ADB:Wintzingerode, Heinrich Karl Friedrich Levin Graf

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Artikel „Wintzingerode, Heinrich Karl Friedrich Levin Graf“ von Eugen Schneider in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 505–507, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wintzingerode,_Heinrich_Karl_Friedrich_Levin_Graf&oldid=- (Version vom 24. April 2019, 06:24 Uhr UTC)
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Wintzingerode: Heinrich Karl Friedrich Levin Graf W., einer der hervorragendsten Staatsmänner des Königs Wilhelm von Württemberg aus der [506] liberalen Anfangszeit der Regierung, ist als Sohn des Grafen Georg Ernst Levin W., am 10. October 1778 zu Kassel geboren. Er widmete sich nach kurzen militärischen Diensten dem Studium und fand 1802, nicht lange nachdem der Vater württembergischer Staatsminister geworden, als Attaché bei der herzoglichen Gesandtschaft in Regensburg Verwendung. Nach dem Reichsdeputationshauptschluß wurde er als Regierungsrath in das neuerworbene Ellwangen versetzt, bald darauf an die Regierung nach Stuttgart gezogen. Von hier aus erhielt er 1806 die Aufgabe, den Oehringer Kreis in Besitz zu nehmen und dessen Verwaltung einzurichten, 1807 wurde er als Kreishauptmann an die Spitze desselben gestellt. Seine Gewandtheit, sich den Absichten König Friedrich’s anzubequemen und ihnen Geltung zu verschaffen, führte ihn 1808 auf den Posten des Gesandten in Karlsruhe, 1809 in München, 1810 in Paris. Hier blieb er, mit dem Rang eines Geheimraths bekleidet, bis zum Bruch seines Königs mit Napoleon und verstand es, sich dem Kaiser gefügig zu zeigen und doch der Würde seines Herrn möglichst wenig zu vergeben. Im Herbst 1813 erhielt er die Aufgabe, die Interessen Württembergs im Hauptquartier der Verbündeten zu vertreten. Nach dem Frieden wurde er nach Petersburg versetzt, wo er bis 1816 verblieb. Unterbrochen wurde seine Sendung durch die Rückkehr Napoleons, die ihn wieder in das Hauptquartier führte; er gab sich zusammen mit dem Kronprinzen Wilhelm alle Mühe, die Trennung des Elsasses von Frankreich durchzusetzen. Die Hauptthätigkeit Wintzingerode’s beginnt nach der Thronbesteigung des ihm sehr gewogenen Wilhelm. 1816 als Gesandter nach Wien übergesiedelt, erhielt er den Auftrag, unter Anschluß an Oesterreich das Zusammenhalten der kleineren Staaten zu betreiben, um ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, in den Fragen der großen Politik dreinzureden. Ihm fiel auch die Aufgabe zu, den Wunsch seines Königs, die Einführung ständischer Verfassungen in allen deutschen Staaten durch den Bund in Wien zu vertreten. Da dieser Wunsch dem eigenen nicht entsprach, erweckte er freilich den Eindruck, als sei seine Absicht, die weitgehenden Einräumungen, die König Wilhelm seinem Lande machte, durch den Bund einschränken zu lassen. Am 17. Mai 1819 wurde ihm das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten übertragen. Bei der unbeständigen Natur des Königs war es nicht leicht, das gute Einvernehmen mit den anderen Staaten, besonders den Großmächten, zu pflegen. Auf dem Ministercongreß in Wien (1820) gelang es ihm, die völlige Beiseiteschiebung des Bundes zu verhindern und diesem die Genehmigung der Schlußacte vorzubehalten. Als aber König Wilhelm durch die steigende Mißachtung der kleineren Staaten von Seiten der großen sich zu herausfordernden Schritten treiben ließ, sah sich W. in eine ihm widerwärtige Stellung versetzt. Er erklärte dem König rundweg, daß er, wenn die äußeren Beziehungen so leichtsinnig verscherzt würden, die Kosten nicht zu rechtfertigen wisse, welche man zur Unterhaltung des ganzen auswärtigen Departements dem Land auflege. Schon die überraschende Entdeckung, daß Wilhelm das Manuscript aus Süddeutschland (oben S. 210) eingegeben (1820), zeigte W., daß seine Stellung erschüttert sei. Er blieb, um die Annäherung an Oesterreich und Preußen wieder zu betreiben und suchte, als der Congreß zu Verona zusammentrat, das Mißtrauen des Königs zu zerstreuen, wenn er auch den Widerstand gegen wirkliche Uebergriffe für gerechtfertigt erklärte. Der König blieb bei seiner Abneigung, namentlich gegen Metternich. W. mußte sich dazu verstehen, eine Cirkularnote an die württembergischen Gesandten abgehen zu lassen, die eine scharfe Sprache gegen die bevormundenden Großmächte führte (2. Jan. 1823). Gegen Wintzingerode’s Absicht kam dieselbe an die Oeffentlichkeit und führte zur Abberufung der Gesandten der Großmächte. Um sie zu versöhnen, entließ Wilhelm den freisinnigen Wangenheim von seinem Frankfurter Posten. W. merkte, daß ihm der König wegen des Verlaufes der [507] Dinge grollte und bat um seinen Abschied. Er erhielt ihn am 2. October 1823 mit der Zusage der Nachfolge Wangenheim’s in Frankfurt. W., den auch höfische Eifersüchteleien gequält zu haben scheinen, fühlte sich verletzt und spottete in einem Pariser Blatte über die Großmannssucht seines Königs. Darüber erbittert, zog dieser sein Versprechen wegen des Frankfurter Postens zurück; nur durch die Rücksicht auf den verdienten Vater, der noch als Gesandter in württembergischen Diensten stand, ließ er sich bestimmen, ihm Titel und Ruhegehalt zu belassen. Verstimmt zog sich W. in das Privatleben zurück. Er starb am 15. September 1856 auf Schloß Bodenstein (im Regierungsbezirk Erfurt), ein vornehmer Mann, dessen politische Laufbahn dadurch ein jähes Ende genommen hatte, daß er mit den vorhandenen Machtmitteln rechnete und seinen dieselben außer Augen setzenden König im Stich ließ. Die Vorwürfe, daß er an Wangenheim treulos gehandelt und sich mit Metternich zu dessen Sturz verschworen habe, sind grundlos. Daß er aber im Herzen mit dem Liberalismus König Wilhelm’s nicht übereinstimmte, beweist deutlich sein Vorschlag, an die Stelle der demokratisch verseuchten Hochschule eine Zwangsanstalt wie die frühere Karlsschule zu setzen.

Archivakten. – Wilko Graf Wintzingerode, Graf H. L. W., ein Würtemberger Staatsmann (1866).