ADB:Stiborius, Andreas

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Artikel „Stiborius, Andreas“ von Siegmund Günther in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 162–163, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Stiborius,_Andreas&oldid=- (Version vom 25. April 2019, 06:41 Uhr UTC)
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Stiborius: Andreas St., Astronom, geboren um 1470, gestorben am 5. September 1515 zu Wien. Der Geburtsort des St., der von Hause aus Stöberl hieß und sich erst später, dem Zeitgeschmacke entsprechend, latinisirte, ist nicht sichergestellt; aus einer Stelle in den Poemata des Konrad Celtis würde auf Vilshofen an der Donau zu schließen sein, während andere Anzeichen für Oettingen im Ries sprechen. Daß er an der damals in ihrer Jugendblüthe stehenden Ingolstadter Hochschule studirt, ist sicher, und später scheint er sich nach Padua gewandt zu haben, denn von dort aus verehrte er 1495 seinem Verwandten, einem Olmützer Domherrn, die astronomischen Tafeln des Bianchini. Später ging er (1497) nach Wien, trat in die von Maximilian I. begründete „Donaubruderschaft“ ein, zu deren bedeutendsten Mitgliedern er nebst Celtis und Cuspinianus gehörte, und erhielt, als der Kaiser 1502 eine Doppelprofessur der Mathematik in Wien begründete – der erste Fall dieser Art an einer deutschen Universität – den einen dieser beiden Lehrstühle. Doch hat seine Lehrthätigkeit keinesfalls lange gedauert, denn schon 1503 sehen wir seinen Platz von Tannstätter, dem treuen Freunde und Schüler Stöberl’s, eingenommen, und dieser letztere widmete sich wohl nun gänzlich seinen geistlichen Verpflichtungen. Im J. 1507 wurde er Domherr bei St. Stephan. Seine Grabstätte befindet sich in dem ein paar Stunden von Wien entfernten Städtchen Stockerau.

Die wissenschaftliche Anregung, welche von St. ausging, kann keine geringfügige gewesen sein, und mit Recht wird ihm in dem Lobgedichte eines gewissen Poppenheuser auf die Wiener Mathematiker eine ehrende Anerkennung zu theil. Gewiß ist, daß er der damals noch in der Form einer gewissen Geheimlehre auftretenden Algebra kundig war, denn er sagt selbst, daß er von dem Mönche Aquinas Dacus, der als Wanderlehrer der neuen Kunst viele Jahre in Deutschland umherzog, Unterricht empfangen habe, und in seinem Besitze hat sich, wie Gerhardt nachwies, das algebraische Manuscript befunden, aus welchem die folgende Generation ihr Wissen in der „Coß“ großentheils schöpfte. Stöberl’s eigene Schriften, von denen eine ziemliche Anzahl bei den Historikern angeführt wird, behandeln zumeist Aufgaben der sphärischen Astronomie und Sonnenuhrkunde; zusammen mit Tannstätter veröffentlichte er auch einen „Libellus de physicis lineis, angulis et figuris“ (Nürnberg 1503). Bemerkenswerth dürfte auch der Umstand sein, daß er einen offenen Sinn für die Geschichte seiner Wissenschaft besaß. Wenn allerdings Frobesius (und nach ihm Nesselmann) einen selbständigen „Libellus Andreae Stiborii de auctoribus mathematicis“ anführen, so trifft dies nicht ganz zu, aber soviel ist wahr, daß der Genannte in das Vorwort, welches er zu der von Tannstätter besorgten Ausgabe der Hauptwerke Peurbach’s und Regiomontan’s schrieb, eine geschichtliche Skizze der älteren Wiener mathematischen Schule einflocht, welche für unsere Kenntniß derselben von entschiedenem Interesse ist. Am bekanntesten jedoch wurde St. bei seinen Zeitgenossen durch eine Arbeit kalendariographischen Inhalts. Nachdem nämlich die durch Papst Sixtus IV. kräftig angebahnte Kalenderreform allmählich wieder [163] ins Stocken gerathen war, nahm sich Kaiser Maximilian zu Anfang des XVI. Jahrhunderts dieser Sache an und veranlaßte die Curie, von drei bedeutenden Hochschulen – Loewen, Tübingen und Wien – Gutachten über die Kalenderfrage einzuholen. Dasjenige der letztgenannten Universität ward von St. und Tannstätter gemeinschaftlich ausgearbeitet; es gipfelte in dem Wunsche, daß der neunzehnjährige (Meton’sche Cyclus) bei der Neugestaltung der Zeitrechnung gänzlich bei Seite gelassen werden sollte. Dem Kaiser lag die Angelegenheit sehr am Herzen, wie wir aus dem von ihm unterm 16. December 1514 aus Innsbruck an die Wiener Professoren gerichteten Schreiben ersehen; freilich war die Denkschrift zunächst nur schätzbares Material, denn es sollten noch gerade siebzig Jahre vergehen, bis endlich Papst Gregor die Bemühungen mehrerer Jahrhunderte zum glücklichen Abschlusse brachte.

Frobesius, Historica et dogmatica ad mathesin introductio S. 67. Helmstedt 1750. – Kästner, Geschichte der Mathematik II, 531 ff. Göttingen 1797. – Kobolt, Bairisches Gelehrtenlexikon S. 669 ff. Landshut 1795. – Kobolt, Ergänzungen und Berichtigungen zum Bairischen Gelehrtenlexikon S. 279 ff. Landshut 1824. – Aschbach, Die Wiener Universität und die Humanisten im Zeitalter des Kaisers Maximilian I. S. 341 ff. 374 ff. Wien 1877. – Kaltenbrunner, Die Vorgeschichte der gregorianischen Kalenderreform S. 88 ff. Wien 1877. – Gerhardt, Geschichte der Mathematik in Deutschland S. 45 ff. München 1878.