ADB:Siebold, Carl Theodor von

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Artikel „Siebold, Karl Theodor Ernst von“ von Franz von Winckel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 186–188, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Siebold,_Carl_Theodor_von&oldid=- (Version vom 28. März 2024, 18:38 Uhr UTC)
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Siebold: Karl Theodor Ernst v. S., zweiter Sohn des Adam Elias v. S. (S. 183), wurde am 16. Febr. 1804 in Würzburg geboren. Bei der Uebersiedelung [187] seines Vaters nach Berlin im Jahre 1816 trat er in die Quarta des Gymnasiums zum grauen Kloster ein und blieb auf diesem Gymnasium bis zu Michaelis 1823, wo er zur Universität überging. Schon in Würzburg hatte er, wahrscheinlich durch den Verkehr im Hause des Anatomen Ignaz Döllinger, dessen anatomische Präparate wirbelloser Thiere ihn sehr fesselten, die Zoologie lieb gewonnen und als Gymnasiast in Berlin sammelte er zwar vorwiegend Schmetterlinge, brachte aber auch Schnecken, Tritonen wie andere Süßwasserbewohner heim, um sie im Aquarium zu züchten und ihre Lebensweise zu beobachten. Von 1823–1828 studirte er in Berlin und Göttingen Medicin. In Göttingen zog ihn besonders Blumenbach an. Nach beendigten Studien absolvirte er auch die Physikatsprüfung und wurde 1831 Kreisphysikus in Heilsberg, wohin er seine Braut, eine geborene Noeldechen als Gattin mit sich nahm. 1834 auf seinen Wunsch als Physikus nach Königsberg versetzt, erhielt er schon im Herbst desselben Jahres die Direction der Hebammenschule in Danzig, „um, wie er im späteren Leben oft scherzweise sagte, bequem seinen zoologischen Studien in der Ostsee nachgehen zu können“. Während seines Aufenthaltes in Ost- und Westpreußen hat S. etwa vierzig größere und kleinere zoologische Abhandlungen verfaßt und einige der in ihnen dargestellten Untersuchungen, z. B. die Entwicklungsgeschichte der Ohrenqualle und der Saugwürmer gehören zu den wichtigsten Entdeckungen der damaligen Zeit. Deshalb brachte ihn C. v. Baer bei seinem Abgange von Königsberg nach Petersburg für die durch ihn frei gewordene Professur mit in Vorschlag. Allein Rathke wurde statt seiner nach Königsberg berufen. Dagegen ist es wohl dem Einfluße Alexander v. Humboldt’s, der 1835 während der Naturforscherversammlung in Danzig bei Siebold wohnte und dem er die von ihm neu entdeckten höchst merkwürdigen Jugendformen der Ostsee-Meduse zeigte, zu danken, daß C. Th. v. S. 1840 für die durch Rudolph Wagner’s Abgang von Erlangen frei werdende Professur der Zoologie, vergleichenden Anatomie und Veterinärwissenschaft berufen wurde. 1845 wurde er dann nach Freiburg i. B., 1850 als Nachfolger des Physiologen Purkinje nach Breslau und 1853 endlich nach München berufen. In Freiburg schon hatte er auch die Physiologie übernommen. In München war er zunächst nur Physiologe und vergleichender Anatom, dann las er zwei Jahre menschliche Anatomie (1853–55), gab aber nach Bischoff’s Berufung die Physiologie und menschliche Anatomie auf und las nur die vergleichende Anatomie. Zugleich trat er in die philosophische Facultät ein, in der er Conservator der zoologischen Staatssammlung wurde und von neuem Zoologie lehrte (1855). S. besaß einen merkwürdigen Blick für das Gesetzmäßige; das Wesen seiner Forschungen hat R. Hertwig[WS 1] als „geistvolle Naturbetrachtung bezeichnet, wobei er sich aber nicht bloß mit der klaren Auffassung und Darstellung der Thatsachen begnügt, sondern auch bemüht habe, die Einzelbefunde zum Ganzen der Wissenschaft in Beziehung zu setzen und durch vorurtheilsfreie Beurtheilung derselben wichtige allgemeine Resultate zu erzielen“. In Erlangen schrieb er ein Lehrbuch der vergleichenden Anatomie. In den Ruhm, die Geheimnisse des Bienenstaates aufgeklärt zu haben, theilt sich Siebold mit Dzierzon[WS 2] und Leuckart; er hat aber stets anerkannt, wie besonders die Genialität Dzierzon’s der Forschung die richtigen Bahnen eröffnet habe. – Zur Zeit seines rüstigen Schaffens gehörte er zu den beliebtesten Lehrern der Münchener Universität. Schon an der Schwelle des Greisenalters stehend, als Darwin’s Schriften die gewaltige Umwälzung aller bisherigen Anschauungen in der Zoologie hervorriefen, arbeitete er sich noch voll und ganz in den neuen Ideenkreis ein und entschied sich schließlich mit aller Bestimmtheit für die Descendenztheorie. Von uneigennützigster Wahrheitsliebe, von eisernem Fleiß bei heiterer Geistesstimmung und gesunder [188] Constitution war S. in seinem Schaffen unermüdlich. Als seine wichtigsten Werke sind zu nennen: „Die vergleichende Anatomie der wirbellosen Thiere“, (1848), welche in’s Englische und Französische übertragen wurde, ferner: „Die Süßwasserfische Mitteleuropa’s“ (1863), dann seine „Untersuchungen über die Naturgeschichte und Entwicklung der Eingeweidewürmer“ (1854). Die meiste Arbeitszeit seines Lebens hat er aber auf die Erforschung der Parthenogenesis (München 1862) verwandt, und man kann S. mit vollem Recht als den wissenschaftlichen Begründer dieser Lehre bezeichnen. – Endlich hat er mit Kölliker[WS 3] zusammen die Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie gegründet.

Wie sein Bruder Eduard war auch er ein großer Freund von Musik und machte sein Haus zu einem Sammelpunkt befreundeter Gelehrter und Künstler der verschiedensten Berufszweige. Nach längerem Siechthum unterlag er am 7. April 1885.

Chronik der Ludwig Maximilians-Universität. München 1884/85. – R. Hertwig, Denkrede auf K. Th. E. v. Siebold in der Münchener Akademie der Wissenschaften am 25. März 1886. – Seitz[WS 4], in Gurlt-Hirsch, Biographisches Lexikon. V, 393.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Richard von Hertwig (1850–1937), Professor in Jena, Königsberg und Bonn, dann Nachfolger Siebolds in München.
  2. Johannes Dzierzon (1811–1906), Pfarrer und Bienenzüchter in Karlsmarkt bei Brieg.
  3. Rudolf Albert Ritter von Koelliker (1817–1905), Professor für Physiologie und vergleichende Anatomie in Zürich, dann Würzburg.
  4. Franz Seitz (1811–1892), Professor in München.