ADB:Ulrich (Bischof von Augsburg)

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Artikel „Ulrich, Bischof von Augsburg“ von Karl Uhlirz in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 215–221, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ulrich_(Bischof_von_Augsburg)&oldid=- (Version vom 19. August 2019, 04:06 Uhr UTC)
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Ulrich, Bischof von Augsburg (Weihnachten 923 bis zu seinem Tode am 4. Juli 973. Namensformen: Uodalrich, Othelrich, Oudalricus, Udalricus). Er gehörte einer vornehmen schwäbischen Familie an, deren Besitzungen sich um die Burgen von Wittislingen und Dillingen in so erheblichem Umfang ausdehnten, daß sie zur Ausstattung zweier Linien ausreichten, von welchen die der Grafen von Dillingen erst im J. 1286 im männlichen Stamm ausstarb. Seine Eltern waren Hucpald und Thietbirg, welche man für eine Schwester des Herzogs Burchard I. von Alamannien halten darf, womit die von dem Biographen Ulrich’s mehrfach erwähnte Verwandtschaft mit dem schwäbischen Herzogshause, durch dieses mit dem burgundischen Königsgeschlechte und der Kaiserin Adelheid Erklärung finden würde. Seine Brüder waren Dietpold und Manegold, eine Schwester Liutgard war mit einem Grafen Peiern vermählt und gebar drei Söhne Reginbald, Adalbero und Manegold, der auf Sulmetingen residirte und dessen Tochter die Großmutter des Geschichtsschreibers Hermann des Lahmen war, sowie eine Tochter Kunigunde, die mit der Custodie der Abteikirche von Niedermünster in Regensburg betraut war; eine zweite ungenannte Schwester Ulrich’s war Nonne in Buchau. U. wurde vermuthlich im Stadthause seiner Eltern zu Augsburg im J. 890 geboren. Schon das Kind fiel durch die Schönheit seiner Züge auf, erregte aber durch seine ungewöhnliche Magerkeit die Sorge der Eltern. Da kehrte zufällig in der gastfreundlichen Halle ein unbekannter Geistlicher ein. Der fremde, verständige Mann ordnete nicht allein eine zweckmäßigere Ernährung an, sondern weissagte den Eltern auch, daß der Herr an dem Kinde Großes offenbaren werde. Durch diese Prophezeiung in ihren frommen Neigungen bestärkt, beschlossen die Eltern den Knaben, der prächtig gedieh, dem geistlichen Stande zu widmen, der ja dem Edelgeborenen so reiche Aussichten eröffnete. Gut berathen übergaben sie ihn dem Kloster St. Gallen, das unter dem Abtbischofe Salomon III. ob der Strenge seiner Ordnung und wegen der großen Gelehrsamkeit seiner Mönche des besten Rufes genoß. Hier hatte er Waninc, den späteren Propst, und wahrscheinlich auch Hartmann (Abt von 922–925) zu Lehrern. Durch Eifer im Lernen, durch Frömmigkeit und ernste Beobachtung des Klosterbrauches erwarb sich der geistig und körperlich aufs beste ausgestattete Jüngling die Anerkennung seiner Lehrer und Oberen, sowie die Zuneigung seiner Altersgenossen, wenn diese es auch an übermüthigen Schülerscherzen und Neckereien nicht fehlen ließen. Schon dem Klosterschüler winkte die Aussicht auf eine hohe kirchliche Würde. Die Mönche, ungeachtet der im J. 904 erfolgten Bestätigung ihres Wahlprivilegs durch den Papst Sergius III. (Jaffé-Löwenfeld, Reg. pontif. Nr. 3533) besorgt um die Behauptung und Ausübung ihrer Rechte, suchten noch bei Lebzeiten Salomon’s für die Nachfolge vorzusorgen und wünschten für alle Fälle den geeignetsten Candidaten in ihrer Mitte zu haben. Sie drangen daher in U., den Geburt, Anlage und Verhalten gleichmäßig auszeichneten, das Mönchskleid zu nehmen. In diesem entscheidenden Augenblicke soll die hervorragendste unter den heiligen Frauen, welche als Eingeschlossene die Verehrung ihrer gläubigen Zeitgenossen im höchsten Maaße erwarben, Wiborat, dem Jünglinge, den sie vor andern werth hielt, abgerathen und ihn auf ein höheres Ziel gewiesen haben. Ihrem Zuspruch gab er willig Gehör und schlug das Anerbieten aus, bald darauf verließ er das Kloster, um nach dem Geheiß der Eltern in den Dienst des mit dem Dillinger Hause angeblich verwandten, mächtigen und einflußreichen Bischofs Adalbero von Augsburg (A. D. B. I, 51) zu treten, der als Erzieher und Berather Ludwig’s des Kindes [216] eine hohe Stellung im Reiche einnahm. Dieser übertrug ihm das Amt eines Kämmerers und andere Würden. Hatte U. sich im Kloster die mönchische Richtung des Willens und der Gedanken erworben, so erhielt er nunmehr in ausgezeichneter Schule Einblick in die Geschäftsführung eines großen Bisthums und gleichzeitig tritt in dem für den Verkehr mit Italien so günstig gelegenen Augsburg eine Neigung, der er sein ganzes Leben lang gerne nachgab, hervor, die Sehnsucht nach Rom. Bereits während seiner ersten Amtswaltung zu Augsburg besuchte er die Schwellen des h. Petrus, Papst Sergius III., der an deutschen Angelegenheiten Antheil nahm und im J. 904 auch den Besuch Salomon’s erhalten hatte, nahm den jungen Kämmerer freundlich auf, er gab ihm Kunde von dem Hinscheiden des geliebten Meisters und Gönners (Bischof Adalbero † am 28. April 910) und eröffnete ihm die Anwartschaft auf die dereinstige Nachfolge in dessen Amt. Betrübt trat U. die Heimkehr an, in Augsburg fand er Hiltin als Bischof, mit dem er sich nicht befreunden konnte. Da auch der Vater gestorben war, die Brüder eigenen Hausstand begründet hatten und die vereinsamte Mutter des Beistandes bedurfte, den ihr keiner besser leisten konnte als der dem geistlichen Stande geweihte Lieblingssohn, so verließ U. den bischöflichen Hof und widmete sich ganz der Sorge für die Mutter. Die dreizehn Jahre, während welcher U. der Erfüllung seiner Sohnespflichten oblag, waren für ihn die Zeit der Ruhe, in der er seine Kräfte sammelte und die reiche Erfahrung in weltlicher Verwaltung erwarb, die ihm später so sehr zu statten kommen sollte. Als Hiltin am 8. November 923 starb, da wurden die Vorhersagungen erfüllt. Herzog Burchard und die andern adeligen Verwandten empfahlen den in der Stille gereiften Mann dem Könige und dieser nahm keinen Anstand, ihrem Wunsche zu entsprechen. Freudig kehrten alle mit des Königs Vollmacht versehen in die Heimath zurück und bereits am 28. December konnte U. die Weihe empfangen. Mit der Ernennung Ulrich’s hatte Heinrich I. in einem Gebiete, das seiner Herrschaft vielfach entzogen war, eine Säule königlicher Gewalt aufgerichtet, welche Stand hielt in den Zeiten ärgster Gefahr und unheilvollster Verwirrung.

Hiltin’s Regierung war mit Unglücksfällen aller Art reich bedacht gewesen, dem Nachfolger, der den blühenden Zustand zur Zeit Adalbero’s gesehen hatte, war eine schwere Aufgabe hinterlassen. Durchaus im Sinne des großen Vorgängers suchte nun U. zu handeln. Entsprechend dem Gebrauche jener Zeit äußert sich dieser innere Zusammenhang in allerlei Erscheinungen, der Geist Adalbero’s wird wol auch gegen seinen Schüler aufgerufen, wenn dieser im ersten Uebereifer allzu rasch und mit zu geringem Bedacht zu handeln scheint. Als unumschränkter Gebieter waltet U. in der Stadt wie auf dem Lande. Mit kluger Ueberlegung wurde allerorts eine geordnete Verwaltung eingeführt, um den Ertrag des von den Hufen der Ungarnpferde zerschlagenen Bodens wieder zu heben; dieser Absicht ebensowol wie dem milden Sinne des Kirchenfürsten entsprach es, daß die Hörigen nicht mehr wie eine Horde rechtloser Leute behandelt, sondern daß die in ihrem Kreise aufgestellten Rechtssatzungen geachtet wurden, ja daß der Bischof guten Einfluß auch über die Grenzen des eigenen Hofrechts hinaus zu üben geneigt und im Stande war. Durch eine zweckmäßige Befestigungsanlage sollte die Stadt gegen die immer wieder erneuten Einfälle der Ungarn, gegen unvermutheten Angriff heimischer Dynasten geschützt und den Bewohnern des offenen Landes eine sichere Zufluchtsstätte geschaffen werden. In der umfriedeten Stadt erhoben sich neue Bauten, ward der Handel gefördert und entfaltete sich ein reges geistliches und geistiges Leben. Mit aller Pracht werden die kirchlichen Feste gefeiert, die Schule ersteht zu neuer Blüthe, Bücher werden erworben. Unermüdlich bereist der Bischof die Diöcese, sorgt für die [217] Einrichtung geordneten Gottesdienstes auf dem Lande, scheut selbst weite und gefahrvolle Wege nicht, um dem religiösen Bedürfnisse der Bewohner in den entlegensten Gebirgsthälern seines Sprengels zu genügen. Von Anfang an begünstigte U. die Einführung strengerer Lebensweise unter den Geistlichen, mit einem der wichtigsten Ausgangspunkte für die Erneuerung geistlicher Disciplin, dem Kloster Einsiedeln, steht er in fortwährendem Verkehr, Abt Eberhard († im J. 958) zählt zu seinen vertrautesten Freunden. Diese Richtung vereinigt er mit dem Verfahren des bairischen Episcopats, die Sprengelklöster in eigener Hand zu behalten; nicht allein die kleinen Klöster, wo er, wie z. B. in Staffelsee, gern in stiller Zurückgezogenheit religiösen Uebungen und frommer Beschauung sich hingab, unterlagen seiner Gewalt, auch in St. Afra zu Augsburg waltet er mit starker Hand und selbst die alten, großen Stifte, wie Kempten und später auch Ottobeuern, wußte er an sich zu bringen, wobei er eine merkwürdige Auffassung des ihnen durch seine eigene Vermittelung vom Kaiser verbrieften Wahlrechtes bekundete. Immer wieder zieht es ihn zur Stätte seiner Jugend zurück, durch freundlichen Verkehr mit den Schulgenossen, durch manches Faß edlen Bozner Weins und andere Gaben, durch nutzbringende Vermittelung in den Wirren zur Zeit des Abtes Kraloh (940–959) hat U. in St. Gallen sich das beste Andenken gesichert. Der h. Wiborat gedachte er fortwährend in aufrichtiger Verehrung, so oft er in St. Gallen war, suchte er das Grab der Heiligen auf und zu Abt Kraloh’s Zeit legte er es bei einer solchen Gelegenheit dem gelehrten Mönche Ekkehard ans Herz, ihr Leben zu beschreiben. Es ist kein Widerspruch, wenn der klarschauende Politiker und ausgezeichnete Verwalter dem Wunderglauben und den Visionen seiner Zeit seinen Tribut zollen mußte, aber er betrachtete diese Dinge vor allem als eine rein geistliche Angelegenheit und wurde ernstlich böse, wenn darüber viel oder gar vor Laien gesprochen wurde. Mäßig, von asketischer Einfachheit der Kleidung und der Lebensweise, strenge gegen sich und andere in der Pflichterfüllung, war er doch freundlich und gütig gegen Arme und Hülfsbedürftige, gastfrei, ein fröhlicher Gesellschafter in heitern Stunden und auch derbem Spaße nicht abgeneigt, womit er selbst hochgestellte Geistliche, wie den Abt von St. Gallen, nicht verschonte. Eifrig war er bemüht, seinen Bischofssitz mit Reliquien zu bereichern, auf seinen Romfahrten und andern Reisen, von denen eine sich im J. 940 bis St. Maurice erstreckte, wußte er manch kostbaren Schatz zu erwerben, so brachte er von Reichenau Theile des h. Mauritius, von Rom, wo er von dem damals im Besitze der Gewalt befindlichen Alberich († im J. 954) ehrenvoll aufgenommen worden war, den Leib des h. Abundus mit. Sein Wirken erwarb ihm innerhalb und außerhalb seines Sprengels die größte Achtung geistlicher Kreise. Schon im J. 934 konnte er den maßgebendsten Einfluß auf die Erwählung des Dompropstes Konrad zum Bischof von Konstanz üben, mit diesem wie mit den Bischöfen Starchand von Eichstädt und Hartpert von Chur verband ihn lebenslängliche Freundschaft.

In vollem Maaße wurde er den Pflichten gegen König und Reich gerecht. Im J. 926 wehrte er den Ansturm der Ungarn von seiner Stadt ab, im J. 932 erschien er auf der Erfurter Synode. Er betheiligte sich auch an der Leichenfeier für König Heinrich I., dem er treu ergeben war, obwol er dessen Auffassung von der Entbehrlichkeit kirchlicher Salbung selbstverständlich nicht hatte billigen können, und blieb dann auch in der Umgebung des neuen Herrschers, der ihn unter seinen Rathgebern in der Gründungsurkunde für das Magdeburger Kloster anführen ließ. Im Juli 948 finden wir ihn unter den zu Ingelheim versammelten Großen, noch im selben Jahre war er bei der Weihe der Kapelle zu Einsiedeln gegenwärtig.

Von größter Bedeutung wurden Augsburg und sein Bischof, als Otto I. [218] den engern Anschluß Baierns und Schwabens an das Reich durchführen mußte, und als ihn die neu geschaffene Verbindung mit Italien öfter als bisher in die Bischofsstadt am Lech führte. Augsburg war der geeignetste Sammelplatz für das ins Welschland ziehende Heer, es mußte die Angriffe der aufständischen Fürsten, den ersten Stoß der anstürmenden Ungarn aushalten. Um diese Zeit hatte U. dadurch eine Steigerung seines Ansehens erfahren, daß sich der König im Spätherbst 951 mit Adelheid, der Tochter der Königin Bertha von Burgund, welche eine Base Ulrich’s von mütterlicher Seite war, vermählte. Schon im August des nächsten Jahres wurde zu Augsburg eine große Reichsversammlung abgehalten, auf der Angelegenheiten von hoher politischer Bedeutung zur Verhandlung kamen und die Feindseligkeit zwischen dem Herzog Liutolf von Schwaben und seinem königlichen Vater ihren Anfang nahm. In dem daraus entstandenen Bürgerkriege, der während der Jahre 953 und 954 Baiern und Schwaben verwüstete, standen U. und sein Geschlecht im Vereine mit dem Grafen Adalbert von Marchthal allein auf Seite des Königs, während die andern Großen sich entweder vorsichtig zurückhielten oder offen dem aufrührerischen Königssohn und seinem Genossen, dem Pfalzgrafen Arnulf von Baiern, anhingen. Entschlossen führte der Bischof dem Könige seine Scharen zu und leistete ihm werthvolle Unterstützung bei der vergeblichen Belagerung Regensburgs, unbeirrt dadurch, daß Arnulf seine Abwesenheit benutzte, um Augsburg zu überfallen und zu plündern. Erst als Otto das Lager vor Regensburg verließ, kehrte U. heim; da er aber mit seiner geringen Mannschaft Augsburg zu vertheidigen nicht hoffen konnte, so verschanzte er sich in Mantichinga (Schwabmünchen oder Merching). Während er in strenger Winterkälte hier nothdürftige Befestigungen anlegen ließ, erschien der Pfalzgraf und U. mußte eine längere Belagerung aushalten, bis ihn am 13. Februar 954 sein Bruder Dietpold und Graf Adalbert befreiten. Zwar war der letztere bei dem Entsatze tödtlich verwundet worden, aber das Gefecht war doch der erste Sieg der königlichen Partei und ermöglichte dem Bischof die Rückkehr nach Augsburg. Im August fand Pfalzgraf Arnulf den Tod und bald darnach hatte U. die Genugthuung, zwischen Vater und Sohn, die sich auf dem Felde von Illertissen gewaffnet gegenüberstanden, in Gemeinschaft mit Hartpert von Chur erfolgreich zu vermitteln. Nur wenige Monate des Friedens und der Ruhe waren dem Bischof und der schwergeprüften Stadt gegönnt. Im J. 955 erschien das Heer der Ungarn vor den Mauern Augsburgs, mit außerordentlicher Umsicht und Thatkraft vermochte U. die Stadt bis zur Ankunft der königlichen Scharen zu halten. Während er die Stadt hütete, wurde am 10. August auf dem Lechfelde die Schlacht geschlagen und der für alle Zeit entscheidende Sieg der deutschen Waffen errungen. Am Abende kam der König nach Augsburg und verbrachte die Nacht mit dem Bischofe, den er mit Gunstbeweisen aller Art bedachte und dem er Trost zusprach für das bittere Leid, das ihm der schwere Kampf gebracht hatte, denn der Bruder Dietpold und der Schwestersohn Reginbald lagen als Gefallene auf dem Schlachtfelde; als der König abgereist war, begab sich U. mitten in der Siegesfreude hinaus, um die theuern Leichname zu suchen und ihnen die letzten Ehren zu erweisen. Fortan blieb der Bischof in vertrautem Verkehre mit dem König. Im J. 957 erhielt das Kloster Pfävers auf seine und des Hartpert von Chur Vermittlung zu Pöhlde eine Bestätigung des Wahlrechts und der Immunität, im Winter 960 eilte U. in gefahrvoller Fahrt zu dem Hoftage nach Regensburg, im August des nächsten Jahres verweilte Otto I. in Augsburg, als er über die Alpen zog, um die Kaiserkrone zu gewinnen. Zum dritten Male kam da auch U. nach Italien, im Sommer 963 hielt er sich bei dem Kaiser im Kriegslager vor S. Leo auf, wo König Berengar den letzten [219] Widerstand leistete, und erwirkte hier die Privilegienbestätigung für das seiner Obhut anvertraute Kloster Kempten.

Aber die Hauptsorge des Bischofs war doch seinem Sprengel gewidmet. Ein verheerender Sturm hatte das Leben der Menschen und ihre Werke geknickt wie Halme des Grases, vernichtet war was U. in jahrelanger Arbeit geschaffen hatte. Die Besitzungen des Hochstifts waren verwüstet, die Ackerbauer zerstreut, die Kirchen zerstört, die Bücher auf dem Markte verschleudert. Nochmals mußte der dem Greisenalter nahe Mann von neuem beginnen. Ein Beweis seiner unermüdlichen Thatkraft ist es, daß es ihm gelang, bis an sein Lebensende die Schäden zu beseitigen, wobei er allerdings von günstigen Umständen gefördert wurde. Der Handel blühte in der Friedenszeit, welche einen regen Verkehr mit Italien begründete, das Münzrecht, welches ihm der König verliehen hatte, mußte reichen Ertrag gewähren, wie es gewiß kein Zufall ist, daß U. an der Spitze der deutschen Fürsten in der Handhabung dieses Rechtes steht, und daß gerade von ihm eine größere Anzahl von Münzen erhalten ist, welche durch ihre Prägung und ihren Feingehalt die Sorgfalt beweisen, welche U. der Ausübung dieses Regals widmete.

Man darf sich nicht darüber wundern, daß so angestrengte Thätigkeit dem alternden und von Leiden heimgesuchten Mann endlich zur schweren Last wurde, daß er das Bedürfniß fühlte, sich mehr und mehr von den weltlichen Angelegenheiten, für die er in dem Sohne seiner Schwester, dem von dem Mönche Benedict erzogenen Adalbero, einen Vertreter bestellte, zurückzog und sich auf die Sorge für geistliche Werke beschränkte. Die Wiederherstellung des Klosters Benedictbeuern wird mit seinem Namen in Verbindung gebracht, das alte Stift der h. Afra, der U. besondere Verehrung zollte und die ihm in Visionen als voraussehende Beratherin erschien, erhielt eine neue Kirche, auf dem Marienfriedhofe in der Stadt erbaute er ein dem h. Johannes geweihtes Gotteshaus und im J. 969 vollzog er die Gründung eines Nonnenklosters zu Ehren des h. Stephan. Am 11. Februar 966 wurde ihm der befreundete Bischof Starchand von Eichstädt durch den Tod entrissen, zwei Jahre später aber wurde einer seiner Verwandten, Werinhar, zum Abt von Fulda erhoben und zu Weihnachten 968 konnte U. der Weihe Adalbert’s zum Erzbischof von Magdeburg assistiren. Als Achtzigjähriger unternahm er krank und schwächlich die vierte Romfahrt, nur mit aller Mühe konnte er über die Berge gebracht werden, dann aber folgten für ihn Tage heiliger Freude. Nachdem er in Rom seine Andacht verrichtet hatte, hielt er sich (Ostern 971) zu Ravenna auf, wo ihn das Kaiserpaar mit aller Auszeichnung empfing und sich des vertrauten Gespräches mit dem ehrwürdigen Greise erfreute. Bei dieser Gelegenheit erwirkte er nicht allein die förmliche Erlaubniß des Kaisers, seinen Neffen Adalbero, der das Kloster Ottobeuern erhalten hatte, mit der Vertretung in den weltlichen Geschäften zu betrauen, sondern auch die Zusicherung, daß dieser einst sein Nachfolger im Bisthum sein werde. Nunmehr hoffte er, sich ganz dem Gebete und der Befestigung des Christenthums weihen zu können, und es scheint, daß er dabei auch auf die Bekehrung der Ungarn sein Augenmerk gerichtet, es vielleicht veranlaßt hat, daß Wolfgang, den er in Einsiedeln zum Priester geweiht hatte, sich auf die Fahrt zu dem heidnischen Volke begab. Aber die Freude sollte nicht lange währen. Die Neigung zum Mönchsleben scheint in U. so sehr die Oberhand gewonnen zu haben, daß er alles Ernstes auf die bischöfliche Würde ganz verzichten und noch bei Lebzeiten den Neffen zum Nachfolger haben wollte. Der aber war durch sein unvorsichtiges Gehaben, zu dem ihn des Kaisers und des Oheims Gunst verführte, in Augsburg mißliebig geworden und hatte auch bei den deutschen Bischöfen Anstoß erregt. So kam die Angelegenheit auf der im September 972 [220] zu Ingelheim versammelten Synode zur Verhandlung und nur mit Mühe gelang es, den Bischof, der den Priester Gerhard, seinen ersten Biographen, für sich sprechen ließ, von seinem Verlangen abzubringen und eine offenkundige Verletzung der kirchlichen Satzungen zu verhindern. Die Verwicklung wurde erst gelöst, als Adalbero nach den Ostertagen des nächsten Jahres in Dillingen starb, wo er sich mit dem Oheim als Gast des Grafen Riwin, des Sohnes Dietpold’s, aufhielt. In überaus feierlicher Weise bestattete U. die Leiche des geliebten Neffen, dem er die letzte Ruhestätte in der Afrakirche neben dem für sein eigenes Grab bestimmten Platze anwies. Als er frei und unbefangen die Vorgänge der letzten Jahre überdenken konnte, da wurde er sich klar über die Verblendung, mit der er hartnäckig auf der Erfüllung eines unbilligen Wunsches bestanden hatte. Ein neuer Schmerz ward ihm durch den am 7. Mai 973 erfolgten Tod des großen Kaisers bereitet. Nun kam die Todesahnung stärker als zuvor auch über ihn und die letzten Wochen seines Lebens nützte er, um sich auf das Scheiden aus dieser Welt vorzubereiten. Er besuchte seine Verwandten in Wittislingen und Sulmetingen, entsandte seinen Neffen, den Dillinger Grafen Riwin an den Hof, um den jungen Kaiser zu begrüßen, setzte den Mönchen von Ottobeuern, denen im November 972 auf seine Fürbitte ein kaiserliches Privileg zu theil geworden war, den Roudung zum Abte und kehrte dann nach Augsburg zurück. Hier vertheilte er seine Habe und suchte das Bisthum wenigstens insofern der Familie zu erhalten, als er die Wahl des ihm verwandten Abtes Werinhar vorzubereiten sich bemühte. Sehnsüchtig erwartete er, viele Stunden in Gebet und frommen Gesprächen mit dem vertrauten Gerhard verbringend, die Rückkehr Riwin’s. Als dieser endlich angekommen war und des Kaisers Botschaft überbracht hatte, starb U. am 4. Juli 973, einem Freitage. Da Erzbischof Friedrich von Salzburg erkrankt war, so übernahm Bischof Wolfgang von Regensburg, der vom Hofe zum Besuche seines Gönners kam und in Nördlingen die Trauerkunde von dessen Ableben erhalten hatte, die Leitung der feierlichen Exequien, welche am 7. Juli mit der Beisetzung in der St. Afrakirche abgeschlossen wurden. Es war von ernster, symbolischer Bedeutung, daß an der Bahre Ulrich’s der Mann die letzten Segensworte sprach, der einst von ihm die Weihen erhalten hatte und vor andern berufen war, das Werk des Meisters in heiligem Eifer nun auch an anderm Orte fortzusetzen.

Die Verehrung, welche der ausgezeichnete Kirchenfürst, der Edelstein unter den Priestern, wie ihn Thietmar preist, bei Lebzeiten genossen hatte, wuchs noch nach seinem Tode. Selbst sein nächster Nachfolger, Heinrich (973–982), der anfangs ganz im Gegensatz gegen ihn stand, mußte endlich in die Bahnen Ulrich’s einlenken, dessen Nachfolger, namentlich Liutolf (987–996) und Gebehard (996–1000) waren vom Geiste aufrichtiger Ehrerbietung gegen den großen Vorgänger erfüllt. Im Glauben des Volkes aber mehrte sich die wunderwirkende Kraft, die man schon dem Lebenden zugeschrieben hatte, von Jahr zu Jahr. So waren alle Bedingungen für die Heiligsprechung gegeben, welche denn auch, der erste Fall dieser Art, am 31. Januar 993 auf einer lateranensischen Synode erfolgte und durch eine Bulle des Papstes Johann XV. bekannt gemacht wurde. (Jaffé-Löwenfeld, Reg. pontif. Nr. 3848.) Neben dem Grabe des Heiligen ließ im J. 1002 Herzog Heinrich von Baiern die Eingeweide des Kaisers Otto III. beisetzen. Erneuten Aufschwung nahm der Cult des h. U., als im J. 1183 nach dem Brande von St. Afra Nachforschungen nach seinen Gebeinen angestellt wurden, welche erst nach langer vergeblicher Mühe durch eine nächtliche Erscheinung des Heiligen zu dem gewünschten Ergebniß geführt wurden. Am 31. März 1187 wurden die aufgefundenen Ueberreste von dem Kaiser Friedrich Barbarossa und den Fürsten in die neuerbaute Kirche übertragen. [221] Zahlreiche Orte und Kirchen wurden nach dem Heiligen benannt, viele Reliquien, Geräthe und kirchliche Gefäße mit ihm zusammengebracht, ein reicher Sagenkranz schmückt sein Andenken, neben Meinhard und Fridolin ist er einer der volksthümlichsten Heiligen des deutschen Südens geblieben.

Gerhardi Vita s. Oudalrici episcopi edente G. Waitz in Mon. Germ. SS. 4, 377 ff. Daselbst wird auch über die späteren Bearbeitungen dieser Vita durch Ulrich’s Nachfolger Gebhard und den Abt Berno von Reichenau (1008–1048) gehandelt. Im Anhang daran sind die Berichte über die Wunder des Heiligen (p. 419 ff.) und über die Translation (p. 427) abgedruckt. Ueber die spätern Legenden vgl. Koch, Geschichte und Cult des h. U. (Halle 1875) p. 14, 87 und Neues Archiv der Gesellsch. für ältere deutsche Geschichtskunde 7 (1882), 139. – Das Leben Oudalrichs. Nach der Ausgabe der Mon. Germ. übersetzt von Georg Grandaur. Leipzig 1891. In Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. – Ekkehardi IV. Casus s. Galli in S. Gallische Geschichtsquellen. Neu herausgeg. durch G. Meyer v. Knonau (St. Gallen 1877), namentlich p. 210 ff. – Hartmanni Vita s. Wiboradae in Acta SS. (Bolland.) Maii tom. I, 284 ff. Daneben die andern erzählenden Quellen zur Geschichte des 10. Jahrhunderts. – Mon. Germ. Diplomata 1. Bd. – Mon. Germ. Necrologia, 1. Bd. – Mon. Germ. Legum Sectio IV, 1, 18 No. 9. – Böhmer-Ottenthal, Regesten Heinrich’s I. und Otto I. Nr. 10 d, 12 e, 13 a, 41 a, 166 a, 217 a, 235 b, c, 237 d, 240 c–h, 289 c, d, 343, 528 a, 553 c, 557. – J(oannes) P(inius), De s. Udalrico episcopo et confessore commentarius praevius, in Acta SS. (Boll.) Julii tom. II (1721), 73 ff. – Placidus Braun, Geschichte der Bischöfe von Augsburg 1 (1813), 177 ff. – v. Steichele, Das Bisthum Augsburg 3 (1872), 31 ff. – Konrad Raffler, Der h. Ulrich (Augsburg 1866). – Beyschlag, Versuch einer Münzgeschichte Augsburgs, Stuttgart und Tübingen 1835, p. 10. – Lelewel, Numismatique du moyen-âge 3 (1835), 142. – Dannenberg, Die deutschen Münzen der sächs. und fränk. Kaiserzeit, p. 10, 12, 379. – Ernst Berner, Zur Verfassungsgeschichte der Stadt Augsburg, Breslau 1879. – Odilo Ringholz, Des Benedictinerstifts Einsiedeln Thätigkeit für die Reform deutscher Klöster, in Studien und Mittheil. aus dem Benedictiner- und dem Cisterzienserorden 7 (1886), 54 ff. – Ruland, Geschichtliche Nachricht über die ehemalige Domstiftsbibliothek zu Augsburg in Steichele’s Archiv für die Gesch. des Bisth. Augsburg 1 (1856), 4 und dazu Neues Archiv der Gesellsch. für ä. d. Geschichtskunde 10 (1885), 410. – Specht, Gesch. des Unterrichtswesens, S. 321. – Wattenbach, Deutschl. Geschichtsquellen⁶ 1, 399. – Loserth in Neues Archiv 20, 446. – Uhland, Schriften zur Gesch. d. Dichtung u. Sage 8, V. – Riezler, Gesch. Baierns 1, 344. – Stälin, Wirtembergische Gesch. 1. Bd. – Waitz, Jahrbücher Heinrich’s I. – Dümmler, Jahrbücher Otto’s I. – Hirsch, Jahrbücher Heinrich’s II. 1. Bd.