ADB:Wolf, Johann Christoph

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Artikel „Wolf, Johann Christoph“ von Carl Bertheau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 545–548, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wolf,_Johann_Christoph&oldid=- (Version vom 25. Juni 2019, 18:30 Uhr UTC)
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Wolf *): Johann Christoph W., ein durch seine umfassende Gelehrsamkeit hervorragender Theologe und Orientalist, wurde zu Wernigerode im J. 1683 geboren und zwar nach gewöhnlicher Annahme am 21. Februar; aus dem Kirchenbuche ist nur nachweisbar, daß er am 23. Februar getauft ist. Sein Vater, Johann W., war damals Superintendent und Oberprediger zu St. Silvestri in Wernigerode; über ihn vgl. A. D. B. XLIII, 759 f. Als dieser im Jahre 1695 einer Berufung in das Pastorat zu St. Nicolai in Hamburg folgte, ward W. hier Schüler des Johanneums und blieb es auch nach dem plötzlichen Tode seines Vaters, der schon nach kaum dreimonatlicher Amtsführung in Hamburg starb und seine Wittwe mit vier unversorgten Kindern, von welchen unser W. der älteste war, zurückließ. Am 4. Mai 1699 ward W. im akademischen Gymnasium zu Hamburg inscribirt; er hörte hier ganz besonders die Vorlesungen von Johann Albert Fabricius (s. A. D. B. VI, 518 ff.), der im Juni 1699 zum Professor am Gymnasium erwählt ward; bei ihm vorzüglich hat W. den Grund zu seinem ausgedehnten Wissen gelegt, und Fabricius hat sich seiner auch persönlich aufs freundlichste angenommen. Außer durch Fabricius ist er wol durch den berühmten Esdras Edzardi, der ohne ein öffentliches Amt zu bekleiden, junge Leute im Hebräischen und Rabbinischen unterrichtete und damals, obschon nicht mehr jung, noch in voller Thätigkeit stand, am meisten gefördert worden; zwei Söhne von Esdras Edzardi, Georg Elieser und Sebastian, waren damals auch Professoren am Gymnasium (über diese drei Edzardi vgl. A. D. B. V, 650 ff.). Im J. 1703 bezog W. die Universität Wittenberg, wo er außer hamburgischen (z. B. dem Placcius’schen) auch ein gräflich Stolbergisches Stipendium (in sechs Terminen von Ostern 1704 bis Michaelis 1706) erhielt; er war bereits als Kind am 20. Juli 1688 in das gräfliche Stipendiatenbuch eingetragen. Schon am 30. April 1704 ward er Magister; im Sommer 1706 begann er dann selbst als Beisitzer der philosophischen Facultät Vorlesungen zu halten. Im Herbst dieses Jahres verließ er jedoch wegen des bevorstehenden Einfalls der Schweden in Sachsen Wittenberg und begab sich nach Hamburg, wo er das Candidatenexamen am 25. November 1706 machte. Auf Empfehlung von Fabricius ward er darauf im Anfang des Jahres 1707 als Conrector nach Flensburg berufen; Johannes Moller, der Verfasser der Cimbria literata, der damals Rector der Flensburger Schule war, schätzte ihn trotz seiner Jugend als Collegen sehr hoch. Von Flensburg aus unternahm er im Sommer 1708 eine Studienreise nach Holland und England, die ihn ungefähr ein Jahr lang von der Heimath fern hielt. W. hatte damals schon als Gelehrter einen Namen; unter den von ihm bis dahin herausgegebenen Schriften, unter denen mehrere von einer ganz außerordentlichen Belesenheit und einem staunenswerthen Fleiße Zeugniß ablegten, hatten besonders seine Ausgabe der Philosophumena („Compendium historiae philosophiae antiquae sive philosophumena, quae sub Origenis nomine circumferuntur“ u. s. f., Hamburgi 1706) mit den Untersuchungen über den Verfasser dieser Schrift und sein Werk über die Lehre der Manichäer („Manichaeismus ante Manichaeos et in Christianismo redivivus“ u. s. f., Hamburgi 1707) mit der angehängten Polemik gegen Bayle die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf ihn gelenkt. So fand er bei den berühmtesten Gelehrten in Holland und England leichten Zugang, zumal es ihm auch sonst an wirksamen Empfehlungen nicht fehlte, und [546] knüpfte Verbindungen an, die ihm für die Folgezeit werthvoll blieben. Kaum nach Flensburg zurückgekehrt erhielt er im Herbst 1709 einen Ruf als außerordentlicher Professor der Philosophie nach Wittenberg; ehe er dieses Amt (im Januar 1710) antrat, machte er noch eine Reise nach Dänemark, die ihn bis Kopenhagen führte. Nach Wittenberg reiste er dann über Berlin, wo er auf der kgl. Bibliothek die Bekanntschaft des Professors Maturin Veyssière Lacroze, des früheren Benedictiners, der im J. 1696 zu Basel zum Protestantismus übergetreten war (geb. 1661, † 1739), machte, mit dem er sodann über 28 Jahre (Januar 1710 bis November 1738) in einem gelehrten Briefwechsel blieb. Aus Wittenberg ward er am 17. März 1712 in die Stelle eines Professors der orientalischen Sprachen am Gymnasium nach Hamburg zurückberufen; er folgte diesem Rufe um so lieber, als er in diesem Amte sich ganz ungehindert seinen gelehrten Studien widmen zu können glaubte. Gegen Ende des Jahres 1715 wurden ihm während einer Vacanz interimistisch die Predigten im Dome zu Hamburg übertragen; die definitive Besetzung der Stelle mußte wegen der Abhängigkeit des Domes von Schweden verschoben werden; und noch ehe diese Angelegenheit geregelt war, ward er am 29. November 1716 zum Pastor (jetzt Hauptpastor genannt) zu St. Katharinen erwählt. Mit diesen geistlichen Aemtern war keine Seelsorge verbunden; namentlich das Amt eines Pastoren gestattete (und damals noch mehr als jetzt) seinem Inhaber, sich eingehend mit wissenschaftlichen Arbeiten zu befassen, und W. sah hierin den besondern Vortheil dieser Stellung, in welcher er bis zu seinem am 25. Juli 1739 erfolgenden Tode verblieb. Er heirathete nicht, wie auch seine Geschwister ledig blieben. Die Schwester führte ihm den Hausstand, und auch die Brüder, von denen der eine, Johann Heinrich, Kaufmann war, der andere, Johann Christian (A. D. B. XLIII, 761 f.), im J. 1725 Professor der Physik und der Poesie am Gymnasium in Hamburg ward, wohnten bei ihm. Zu seinen Studien schaffte er sich eine große Bibliothek an; vor allem kaufte er Handschriften. So erwarb er im J. 1721 die hebräischen und rabbinischen Bücher aus der Bibliothek von Christian Gottlieb Unger, sodann im Anfang des Jahres 1731 die hebräischen Handschriften aus der Bibliothek von Zacharias Konrad v. Uffenbach (A. D. B. XXXIX, 135 ff.), im Mai desselben Jahres die orientalische Bibliothek, die früher Hinckelmann (ebd. XII, 460 ff.), dann Morgenweg (ebd. XXII, 234) besessen hatte. Von den Erben Uffenbach’s kaufte er im J. 1735 die große Briefsammlung desselben, über die er eine besondere Beschreibung („Conspectus supellectilis epistolicae et literariae manu exaratae, quae exstat apud Jo. Christoph. Wolfium“, Hamburgi 1736) veröffentlichte und die er zu vermehren mit Erfolg beflissen war. Unter den von ihm herausgegebenen zahlreichen gelehrten Werken sind vor allem folgende größeren zu nennen, die noch heute werthvoll sind. Seine „Bibliotheca Hebraea“, eine Uebersicht über die gesammte hebräische Litteratur, erschien in 4 Bänden, Hamburg 1715 bis 1732. In seinen „Anecdota graeca, sacra et profana“ (4 Theile, Hamburg 1722 bis 1724) machte er Mittheilungen aus griechischen Handschriften des N. T.s und altkirchlicher Schriftsteller, die er selbst besaß. Seine „Curae philologicae et criticae“ sind ein fortlaufender lateinischer Commentar über die sämmtlichen Bücher des N. T.s, besonders brauchbar für die Geschichte der Exegese; das Werk erschien in vier Bänden; der erste Band: „Curae philologicae et criticae in IV SS. Evangelia et actus apostolicos“, erschien Hamburg 1725, in 2. Aufl. 1733; der letzte: „Curae phil. et crit. in SS. Apostolorum Jacobi, Petri, Judae et Joannis epistolae huiusque apocalypsin“ 1725, 2. Aufl. 1735. Vielen Fleiß verwandte er auf eine Ausgabe der Briefe des Libanius; nach vieljähriger Arbeit für sie erschien die vollständige Ausgabe: „Libanii epistolae … cum [547] versione et notis“ (Amsterdam 1738 bei Warsberg). – Ueber das, was ihn in seinen Studien beschäftigte, correspondirte er fortwährend mit auswärtigen Gelehrten; die an ihn gerichteten Briefe auswärtiger Gelehrten, unter denen sich eine Anzahl der berühmtesten Männer seiner Zeit befindet, werden in 10 Folianten gebunden auf der Hamburger Stadtbibliothek bewahrt. Besonders ist sein schon erwähnter Briefwechsel mit Lacroze, zumal die Briefe beider vorliegen, geeignet, uns einen Blick in die Art und den Umfang seiner Arbeiten zu eröffnen; in diesen Briefen werden auch persönliche Angelegenheiten mehrfach berührt. Die Briefe Wolf’s an Lacroze sind abgedruckt in dem zweiten Theil des Thesaurus epistolicus Lacrozianus, herausgegeben von Joh. Ludw. Uhle (Leipzig 1743); von den Briefen Lacroze’s an W. sind drei abgedruckt in dem 3. Theil dieses Thesaurus (Leipzig 1746) S. 245 ff.; die wahrscheinlich vollständige Reihe befindet sich im Original in der genannten Sammlung von Briefen an W. auf der Hamburger Stadtbibliothek (im 3. und 9. Bande). Seine reichen Schätze an Büchern und Handschriften stellte W. gern Anderen zu Dienst; ein so eifriger Sammler er auch war – Lacroze und er gaben sich vielfach gegenseitig Aufträge, für einander auf Auctionen zu kaufen oder kaufen zu lassen –, so gern entäußerte er sich auch wieder selbst werthvoller Besitzthümer, wenn dadurch wissenschaftliche Arbeiten gefördert wurden. W. hatte von Lacroze aus der Bibliothek des Legationsrathes Andreas Erasmus v. Seidel zwei griechische Handschriften der Evangelien geschenkt bekommen; es sind die seit Wettstein mit den Buchstaben G und H bezeichneten; er gab nicht nur von beiden, deren Lesarten er in seinen anecdotis mitgetheilt hatte, an Bentley eine Probe (ein halbes Blatt), sondern überließ auch die eine (G) ganz an Bentley, der bekanntlich eine kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes herauszugeben beabsichtigte. Unter den Handschriften, welche W. aus der Hinckelmann’schen Bibliothek erwarb, befand sich auch ein griechisches Neues Testament (nur die Apokalypse fehlt), geschrieben von Jacobus Fabri aus Deventer (geb. 1472), eine für die Textgeschichte des N. T.s nicht unwichtige Handschrift (Evang. 90 u. s. f.); diese erhielt Wettstein von W., ob geliehen oder geschenkt (oder verkauft ?) ist nicht deutlich; jedenfalls bekam W. sie nicht wieder. – Außer einem beträchtlichen Capital vermachte W. in seinem Testamente unter Zustimmung seiner Geschwister seine ganze Bibliothek, die aus etwa 25 000 Bänden bestand, Drucksachen und Manuscripte, und seine Briefsammlung, die damals etwa 40 000 Stücke enthielt, der Hamburger Stadtbibliothek. Zunächst sollte zwar sein Bruder Johann Christian den Nießbrauch haben, und dieser hat namentlich später, als er selbst Bibliothekar wurde, der Verwaltung der Stadtbibliothek mancherlei Schwierigkeiten gemacht; aber er hat auch die Sammlungen des Bruders durch seine eigenen und durch weitere Ankäufe, wie z. B. eines großen Theiles der Uffenbach’schen Handschriften (nämlich der in dem Frankfurt 1747, 8°, erschienenen Katalog aufgeführten, unter denen sich auch das berühmte mit Purpurschrift geschriebene Fragment des Hebräerbriefes, bei Wettstein Paul. 53, bei Tischendorf M, befindet) und der Handschriften aus der Bibliothek von Valentin Ernst Löscher vermehrt, sondern schließlich haben er und seine Geschwister auch dafür gesorgt, daß diese reichen Sammlungen ungeschmälert der Stadtbibliothek einverleibt wurden; die Geschwister Wolf, und namentlich die Brüder Johann Christoph und Johann Christian, sind weitaus die größten Wohlthäter derselben.

J. Molleri Cimbria literata II, p. 1010 seqq.Jöcher IV, Sp. 2053. – Petersen, Gesch. d. hamburg. Stadtbibliothek. Hamb. 1838, S. 70 ff. – Delitzsch, Handschriftliche Funde, 2. Heft, S. 54 ff. – Gregory, Prolegomena [548] zur achten Ausgabe des N. Test. graece von Tischendorf, S. 375 ff., 431 f. – Hamburgisches Schriftstellerlexikon, Bd. 8, S. 143 ff.; hier sind die Werke Wolf’s, wenn auch nicht ganz vollständig und die Titel nicht immer genau, aufgeführt; auch wird die ältere Litteratur über Wolf hier genannt.

[545] *) Zu Bd. XLIII, S. 765.