ADB:Reuter, Fritz (2. Artikel)

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Artikel „Reuter, Heinrich Ludwig Christian Friedrich (Fritz)“ von Karl Theodor Gaedertz in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 304–310, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reuter,_Fritz_(2._Artikel)&oldid=1703301 (Version vom 28. April 2015, 03:46 Uhr UTC)
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Reuter: Heinrich Ludwig Christian Friedrich (Fritz) R. (siehe A. D. B. XXVIII, 319 ff.). Das Leben und Schaffen unseres größten deutschen Humoristen und Dialektdichters, des Verfassers der „ollen Kamellen“, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte systematisch erforscht und in einer Reihe von Quellenschriften klargelegt worden. Dadurch erscheint es angezeigt, aus diesem neuen Material hier einige berichtigende und ergänzende Zusätze zu dem schon 1889 gedruckten biographischen Artikel zu geben. Zu Stavenhagen, einem ackerbautreibenden Städtchen des östlichen Mecklenburg-Schwerin, verlobten sich seine Eltern Freitag den 19. Januar 1810 und heiratheten bereits Freitag den 23. Februar: der dortige Bürgermeister und Stadtrichter Johann Jakob Friedrich Georg Reuter, geboren 1776 als Sohn des Pastors zu Dehmen in Mecklenburg, und Johanna Luise Sophie Oelpke, geboren 1787 *) als Tochter des Stadtrichters (nicht Bürgermeister) zu Tribsees in Vorpommern. Als ihr gemeinsamer Geburtstag wurde stets der 25. Juli (Jakobitag) gefeiert **). Am 7. November desselben Jahres erblickte ihr erster Sohn Fritz das Licht der Welt; ein zweites Knäblein starb frühzeitig. Außer der Ehe erzeugte der Vater zwei – späterhin legitimirte – Mädchen: Lisette (geb. 1809) und Sophie (geb. 1814).

Schon am 19. Mai 1826 entschlief die trotz großer körperlicher Schwäche und schwerer Leiden unermüdlich sorgende Mutter. Ihre wahrhaft rührende [305] Erscheinung tritt uns in „Franzosentid“ und „Schurr-Murr“ ungemein sympathisch entgegen; die Stärke ihrer Seelenkräfte, ja ihr Martyrium leuchtet aus den Aufzeichnungen des würdigen Amtshauptmanns Joachim Weber und seiner herzensguten Frau Agneta („Neiting“) hell hervor, mitgetheilt im 3. Bande „Aus Reuters jungen und alten Tagen“. Von deer Mutter erbte der Dichter das tiefe, gemüthvolle Empfinden und den Sinn für schöne Litteratur. In überall bekundeter zärtlichster Liebe hing er ihr an. Auch für den harten Vater hegte er innige Gefühle und hielt sein Andenken heilig; als höchstes Gesetz galt ihm die Pietät. In das traurige, durch Mißhelligkeiten und Mißverständnisse oft äußerst gespannte Verhältniß der im Wesen und Temperament grundverschiedenen Charaktere gewähren meist recht unerquickliche, aber für Eltern und Erzieher lehrreiche, zur Warnung dienende Einblicke die beiden Bände „Briefe von Fritz Reuter an seinen Vater aus der Schüler-, Studenten- und Festungszeit (1827 bis 1841)“. Das Wissenswertheste und allgemein Interessante daraus bietet der „Reuter-Kalender auf 1907“, völlig hinreichend, einerseits um des Sohnes Individualität und Innenleben begreifen zu lernen, andererseits um eine anschauliche Vorstellung zu erhalten von allen wichtigeren Ereignissen, persönlichen wie politischen, zumal während der Untersuchungshaft in der Berliner Stadt- und Hausvogtei und während der Festungsjahre auf Silberberg, zu Glogau, Magdeburg, Graudenz und Dömitz. Wir ersehen, daß er schon als Schüler und Student, noch mehr als Staatsgefangener mit Lust und Geschick zeichnete, besonders ähnlich porträtirte; ein Maler zu werden, war sein Wunsch, doch wollte der strenge Vater nichts davon wissen, der Sohn sollte dereinst sein Amtsnachfolger werden. Auch offenbart sich hier, in der Jugend- und Festungszeit, mehrfach das poetische Talent desselben, ja bisweilen – sogar in der trostlosen Einsamkeit und Finsterniß des Kerkers – ein göttlicher, unter Thränen lächelnder Humor, nicht etwa, was bei so kläglicher Lage nahe läge, Galgenhumor. Erschütternd wirkt während der Gefangenschaft der beständige Kampf um den Beruf nach der immer von neuem erhofften Begnadigung. Ihm ist das vom Vater aufgedrungene Studium der Jurisprudenz verleidet; da er nicht Künstler werden darf, möchte er sich der Landwirthschaft widmen. Noch von der Festung aus, nach der anläßlich der Thronbesteigung des Königs Friedrich Wilhelm IV. verkündeten Amnestie von Preußen vergessen, von seinem Landesherrn Großherzog Paul Friedrich in Freiheit gesetzt, schrieb er am 1. August 1840: „Ich habe derweilen Gedichte gemacht, und das hat mir viel Ruhe verschafft. Meine gewöhnliche Beschäftigung ist die Landwirthschaft und soll’s, wenn Gott will, auch bleiben mein Lebenlang; ich mache mir keine poetische Vorstellung von meiner Zukunft, sondern eine vernünftige, und denke mit Goethe: Tages Arbeit, Abends Gäste, saure Wochen, frohe Feste, sei mein künftig Zauberwort“. Doch als er am 25. August, aus Dömitz entlassen, durch die Haide fürbaß schritt, verzagte er wieder, weil er des Vaters starren Sinn kannte, und als er an einen Scheideweg kam, fragte er sich: welcher Weg ist der rechte? Ergreifend ist dieser bange, verzweiflungsvolle Augenblick von ihm geschildert. Und wirklich, der Dreißigjährige muß nochmals auf die Universität als Rechtsbeflissener! In Tübingen abgewiesen – die interessante Originaleingabe, eine Art Lebenslauf, befindet sich facsimilirt auf vier Folioseiten im 2. Bande „Aus Reuters jungen und alten Tagen“ –, winkte ihm in Heidelberg volle, tolle Burschenlust, bis er zusammenbrach, um erst wieder auf dem Lande, auf heimischer Scholle, körperlich wie geistig zu genesen: im Sommer und Herbst 1841 in dem idyllischen Kirchdorfe Jabel bei dem prächtigen [306] Oheim Pastor Ernst Reuter mit seinen sieben hübschen, heiteren Töchtern; sowie im Verkehr mit dem originellen Küster Suhr, dann Anfang 1842 bis Weihnachten 1845 auf dem gräflich Hahn’schen Gute Demzin bei dem feingebildeten Pächter Franz Rust, Vater der „lütten Druwäppel Lining un Mining“, endlich auf dem Vorpommerschen Gute Thalberg bei dem Schwager seines früheren Lehrherrn, Fritz Peters, bald seinem „besten“ Freunde, dessen Gast er schon im Herbst 1843 gewesen war; dort blieb er bis 1847, in den Jahren 1848 und 1849 nur mit Unterbrechungen. Demzin und Thalberg bedeuten die Hauptstationen seiner „Stromtid“. Aus dem hageren, mageren Studiosus, dem halbverhungerten Staatsverbrecher war inzwischen eine „wohlthuendere Erscheinung“ geworden: ein kräftiger, robuster, blühend aussehender Oekonom in Leinwandkittel, mit Strohhut und Stulpenstiefeln, durch seine Hülfsbereitschaft und Leutseligkeit, seinen Frohsinn und seine Herzensfreundlichkeit beliebt bei Alt und Jung als „Onkel“, das leibhaftige Abbild des „Entspekter“ Bräsig. Der tiefe Trunk frischer Luft und die Arbeit, die Umgebung färbten ihm die Backen roth; er segnete die Landwirthschaft, sie hatte ihm neuen Muth in die Adern gegossen, ihn, wie er selbst sagt, gesund gemacht. Gesund, ja, hätte nicht längst eine, wie sich später herausgestellt hat, unheilbare Krankheit ihn ergriffen, derentwegen er vielfach, nicht nur von den Alkoholgegnern, förmlich geächtet worden ist, die sein Ansehen so geschädigt haben, daß mancher sich nicht entschließen kann, des „Säufers“ Schöpfungen zu lesen. Daher erscheint es eine Pflicht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, auch an dieser Stelle den wunden Punkt klarzulegen. Man denke: im November 1834 war der Burschenschafter auf die hohe (2100 Fuß über der Meeresfläche) Felsenfestung Silberberg in Schlesien transportirt worden. Auf dem Donjon befanden sich die achtzehn Fuß dicken, salpeterigen Kasematten. Die rauhe Luft, neun Monate harter Winter, selbst im Sommer bisweilen armdicke Eiszapfen, – was Wunder, wenn die schon durch die lange Untersuchungshaft (zwei Jahre hinter durch Blechkästen verdeckten Fenstern in dunklen, dumpfen Zellen!) geschwächte Gesundheit der Jünglinge noch schlimmer wurde! Was Wunder, wenn die Aermsten, bis in die Knochen verfroren, starrend vor Frost, durch geistige Getränke ihre Glieder etwas zu erwärmen suchten! Daß sie, bei täglich nur fünf Silbergroschen Verpflegungsgeld und mit geringer Zulage von Hause, gezwungen waren, sich mit gewöhnlichem Fusel zu begnügen! Dazu kam die Weltabgeschiedenheit und seelische Niedergeschlagenheit. Welches Schicksal wartete ihrer? Monat auf Monat verstrich, Jahr auf Jahr – erst im Januar 1837 erfuhren sie ihr trauriges Loos. In solcher miserablen Lage Lethe zu trinken – danach lechzten sie, so vergaßen sie wenigstens für Augenblicke ihre Qual. Nicht R. allein that dies, auch andere Genossen seiner einsamen Haft auf schnee- und eisbedeckter Felsenwand; einer von ihnen, ein nachmals hervorragender Mann, schrieb einen erschütternden Brief an seine Angehörigen und verschwieg nicht den in der Noth und Verzweiflung, in Zug und Kälte erwählten Sorgenbrecher, wie er zur Flasche habe greifen müssen. Aus dem Leiden wurde allmählich eine Leidenschaft, vielleicht nur vorübergehend, hätte die Freiheit ihnen bald gewinkt; da aber das Gegentheil der Fall, so ward sie zum Bedürfniß, und selbst eiserne Willensstärke hätte nicht vermocht, den nach und nach unbezwingbar gewordenen Trieb später gänzlich auszurotten. R. hat dagegen angekämpft mit aller sittlichen Kraft; und wurde er rückfällig, so bedingte dies die krankhafte Disposition seiner Magennerven, woran er zuerst auf dem Silberberg schrecklich litt. Ihn einen Säufer – Quartalsäufer – nennen, von einem Laster reden, das können nur Böswillige oder Ignoranten. Inniges Mitleid muß uns erfüllen, wenn wir den [307] genialen, gutherzigen Mann dem seit der Festungszeit ihn dämonisch verfolgenden Feinde unterliegen sehen, den er oft für Monate, ja bisweilen für ein halbes Jahr siegreich aus dem Felde geschlagen hatte. Nach seiner Ueberwindung fühlte er sich, wie von einer Krankheit genesen, gleichsam neu geboren und schritt frisch und fleißig an die Arbeit, Versäumtes nachzuholen. Wäre er ein Trinker gewesen in dem Sinne, daß er immer trank, wie hätte er, bereits vor seiner Verheirathung, ein so geregeltes Leben führen, ein so musterhafter, erfolgreicher Lehrer sein können, der auch in Leibesübungen, Turnen und Schwimmen, unterrichtete, an dem seine Schüler wie Schülerinnen sammt und sonders mit schwärmerischer Liebe hingen?! Und vollends seine launigen, gemüthvollen Briefe, seine köstlichen Gelegenheitsgedichte, seine unsterblichen Werke – sie sollte, sie könnte ein Säufer geschrieben haben? Nein, durch und durch moralisch, verdient Fritz Reuter auch als Mensch unsere vollkommene Achtung; sie für ihn zu beanspruchen, ist eine Ehrenpflicht. Sein einziger – Makel war jenes von den feuchten Festungskasematten überkommene Leiden, gegen das der davon in Zwischenräumen Heimgesuchte tapfer anging. Ein angesehener Mediciner schreibt mir dazu: „Wir Aerzte stellen diese Passion unter die sensiblen Magenneurosen, die durch den nervus vagus das Hirn vorübergehend afficirt. Ja, vorübergehend; denn ein Hirn, das unter einer permanenten Alkoholnarkose wie bei einem Gewohnheitstrinker -(chronischer Alkoholismus) steht, kann unmöglich solche Geistesproducte zuwege bringen, geschweige solches Gedächtniß für die Erinnerungen aus allen Zeiten seines Lebens haben. Das weiß auch wohl heute jeder bei einigem Nachdenken. Und doch kann man sehr häufig unter den Halbgebildeten die Anschauung vertreten sehen, daß R. gerade seine poetischsten, besten Sachen im Rausche – »Saufkoller« bezeichnet unser Volk diesen Zustand – verfaßt hätte. Nein, die armen Gefangenen tranken aus Verzweiflung, ihre Leiden und die ungerechte Beraubung ihrer Freiheit sich vergessen zu machen, und hatten dann meistens nichts anderes – aus Geldmangel – sich zu leisten, als den »kühlen Branntewein«, der damals noch ungefähr 35 Prozent Alkoholgehalt hatte“.

Diese Vertheidigung, zuerst veröffentlicht in meiner biographischen Skizze Reuter’s als Einleitung meiner Gesammtausgabe seiner Werke, wird gewiß ein milderes Urtheil bei den Fanatikern herbeiführen, zumal wenn man bedenkt, daß selbst seine reine Liebe zu Luise, die ihn zum glücklichsten der Sterblichen machte, ihn von Zeit zu Zeit wieder fehlen ließ. „Wenn das wahr ist, daß dieser Zustand ein körperlicher“, schrieb er nach einem Anfall ihr als Bräutigam, „so ist es gewiß schlimm, daß er noch einmal wiedergekehrt ist; aber nicht so schlimm, als wenn er früher wiedergekehrt wäre, und lange nicht so schlimm, als hätte er noch länger auf sich warten lassen. Vielleicht würde er gerade durch die Ehe, als Ehe, geheilt; gewiß ist es aber, daß er im Abnehmen ist und aufhören wird“. Ja, im Abnehmen wohl, doch aufhören leider nicht, weil pathologisch unmöglich. Luise Kuntze (nicht Kunze), geboren am 9. October 1817 als Tochter des Pastors zu Roggenstorf bei Dassow, mit der er er sich im Mai 1847 verlobte, am 16. Juni 1851 verheirathete, wurde sein guter Genius. „Alles für meine Luise“ und „Alles durch meine Luise!“ lautete fortan sein Wahlspruch.

„Ich denke dein, wie eines schönen Bildes,
Geschaffen einst in Gott geweihter Stunde;
In deinem Auge nichts als Hohes, Mildes,
Und ewige Verzeihung in dem Munde.

[308] Und was in meinem Herzen Trotz’ges, Wildes
Mich selbst gestört, entflieht im Hauch; die Wunde
Sie schließt sich, und ich eil’ mit scheuem Beben
An deiner Hand hinauf zu neuem Leben“ –

so sang er in einem seiner Braut gewidmeten Gedichte, das mit den Versen schließt:

„Du solltest sein in meiner Brust der Hort,
Du solltest lösen meines Lebens Frag’,
Dich sollte ich auf Erden wiederfinden
Und deine Liebe mich von Fehl entsünden.“

Die dreiundzwanzig Jahre ihrer harmonischen, kinderlosen Ehe trübten nur die periodisch, freilich in immer größeren Pausen auftretenden Rückfälle, unter denen Beide gleich sehr litten. „Ich bin aber wie ein Gummiball, wenn Schweres überwunden, bin ich wieder die glücklichste, stolzeste Frau im Besitz meines Reuter“, dies charakteristische Bekenntniß der treu fürsorgenden Lebensgefährtin zeugt auch von ihrem heiteren Temperament, das vortrefflich zu dem fröhlichen Sinn des Humoristen paßte. Und stolz – ja, das durfte sie wohl auf ihn sein.

Niemand, selbst nicht seine Luise, hatte ahnen können, daß der von dem eigenen Vater aufgegebene, unter Curatel gestellte, ja der Zinsen seines kleinen Capitals im Fall seiner Heirath für verlustig erklärte „verlorene Sohn“ einst ein weltberühmter Mann werden würde. Sie hat alle Phasen, alle Leiden und Freuden mit ihm durchgemacht, die bescheidenen Anfänge, unter mannichfachen Enttäuschungen, unter Angst und Entbehrungen, die ersten schriftstellerischen Erfolge, klopfenden Herzens, strahlenden Auges, bis der Verfasser der „ollen Kamellen“ einen Siegesug sondergleichen unternahm, fast einzig dastehend in der deutschen Dichtung, in der Litteraturgeschichte des In- und Auslandes.

Es erübrigt, auf die verschiedenen Schöpfungen hier nochmals näher einzugehen; sind sie doch Gemeingut unseres Volkes geworden, sowie, auch durch Uebersetzungen, der Gebildeten fremder Nationen. Ueber ihre Entstehung, Gestaltung, Bedeutung und Aufnahme berichten ausführlich dreizehn Einleitungen in meiner Gesammtausgabe. Doch müssen ein paar Punkte nachdrücklich hervorgehoben werden. Der neuerdings wieder mit Macht auftauchenden Mythe, durch Klaus Groth zur plattdeutschen Poesie gekommen zu sein, ist Fritz Reuter selbst schon energisch entgegengetreten, indem er u. a. erklärte: „Mir mag bei meinen »Läuschen un Rimels« manches genützt haben, was Groth beim »Quickborn« gemangelt hat; ich rechne dazu eine 48jährige Uebung in der Sprache, die Gewohnheit, darin zu denken, welches jener, wie er selber eingesteht, erst später mühsam erlernt hat, und dann, daß ich schon lange vor dem Erscheinen des »Quickborn«, also vor den ersten Versuchen in der neuen plattdeutschen Literatur, plattdeutsch geschrieben und gedichtet habe“. Bereits 1847 – volle fünf Jahre vor Veröffentlichung des „Quickborn“ – erschien, bruchstückweise, ein plattdeutsches Gedicht: die nachmalige „Reis’ nah Belligen“. Was die „Läuschen un Rimels“ betrifft, so sollen die Stoffe nach einer jüngst erklungenen Mähr, den „Fliegenden Blättern“ entlehnt sein, sind aber meist uralten Datums, im Volksmunde geläufig, und waren theils schon dem jungen R. bekannt, theils ihm jetzt zugetragen worden. An diese „Entdeckung“ reiht sich eine andere, ebenso laut verkündete: uns soll bisher eine ganze Seite von „Kein Hüsung“ unterschlagen sein, sie steht im ersten Druck (1857), fehlt in der zweiten Auflage und in allen folgenden! Nun, R. wußte wohl, was er that, als er die Streichung der vier Strophen in [309] „De Klag“, sowie am Schluß, auch sonstige kleinere Aenderungen eigenhändig vornahm, wie das noch erhaltene Exemplar beweist. Außerdem muß sich doch der gesunde Menschenverstand sagen, daß der Dichter oder wenigstens einer seiner kritischen Freunde solche „Nachlässigkeit“ des Verlegers resp. Setzers und Correctors bemerkt und alsbald verbessert hätte, noch dazu bei seiner Lieblingsdichtung!

Ende Juni 1863 waren Fritz und Luise Reuter nach Eisenach übergesiedelt, wo sie das obere Stockwerk eines hübschen, dem Baurath Dittmar gehörenden Schweizerhauses am Wege zur Wartburg, beim Predigerplatz, bewohnten, bis sie Ostern 1868 die eigene stattliche Villa am Fuße des Hainsteins, Eingang des Hellthales, bezogen. Dort, in den traulichen Räumen und in dem von ihm selbst angelegten und gepflegten Garten, seinem „Sanssouci“, verlebte der Dichter sechs schöne Jahre, von denen die herrlichsten 1870/71 waren für ihn, den alten Burschenschafter, brachten sie ihm doch die endliche Erfüllung seines Jugendtraumes: ein geeintes deutsches Vaterland, Kaiser und Reich. Da ertönte sein Schwanensang: „Ok ’ne lütte Gaw’ för Dütschland“. Am 12. Juli 1874 entschlief Fritz Reuter; zwanzig Jahre später, am 9. Juni, folgte ihm seine Luise. Beide ruhen in einer Ehrengruft auf dem neuen Eisenacher Friedhofe, die ein künstlerisches Denkmal von Afinger schmückt. Mit Schmerz vermißten die Besucher bisher die sinnigen, von dem Dichter selbst verfaßten Grabschriften, die aber, nach mir gewordener Mittheilung des Generalbevollmächtigten der Erben, Rath Walther, nunmehr dort eingemeißelt werden; für Fritz Reuter die trostvoll-gläubigen Verse

„Der Anfang, das Ende, o Herr, sie sind Dein,
Die Spanne dazwischen, das Leben war mein,
Und irrt’ ich im Dunkeln und fand mich nicht aus,
Bei Dir, Herr, ist Klarheit, und licht ist Dein Haus;“

für Luise Reuter der kurze, innige Spruch:

„Sie hat im Leben Liebe gesäet,
Sie soll im Tode Liebe ernten.“ – – –

Des Dichters Wittwe hat bekanntlich der deutschen Schillerstiftung testamentarisch die Villa nebst Inventar vermacht. Ich schrieb alsbald an Paul Heyse und erbot mich, dort eine Sammelstätte für Reuter-Reliquien zu errichten. Heyse gab meinen Brief an den Verwaltungsrath weiter und erwiderte mir am 13. Juni 1894 u. a.: „Für heute kann ich nur sagen, daß ein ähnlicher Vorschlag bisher nicht aufgetaucht ist, meines Bedünkens aber sich wohl hören läßt“. Leider ließ indessen die Schillerstiftung darauf nichts von sich hören, veräußerte vielmehr Villa Reuter an die Stadt Eisenach, hauptsächlich auf Betreiben des dahin übergesiedelten Lexikographen Geh. Hofrath Joseph Kürschner, dem vor allem daran lag, für die Oesterlein’schen Richard Wagner-Andenken Dach und Fach zu finden. Der Kaufpreis war ein ungemein geringer: 32 000 Mark; – der Wittwe waren wiederholt 90 000 Mark für Haus und Garten, ohne Mobiliar u. s. w., angeboten worden. Eine Auction der, wie es heißt, „entbehrlichen“ Möbel und Einrichtungsstücke brachte ungefähr 13 000 Mark, eine willkommene Summe zum Umbau, sowie zur Aufstellung der Wagnersachen. So wurde denn drei Jahre nach dem Tode der Testamentarin ein – was weder sie, noch ihr Gatte sich wohl je haben träumen lassen – „Reuter- und Wagner-Museum“ eröffnet. Darin ist dem großen niederdeutschen Volksschriftsteller und Humoristen, dem Hausherrn, nur ein Altentheil gegönnt, im wesentlichen sein Studir- und Sterbezimmer. „Eine kunstgeschichtliche Barbarei“ hat Wilhelm Wendlandt diese seltsame Vereinigung (Berliner Signale, 1898) genannt und seine Stimme [310] dagegen erhoben. In des Dichters Landen ist inzwischen von dem Unterzeichneten die Begründung eines mecklenburgischen Reuter-Museums ins Auge gefaßt worden. Denn die Erinnerungszeichen an und von Fritz Reuter (Handschriften, Briefe, Bücher, Bilder, Mobilien, Gebrauchsgegenstände u. s. w.) sind zahlreich, interessant und werthvoll. Das hat schon die zu seinem dreißigsten Todestage (12. Juli 1904) von mir veranstaltete Gedächtnißfeier und Ausstellung in der Aula der Universität zu Greifswald – wenn auch nur in kleinem Maßstabe – gezeigt. Hoffentlich bringt der bevorstehende hundertste Geburtstag (7. Nov. 1910) nach der einen oder anderen Seite eine wünschenswerthe Verwirklichung meines Planes, sei es für Eisenach oder Schwerin, Fritz Reuter ist groß genug, um, wie Goethe, Schiller, Körner und andere Geistesheroen, ein eigenes Museum zu erhalten, das eine hohe litterar- und culturhistorische Bedeutung beanspruchen und sich großer Volksthümlichkeit zu erfreuen haben dürfte; jedenfalls ein höher einzuschätzendes, beredteres Denkmal für sein Leben und Schaffen, sein Land und seine Sprache, seine Freunde und Festungsgefährten, als die ihm errichteten stummen Statuen.

Reuter’s Werke sind nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist, neben den ursprünglichen Hinstorff’schen Editionen, in vielen neuen Ausgaben verbreitet worden, theils kritisch durchgesehen, mit Biographien, Einleitungen und Anmerkungen (u. a. von Gaedertz, Müller, Seelmann), theils in Volksausgaben (u. a. von Weltzien) und Nachdrucken, auch in hochdeutschen Uebersetzungen (u. a. von Heidmüller). Zu der schon in der Allgem. Deutschen Biographie (1889) verzeichneten Reuter-Litteratur – eine vollständige Bibliographie bieten die Jahrbücher des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung – seien hier die nachstehenden, zumeist illustrirten Schriften angereiht: Gaedertz, Reuter-Galerie 1884, 2. Aufl. 1885. – Derselbe, R.-Reliquien 1885. – Derselbe, R.-Studien 1890. – Derselbe, Aus Fr. R.’s jungen und alten Tagen 1896, 3. Aufl. 1899; neue Folge 1897; dritter Band 1901. – Derselbe, Fürst Bismarck und Fr. R. 1898. – Derselbe, Im Reiche R.’s 1905. – Derselbe, R.’s Leben und Schaffen 1906. – Raatz, Wahrheit und Dichtung in R.’s Werken 1895. – Engel, Briefe von Fr. R. an seinen Vater, 1. u. 2. Aufl. 1898. – Warncke, Fr. R. Woans hei lewt un schrewen hett, 1899, 2. Aufl. 1906. – Reuter-Kalender Jahrg. 1 flg., 1907 flg.
Karl Theodor Gaedertz.

[304] *) nicht 1789, wie ich auf Grund mehrerer Stavenhagener Urkunden annehmen mußte und obendrein von dem Geistlichen zu Tribsees aus dem Kirchenbuche bestätigt erhielt. Erneute Nachforschung ergab, daß dort die über der Seite stehende Jahreszahl durch ihre undeutliche Schreibung irregeführt hat.

**) Der Vater war nach dem Kirchenbuche zu Dehmen am 26. Juli um 1 Uhr Morgens zur Welt gekommen; sein eigener Bruder, Pastor zu Pokrent, gibt in der von ihm geschriebenen Familienchronik als Datum den 25. Juli an, desgleichen Fritz Reuter selbst in Gedichten und Briefen, sogar in seinem Testament.