ADB:Wolf, Hieronymus

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Artikel „Wolf, Hieronymus“ von Georg Mezger in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 755–757, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wolf,_Hieronymus&oldid=2509939 (Version vom 18. Dezember 2017, 09:05 Uhr UTC)
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Wolf: Hieronymus W. Gleich manchem andern Humanisten des XVI. Jahrhunderts hat W. sich auf selbstgebahnten und vielgewundenen Wegen Bildung und Stellung erringen müssen. Der Sprosse eines altadeligen, damals aber verarmten Geschlechts wurde er in Oettingen im Ries, wo sein Vater Amtmann war, am 13. August 1516 geboren. Seinen ersten Unterricht bekam er von einem sehr strengen Lehrer in Nördlingen. Auf seine Bitte wurde er 1527 nach Nürnberg geschickt, wo er an Sebald Heiden einen wackern Lehrer hatte. Aber als er an die Aegidienschule, an der Camerarius, Eoban Heß und Mich. Roting wirkten, übertrat, merkte er selbst, daß er für diesen Unterricht noch nicht reif war. Sein Vater wollte ihn daher nicht länger dort lassen und brachte ihn 1530 auf das Schloß Harburg in die Kanzlei, wo er nun fünf Jahre als Schreiber zubrachte. Er hätte an dem Kanzler Christ. Julius, der ihn zum Juristen ausbilden wollte, einen wohlwollenden Vorgesetzten gehabt, wenn er seine Abneigung gegen die Jurisprudenz hätte überwinden können. Aber ihm waren Virgil und Terenz lieber, obwol er sie nur halb verstand, und ohne Kenntniß der Prosodie machte er fleißig lateinische Verse. Auch was ein Lexicon sei, war ihm damals noch unbekannt; dennoch verfaßte er lateinische Reden und Dialoge. Der eifrige Jünger der Musen erntete indessen bei den andern Schreibern und bei den Junkern auf dem Schlosse nur bittern Spott und Mißhandlungen. Um ihnen auszuweichen, flüchtete er sich in seinen Freistunden mit seinen Büchern in die Küche, fiel aber nun dort dem Gelächter und den Neckereien der Knechte und Mägde anheim. So ließ er sich denn vor Tage von den Wächtern wecken und freute sich im ungeheizten Zimmer bei spärlichem Lichte, oder im Sommer auf den benachbarten Bergen seiner Studien. Weil aber der Spott seiner Quälgeister über den Sonderling nicht aufhörte, faßte er den herzhaften Entschluß, sich zu einem der Ihrigen umzuwandeln. Um Federhut, Degen und Dolch zu kaufen, wanderte er auf die Nördlinger Messe, brachte aber statt ihrer – ein griechisch-lateinisches Lexicon, einen Valerius Maximus und mehrere poetische und rhetorische Schriften heim. Nach fünf Jahren endlich erwirkte er von seinem Vater, daß er wieder nach Nürnberg zurückkehren durfte, aber er fand dort die alten Lehrer nicht mehr und zog nun Camerarius nach Tübingen nach. Obwol er zu schüchtern war, um dessen Rath über einen zweckmäßigen Studiengang einzuholen, und deswegen manches verkehrt anfing, fand nun Wolf’s Lerneifer doch seine Befriedigung. Mit Macht warf er sich in die griechische Litteratur, und seine Herrschaft über die griechische Sprache wurde bald eine so große, daß er sie gewandter schrieb und sprach als die lateinische. Als ihm nach zwei Jahren sein Vater keine Mittel zu fernerem Aufenthalt in Tübingen mehr gewähren wollte, zog er es vor, bei Rector Schegg als Diener einzutreten, so sauer ihm diese an sich schon demüthigende Stellung auch durch die Anfeindungen der Studenten gemacht wurde. Krankheit seines Vaters rief ihn nach Oettingen, aber noch vor dessen Tode kehrte er nach Tübingen zurück, um nun endlich auf dringendes Zureden von Freunden Jurist zu werden. Drei Monate hielt er aus; da wurde er selbst ernstlich krank; wiedergenesen beschloß er eine ganz andere Laufbahn einzuschlagen. Auf Empfehlung des Grafen von Oettingen wurde er Privatsecretär des Bischofs von Würzburg. Natürlich gefiel ihm das nicht lange. Ihn lockte gewaltig der Ruf der Universität Wittenberg, vor allem Melanchthon’s Name. Er zog dorthin, hörte Melanchthon, Luther, Winsheim, Amerbach und Andere mit Begeisterung, besuchte dabei auch [756] die kurfürstliche Bibliothek eifrig und schrieb sich griechische Manuscripte ab. Auch Mathematik trieb er fleißig und vertiefte sich dazu in die Astrologie, die ihm jedoch sein ganzes Leben nur schwere Sorgen bereitete; denn er las immer Schlimmes für sich in den Sternen. Geldnoth zwang ihn, schon nach zwei Jahren (1539) Wittenberg wieder zu verlassen. In Nürnberg fand er eine ihn zufriedenstellende Anstellung als Gehülfe seines alten Lehrers Heiden. Unterdessen aber war in seiner Heimath die Reformation zum Siege gelangt, und sein Landesherr rief ihn zurück, um in Oettingen eine Schule einzurichten. Viele mißliche Umstände veranlaßten ihn jedoch, der Vaterstadt bald wieder den Rücken zu kehren und sich wieder zu Melanchthon nach Wittenberg zu begeben. Auf dessen Empfehlung wurde er 1543 Rector in Mühlhausen i. Thüringen. Aeußerlich ging es ihm hier wohl; im Genusse seiner Besoldung kam er sich „reicher als Midas“ vor, und seine Studien, über die er Melanchthon in Briefen eingehenden Bericht erstattete, befriedigten ihn auch. Aber die Unbildsamkeit und Rohheit seiner Schüler veranlaßte ihn schon 1545, Mühlhausen wieder mit Nürnberg zu vertauschen. Auch hier war seines Bleibens nicht lange; denn der abergläubische Mann bildete sich ein, er sei verhext, und allerlei Gespensterspuk, dessen Opfer er zu sein glaubte, verbitterte ihm das Leben. Der Besuch des Wildbades und die Cur, welche ein Schwarzwälder Bauer mit ihm vornahm, erleichterten ihm das Herz wieder etwas; aber kaum war er wieder nach Nürnberg zurückgekehrt, so bat er inständigst bei dem Rathe um seinen Abschied, weil er von einem längeren Aufenthalte den Tod fürchtete. Tübingen, Straßburg, Basel waren nun nacheinander seine Aufenthaltsorte. In Basel machte er die Bekanntschaft des Buchdruckers Oporinus, und hier verlegte er nun zuerst vier Reden des Isokrates und zwei des Demosthenes mit lateinischer Uebersetzung. Bald (1548) folgte diesen die Uebersetzung des ganzen Isokrates und dann die des ganzen Demosthenes. Ein halbes Jahr genügte dem durch seine früheren Studien mit diesen Rednern gründlich bekannten und vertrauten Manne, um diese Ausgaben zum Drucke fertig zu machen. Zwar wollte seine Isokrates-Uebersetzung ihm selbst nicht recht genügen, und von Demosthenes suchte ihn Amerbach zurückzuhalten, da sich an diesen schwierigen Schriftsteller weder Erasmus, noch Budäus gewagt habe. Aber in der gelehrten Welt verschafften ihm diese Ausgaben großen Ruf. In Straßburg bemühte man sich, ihn als Lehrer zu gewinnen, und von Augsburg kam ihm das Anerbieten, Söhne angesehener Familien in ihren Studien zu überwachen und zu leiten. Er entschied sich für das letztere und blieb mit seinen Zöglingen zuerst in Basel, dann begleitete er sie nach Paris. Er machte dort werthvolle Bekanntschaften; P. Ramus, Turnebus und andere Gelehrten nahmen ihn freundlich auf; dagegen fand seine Demosthenes Uebersetzung einen heftigen Gegner an Strazelius. Dazu kam nun, daß der religiöse Eifer der Sorbonne dem furchtsamen Manne Besorgniß einflößte, er möchte als Ketzer verbrannt werden. Sein Aufenthalt in Paris dauerte daher nicht länger als ein Jahr. Er gab gerne die guten Verhältnisse daran, in denen er lebte, um seine Angst los zu werden, und wanderte zu Fuß nach Basel zurück. Man bot ihm hier eine Professur der griechischen Sprache an, die schmale Besoldung veranlaßte ihn aber, lieber den Weg nach Augsburg fortzusetzen, wo eben der Kaiser beim Reichstag weilte. Der Gesandte Eduard’s VI. von England trug unter lockenden Bedingungen W. die Stelle eines Erziehers des jungen Herzogs von Suffolk an; während der Unterhandlungen starb der Letztere. Dafür fand W. eine ihm zusagende Stellung im Hause Jakob Fugger’s als dessen Secretär und Bibliothekar. Während der sechs Jahre, in denen er sie bekleidete, konnte er zwar seine Kraft seinen neuen Ausgaben der griechischen Redner und der byzantinischen Historiker widmen; aber in dem vornehmen [757] Hause machte man Ansprüche an ihn, die er nicht befriedigen konnte; denn er taugte zu allem andern eher als zum Hofmann. Daher schied er gerne, als ihm 1557 der Antrag gemacht wurde, das Rectorat bei St. Anna zu übernehmen. Die Schule bedurfte einer gründlichen Umgestaltung, und W. löste diese Aufgabe mit so großer Umsicht, daß sie ihm einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der Pädagogik gesichert hat. (Vgl. darüber Raumer, Gesch. der Päd.) Aber die Schwierigkeiten, die dabei zu überwinden waren, verstimmten den zu trübem und mürrischem Wesen ohnedies geneigten Mann so sehr, daß er nach Umfluß der fünf Jahre, für die er sich verbindlich gemacht hatte, Augsburg verlassen wollte. Es standen ihm überallhin die Wege offen: Herzog Albrecht von Preußen wollte ihn nach Königsberg, der Rath von Straßburg an das dortige Gymnasium ziehen; die Berner boten ihm eine Professur in Lausanne, die Nürnberger eine solche in Altdorf. Freunde und der Rath der Stadt machten große Anstrengungen ihn zum Bleiben zu bestimmen, was auch gelang. Aber bis an sein Lebensende wurde der kränkliche, sich immer mehr abschließende und durch den Wahn, daß er zum Mißgeschick geboren sei, sich selbst das Leben verkümmernde Mann nie mit seinem Loose zufrieden. Die Vorreden zu seinen Büchern sind voll von Klagen über die Gesinnung seiner Umgebung, die kein anderes Interesse kenne als Gewinn und Genuß, und über die Vergeblichkeit seiner Bemühungen, in der Jugend einen bessern Sinn zu pflanzen. Um so inniger schloß er sich an seine Lieblinge, die Classiker, an. Seine Arbeitskraft trotz der körperlichen Leiden und sein Fleiß setzen in Erstaunen. Obwol er neben seinem mühevollen Schulamte auch noch die Geschäfte eines Stadtbibliothekars zu besorgen hatte, vollendete er seine verdienstvollen und grundlegenden Ausgaben des Isokrates, den er sieben Mal, und des Demosthenes (und Aeschines), den er vier Mal mit Uebersetzung und Commentar drucken ließ, dazu seine Ausgaben verschiedener philosophischer Schriften Cicero’s, des Epiktet und Cebes und manches Andere. Nicht weniger als 16 Autoren hat er übersetzt oder erklärt. Am wenigsten genügte ihm selbst seine Uebersetzung des Suidas, die auch wol die schwächste seiner Arbeiten ist, da es ihm hier an guten Handschriften fehlte. Ein unbestrittenes Verdienst erwarb er sich durch die Herausgabe des Zonaras, Nicetas Choniates, Nicephorus Gregoras und Chalcondylas, – des ersten corpus historiae Byzantinae. Die meisten seiner Schriften sind bei Oporinus in Basel gedruckt. Seine Schriftstellerei brachte ihm manchen Verdruß, aber wenig Geld. Da er auch noch sehr freigebig gegen Verwandte war, sah er sich genöthigt, in seinem Alter sich von seinem liebsten Besitz, seiner werthvollen Bibliothek, zu trennen; er verkaufte sie um 700 fl. nach Lauingen. Als Melanchthon’s erster Schüler bewährte er sich während seines ganzen Lebens durch seine milde und versöhnliche christliche Richtung, die er auch an der Schule pflegte. Doch blieben auch ihm heftige Anfeindungen wegen seiner evangelischen Gesinnung, namentlich in der letzten Zeit, nicht erspart. Sein durch schwere körperliche Leiden getrübtes Alter verfloß ihm einsam; er war nie verheirathet. Er starb am 8. October 1580.

Sein Leben bis 1570 hat W. selbst beschrieben. (Abgedruckt in J. Jac. Reiskii oratt. graec. vol. VIII, p. 772.) – Die Jugendgeschichte darnach in deutscher Uebersetzung von Passow in Raumer’s histor. Taschenb. 1830. – Crophius, Historia des Augspurgischen Gymnasii, 1740. – Memoria Hier. Wolfii scr. G. C. Mezger 1862.