ADB:Tauchnitz, Karl (Drucker)

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Artikel „Tauchnitz, Karl“ von Gustav Wustmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 441–443, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Tauchnitz,_Karl_(Drucker)&oldid=- (Version vom 19. September 2019, 00:40 Uhr UTC)
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Tauchnitz: Karl Christoph Traugott T., Buchdrucker und Buchhändler in Leipzig (geboren am 29. October 1761, † am 14. Januar 1836). Er war der Sohn des Schulmeisters in Großbardau bei Grimma (in Sachsen). Da ihm sein Vater den Wunsch, zu studiren, nicht erfüllen konnte, so wollte er wenigstens ein „den wissenschaftlichen Studien verwandtes“ Gewerbe ergreifen, trat 1777 als Lehrling in die Sommer’sche Buchdruckerei in Leipzig ein und zeichnete sich dort bald durch Fleiß und Geschmack aus. Nach Beendigung seiner Lehrzeit ging er auf die Wanderschaft und arbeitete unter anderm mehrere Jahre in der Unger’schen Druckerei in Berlin, wo er „besonders zu aufmerksamerer Beachtung der Stempel- und Formschneidekunst angeregt wurde“. 1792 kehrte er in das Haus seines Leipziger Lehrherrn als Factor zurück, 1796 errichtete er, zunächst mit einer einzigen Presse, eine eigne Druckerei unter der Firma „Karl Tauchnitz“ auf der Petersstraße in Leipzig, und 1797 verheirathete er sich mit Friederike Sophie Dürr, einer Tochter des Buchdruckers Christian Philipp Dürr. Durch seine Umsicht, Emsigkeit und Zuverlässigkeit wuchs das kleine Geschäft rasch empor, schon im J. 1800 verband er mit der Druckerei eine Schriftgießerei und bald darauf auch eine Verlagsbuchhandlung, und 1806 siedelte er in das stattliche eigne Geschäftshaus über, das er sich von 1803–1805 auf dem Brühl erbaut hatte. Der Leipziger Rath ernannte ihn in demselben Jahre auf sein Ansuchen zum Rathsbuchdrucker. Von nun an beginnt die Blüthe seiner Geschäftsthätigkeit. Vor allem war er unausgesetzt um die Vervollkommnung des Buchdrucks, namentlich um die Verbesserung und Verschönerung der Schriftformen bemüht. Er war auch der erste, der 1816 die in Frankreich und England schon [442] längere Zeit geübte Stereotypie nach Deutschland verpflanzte. In einem Gesuch, das er im Januar 1819 an den sächsischen König richtete, und worin er bittet, ihm für seine Stereotypengießerei auf einige Jahre ein Privilegium zu ertheilen, gibt er an, daß „deren wesentliche Einrichtung noch ein Geheimniß“ sei, das er „von dem Engländer John Watts mit einer großen Summe erkauft habe“. Binnen zwei Jahren hatte er damals schon 60 Bände griechischer Schriftsteller, die gegen 20 000 Platten umfaßten, und vier verschiedene Bibelausgaben stereotypirt. Später versuchte er die Stereotypie auch auf den Notendruck zu übertragen; als Proben davon erschienen bei ihm die von Friedrich Schneider herausgegebenen Clavierauszüge von Mozart’s Don Juan und Rossini’s Tancred. Seine Verlagsthätigkeit war anfangs namentlich auf gute Jugendlitteratur gerichtet, 1808 begann er seine berühmt gewordene Sammlung griechischer und lateinischer Classiker, die sich keineswegs auf die bekannten Duodezbändchen beschränkte, sondern auch Octavausgaben, selbst Prachtausgaben brachte, wie den bekannten von C. F. A. Nobbe besorgten Cicero in einem Bande, die wundervoll gedruckte Folioausgabe des Theokrit von G. Schäfer, die „Preisausgabe“ des Homer von Gottfried Hermann (bei der die Entdeckung eines Druckfehlers mit einem Ducaten bezahlt wurde). Daneben widmete er sich namentlich dem Bibeldruck (zum Theil im Auftrage der britischen Bibelgesellschaft) und dem Druck von theologischen und Erbauungsschriften, später auch von orientalischer Litteratur. Nach seinem Tode übernahm das Geschäft sein Sohn Karl Christian Philipp T. (geboren in Leipzig am 4. März 1798, † ebenda am 16. April 1884). Er hatte das Gymnasium in Zerbst besucht, dann, gegen den Wunsch des Vaters, Theologie studirt (in Tübingen und Basel), darauf längere Zeit in England und in Basel gelebt, um sich der Missionsthätigkeit zu widmen, entschloß sich aber bei des Vaters Tode, die theologische Laufbahn aufzugeben, setzte dann das Geschäft des Vaters in dessen Geiste fort, erweiterte den Verlag namentlich durch eine große Anzahl von Wörterbüchern in den verschiedensten Sprachen, und zog sich im höhern Alter zurück, um als Privatmann zu leben. Nachdem er den theologischen und den Bibelverlag schon vorher verschiedenen andern Händen überlassen hatte, gingen die Classikerausgaben und die Wörterbücher 1865 an den Verlag von Otto Holtze über, und damit erlosch die Firma „Karl Tauchnitz“.

Beide Tauchnitz, Vater und Sohn, haben durch die Erzeugnisse ihrer Pressen und ihres Verlags sechs Jahrzehnte lang einen tiefen und weitreichenden Einfluß ausgeübt. Namentlich ihre Stereotypausgaben der alten Classiker haben durch ihre verhältnißmäßige Correctheit, Sauberkeit, Handlichkeit und Billigkeit ein halbes Jahrhundert lang die deutschen Universitäten und Schulen beherrscht, aber auch im Auslande große Verbreitung gefunden. Selbst als ihnen später in dem Teubner’schen und dem Weidmann’schen Verlag gefährliche Concurrenten erstanden waren, insofern diese den Fortschritten der philologischen Kritik mehr Rechnung tragen konnten und dabei dem Wunsche der Lehrer nach commentirten Ausgaben entgegenkamen, und der deutsche Gymnasiast nun vor den billigen Tauchnitzausgaben als „Taugenichtsausgaben“ gewarnt wurde, waren sie doch nur ganz allmählich zu verdrängen. Beide Tauchnitz, Vater und Sohn, waren aber nicht nur hervorragende Vertreter ihres Berufs, sondern auch vortreffliche Menschen. Dem Vater wird nachgerühmt, daß es nicht der Vortheil gewesen sei, der seine Thätigkeit gespornt habe, sondern „die Ehre, die er dem Vortheil stets überordnete“. Er gehörte auch nicht „in die Zahl jener reichen Parvenus, welche ihren Untergebenen doppelt und dreifach die Unbill entgelten lassen, die sie selbst in gleichen Verhältnissen ehemals erfuhren, sondern sich in die Lage eines Lernenden und Dienenden zurücksetzend, milderte er die nöthige Strenge durch die theilnehmendste Liebe“. Der Sohn aber hat sich, abgesehen von seiner geschäftlichen [443] Thätigkeit, auch durch großartige Stiftungen in seiner Vaterstadt Leipzig ein unvergängliches Denkmal errichtet. Nachdem er sich schon bei Lebzeiten als unermüdlichen Wohlthäter erwiesen und bedeutende Summen zu gemeinnützigen Zwecken gespendet hatte, u. a. 400 000 Mark zur Errichtung eines Siechenhauses, vermachte er seinen gesammten Nachlaß, mehr als 4 Millionen Mark, der Stadt Leipzig „zu wohlthätigen, allen oder einzelnen, hauptsächlich aber den unbemittelten Einwohnern von Leipzig zu Gute kommenden Zwecken“. Da er untersagte, die Stiftung nach ihm zu nennen, so wird sie unter dem Namen „Stiftung eines Menschenfreundes“ verwaltet. Hinsichtlich der Verwendung hat er die größte Freiheit gelassen, mit der einzigen, für ihn bezeichnenden Einschränkung, daß nichts davon „für specifisch kirchliche Zwecke, für Luxusbauten und für das Theater“ verwendet werden soll. Ein vollständiges Exemplar der Tauchnitz’schen Classikerausgaben nebst andern Büchern des Tauchnitz’schen Verlags wurde in prachtvollem Einband nach dem Tode des älteren Tauchnitz vom Sohne der Leipziger Stadtbibliothek geschenkt. Dort befinden sich auch zwei Bildnisse des älteren Tauchnitz (Bleistiftzeichnungen von Friedrich Matthaei); zwei andere, in Oel gemalte von Daniel Caffé (Jugendbild) und von Friedrich Matthaei, und ein Bildniß des „Menschenfreundes“, gemalt von Leon Pohle, besitzt das städtische Museum in Leipzig.

Der Vollständigkeit wegen sei schließlich noch erwähnt, daß die seit 1837 in Leipzig unter der Firma „Bernhard Tauchnitz“ bestehende Verlagsbuchhandlung, die namentlich durch ihre Collection of British Authors berühmt geworden ist (der erste Band davon erschien 1841), mit der Firma „Karl Tauchnitz“ nur insofern zusammenhängt, als ihr Begründer, Christian Bernhard Tauchnitz (geboren am 25. August 1816 in Schleinitz bei Naumburg, 1866 in den erblichen Freiherrnstand erhoben), ein Neffe von Karl Tauchnitz d. Ae. ist und in dessen Geschäft auch bis 1836 gelernt hat.

Neuer Nekrolog der Deutschen. 14. Jahrgang. 1836. S. 52–59. – Verwaltungsbericht der Stadt Leipzig 1884. – Acten des Leipziger Rathsarchivs u. s. w.