ADB:Scholler, Karl Friedrich

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Artikel „Scholler, Karl Friedrich“ von Johann Josef Hermann Schmitt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 148–151, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Scholler,_Karl_Friedrich&oldid=- (Version vom 8. Dezember 2019, 00:17 Uhr UTC)
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Scholler: Karl Friedrich Sch., evangelischer Geistlicher der Pfalz im 19. Jahrhundert. „Ein Dreigestirn am pfälzischen Kirchenhimmel“ nennt Pfarrer Johann Schiller in Westheim (1812–1886, über ihn s. A. D. B. XXXI, 245 ff.) in seinem „Pfälzischen Memorabile“ von 1873, I. Theil, S. 86 die evangelischen Geistlichen Blaul (1809–1863), Culmann (1824–1863) und Scholler (1807–1863). Blaul hat in der Allgemeinen Deutschen Biographie (XLVII, 14) seinen Darsteller gefunden, nicht so Philipp Theodor Culmann.

Sch., der im gleichen Jahre 1863 wie die beiden Anderen der pfälzischen Landeskirche durch den Tod entrissen wurde, war geboren am 29. October 1807 zu Neustadt a. d. Hardt als der Sohn eines Siebmachers, dessen Eltern aus dem Breisgau eingewandert waren. Da er in der Volksschule vor seinen Mitschülern durch seine Geistesgaben sich auszeichnete, ließen ihn seine Eltern die Lateinschule in Neustadt a. d. Hardt und dann das Progymnasium in [149] Kaiserslautern besuchen, das damals unter der Direction des trefflichen Seminardirectors Balbier stand. 1824 trat er in das Gymnasium in Speier über, das er 1826 mit der ersten Note absolvirte. Er studirte hierauf ein Jahr lang Philosophie auf dem Lyceum Speier und dann Theologie und Philosophie auf der Universität Erlangen. Mit seinem Lehrer, dem Philosophieprofessor Kapp und dessen geistvoller Gattin Emilie geb. Schuster aus Neustadt a. d. Hardt machte Sch. eine neun Monate dauernde wissenschaftliche Reise nach Italien, wo er sich drei Monate in Rom und zwei Monate in Neapel aufhielt. Nach seiner Rückkehr stellte er sich die Aufgabe, diese italienische Reise für Kunstforscher und Kunstfreunde in einem mehrbändigen Werke zu schildern. 1831 erschien der 1. Band, der bis zu seiner Ankunft in Rom reicht. Daneben veröffentlichte er noch als Student in verschiedenen Zeitschriften litterarische Arbeiten auf dem Gebiete der Philosophie, Kunst und Poesie und gründete sogar mit Prof. Kapp u. A. eine eigene Zeitschrift für Philosophie. Mehrere Gedichte von ihm erschienen im damaligen Musenalmanach. Nachdem er in Speier die theologische Aufnahmeprüfung und ein philologisches Examen mit Auszeichnung bestanden hatte, kehrte er an die Universität Erlangen zurück, wo er 1832 den 2. Band seines Reisewerkes (Aufenthalt in Rom) der Oeffentlichkeit übergab. Da sein Verleger Hartmann in Leipzig bald darauf starb, erschien kein weiterer Band mehr. Man hatte ihn bestimmen wollen, die Universitätslaufbahn einzuschlagen, allein es erschien ihm etwas Mißliches, vielleicht Jahre lang als Privatdocent auf eine Professur warten zu müssen, und so entschloß er sich, in den Dienst der pfälzischen unirten Kirche zu treten; Sch. wurde 1832 in Dürkheim ordinirt. 1833 wurde er Pfarrverweser in Vorderweidenthal und im Sommer Vicar bei Pfarrer Friedrich Wilhelm Reichhold in Frankenthal, bei dem er bis zu seiner Anstellung als Pfarrer in Ruchheim 1836 blieb, und dessen zweite Tochter Johanna Magdalena im gleichen Jahre seine Gattin wurde. In Frankenthal ertheilte er am dortigen Töchterinstitut mit vieler Liebe Unterricht in der Litteraturgeschichte und verkehrte viel mit dem Componisten Vierling, der später nach Durlach berufen wurde, und dem Schriftsteller Karl Geib in dem nahen Lambsheim. Als 1834 König Ludwig I. von Baiern nach Frankenthal kam, gelang es ihm, dem einfachen Vicar, den König zu bewegen, eine Schuld von 11 000 Gulden, die noch auf der 1822 erbauten Stadtpfarrkirche lastete, zu bezahlen.

1836 wurde auf Anregung des berühmten Humanisten Friedrich v. Thiersch aus München die Lateinschule in Bergzabern gegründet; Sch. wurde die Vorstandsstelle der neuerrichteten Anstalt angetragen. Doch dieser zog auf den Rath des kgl. Consistorialraths Dr. Rust in Speier die ihm gleichzeitig angebotene Anfangspfarre Ruchheim vor und blieb so der unirten Kirche der Pfalz erhalten. Nochmals war ihm Gelegenheit gegeben, zum Lehramte überzugehen, als man ihm an dem neugegründeten Lyceum Speier die Professur für Philosophie anbot, allein er blieb dem ihn weniger anstrengenden und so mehr freie Zeit lassenden Berufe eines Pfarrers treu. 1839 erschien bei Brockhaus in Leipzig seine Broschüre „Christian Kapp und seine litterarischen Leistungen. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts“. 1841 wurde er als geistlicher Abgeordneter in die Generalsynode der Pfalz zu Speier gewählt, wo seiner schwere Arbeiten harrten, da man ihn in die Commission für Bearbeitung eines neuen Katechismus wählte, die ihn zum Referenten bestellte. Daß er als Anhänger der positiven Richtung auch den Wünschen der freieren Richtung entgegenkommen und einen alle Parteien befriedigenden Katechismus zu Stande bringen wollte, ward ihm von seinen [150] Parteifreunden sehr verübelt, war aber ein Beweis, daß er kein einseitiger Parteimann war, sondern auf höherer Warte stand und das Interesse der ganzen Kirche im Auge hatte. Ebenso wurde ihm das Referat über Herausgabe einer neuen Kirchenagende, d. i. eines Kirchenbuches übertragen, welches die Gebete für alle gottesdienstlichen und heiligen Handlungen enthielt, da die alte seit 1823 gebrauchte Agende vielen Wünschen nicht entsprach. Die „Neue Kirchenagende“, das Werk Scholler’s, gelangte am 18. Juni 1845 zur Einführung und blieb bis Ostern 1880 in Kraft, in welchem Jahre ein „Neues Kirchenbuch“ eingeführt wurde, das heute noch in Gebrauch ist.

Die schöpferische Thätigkeit Scholler’s lenkte die Aufmerksamkeit der Kirchenbehörde auf ihn, die ihn 1844 zum Decan in Homburg beförderte. Dort wurde er wiederholt von der pfälzischen protestantischen Geistlichkeit als Vertreter in den Landrath der Pfalz gewählt sowie zum Landtagsabgeordneten in München. 1847 wurde er als Decan nach Landau versetzt, wo er bis 1856 wirkte. Als ihm die Verwesung des Rectorates der kgl. Gewerbschule daselbst übertragen wurde, benützte er die Gelegenheit, als Programm die Monographie „Vom Rechte des Gewissens“ erscheinen zu lassen. Oefters hielt er Vorträge vor dem gebildeten Publicum Landaus über „Herkulanum und Pompeji“, über den „Unterschied zwischen classischer und romantischer Poesie“ u. a. Da er der positiven Richtung angehörte und entschieden für diese eintrat, hatte er manche Kämpfe mit den Gegnern zu bestehen; doch sein ernstes wissenschaftliches Streben fand auch bei seinen Widersachern die verdiente Anerkennung und Würdigung.

1857–1865 tobte in der Pfalz der Gesangbuchstreit, der die unirte pfälzische Kirche nach den Worten des kgl. Oberconsistorialrathes Philipp Decker auf der Generalsynode zu Speier 1905 „bis in ihre Grundfesten erschütterte“ (s. Verhandlungen der prot. Generalsynode für den Consistorialbezirk Speier für 1905, S. 124). Das alte Gesangbuch der unirten pfälzischen Kirche war 1823 auf Grund eines Beschlusses der Generalsynode von 1821 herausgegeben worden und hatte sich großer Beliebtheit erfreut, doch erschien es im Laufe der Zeit Vielen verbesserungsbedürftig, allein die Reactionszeit der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts, die auch in das kirchliche Gebiet hinübergriff, war nicht dazu angethan, ein alle Parteien befriedigendes Werk zu Stande zu bringen. Die Geistlichen der beiden Hauptrichtungen befehdeten sich und rissen die Bevölkerung mit fort in den Streit, und so mußte die Einführung des neuen Gesangbuches, das bereits in vielen Tausenden von Exemplaren gedruckt war, 1865 aufgegeben werden, und das Pfälzische Gesangbuch, das – nach Gümbel, Geschichte der prot. Kirche der Pfalz von 1885, S. 123 – einen „hohen Werth als Erbauungsbuch und liturgisches Sammelwerk“ hatte, wurde in die Nachbarländer verkauft. Nur 11 pfälzische Kirchengemeinden (von 246) behielten das „Neue Gesangbuch“ bis 1907 bei, in welchem Jahre endlich nach achtzehnjährigen Verhandlungen ein „Gesangbuch“ zur Einführung gelangte, das alle Parteien und Richtungen befriedigt.

Sch. war in den Generalsynoden von 1857 und 1861 Referent des Gesangbuchausschusses, und sein Name bürgt für die Güte des Buches, wenn es auch vielen Wünschen der liberalen Partei nicht entsprach. Die Parteikämpfe zehrten am Marke seines Lebens, so daß er 1861 vom Schlage gerührt wurde. Er hatte sich 1856 als Prodecan nach Minfeld versetzen lassen. 1858 erschienen seine „Pfälzer Briefe“, 1861 sein „Zeugnis der Wahrheit in Sachen der evangelischen Kirche der bayerischen Rheinpfalz“.

Als er auf den Synoden nicht mehr erscheinen konnte, wollte er wenigstens mit der Feder für die Sache kämpfen, die er für die richtige hielt. Trotz des [151] Besuches der Bäder Kissingen und Griesbach erlangte er seine frühere Gesundheit nicht wieder, doch konnte er noch 1862 seinen Sohn Ludwig als seinen Vicar ordiniren. Am 8. August 1863 beschloß er sein Dasein schnell und unerwartet, Abends hatte er noch einen Spaziergang gemacht und um 1/210 Uhr seine Hausandacht gehalten, um 10 Uhr war er infolge eines neuen Schlages eine Leiche – erst 55 Jahre alt.

Sch. gehörte wie Blaul und Culmann der positiven Richtung der pfälzischen Kirche an. Er war ein begabter, äußerst strebsamer, thätiger und auch segensreich wirkender Mann, der selbst bei Gegnern seiner Richtung in hohem Ansehen stand. Leider hat die Polemik ihm wie so vielen Kirchenlehrern der Vergangenheit einen kostbaren Theil seiner Zeit geraubt, doch hat er auch fruchtbringenden Samen ausgestreut und durch seinen ausgezeichneten Lebenswandel in allen seinen Kirchengemeinden das schönste Beispiel gegeben.

Evangelischer Kirchenbote von 1863, S. 36–49. – Evangelische Blätter der Pfalz von 1863, S. 51. – Pfälzisches Memorabile, 1. Theil, von Pfarrer Joh. Schiller, 1873, S. 92–104. – Theodor Gümbel, Die Geschichte der prot. Kirche der Pfalz, 1885, S. 601 u. 735.