ADB:Siegfried, Hermann

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Artikel „Siegfried, Hermann“ von J. H. Graf. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 200–204, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Siegfried,_Hermann&oldid=- (Version vom 24. Mai 2019, 03:45 Uhr UTC)
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Siegfried: Hermann S. wurde am 14. Februar 1819 als Sohn des Gerbermeisters Karl Friedrich Siegfried in Zofingen, Kanton Aargau, Schweiz, geboren. Seine Mutter war Anna Dorothea Siegfried geb. Allgäuer. Vierjährig kam Hermann zu seinem Onkel Christian Heinrich Zeller, der in Beuggen eine Armenerziehungsanstalt leitete und als christlicher Pädagoge einen bedeutenden Ruf hatte. Hier wurde Hermann zum Lehrer ausgebildet und circa 18jährig übernahm er eine Lehrstelle an einem Privatinstitut in Riehen bei Basel. Kurze Zeit nachher begab er sich in das Lehrerseminar nach Karlsruhe, wo er sich unter der [201] Direction Stern’s in einem zweijährigen Aufenthalt weiter ausbildete. Im Frühling 1841 wandte er sich nach Genf, um an der dortigen Akademie Naturwissenschaften zu studiren. Bei Alphonse Decandolle hörte er Botanik, bei Pictet de la Rive Zoologie, Mineralogie und vergleichende Anatomie. Decandolle machte den fleißigen Studenten zum „Conservateur des plantes“ seines großen Herbariums und zum Aufseher des botanischen Gartens, obgleich Siegfried das eigentliche Botanisiren weniger bevorzugte als das Studium der Pflanzenphysiologie. Nebenbei lernte er mit Eifer privatim Latein, so daß er die Classiker lesen und verstehen konnte, trieb auch Griechisch, Englisch und Spanisch. Im Jahr 1843 wandte er sich zu den mathematischen Wissenschaften, um sich auf das Officiersaspiranten-Examen vorzubereiten. Er besuchte die Vorlesungen über höhere Mathematik von Decrun und von Colladon über Mécanique appliquée. 1844 fiel er zwar in dem erwähnten Examen durch, dies war aber nur ein Sporn zu umso gründlicherem Studium. Zu gleicher Zeit nun kam S. auf das topographische Bureau des damaligen Generalquartiermeisters G. H. Dufour und dies sollte für sein ganzes Leben entscheidend sein; denn Dufour wurde sein Lehrmeister und bald belohnte volles Vertrauen den Eifer des Schülers. Den Sonderbundkrieg von 1848 machte S. als Corporal in der ersten Division unter Rilliet de Constant mit und im gleichen Jahr trat er als zweiter Unterlieutenant in den Geniestab. In St. Maurice beaufsichtigte und leitete er die Fortificationsarbeiten; beinahe wäre aber S., der sich nach einer festen Anstellung sehnte, seiner Bestimmung entzogen worden, wenn nicht der Rath einsichtiger Freunde ihn abgemahnt hätte, eine zur Besetzung ausgeschriebene Lehrstelle an der Kantonschule in Chur anzunehmen. Er blieb glücklicherweise der Schweizer Topographie und weitern vaterländischen Aufgaben erhalten. Dufour verwendete nun S. bei den Aufnahmen für den topographischen Atlas. 1851 nahm er das sehr schwierige Blatt Basodino und einen Theil des Blattes Cerutino auf, 1853 und 1854 die Blätter Faido, Locarno, Olivone und einen Theil von Brissago, 1855 das Blatt Hinterrhein, einen Theil von Splügen. vom Blatt Reiden Kt. Luzern, 1856 den größten Theil vom Blatt Laax und Elm, 1857 ebenso vom Blatt Sixmadun und Amsteg und Tödi, 1858 das Blatt Greina und einen Theil von Truns, 1859 das Blatt Evolena und Theile von den Blättern Matterhorn und Mischabel, 1860 das Blatt Engelberg und einen Theil von Isenthal, 1861 einen Theil des Blattes Wassen und 1862 dito von Blatt Gyswilerstock. Im ganzen sind es 2500 km², d. h. ein Gebiet von der Größe der Kantone St. Gallen und Appenzell. Die betreffenden Aufnahmen erfolgten im Maßstab 1 : 50 000, mit Ausnahme des Blattes Reiden, des einzigen im Flachland, das in 1 : 25 000 gehalten ist. Außerdem vermaß er 1858 die Luciensteig in Graubünden, ebenso die Festung St. Maurice in 1 : 10 000 und mit 5 m Curven. So war S. Jahre lang während des Sommers im Hochgebirge, im Winter zeichnete er dann seine Planchetten in Zürich oder Zofingen. Seine Arbeiten gehören zu den besten des topographischen Bureaus; zwar zeichnen sie sich weniger durch Brillanz der Ausführung als durch absolute geometrische Genauigkeit aus und das will für jene Zeit, wo die Aufnahmen noch viel schwieriger waren und auch die Controlle fehlte, viel bedeuten. Nebenbei hielt er im Winter am neugegründeten Polytechnikum in Zürich Curse über Ballistik und Befestigungskunst ab und hatte solchen Erfolg, daß er dieselben deutsch und französisch halten mußte. Ferner wirkte er von 1859–1866 als Instructionsofficier in der Genieabtheilung der eidgenössischen Generalstabsschulen. 1863 studirte er speciell die Organisation der topographischen Abtheilung des französischen Generalstabs und so konnte 1864 Dufour, als er mit der Publication des topographischen Atlasses in 25 Blättern 1 : 100 000 seine Aufgabe [202] als erfüllt betrachtete und von der Leitung des topographischen Bureaus und des Generalstabs zurücktrat, mit gutem Gewissen und vollem Vertrauen S. als seinen Nachfolger vorschlagen. Der Bundesrath ernannte am 30. December 1865 S. definitiv zum Chef des Generalstabs, dessen Thätigkeit bis dazumal hauptsächlich in der topographischen Aufnahme des Landes bestand. Das topographische Bureau siedelte um diese Zeit von Genf nach Bern über. (Militär-Carriere: 1847 siebenundzwanzigjährig noch Soldat, 1848 Unterlieutenant des Genie, 1853 Hauptmann des Genie, 1860 Major des Genie, 1863 Oberstlieutenant des Genie, 1867 Oberst des Generalstabs.) Zwar schienen durch die Publication des sogenannten Dufouratlasses die größeren topographischen Arbeiten des Schweizerlandes Ende 1864 abgeschlossen. Auch die Generalkarte in 4 Bl. 1 : 250 000 war vorbereitet und niemand dachte an neuere größere Arbeiten oder ahnte, welchen Aufschwung unter dem neuen Chef die schweizerische Kartographie nehmen würde. Man weiß aber, auf wie ungleichwerthigem Material die Ausgabe des Dufouratlas beruhte und Niemand als S. konnte dies klarer überschauen. Da stellte er sich die Aufgabe für Vervollkommnung des Materials alle Hebel einzusetzen. Es galt vor allem das Interesse an der Kartographie zu fördern, deshalb folgte 1867 die Herabsetzung des Preises der Dufourkarte von 115 Frcs. auf 50, 1869 auf 40 Frcs. Dann faßte S. den überaus glücklichen Gedanken, den topographischen Atlas der Schweiz im Maßstab der Originalaufnahmen herauszugeben. Der Kanton Zürich war in dieser Beziehung vorangegangen und hatte unter der Direction v. J. Wild von 1852–65 sein Gebiet in 32 Bl. 1 : 25 000 mittelst Chromolithographie im Maßstab der Originalaufnahmen publicirt.

Diese Idee auf die ganze Schweiz auszudehnen, war kühn, allein S. schreckte vor keinen Schwierigkeiten zurück. Er fand kräftige Unterstützung am schweizerischen Alpenclub, der schon 1864 und 1865 die Tödi- und Triftgebiete, sodann die Silvretta und Medelsergebiete und acht Blätter über Südwallis im Maßstab und der Manier der Originalaufnahmen (1 : 50 000) mit Hülfe des Topographischen Bureaus und Siegfried’s und seiner Ingenieure publicirt hatte und von der Generalversammlung in St. Gallen 1866 wurde eine Petition an die Bundesbehörden gerichtet mit dem Gesuch, den gesammten Schweizeratlas im Maßstab der Originalaufnahmen herauszugeben. Eine Commission unter dem Vorsitz Siegfried’s berieth zwei Gesetzentwürfe, die dann die eidgenössischen Räthe annahmen, nämlich Bundesgesetz vom 18. December 1868 betreffend die Publication der topographischen Aufnahmen und Bundesgesetz, betreffend die Fortsetzung der topographischen Aufnahmen. S. ging außerordentlich energisch zur That über, erließ Verordnungen für die Neuaufnahmen, die Revision, Verification und Publication der Blätter nach einheitlichem Plan. Der ganze Atlas zählt mit Grenz- und Seeblättern 566 Blätter und zwar 444 in 1 : 25 000 und 122 in 1 : 50 000. Von den ersten sind gegenwärtig 1891 noch 91 zu publiciren und von den zweiten noch 19. Mit den Kantonen schloß man Verträge über die finanzielle Betheiligung ab, ein zahlreiches Personal wurde zur Ausführung der Triangulationen und Revisionen herangebildet, Stich, Gravur und Druck hingegen an Private übergeben. Schon 1870 konnte die erste Lieferung erscheinen und dieselben folgten Schlag auf Schlag, sodaß beim Tode Siegfried’s 1879 3/5 der Blätter für die Publication vorbereitet und 1/3 thatsächlich publicirt waren. Einige Zahlen mögen noch die Thätigkeit des topographischen Bureaus unter S. illustriren: Von der Generalkarte, die 1873 vollendet wurde, sind unter S. 23 856 Blätter gedruckt, vom eigentlichen Dufouratlas viele Nachtragsarbeiten gemacht und 151 051 Blätter gedruckt, außerdem [203] bearbeitete man 164 633 Specialkarten, wie Manöverkarten, Kantonskarten, Alpenclubkarten, Militärkarten etc., gab eine Karte der Schweiz in 1 : 1 000 000 und 1 : 500 000 heraus, und übernahm 1878 die Triangulation im eidgenössischen Forstgebiet. Wenn man bedenkt, mit welch einfachen Mitteln das alles geleistet worden ist, wie dies schließlich bloß eine Seite der Thätigkeit Siegfried’s überhaupt war, so wird man die eminente Bedeutung dieses Mannes für das Schweizerland würdigen. Die neue Militärorganisation vereinigte in einer Person die Stellen eines Chefs des Generalstabes im Frieden und diejenige des Vorstands des topographischen Bureaus. Was S. in der erstem Stelle als Leiter des eidgenössischen Generalstabs gewirkt hat, ist nicht minder großartig. Unter ihm hat sich die eigentliche Generalstabsabtheilung erst entwickelt. Umfassende Kenntniß der Waffengattungen erleichterte ihm seine Arbeit. Er ist Schöpfer der Eisenbahnabtheilung des eidgenössischen Generalstabs und bereitete die schwierige Frage der Landesbefestigung vor, unterrichtete selbst in einfacher und klarer Methode über Militärgeographie, Mobilisation und Landesvertheidigung und beförderte die Initiative der Generalstabsofficiere auf mannichfache Weise. Als langjähriges Mitglied der Artilleriecommission leitete er seit 1862 die Schießversuche zur Erprobung der Hinterladungsgeschütze und wurde in diesen Fragen ebenso Autorität, wie in denjenigen der Landestopographie, indem er die Formeln der Ballistik in einfache Gestalt brachte. Seine „Schießtheorie, Handbuch der Artillerie“ 1870 erwarb sich die Anerkennung des Artilleriegenerals und nachmaligen österreichischen Kriegsministers Bylandt und der deutsche Waffentechniker Hauptmann Weygand widmete 1872 seine „Waffenlehre“ dem schweizerischen Oberst S. Außerdem war S. mehrmals eidgenössischer Commissar bei Grenzregulirungen (hierher gehört auch seine Arbeit „Die Grenzen der Schweiz“, Brugg 1869. 8°), Mitglied der schweizerischen geodätischen Commission, militärischer Experte und Schiedsrichter, Jurymitglied bei internationalen Weltausstellungen. Sein Bericht über die „geographischen und kosmographischen Karten und Apparate an der internationalen Weltausstellung in Paris 1878“ ist eine classische Arbeit und zugleich sein letztes größeres Werk. Diese vielfache Thätigkeit rieb die Kräfte dieses Mannes vorzeitig auf, und ehe noch alle Aufgaben, die er sich gestellt hatte, gelöst waren, wurde Oberst S. am 5. December 1879 dem Vaterlande durch den Tod entrissen.

Siegfried’s Werke sind: „Die Bedeutung der Festungswerke von Genf, militärisch betrachtet von H. S. und politisch beleuchtet von James Fazy“. Genf. 1850. 41 S. – „Bericht über die Schießversuche zur Bestimmung der Visirhöhen der schweizerischen Handfeuerwaffen im Jahre 1864.“ Basel 1865. 99 S. 1 Tafel. (Schweizerische Militärzeitung, auch separat.) – „Rapport sur les Essais de tir faits en 1864 pour la détermination des hausses des armes à feu portatives Suisses.“ Lausanne 1866. 49 S. 1 Tafel. (Revue militaire Suisse, auch separat.) – „Die Grenzen der Schweiz.“ Brugg 1869. 13 S. – „Handbuch für schweizerische Artillerieofficiere“: XII Capitel Schießtheorie; II. Theil: Schießen mit Geschützen. Aarau 1870. 160 S. 6 Tafeln. – „Beitrag zur Schießtheorie, angewendet auf das Schießen mit den schweizerischen Handfeuerwaffen.“ Bern 1871. 150 autographirte S. 2 Tafeln. – „Das Jura-Bahnnetz vom Standpunkt der militärischen Interessen der Eidgenossenschaft.“ Bern 1872. 11 S. – „Geographische und cosmographische Karten und Apparate von der internationalen Weltausstellung in Paris.“ Zürich 1879. 71 S.

Wolf, Geschichte der Vermessungen in der Schweiz. Zürich 1879. S. 282. 283. – L. Held, Die schweizer. Landestopographie unter der Leitung von Oberst H. S. Jahrb. des schweiz. Alpenclub. 1880. S. 456. – Nekrolog [204] in der Neuen Zürcher Zeitung 1879, Nr. 587. 589. 590. Journal de Genève Nr. 18. 1880. (C. Favre.) – Manuscriptband des eidgen. Generalstabsbureau.
J. H. Graf.