtsspielen und 7 kleineren geistlichen Spielen ab; außerdem 1514 die Texte des Haller, 1543 des Sterzinger Passions, 1514 ein Palmsonntagspiel, 1526 das Evangeli Johanne, 1529 Ain recht, das Christus stirbt. Bei den späteren Passionsaufführungen in Sterzing war er regelmäßig betheiligt; hier hat er nachweisbar auch Fastnachtspiele aufgeführt.

Von einer dichterischen Thätigkeit wird man bei R. nicht sprechen dürfen; so weit wir seine Arbeitsweise genauer verfolgen können, ist er nur Abschreiber und höchstens Ueberarbeiter: als solcher schiebt er Verse ein, um Uebergänge herzustellen oder sprichwörtliche Redensarten, die er liebt, unterzubringen, oder der Rede eine komische Färbung zu geben; vergrößert Rollen, vorab seine Leibrolle (Judas) in den Passionsspielen; dichtet kleine Scenen hinzu, vermehrt, besonders in Volksscenen, die dramatischen Personen und gelegentlich auch den Gesang, um dem Spiel mehr Abwechslung zu geben: aber alles hält sich in bescheidenen Grenzen und verräth nicht besondere Fähigkeiten. Bei einigen Stücken können wir zwar bislang keine Vorlage nachweisen; allein [184] daraus einen Schluß auf seine Originalität zu ziehen, wäre verfrüht; denn leichtlich ist die Vorlage noch nicht entdeckt oder bereits verloren gegangen. Durch seinen regen Eifer für alles, was die Volksschauspiele betrifft, hat er wohl verdient, daß der Bozener Lateinschulmeister Benedikt Debs bei seinem Tode ihn als litterarischen Erben einsetzte. So kam er in den Besitz eines Grundstockes altdeutscher Dramen, den er selber, wie oben dargelegt, reichlich vermehrt hat. Nach seinem Tode kaufte die Sterzinger Stadtvertretung den ganzen Nachlaß an, und so ist es gekommen, daß im Sterzinger Rathshaus sich heute noch ein seltener Schatz von altdeutschen Volksdramen beisammen findet.

Georg Obrist in Pfeiffer’s Germania XXII, 420–29. – Derselbe in Edlinger’s Litteraturblatt II, 100 ff. – Abdruck der Fastnachtspiele von Dr. Oswald Zingerle 1886 in den Wiener Neudrucken Nr. 9 und 11. – J. E. Wackernell, Die ältesten Passionsspiele in Tirol, 1887. In Heinzel’s Wiener Beiträgen Nr. 2. – Konrad Fischnaler, Vigil Raber, im Tiroler Boten und in einer Sonderausgabe, Innsbruck 1894. – Viktor Michels, Studien über die ältesten deutschen Fastnachtsspiele. Straßburg 1896 (Quell. u. Forsch. 77). – J. E. Wackernell, Ausgabe altdeutscher Passionsspiele aus Tirol. Mit Abhandlungen über ihre Entwicklung, Composition, Quellen, Aufführungen und litterarhistorische Stellung; Graz 1897 (Oest. Quell. u. Forsch. Nr. 1). – Dr. Adolf Kaiser, Die Fastnachtspiele von der actio de sponsu. – Konrad Gusinde, Neidhart mit dem Veilchen. Breslau 1899 (Germanist. Abhdlgn. v. Weinhold Nr. 17).