ADB:Theoderich (Hofmaler Kaiser Karls IV.)

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Artikel „Theoderich, Hofmaler Kaiser Karls IV.“ von Gustav Edmund Pazaurek in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), S. 708–710, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Theoderich_(Hofmaler_Kaiser_Karls_IV.)&oldid=- (Version vom 25. Mai 2019, 00:57 Uhr UTC)
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Theoderich (Meister Theodorich oder Dietrich), Hofmaler Kaiser Karl’s IV., dessen Thätigkeit in Prag in den Jahren 1348 bis ungefähr 1380 nachzuweisen ist. Bis zu den Zeiten Woltmann’s und von tschechischer Seite zum großen Theile bis zum heutigen Tage wird Leben und Wirken dieses Malers kritiklos und fabelgeschmückt dargestellt. Zunächst muß die Bezeichnung „Theodorich von Prag“ als willkürlich aus der Luft gegriffen ebenso abgelehnt werden, wie auch die exacte Forschung bereits aus dem sagenhaften Baumeister „Beneš von Laun“ († 1534) unwiderleglich den Benedict Ried reconstruirt hat. Vorläufig ist Theodorich’s Herkunft urkundlich nicht sicherzustellen; jedenfalls aber war er ein Deutscher. Darauf deutet nicht nur der Name hin, sondern besonders der Umstand, daß er 1348 als „primus Magister Theodoricus“ an der Spitze der Prager Malerzunft erscheint, die während des ganzen 14. Jahrhunderts ein fast ausschließlich deutsches Gepräge zeigt. Arbeiteten doch nachweisbar – von anderen Künstlern und Kunsthandwerkern ganz abgesehen – damals Maler aus Augsburg, Constanz, Erfurt, Halberstadt, Passau, Straßburg u. s. w. in Prag, sodaß im Kunstleben unter Karl IV. die Vorherrschaft des deutschen Elementes – neben italienischen und einigen französischen Einflüssen – deutlich hervortritt, sosehr dies auch gewisse „Kunsthistoriker“ bekämpfen mögen.

Von den wenig bekannten äußeren Lebensumständen Theoderich’s sei hier nur das urkundlich Feststehende angeführt. Zunächst findet sich sein Name, außer in dem erwähnten Prager Malerbuch vom J. 1348, im alten Hradschiner Grundbuche des Prager Stadtarchives, indem er daselbst im J. 1359 als „malerius (!) imperatoris Theodoricus“ und im J. 1368 als „Theodoricus pictor“ in seiner Eigenschaft als Hausbesitzer auf dem Hradschin (gegenwärtig der 4. Stadttheil Prags) genannt wird. Da Th. 1368 nicht mehr direct als Hofmaler bezeichnet wird, kann man vielleicht annehmen, daß er in diesem Jahre die Arbeiten für die kaiserliche Burg Karlstein bereits beendet hatte und nicht [709] mehr in kaiserlichen Diensten stand. – Von größter Wichtigkeit ist eine – bereits in Dlabacz’ Künstlerlexikon abgedruckte – kaiserliche Urkunde vom 28. April 1367, in welcher Karl IV. dem „pictor noster et familiaris“ Magister Theodoricus und seinen Erben für die „ingeniose et artificialiter“ ausgeführten Malereien der Kreuzcapelle in Karlstein völlige Abgabenfreiheit bezüglich seines Hofes im Dorfe Morzin zusichert, den Th. aller Wahrscheinlichkeit nach von seinem Berufsgenossen, dem kaiserlichen Hofmaler Nikolaus Wurmser von Straßburg erworben hat. Theodorich’s Besitz in Morzin erscheint in einer Urkunde des Prager Landesarchives vom 11. März 1381 bereits in anderen Händen, bei welcher Gelegenheit des „tunc pictoris et artificis pictoriae“ Erwähnung geschieht, woraus wir wol schließen müssen, daß Th. 1381 nicht mehr lebte, jedoch wol noch nicht allzulange todt war. Die äußerste greifbare Grenze seiner Thätigkeit bildet sein Votivbild des Erzbischofes Johann Oczko v. Wlaschim († 1380) in der Prager Rudolphinum-Galerie, das nebst Karl IV. auch den nachmaligen König Wenzel im Jünglingsalter darstellt; es dürfte der Mitte der 70er Jahre des 14. Jahrhunderts angehören.

Ueber Theoderich’s Thätigkeit erfahren wir urkundlich bloß (aus der erwähnten Urkunde vom Jahre 1367), daß er die Ausschmückung der königlichen Capelle in Karlstein besorgte; es ist ohne Zweifel die zur Aufbewahrung der Reichskleinodien bestimmte, im Hauptthurme der Burg befindliche, mit Gold und geschliffenen Edelsteinen reich geschmückte Kreuzcapelle; ihre Hauptzierde bilden 130, in drei Reihen übereinander angeordnete, Tafelbilder in Temperamalerei auf Holzgrund. Von Alters her sind diese mit Recht dem Th. zugeschrieben worden, während die hervorragendsten Wandmalereien von Karlstein, mit dem, seit 1359 in unmittelbarer Nähe von Karlstein nachzuweisenden, kaiserlichen Hofmaler Nikolaus Wurmser in Verbindung gebracht werden. Th., der damals in Prag wohnte, war also im Gegensatz zu Wurmser nicht genöthigt, in oder bei Karlstein Aufenthalt zu nehmen, sondern konnte die in Prag gemalten, leicht transportablen Tafelgemälde an ihren Bestimmungsort senden; erst deren Aufstellung und Anordnung machte die Anwesenheit Theodorich’s empfehlenswerth und auf diese Weise läßt sich der Grund für die Erwerbung des Morziner Hofes im J. 1367 nach Wurmser, für den der Besitz mit dem Abschluß der Karlsteiner Wandmalereien keinen praktischen Werth mehr hatte, leicht erklären. – Daß die Capelle bereits 1357 durch den Prager Erzbischof Ernst von Pardubitz eingeweiht wurde und erst nachträglich ihren Schmuck erhielt, hat nichts Befremdendes, da sich ähnliche Vorgänge in der damaligen Zeit häufig wiederholen.

Die Tafelbilder der Kreuzcapelle von Karlstein sind zum geringeren Theile Regentenbilder, zum weitaus größten Theile Heiligenbilder, und zwar Bruststücke jener Heiligen, deren Reliquien von Karl IV. in seinem nach dieser Seite hin grenzenlosen Sammeleifer erworben und in dieser Capelle aufbewahrt wurden. Aus einer Folge von Aposteln, Evangelisten, Kirchenvätern, Kirchenlehrern, Landespatronen, heiligen Päpsten, Bischöfen, Aebten, Mönchen oder Fürsten sind besonders zu nennen die Heiligen Hieronymus, Laurentius, Mauritius, Palmatius, Veit, Stephan etc. Auch weibliche Heilige sind vertreten, z. B. die heilige Agnes, Catharina, Clara, Elisabeth, Ludmilla oder Ursula. – Die Gemälde, die allerdings nicht durchwegs gleichwerthig sind, zeigen gute Naturbeobachtung und ein Streben nach individueller Eigenart. Die knolligen, meist ins Profil gestellten (daher bei Enface-Stücken störend wirkenden) Nasen, die kräftigen Lippen, die oft stark markirten Backenknochen deuten auf slavische Modelle, die dem Th. zur Verfügung standen. Die Augen sind gewöhnlich lebensvoll, die Hände mit Liebe durchgebildet. Vom Hintergrunde, der meist nicht vergoldet ist, heben sich mächtige Heiligenscheine mit der üblichen Goldpressung ab; die Farbengebung ist besonders [710] lobend hervorzuheben. – Während sich alle diese, zum Theile etwas beschädigten Bilder heute, nach mehr als 500 Jahren, noch auf ihrem ursprünglichen Aufbewahrungsorte befinden, sind zwei der besten Bilder Theoderich’s aus der Karlsteiner Kreuzcapelle zu Ende des vorigen Jahrhunderts in die Wiener Belvederegalerie gekommen und befinden sich noch heute in der Gemäldesammlung der k. k. Hofmuseen (Deutsche Schulen Nr. 1726 und 1727). Das eine dieser beiden Bilder stellt den heiligen Augustinus im vollen Ornate vor einem Schreibpulte dar; der rautenförmig genetzte Goldgrund weist die – bei den auf Anregung Kaiser Karl IV. entstandenen Werken stereotype – Abwechslung des einköpfigen Reichsadlers mit dem böhmischen Löwen auf. Derselbe Hintergrund findet sich auch bei dem zweiten Bilde, einer Darstellung des heiligen Ambrosius; dieser ebenfalls im vollen Ornate gemalte Heilige liest in einem Buche. Beide Heiligen sind – wie die in Karlstein – in überlebensgroßer Halbfigur abgebildet.

Außer den genannten Tafelgemälden Theoderich’s ist nur noch das eben erwähnte Votivbild im Prager Rudolphinum bekannt; es stellt die Madonna in throno mit den heiligen Landespatronen: Wenzel, Sigismund, Prokop, Adalbert, Veit und Ludmilla dar; vor der Madonna kniet der Kaiser Karl IV. und sein jugendlicher Sohn Wenzel; in der unteren Abtheilung kniet der Donator, der Prager Erzbischof Johann Oczko v. Wlaschim. Das Bild stammt aus der Raudnitzer Schloßcapelle; vielleicht ist es nur als Schulbild zu betrachten. Ein anderes Altargemälde, nämlich jenes, das Reinhard von Mühlhausen, Bürger zu Prag im J. 1385 in die Kirche von Mühlhausen am Neckar stiftete und das ebenfalls die böhmischen Landespatrone Wenzel, Sigismund und Veit enthält, ist von der Forschung dem Th. bereits abgesprochen worden und gilt jetzt nur noch als Schulbild, obgleich von einer Schule Theoderich’s nicht gesprochen werden kann, da die unter Wenzel beginnenden politischen Unruhen im Lande und die darauf folgenden Hussitenstürme alle Keime der vielversprechenden und interessanten Kunstthätigkeit in Böhmen erstickten.

Aus der alten, fast durchwegs auch veralteten, Litteratur von J. O. Jahn bis Passavant ist nur der Artikel bei Dlabacz (a. h. Künstlerlexikon für Bömen) hervorzuheben; überdies: Pangerl-Woltmann, Das Buch der Malerzeche in Prag. – Patera-Tadra, Das Buch der Prager Malerzeche. – F. B. Mikowec, Alterthümer und Denkwürdigkeiten Böhmens. – E. v. Engerth, Wiener Gemäldekatalog III. – Besonders: Jos. Neuwirth, Beiträge zur Geschichte der Malerei in Böhmen (Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen XXIX. Jahrg.).