ADB:Wernicke, Christian

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Artikel „Wernicke, Christian“ von Erich Schmidt in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 90–92, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wernicke,_Christian&oldid=3051023 (Version vom 20. Oktober 2018, 17:55 Uhr UTC)
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Band 42 (1897), S. 90–92 (Quelle).
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Wernicke: Christian W. (Wernigke, Warneck u. s. w.), Epigrammatiker, sagt, er sei „von Abkunft väterlicher Seite ein Sachse, von mütterlicher Seite ein Engelländer und von Geburt ein Preuße“. Erst 1888 hat Neubaur seine Jugendzeit, Elias den weiteren Lebensgang aufgeklärt. Der Vater Johannes, Stadtsecretär in Elbing, aus Alsleben, hatte sich 1647 mit Cordula Smith von Cuerdley, die einem alten englischen Adelsgeschlechte entstammte, vermählt. Als ihr zweites Kind wurde unser W. im Januar 1661 geboren. Schon 1669 des Vaters beraubt, durchlief er frühreif die Schulen Elbings und Thorns und zeigte sich siebzehnjährig als flinken Schwulstpoeten: „Die vom Himmel-Aganippen herstammende Krippen-Klippen beehret mit ungeschikten Lippen Christian Wernigke D. F. K. B.“ Wirklich der freien Künste beflissen, mit mannigfachen, besonders sprachlichen und litterarischen Kenntnissen ausgestattet, wandte er sich nach Hamburg und studirte seit 1680 bei Morhof in Kiel, aus dessen „Polyhistor“ er lernte, ohne sich an seine so dürre Stubenpoesie zu binden. Drei Jahre lang bei Rantzaus in Stellung, feierte er die Gräfin Katharina Hedwig als Amaryllis und verfaßte einige saubere Eklogen, die mit den landläufigen blümeranten Schäfereien wenig gemein haben. Er schloß bedeutende dänische Verbindungen und wirkte längere Zeit als politischer Privatagent in England, bis ihn unliebsame Wirren nach Hamburg führten, wo er sich wieder der Litteratur zuwandte (Vorrede 1704: es ward „der längst entschlaffene poetische Geist wiederum erwecket“), satirische Händel mit Postel und Hunold ausfocht und mit Hagedorn’s Vater befreundet war. Seit 1708 war er dänischer Gesandter in Paris unter Ludwig XIV. und der Regentschaft; eine Masse diplomatischer Acten hat Elias ans Licht gezogen. Gewiß nicht ohne eigene Schuld gerieth der selbstbewußte, herbe Mann in Hader und Bedrängniß; auch durch Krankheit gebrochen, verließ er Frankreich, um in Kopenhagen am 5. September 1725 zu sterben.

Seine Dichtungen lassen sich in einem schmalen Band zusammenfassen, und W. hat früh geschwiegen. Bodmer erneuerte 1740 das Pamphlet gegen Postel, 1749 die „Ueberschriften“, von denen zuletzt L. Fulda in Spemann’s „Nationallitteratur“ Bd. 39 eine gute Auswahl bietet; eine kritische Ausgabe ist dringend zu wünschen und seit längerer Zeit von Elias versprochen. Etliche Epigramme sind den Engländern durch Coleridge vermittelt worden. W. darf als geistreichster, freister deutscher Schriftsteller auf der Scheide des 17. und des 18. Jahrhunderts gelten. Lessing hat ihm sein Lob nicht versagt; Hagedorn rühmt ihn früher: „Wer hat nachdrücklicher den scharfen Witz erreicht? … An Sprach’ und Wohllaut ist er leicht, an Geist sehr schwer zu übertreffen.“ Gegen seine Form erhebt Gervinus, und wer dem ausgezeichneten Historiker nachschreibt, ungerechte Anklagen, denn lateinisch-Logauische Satzgebilde wie „So schön! daß einer nicht, die schöner ist, kan mahlen“ sind bei W. sehr selten; auch hat Gervinus irrthümlich den nur auf das 10. anekdotische Buch bezüglichen Wink Wernicke’s, daß er „was andre wol erfunden, wol erzehle“, verallgemeinert, da es doch den andern Büchern nicht an einer Fülle von eigenen Gedanken und Motiven gebricht und W., allerdings nur hie und da dem lyrischen Sinngedicht Logau’s sich nähernd, die ausgetretenen Geleise Owen’s verläßt, ohne sklavisch dem [91] Martial zu folgen. Er will mit Uebertragungen aus Sannazaro begonnen haben.

1697 erschienen „Ueberschriffte [so] oder Epigrammata“: das 1. Buch, das spätere 2. und 24 Nummern des 3., wol ziemlich getreu nach der Jugendhandschrift; aber sechs Bücher waren schon länger fertig. Das Jahr 1701 brachte acht Bücher, der „Poetische Versuch“ 1704 deren zehn, so daß wir die meisten Epigramme in zwei oder drei Redactionen besitzen, denn W. ließ sich, Sinn und Vers umbildend, Boileau’s aimez donc la raison und das Stilgebot polissez-le sans cesse et le repolissez gesagt sein. In J. G. Meister’s verständigen „Unvorgreifflichen Gedancken von teutschen Epigrammatibus“, die es scharf mit dem hochnäsigen Bouhours zu thun haben und die Entwicklung der Gattung bei uns seit Opitz verfolgen, wird der „Anonymus“ schon 1698 belobt, nur sei er manchmal etwas „obscur“; öffentlich aber finden wir den Meister des Epigramms erst 1708 außerhalb der Hamburgischen Polemik mit Namen genannt. Eine vornehme, kühle, stolze Natur widmet W. seinen Anfängen in späteren Vorreden und Noten und Aenderungen, als er z. B. das erste Buch auflöste, eine scharfe Selbstkritik. War er ehemals mit der Wendung, der Centaur reite auf sich, wohlzufrieden gewesen, so schalt er das nun bizarramente pensato. Jugendliche Heroiden, in denen auch er dem unvermeidlichen Marinismus und zugleich der gräflichen Amaryllis gehuldigt, parodirte er mit frivolem Spott über die Abälard und Eginhard, dieselben Schläge gegen sich selbst und das früh verlassene Vorbild Hofmannswaldau kehrend, dessen Heldenbriefen er auch mit burlesken Knittelreimen antwortete. Sonst ist seine Form der Alexandriner, und in dies Maß streckt er gern ältere Kurzzeilen, ohne deshalb leeres Füllsel anzubringen; vielmehr geht seine Form auf das Gedrungene, Präcise, Gespitzte aus. „Wie Funken die aus Stahl zerstreut zu springen pflegen“ seien die Epigramme, sagt er, ein praktischer Vorgänger der Lessing’schen Lehre von der Ueberraschung. Er ist von Haus aus viel streitlustiger, stachliger, maliciöser, persönlicher als Logau und verschmäht die stumpfe Weibersatire des Helden Rachel, aber auch die ungehobelte plattdeutsche Landskraft Lauremberg’s. Er gewinnt auch stereotypen Vorwürfen witzig eine neue Seite ab, und seine ergötzliche Frivolität – wenn etwa der junge Ehemann recht zeitig aufsteht, um sich auszuruhen – wird nie unsauber. Auch die harmlose Lustigkeit fehlt nicht: der dumme Mönch katalogisirt ein hebräisches Werk als „noch ein Buch das an dem End anfänget“. Aber scharfe Ironie, treffsicherer Hohn waltet vor bei diesem weltklugen Mann, der die ungebildeten Edelleute und den hüstelnden bedächtigen Diplomaten abschildert und vom Hofleben nicht blos aus litterarischer Ueberlieferung berichtet. Manchmal verfällt er einem unbehaglichen Pessimismus, sich selbst am wenigsten schonend: er erschrecke vor seinem Spiegelbild. Aristokratisch wehrt er den Pöbel, den Pickelhäring Diogenes, das Puppenspiel, das derbe Volksmäßige ab und unterscheidet sich so weit von dem Verfasser der „Veer Scherzgedichte“, daß er höhnt, Thrax schelte das Hochdeutsch verlogen: „er glaubet es besteh die deutsche Redlichkeit In Grobheit und in Nieder Sächscher Sprach.“ Gern sehen wir ihn dieselbe schroffe Haltung gegen geckenhafte Deutschfranzosen, noch lieber als Protestanten höherer Ordnung gegen Religionszänker herauskehren. Philosophisch reichgebildet, in alter und moderner Litteratur ungemein belesen, huldigt er mit Boileau, vom Dichter vollständige Kenntniß der Welt, zumal des Hofes fordernd, einer vornehmen Poetik. Wir beobachten die Verfeinerung seines Geschmacks, wenn er allgemach vom Lob oder Halblob der ungleichen Schlesier Lohenstein und Hofmannswaldau zu Angriffen und Todesurtheilen übergeht, ganze Sträuße des sinnlich wuchernden oder absurd ausschweifenden Schwulstes zerzaust, kauderwälsche Tropen belacht, Epigramme auf die Marmelballen und [92] Ambratöpfe schnellt, ironische Musterverzeichnisse anlegt und des neuen bon sens voll den deutschen Dichtern sagt: eure Schönen sind ja nur leblose Steinbilder mit Achataugen, Rubinlippen, Alabasterbusen, euer Sang ein bloßes Schellenspiel, eure ganze Kunst „ein unverständlich Nichts durch aufgeblasne Wort in wohlgezehlte Reim zu bringen“. Auch die Nürnberger Klingeldichter verspottet er. Seine Angriffe auf Hofmannswaldau’s Briefe und einzelne Verse Lohenstein’s riefen den lahmen Sänger Wittekind’s, Postel in Harnisch gegen den Wecknarr oder Narrweck – W. antwortete weitschweifig 1701 mit dem „Heldengedicht Hans Sachs genannt“, dessen Motiv, Stelpos Krönung, sammt den billigen Namenwitzen dann in den Fehden zwischen Leipzig und Zürich fortspukt. Darauf griff der liederliche Litterat Hunold-Menantes die Epigramme an und gab, von W. 1704 S. 301, 324 ff. als „deutscher Mävius“ vernichtend abgefertigt, eine an sogenannten Retourkutschen, aber auch an Personalien reiche Komödie „Der thörichte Pritschmeister“ zum besten, um W. durch Geträtsch über bedenkliche Londoner Abenteuer menschlich und durch die Aufdeckung von Plagiaten – doch handelt es sich nur um unbewußte Reminiscenzen aus den Alten, aus Richelet u. a. – litterarisch bloßzustellen. Diese Händel wecken kein tieferes Interesse; die Hauptsache ist Wernicke’s überlegene Stellung mitten in den großen stilistischen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Den Bouhours, der einen bel esprit in Deutschland für unmöglich erklärte, hat W. nicht blos durch patriotische Entrüstung widerlegt, gegen die schlechten Uebersetzer oder gegen den Purismus Zesen’s und andrer wohlmeinender Wäscher sich auf die hohe Warte einer internationalen Bildung und zugleich einer nationalen Gesinnung geschwungen: er machte den dreisten Witz „Die deutsche Sprach hat die Franzosen“, aber er betonte auch, die Nachbarn seien allerdings unsre Lehrer in der „sogenannten critique“. Der schlesische Schwulst ist ihm eine Krankheit. Er predigt Vernunft wie Boileau:

Der Abschnitt? gut. Der Vers? fließt wohl. Der Reim? geschickt.
Das Wort? in Ordnung. Nichts als der Verstand verrückt.

Aber kräftiger als der Meister des Art poétique wiederholt er die paulinische Losung, für Kinder sei die Milch, für Männer starke Speise, und der Gegner niederdeutscher Dialektpoesie ist doch zu eigenrichtig, um sich eine correcte Sprache dictiren zu lassen und meißnischer oder schlesischer Anmaßung gegenüber auf seine „preußischen“ Wörter zu verzichten. Klar scheidet er zwei Richtungen, den Marinismus und die zu niedrige Schreibart Chr. Weise’s, und erwartet Heil vom preußischen Hofe (d. h. von Boileauisch gebildeten Männern wie Canitz): „sintemahl sich an demselben einige vornehme Hoffleute hervor gethan, welche Ordnung zu der Erfindung; Verstand und Absehn zur Sinnligkeit; und Nachdruck zur Reinligkeit der Sprache in ihren Gedichten zu setzen gewust.“ Gewiß hat der Mann, der den Schulfuchs witzig verlachte, nach welchem „keiner lesen kan, als der mit Brillen lieset“, die Litteratur seinerseits oft durch das Glas eines ironischen Diplomaten betrachtet, aber wir kennen vor Liscow, ja vor Lessing keinen klareren, gescheiteren Kopf. Vgl. auch Herder’s „Adrastea“.

Goedeke 3, 339. – L. Neubaur, Jugendgedichte von Christian Wernigke, Königsberg 1888 (Altpreußische Monatsschrift Bd. 25); vgl. Anzeiger der Zeitschrift für deutsches Alterthum 33, 341. – J. Elias, Christian Wernicke. 1. Buch [Biographie; die Vorrede skizzirt nur ganz kurz den Inhalt des 2. und 3.: Kritik, Polemik; Epigrammatik], Münchener Dissertation 1888. Portrait und Facsimile in Könnecke’s Bilderatlas.