ADB:Solger, Karl

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Artikel „Solger, Karl“ von Ferdinand Jakob Schmidt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 380–383, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Solger,_Karl&oldid=- (Version vom 20. September 2019, 21:04 Uhr UTC)
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Solger: Karl Wilhelm Ferdinand S., wurde geboren am 28. November 1780 zu Schwedt in der Uckermark. Sein Vater war Director der markgräflichen Kammer, „ein im Amte wie im Familienkreise und unter seinen Freunden höchst würdiger und geehrter, wahrer deutscher Charakter“; wissenschaftlich gebildet, ein Kenner der alten Sprachen, wurde er dem Sohne Vorbild und Muster ernster, gewissenhafter Lebensführung und vererbte auf ihn die tiefe Neigung zu den humanistischen und philosophischen Studien. Die Mutter war von hingebender Güte und Sanftmut; sie ging völlig in der liebevollen Fürsorge für den Gatten und die Kinder auf und erzog diese mit herzlicher Sorgfalt. Mit seinen Geschwistern, einem jüngeren Bruder und einer elf Jahre älteren Schwester, die er zärtlich liebte, machte er sich häufig das Vergnügen, Ballette aufzuführen und Komödie zu spielen. Seinen ersten Schulunterricht empfing er in der Freischule; dann kam er auf die Stadtschule in Schwedt und begann hier das Lateinische und Griechische zu erlernen. Mit glücklichen Anlagen verband er eine außerordentliche Lernbegierde; er prägte sich freiwillig viele Gedichte ein und wußte sie mit gutem Ausdruck zu declamiren. Aber auch die Körperpflege wurde nicht vernachlässigt, da der Vater darauf hielt, daß die Söhne frühzeitig tanzen, fechten und reiten lernten. 1795 wurde Carl in die dritte Classe des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster aufgenommen, das damals von dem Rector Gedicke geleitet wurde; er war ein ausgezeichneter Schüler, ebenso bei seinen Lehrern wie bei seinen Mitschülern beliebt. Der junge S. hatte ein offenes Gesicht; große, blaue, etwas vorstehende Augen und lichtbraunes Haar, das ihm in vollen Locken über die Schultern fiel. Ostern 1799 konnte er die Schule verlassen, um sich in Halle dem Studium der Jurisprudenz zu widmen. Ohne die Rechtswissenschaft zu vernachlässigen, gab er sich gleichzeitig mit großem Eifer unter Fr. Aug. Wolf’s Leitung den Alterthumsstudien hin und erlernte außerdem das Englische und Italienische, bald auch das Spanische. Hier knüpfte er die freundschaftliche Verbindung mit Friedrich v. d. Hagen, Sotzmann und Friedrich v. Raumer. Michaelis 1801 ging er auf ein halbes Jahr nach Jena, um bei Schelling philosophische Vorlesungen zu hören. Dort sah er auch Goethe, Voß, Schiller und Böttiger und setzte seinen Umgang mit Heinrich Voß fort, der ihm schon von Halle aus bekannt war. Im J. 1802 machte er eine Reise nach der Schweiz und Frankreich und ging dann zu Beginn des Jahres 1808 nach Berlin, wo er sich bei der Kriegs- und Domänenkammer anstellen ließ. Aber sein wahres Geistesinteresse blieb den wissenschaftlichen Studien zugewandt; er begann damals seine Uebersetzung der Sophokleischen Tragödien, von denen die des „König Oedipus“ 1804 im Druck erschien. In demselben Jahre hörte S. „mit unendlichem Vergnügen und Vortheil“ Fichte’s Collegium über die Wissenschaftslehre, so daß seine philosophische Entwicklung dadurch nachhaltig beeinflust wurde. Trotzdem ihn seine Vorgesetzten ungern verloren, nahm er 1806 seinen Abschied aus dem Staatsdienst, um sich ganz den gelehrten Arbeiten zu widmen. In dieser Zeit studirte er Spinoza’s Philosophie mit großer Emsigkeit und Hingebung; aber die kühle Verstandesklarheit dieser Darstellung erweckte in ihm den entgegengesetzten Wunsch nach Belebung der philosophischen Phantasie, und er kam daher zu der Ansicht, daß die Kunst der Dialoge erneuert werden müsse, weil ihm dies die höchste Form der Philosophie zu sein schien. Im Winter 1807 wurde S. von einem sehr gefährlichen Nervenfieber befallen, so daß er einen Theil des folgenden Jahres bei seinem Bruder in Schwedt zur Erholung zubrachte. Damals (1808) erschien seine Sophokles-Uebersetzung. Im Spätsommer lernte er bei seinem Freunde v. d. Hagen den Dichter Tieck persönlich kennen, mit dem er dann, [381] freilich erst etwas später, einen regen, freundschaftlichen Geistesverkehr anknüpfte. Nachdem er in diesem Jahre Doctor der Philosophie geworden war, ging er 1809 an die Universität zu Frankfurt a. O., wo er bald Professor extraordinarius wurde. Er las hier mit vielem Beifall philosophische Collegia, ferner über Pindar und Persius und 1810 zum ersten Male Aesthetik. Wie hoch ihn seine Mitbürger daselbst schätzten, geht daraus hervor, daß die Stadtverordneten im J. 1810 den unbesoldeten Professor der Philosophie mit 1500 Thalern Gehalt zum Oberbürgermeister wählten. S. blieb jedoch der Wissenschaft treu und lehnte ab. Im Sommer 1811 wurde er als ordentlicher Professor der Philosophie an die Universität Berlin berufen. Ein Jahr später machte er eine Reise nach Dresden und traf hier Frau v. Groeben und deren Tochter Henriette, mit der er von früher her bekannt war; bald darauf verlobte er sich mit dem edlen und liebenswürdigen Mädchen, das er im Frühjahr 1813 heirathete. Für 1814–15 war ihm das ehrenvolle Amt des Rectors der Universität übertragen worden. Während dieser letzten Jahre war er hauptsächlich mit der Ausarbeitung eines ästhetischen Werkes beschäftigt, das dann 1815 unter dem Titel „Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst“ im Druck erschien. Damals schrieb er: „Den innersten Kern und Mittelpunkt in Allem, was das Leben Edles und Wesentliches in sich trägt, aufzudecken und als den eigentlichen Urquell aller abgeleiteten Wahrheit im Bewußtsein lebendig zu erhalten, das ist das Ziel, dem ich alles mein Streben geweiht habe. An der Kunst habe ich dies versucht und werde es auch am Staate, an der Religion und selbst in gewissem Sinne an der Natur versuchen.“ Die speculativen Grundgedanken zu einem solchen System brachte er in den „Philosophischen Gesprächen“ zum Ausdruck, die 1817 zu Berlin im Druck erschienen. Zu der angestrengten Berufsthätigkeit und den mühevollen Arbeiten seiner gelehrten Forschung kam noch hinzu, daß ihm 1816 auch noch die Direction des Seminars für gelehrte Schulen übertragen wurde. Dies scheint seine schwächliche Gesundheit hart mitgenommen zu haben, so daß ihn sein Freund Tieck schon im Anfang des Jahres 1818 „als ein ganz verwandeltes, der vorigen Erscheinung völlig unähnliches Wesen“ fand. Eine Reise nach Karlsbad brachte ihm nur für kurze Zeit Erfrischung. Am 9. October 1819 erkrankte er und starb bald darauf am 25. October in der Blüthe seiner Jahre und der Fülle seiner Kraft. Die Grabrede hielt ihm sein Freund Schleiermacher. Von ihm schrieben Tieck und Fr. v. Raumer, die Herausgeber seines Nachlasses: „Nur wenigen Menschen war dieser Zauber der Sprache verliehen. Auch dem Uneingeweihten sprach er klar und faßlich, über schwierige Gegenstände. Wie sein ganzes Leben war seine Ehe musterhaft und so glücklich wie nur selten. Als Gatte, Vater, Freund, Lehrer und Staatsbürger wird man seinen Namen immer als Vorbild zur Nachahmung nennen und preisen können.“

Die Philosophie Solger’s bezeichnet den Uebergang des speculativen Denkens von der Wissenschaftslehre Fichte’s zu dem System Hegel’s. Mitgewirkt hat dabei vornehmlich dreierlei, nämlich das Studium Spinoza’s, das Studium der Identitätslehre Schelling’s und dasjenige der Mystiker. Die Hauptsache aber bleibt, daß er einerseits mit Fichte von dem menschlichen Selbstbewußtsein ausgeht und doch andererseits, bereits ähnlich wie Hegel, das endliche, individuelle Selbstbewußtsein von dem unendlichen Bewußtsein unterscheidet, das sich jenem als das göttliche, absolute Denken offenbart. Das Wesentliche dabei ist aber dies, daß die Scheidung zwischen dem endlichen und unendlichen Selbstbewußtsein keine endgültige und feste ist, sondern ein Proceß, in welchem das Absolute, weil es das Moment der Negativität in sich trägt, [382] sich selbst zu dem endlichen Dasein determinirt und diese Verendlichung durch die Selbstoffenbarung wieder aufhebt. Während die gemeine Erkenntniß an den endlichen Gegensätzen des mannichfaltigen Daseins festhält und lediglich ihre Beziehungen und Verhältnisse zu ermitteln sucht, hat die höhere Erkenntnis das Wesen selbst zu seinem Inhalt, wie es seine endlichen Bestimmungen in sich erzeugt und diese Differenzirungen wieder in sich vereinigt. Nur in unserer endlichen Existenz sondert sich das Wesen von seinen Bestimmungen, weil unser Denken nur darin besteht, daß es von dem Allgemeinen zum Besonderen übergeht, und nur durch diesen Uebergang jedes der Entgegengesetzten als das auffaßt, was es ist. An und für sich muß die Erkenntniß Einheit des Allgemeinen und Besonderen, und also auch Einheit der Form und des Stoffes sein. Das aber ist die Grundbedeutung der Idee. Und weil nun die Idee als vollkommene Einheit der Stoffe mit der Form erkannt wird, so kann und muß sie in ihrer Richtung auf die Existenz auf zweifache Weise gefaßt werden: einmal nämlich als dasjenige, was die Einheit mit sich selbst in unser Bewußtsein, das andere Mal als das, was Einheit in die Gegensätze bringt, in welchen die äußeren Gegenstände unserer Erkenntniß miteinander stehen. Die Ideen der ersten Art beziehen sich auf den Willen, die der zweiten auf die Welt der von unserem Bewußtsein unabhängigen Gegenstände oder die Natur. Was die Offenbarung des göttlichen Bewußtseins in uns wirkt, das ist die Aufhebung unseres eigenen Bewußtseins, insofern es in die Gegensätze und Vermittlungen seiner eigenen Existenz verflochten ist, und die Erschaffung unseres eigenen wahren Wesens, welches in Wahrheit kein anderes als das göttliche selber ist. Dieses göttliche Wesen ist in der Natur die gegenwärtige Nothwendigkeit, im Organismus das Leben, in unserem Wissen das Wahre, im Handeln das Gute, im Hervorbringen das Schöne, im Selbstbewußtsein die Religion. – Obwohl S. durch seinen allzufrühen Tod gehindert wurde, sein System nach allen Seiten hin auszubauen, finden sich doch sehr bemerkenswerthe Ansätze zu einer philosophischen Rechts- und Staatslehre, zur Religionsphilosophie und besonders zur Aesthetik. Diese seine Auffassung von der Idee des Schönen ist in seinem „Erwin“ niedergelegt, dem sich die von K. W. L. Heyse herausgegebenen Vorlesungen über Aesthetik würdig anschließen. Charakteristisch und grundlegend für den systematischen Zusammenhang ist es, daß ihm die Mystik der gemeinsame Boden für die Religion und die Kunst ist. Nach seiner Einsicht besteht die Mystik in der Erkenntniß und Darstellung der unmittelbaren Gegenwart des Ewigen, und die höchste Mystik würde diejenige sein, welche die ganze Wirklichkeit ohne weitere Deutung und Zurückführung auf Begriffe oder Bildungen der Phantasie, als Offenbarung faßte, wozu uns der Eingang durch das Christenthum eröffnet oder welcher vielmehr selbst das Christenthum ist. In der Kunst und besonders in der Poesie kommt es zum Unterschied der bewußten und der unbewußten Mystik. Auf jener beruht die Allegorie, auf dieser die Symbolik, und beide haben eine Grenze, wo die Allegorie in bloßes Verstandesspiel und die Symbolik in Nachahmung der Natur übergeht. An dieser Grenze erlischt zugleich Ironie und Begeisterung. Die Durchführung dieses Grundgedankens in der Aesthetik ist nicht ohne bedeutsamen Einfluß auf Hegel gewesen, der auf Solger’s Betrieb im J. 1818 auf den seit 1814 unbesetzten Lehrstuhl Fichte’s von Heidelberg nach Berlin berufen wurde.

Werke: „Sophokles’ Tragödien“ 1808, zweite Auflage 1824; „De explicatione ellipsium in lingua graeca“ – spec. 1, Frankfurt a. O. 1811; „Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst“, 2 Bde., Berlin 1815, neu herausgegeben von Rudolf Kurtz, Berlin 1907; „Philosophische Gespräche“, [383] Berlin 1817; „Solger’s nachgelassene Schriften und Briefwechsel“, herausgegeben von Ludwig Tieck und Friedrich v. Raumer, Leipzig 1826, 2 Bde.; „K. W. F. Solger’s Vorlesungen über Aesthetik“, herausgegeben von K. W. L. Heyse, Leipzig 1829.

Ueber Solger: Hegel „über Solger’s nachgelassene Schriften und Briefwechsel“ in dessen Werken Bd. 16. – R. Schmidt, Solgers Philosophie 1841.