ADB:Thiersch, Johann Bernhard

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Artikel „Thiersch, Bernhard“ von Heinrich Pröhle in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 4–6, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Thiersch,_Johann_Bernhard&oldid=- (Version vom 21. November 2019, 23:44 Uhr UTC)
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Band 38 (1894), S. 4–6 (Quelle).
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Thiersch: Bernhard Th., Bruder von Friedrich Wilhelm und Ernst Ludwig Th. (s. u.), wurde am 26. April 1793 in Kirchscheidungen bei Freiburg an der Unstrut geboren; seit 1816 Oberlehrer in Gumbinnen, dann in Lyck und seit 1823 in Halberstadt; 1832 oder 1833 ward er Gymnasialdirector in Dortmund. Seine Verwaltung der Schule genügte aber später nicht mehr. 1855 sah sich Geheimrath Wiese veranlasst, ihn in den Ruhestand treten zu lassen. Er verschied schon am 1. September desselben Jahres in Bonn. Verheirathet war er mit der Witwe eines Nachkommen von Matthias Corvinus. Sie starb schon vor ihm. Die nicht bedeutenden philologischen Arbeiten seiner früheren Zeit zeigen, wie viel er dem Einflusse seines Bruders Friedrich zu danken hat. Sie behandeln zum Theil unnöthigerweise Lieblingsthemata des Bruders noch einmal. Später in Dortmund schrieb er über den dortigen Freistuhl und die westfälische Vehme und gab ein geistliches Schulgesangbuch für die westfälischen Gymnasium heraus. Schon früh beschäftigte er sich aber auch mit poetischen Arbeiten; unter dem Namen Th. Reisch gab er im dritten Bande des Museums des Witzes, der Laune und der Satire ein komisches Epos „Der große Christoph“ heraus. Es ist das Märchen vom Schneider, der viele Fliegen auf einmal erschlägt, zugleich aber ein Seitenstück zu dem von dem Unterzeichneten veröffentlichten Märchen Martis Bär oder Johannes der Bär. Th. wollte es um 1820 von einem Postillon zwischen Gumbinnen und Königsberg gehört haben, hat es aber jedenfalls willkürlich ausgeschmückt. Er erzählt sein Märchen in 1323 Hexametern, die aber recht flüchtig geschrieben sind.

Den bleibenden Nachruhm dankt aber Th. nicht all diesem, sondern einem einzigen Liede, sogar seine Beförderung an das Dortmunder Gymnasium hatte er wol seiner Zeit ihm zu danken: es ist das Preußenlied. – Von Halberstadt war schon im vorigen Jahrhundert eine Anregung zu patriotischem Gesang ausgegangen, aber doch nur sehr vorläufig. Vergebens ließ Gleim seine Grenadierlieder durch Kleist und andere im Heere des großen Königs vertheilen. In erster Linie sangen die Soldaten bis zur Beendigung des siebenjährigen Krieges Kirchenlieder nach ihren Siegen, keineswegs bloß: „Nun danket alle Gott“. Offenbar aber ließ es sich die Communalschule nicht nehmen, die Gleimschen Grenadierlieder durch ihre Kinder singen zu lassen. Bischof Eylert erzählt, daß wenn Friedrich geritten kam, die Schulknaben in Potsdam sangen: „Viktoria, mit uns ist Gott, der stolze Feind liegt da“; es war dasjenige der Grenadierlieder, welches der König am liebsten hörte. Um dieselbe Zeit sangen aber in Göttingen die Studenten schon zu Ehren des Gründers ihrer Universität das englische Lied „God save the King“, welches bekanntlich 1743 von Carey gedichtet und componirt war. Dieses Lied hatte ein ehemaliger Göttinger Student, der Flensburger Heinrich Harries (s. A. D. B. X, 641) auf den dänischen König Christian VII. umgedichtet. Sein Text beginnt: „Heil Dir, dem liebenden Herrscher des Vaterlands“. Eine aus Seneca, de clementia I, 19 entnommene Stelle hat Harries erst dem englischen Text eingefügt. Sie lautet bei Seneca: „Es ist nicht nöthig, hohe Burgen zu errichten, noch starke Hügel zu befestigen, noch die Seiten der [5] Berge abzutragen und mit vielfachen Thürmen und Mauern sich einzuschließen, die Milde wird de Könige Schutz gewähren an einem offenen Orte, es gibt eine unzerstörbare Befestigung: die Liebe der Bürger.“ Diese Harries’sche Nachbildung des „God save the King“ ward 1793 durch B. G. Schumacher mit dem Anfang: „Heil dir im Siegerkranz“ zur sog. preußischen Volkshymne umgearbeitet. So bahnte sich der Weg zu einem Preußenliede; das Lied aber, was diesen Namen recht eigentlich trägt, entstand doch erst 37 Jahre später und 27 Jahre nach dem Tode des Sängers der Grenadierlieder. Noch immer aber wurden damals in Halberstadt am Geburtstage des Königs neue Lieder gesungen. Noch immer lebte Clamor Schmidt, wenn auch seine Thätigkeit als Stadtpoet um jene Zeit an Jung, den Director der höheren Töchterschule, überging. Th. lebte hier im heiteren und poetisch angeregten Verkehr dieses Kreises. Schon 1827 hatte er ein erstes Königslied geschrieben. Unter den Nachklängen der Julirevolution wurde er dann am 3. August 1830 aufgefordert, für die Harmoniegesellschaft ein zweites zu liefern, und jetzt gelang ihm jenes Lied, dessen erste vier Worte „Ich bin ein Preuße“ schon Gleim als Liederanfang benutzt hatte. Auf die Franzosen und die Halberstadt benachbarten Braunschweiger, unter denen der Aufstand gegen ihren Diamantenherzog schon gährte, beziehen sich die Worte des Liedes: „Ihr Glück ist Trug und ihre Freiheit Schein.“ Der Dichter steuerte durch sein Versmaaß auch gleich auf die richtige Melodie los. Es ist das Versmaß des Troubadourlieds, welches mit dem Anfang: „Von Liebchens Schoß, das blanke Schwert zur Seite“, noch jetzt bei uns zur Drehorgel gesungen wird; wol eine Uebersetzung des französischen Liedes „brûlant d’amour“, mit dem Versmaaß ging gewiß auch die Melodie auf das Thiersch’sche Lied über. Sie war auch für das Lied „Wo Muth und Kraft in deutschen Seelen flammen“ verwandt, und diesem Liede entnahm wieder Th. die Zeilen: „Mag Fels und Eiche splittern, wir werden nicht erzittern.“ Neithardt (s. A. D. B. XXIII, 414), dessen Namen heute die Composition trägt, hat sie wol nur kunstgerecht geregelt. Seine ursprüngliche Bearbeitung versieht die Melodie mit Brummstimmen und Chor, was Hoffmann v. Fallersleben scherzen läßt: „Ich bin ein Preuße singt nur einer, die andern brummen nur dazu“.

Anfangs verbreitete sich das Lied nur als Sologesang; Zschiesche, Mantius und Böttcher trugen es an verschiedenen Orten vor. In Berlin sang Zschiesche die Neithardt’sche Composition zuerst auf dem Feste der Städteordnung am 19. November 1834. Später sang Zschiesche es in einem Hofconcert in Potsdam, wobei nicht unbemerkt blieb, daß der König, dem alles Politische dieser Art leicht einen revolutionären Beigeschmack zu haben schien, sich bei der ersten Strophe etwas zurückzog, während der zweiten aber wieder vortrat. Daß der König sich zu einer dankbaren Anerkennung herbeiließ, blieb für die Verbreitung des Liedes nicht ohne Bedeutung. Hatten doch bis dahin selbst die Lieder der Freiheitskriege unter einem gewissen Bann gestanden. Erst jetzt übernahmen die Erinnerungsfeste der ehemaligen freiwilligen Jäger, die überall emporblühten, am Rhein durch Immermann, in Berlin durch Förster, in Halberstadt durch Jung die Pflege des Gesanges der Körner’schen Lieder. Und gerade auf diesen Festen erhielt nun das Preußenlied stets die zweite Stelle. Noch 1841 hörte Th. sein Lied in Köln als Zschiesche’sche Bravour-Arie, immer mehr aber wurde seitdem aus der Bravour-Arie ein Waffengesang. Seine royalistische Spitze, die früher gegen Frankreich und Braunschweig gerichtet war, richtete sich 1848 plötzlich nach innen gegen den Dönhoffs-Platz. Die Erwähnung der voranwehenden Fahne hatte das Lied längst zum Soldatenliede gemacht und seine Worte: „So schwören wir aufs Neue dem König Lieb und Treue“ sind geradezu zum Stichwort des Treuebundes und der alten Kriegervereine geworden.

[6] Es mag zum Schluß noch bemerkt werden, daß ein zweites Preußenlied von Th. dessen Erwähnung man findet, nicht etwa das unter dem Namen „Spontini’s Borussia“ bekannte Lied ist, dessen Text: „Wo ist ein Volk, das kühn zur That“ von Dunker kommt.

Auf Thiersch’s Grabdenkmal stehen einige Noten des Preußenliedes, von denen eine falsch ist. In Halberstadt wird in der Harmoniegesellschaft das Lied in der Handschrift des Dichters unter Glas und Rahmen aufbewahrt.

H. Pröhle, Das Preußenlied und die Volkshymne in der Morgenausgabe der „Post“ vom 15. September 1870, Nr. 471, und H. Pröhle, God save the king und Heil Dir im Siegerkranz in der Morgenausgabe der Nationalzeitung vom 22. März 1877, Nr. 137.