ADB:Woltersdorf, Ernst Gottlieb

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Artikel „Woltersdorf, Ernst Gottlieb“ von David Erdmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 174–184, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Woltersdorf,_Ernst_Gottlieb&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 15:59 Uhr UTC)
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Woltersdorf: Ernst Gottlieb W., als Liederdichter, Prediger, Pädagog und fruchtbarer Schriftsteller auf dem Gebiet der Erbauungslitteratur einer der hervorragendsten Vertreter der gesunden pietistischen Herzens- und Geistesrichtung um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Er war geboren am 31. Mai 1725 als der sechste Sohn des Predigers Gabriel Lukas zu Friedrichsfelde bei Berlin, der 10 Jahre nach seiner Geburt als Prediger an die Georgenkirche in Berlin berufen wurde. Der Segen einer ernsten christlichen Erziehung begleitete ihn auf das Berliner Gymnasium zum grauen Kloster, von dem er im J. 1742, erst 17 Jahr alt, die Universität Halle bezog, um sich unter der Leitung der der pietistischen Schule angehörigen Professoren J. Lange, Michaelis, Baumgarten und Knapp dem theologischen Studium zu widmen. Er wohnte in dem Francke’schen Waisenhaus, nahm Theil an dem Unterricht in demselben, verkehrte mit jungen Männern ernster christlicher Gesinnung. Nach den tiefen Eindrücken, die er von dem in den Francke’schen Anstalten waltenden Geist empfangen hatte, wurde er durch einen frommen Dichter und Prediger, den Diakonus Lehr aus Köthen, mittelst eines von demselben in dem collegium biblicum zu Halle gehaltenen Vortrags „von der Liebe Jesu“ so ergriffen, daß er nach seinem eigenen Zeugniß von da an in der Erfahrung von der Wahrheit des Heils allein in Christo immer tiefer sich gründete und mit bewußtem, feurigem Glauben fortan von diesem Heil in begeisterten Liedern Zeugniß ablegen konnte. Es fehlte ihm freilich nicht an inneren Anfechtungen und Beunruhigungen infolge verfehlter Vorstellungen und Empfindungen über gewisse Kennzeichen höheren oder niederen Grades im Stande der Gnade und im Werk der Heiligung. Aber der Verkehr mit gleichgesinnten Freunden, die Zucht, welche die geregelte Arbeit in seiner Schulthätigkeit über ihn ausübte und vor allem die Vertiefung seines inneren Lebens in die biblische Wahrheit von dem durch keine menschliche Leistungen und Verdienste bedingten Heilsbesitz in der Kindschaft mit Gott ließen ihn nicht bloß in Halle, sondern nachher auf Reisen in der Ukermark, Mecklenburg, Pommern und Sachsen, wo er mit geistgesalbten Predigern, namentlich dem Abt Steinmetz in Magdeburg, und mit gläubigen, meist christlich gesinnten Laien höherer und niederer Stände in innige Verbindung trat, über alle jene inneren Kämpfe den Sieg gewinnen und zu gleichmäßiger Glaubensfreudigkeit gelangen. Diese trieb ihn dann auch überall an, sich fleißig im Predigen zu üben. Die dabei empfangenen und erfahrenen [175] Segnungen bezeugt er einmal in seinem Reisetagebuch mit dem Gebetsruf: Schenkst du schon so viel auf Erden, ei, was will im Himmel werden!

Nachdem er in einem Pfarrhause in der Ukermark, bei dem Prediger Stilke in Zerrenthin, von 1744 an eine Hauslehrerstelle bekleidet hatte, in der er wegen des ziemlich großen Umfangs der Gemeinde auch alle Sonntage im Predigen und Katechisiren mit viel Lust und Freude Hülfe leistete, folgte er auf Veranlassung und Empfehlung seines väterlichen Freundes, des Hofpredigers Zachariä in Dargun im Mecklenburgischen, wo der Aufenthalt auf seinen Reisen ihm von besonderem Segen gewesen war, im Frühjahr 1746 dem Rufe in eine Erzieherstelle im Hause der verwittweten Reichsgräfin von Promnitz auf Drehna in der Niederlausitz, wo er neben der Erziehung und dem Unterricht des jungen Grafen auf Bitten der Mutter desselben auch Sonntags außer dem Gemeindegottesdienst noch besondere Erbauungsstunden auf dem Schlosse hielt, die zur Bewahrung der Gemeinde vor sectirerischen Spaltungen und zur Sammlung der nach Förderung in ihrem Glaubensleben verlangenden zahlreichen Dienstleute und sonstigen Gemeindeglieder dienten. Als er infolge dieser gesegneten Wirksamkeit schon nach drei Monaten seitens seines väterlichen Freundes Steinmetz aus Magdeburg den Ruf zu einer Feldpredigerstelle bei einem dortigen Regiment empfing, glaubte er denselben mit Rücksicht auf seine Jugend, er war erst 21 Jahre alt, und seine erst so kurze Wirksamkeit in der neuen Stellung, ablehnen zu müssen. Er erlernte bei dem benachbarten Prediger Petermann in Vetschau in kurzem das Wendische so weit, daß er den zahlreichen um Drehna herum wohnenden Wenden das Evangelium verkündigen konnte. Die Freude, die er nach seiner Versicherung beim Lernen und Gebrauch dieser Sprache an sich gehabt hat, wurde noch übertroffen durch die Freude darüber, wie die Wenden ihm ihre Liebe dafür und ihre Dankbarkeit für diese Darreichung des Brodes des Lebens bezeigten.

Er war auch wiederholt mit Gliedern der Brüdergemeinde in Verbindung getreten, ohne jedoch sich derselben förmlich anzuschließen, wovon er hauptsächlich durch den sonst auch von ihm ehrerbietigst in allen Dingen eingeholten und befolgten Rath seines Vaters in Berlin abgehalten wurde.

Durch jene Beziehungen war er dem früheren Pastor der Herrnhutischen Gemeinde, Johannes Andreas Rothe, der vom Grafen Zinzendorf im J. 1722 nach Berthelsdorf berufen war, wo er zur Begründung jener Gemeinde mitgewirkt, dann aber sich von derselben zurückgezogen hatte und jetzt das Pfarramt in Tammendorf bei Bunzlau bekleidete, und besonders als Verfasser des Liedes: „Ich habe nun den Grund gefunden“, allgemein bekannt ist, in der Weise näher bekannt geworden, daß er von demselben der Gemeinde Bunzlau nach Erledigung der zweiten geistlichen Stelle an der dortigen, nach der Besitzergreifung Schlesiens durch Friedrich den Großen von ihr erbauten Bethanienkirche als der rechte Mann für dieses Amt empfohlen wurde.

Er hatte bald, nach der Aufforderung Rothe’s und der Bürgerschaft Bunzlaus, zu einer Gastpredigt dorthin zu kommen, auch vom Magistrat eine gleiche Einladung erhalten. Aber er hatte gleiche Bedenken, dem Rufe zu folgen, wie früher nach Steinmetz’ Einladung zur Annahme einer Feldpredigerstelle, indem er sich für das geistliche Amt noch für zu jung hielt. Da erging eine zweite Aufforderung des Magistrats an ihn durch ein von Abgeordneten desselben zugleich im Namen der Bürgerschaft überbrachtes Schreiben. Da glaubte er die Stimme Gottes nach Jerem. 1, 7 zu vernehmen: Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, was ich dir heiße. Er reiste nach Bunzlau. Infolge seiner daselbst am 18. Februar 1748 gehaltenen Gastpredigt, die einen ergreifenden Eindruck auf die Gemeinde machte, wurde er mit großer Stimmenmehrheit zum zweiten Prediger erwählt. Da wurde von einer gegnerischen [176] Partei Einspruch gegen diese Wahl erhoben. Die Angelegenheit seiner förmlichen Berufung wurde insbesondere von den sogenannten Orthodoxen, die seine Rechtgläubigkeit in Frage stellten, in der Weise verzögert, daß er auf geduldiges Warten sich angewiesen sah. Während dessen erhielt er in der Nachbarschaft verschiedene Gelegenheit, zu predigen. Besonders die Gemeinde in Friedersdorf am Queis gewann ihn, während er dort acht Wochen lang sich aufhielt, so lieb, daß sie den Wunsch aussprach, er möchte als ihr Prediger bei ihr bleiben. Aber die Bürgerschaft von Bunzlau ließ nicht von ihm ab. Eine an den König gerichtete Bitte, ihn als ihren Prediger zu bestätigen, hatte den erwarteten günstigen Erfolg. Vom Oberconsistorium in Breslau zu einem Colloquium mit dem Oberconsistorialrath Burg einberufen, hatte er hier seine Rechtgläubigkeit im vollen Sinne des Wortes bewiesen. Er empfing die Ordination. Eine königliche Cabinetsordre bestätigte seine Wahl für die zweite Predigerstelle in Bunzlau. Der gnädigen Führung Gottes gewiß, schrieb er an seinen Vater: Der Herr sei nun mit mir und lasse Bunzlau einen gesegneten und wasserreichen Pflanzgarten seines Reiches werden. Er sendet mich. Er wird’s auch thun. Am 23. October wurde er, nachdem er zuvor von der Gemeinde in Friedersdorf bewegt Abschied genommen, in sein Amt eingeführt. Am Sonntag darauf hielt er seine Antrittspredigt unter großer Bewegung seines Herzens und seiner Gemeinde, unter zahlreicher Betheiligung von nah und fern gekommener erweckter und gläubiger Glieder aus anderen Gemeinden, insbesondere solcher, denen er während der Wartezeit mit eindringlicher Kraft Buße und Bekehrung gepredigt hatte, ohne auch nur die geringste Andeutung von den ihm seiten der Orthodoxie widerfahrenen Feindseligkeiten zu machen. Seinem Vater erwiderte er auf die Ermahnung, seine Widersacher durch Liebe zu gewinnen und ihrer Feindschaft nicht zu gedenken: „Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, von der Widrigkeit der Feinde das Geringste zu erwähnen. Ich weiß, Gott lob, von keinen Feinden und sehne mich herzlich nach ihrer Seligkeit.“ In diesem Sinn und Geist schonender und versöhnender Liebe waltete er dann auch seines Amts gemäß der in der königlichen Bestätigungsurkunde ausgesprochenen Ermahnung, „sich auch überall, beides in Lehre und Leben, sowohl gegen seine Collegen und Gemeinde, als gegen fremde Religionsverwandte, wie einem Diener Christi gebührt, zu erweisen, daneben sich alles Schmähens, Lästerns und Verketzerns der letzteren sorgfältig zu enthalten, vielmehr eines seiner vornehmsten Augenmerke auf die Conservation der Ruhe und bürgerlichen Einigkeit zwischen den unterschiedlichen Religionsverwandten gerichtet sein zu lassen, damit die Lehre des Evangelii bei denen, die da draußen sind, nicht verlästert werde“.

Bald hatte er sich mit seiner unermüdlichen Treue und rastlosen Arbeit so in die Gemeinde eingelebt und diese als die ihm vom Herrn befohlene Heerde durch seine selbstverleugnungsvolle Hirtenliebe in der Nachfolge der Hirtenliebe Jesu unter Gewinnung der Herzen seiner früheren Widersacher so innig mit sich verbunden, daß er auf die wiederholt an ihn ergangenen Aufforderungen ablehnend antwortete, dem Rufe in andere Stellen mit weit höherem Einkommen, als er es hier haben konnte, und mit höheren äußeren Ehren, als sie mit dem bescheidenen Bunzlauer Amt verbunden waren, Folge zu leisten. Und dies konnte nur dazu dienen, das Band mit seiner Gemeinde desto enger zu knüpfen, da ihr wohl bekannt war, wie er mit seiner zahlreichen, bis auf sechs Kinder herangewachsenen Familie und bei seiner freigebigen Barmherzigkeit gegen Arme und Nothleidende oft selbst Noth und Entbehrung zu erleiden hatte. Mit festem Vertrauen auf seines Gottes Durchhülfe konnte er sein Lied: „Weicht, ihr finstern Sorgen! denn auf heut und morgen sorgt ein anderer Mann“ anstimmen und mit dem Bekenntniß schließen: „Christi Blut stärkt meinen Muth und läßt mich in Noth [177] und Plagen nimmermehr verzagen“. Daß er der zweite Prediger war neben dem Stadtpfarrer Jäschki, mit dem er als seinem lieben Mitarbeiter in herzlichem Einvernehmen stand, bekümmerte ihn nicht bei seiner viel reicheren Begabung als Prediger und bei seiner weit erfolgreicheren Wirksamkeit in der großen Kirchgemeinde, die außer der Stadt noch sieben ländliche Gemeinden umfaßte. Vielmehr ließ er sich durch diese Erfolge als ein Geschenk seines Gottes und durch die Last der Amtsarbeit, die er mit Lust und Feuereifer als im Dienst der Gnade Gottes stehend ausrichtete, stets in der rechten Demuth erhalten und bewahren, so daß er die Vorwürfe der Eitelkeit und des Ehrgeizes, die freilich mehr und mehr verstummend sich anfangs gegen ihn von Seiten der antipietistischen, orthodoxen Eiferer erhoben, mit völlig gutem Gewissen abweisen und mit Wort und That widerlegen konnte. In solcher Demuth stellt er gleichsam ein Programm seines Amtslebens auf, worin er schreibt: „Mein Amt drücket manchmal die Schultern ziemlich ein. Gelobet sei mein Gott, daß Er treu ist und mich davon versichert, daß Er mich gesandt. Wo wollte ich sonst bei allem meinem Unvermögen und meiner Untüchtigkeit, und bei so vielen wichtigen und bekümmerten Vorfällen im Amte Freudigkeit hernehmen? Gott Lob, Er segnet meinen armen Dienst aus Gnaden und hilft in Allem durch.“

Bei aller seiner Wirksamkeit in Worten und Werken war nach der Lehre und dem Vorbild der großen Pietistenväter Spener und Francke das Ziel seines an dem Feuer der Liebe Christi, des Gekreuzigten, entzündeten Bestrebens zur Erweckung und Bekehrung zu ihm, zu lebendigem Glauben an ihn, zur Wiedergeburt und Erneuerung des ganzen inwendigen Menschen durch den heiligen Geist mittelst der begeisterten Predigt des Wortes vom Kreuz allen denen zu verhelfen, deren Herzen er der Macht dieses Wortes von der allein seligmachenden Gnade in Christi Blut und Gerechtigkeit zu erschließen bemüht war. Wie er selbst von der Liebe Christi in seinem Herzen erfüllt war, so brannte sein Herz in feurigem Eifer, mit Allem, was er redete, schrieb und that, nichts Anderes zu erzielen, als die Herzen der ihm anvertrauten Gemeindeglieder mit dem Feuer der Liebe Christi zu entzünden und ihm als sein eigen zuzuführen.

Als Prediger durchaus ein Zeuge und Bekenner der reinen Lehre und der im kirchlichen Bekenntniß bezeugten evangelischen Wahrheit setzte er sein im Dienst dieser Wahrheit sich verzehrendes Leben dafür ein daß es nicht bloß auf ein Wissen und äußeres Bekennen desselben, sondern auf ein wahres Glaubensleben, das in wahrer Herzensbuße und Bekehrung aus dem Quell, insbesondere aus der Wahrheit: Das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von allen Sünden, fließen müsse, zur Erlangung des Heils in der wahren Kindschaft mit Gott für Zeit und Ewigkeit ankomme. In immer größeren Schaaren sammelten sich die Zuhörer von nah und fern. Seine Predigten zündeten in der Gemeinde ein Feuer an, welches seinen Schein rings umher in die benachbarten Gemeinden warf, aus denen der Zulauf zu dem Bunzlauer Erweckungsprediger immer zahlreicher wurde. Die Kirche bot oft nicht Raum genug. Dann wurde Gottesdienst unter freiem Himmel, namentlich im Bunzlauer Stadtwald, von ihm abgehalten. Die Frucht der öffentlichen Gemeindegottesdienste waren, da diese für die Befriedigung des von ihm geweckten Hungers und Durstes nach den Gnadensegnungen des Evangeliums nicht ausreichten, Erbauungsversammlungen an verschiedenen Orten in der Stadtgemeinde, die er leitete, zu denen vor allem die Erweckten sich drängten, um weitere christliche Führung und Nahrung zu empfangen, aber der Zutritt Jedem, wer kommen wollte, offen stand. So erzählt er, daß es in der Stadt bis zu neun solcher Versammlungen gekommen sei, „ohne daß darin etwas Besonderes gesucht werde, indem ein gut Theil redlicher Seelen [178] nicht dazu kommen, noch genöthigt werden“. Von der Stadt verbreitete sich die Bewegung über die Landgemeinden aus. „Wegen der begierigen erweckten Seelen vom Lande“, sagt er einmal, „habe ich Sonntags eine neue Versammlung anlegen müssen, die sich wol bis hundert Seelen vermehren möchte.“

Bei einer solchen Erregung und Bewegung der Gemüther fehlte es dann auch nicht am Auflodern eines falschen Feuers. Aber er verstand es meisterlich, sectirerische Neigungen und schwarmgeisterische Regungen zu dämpfen, indem er dem dabei zu Grunde liegenden geistlichen Bedürfniß durch Gemeinschaftspflege und ruhige, klare Belehrung und Zurechtweisung aus dem Wort der Schrift und den Bekenntnissen der Kirche Befriedigung gewährte und vor allem unter Vermeidung öffentlicher Bekämpfung solcher Verirrungen von der Kanzel her durch liebevolle pastorale Einwirkung unter vier Augen oder in jenen engeren Gemeinschaftskreisen, die übrigens jedem Gemeindegliede offen standen, auf die rechten Wege der lauteren evangelischen Wahrheit und der geistlichen Nüchternheit zurückzuführen vermochte. So konnte er denn auch einmal mit gutem Gewissen schreiben: „Die Frage, ob unsere Schafe noch auf dem richtigen Wege bleiben, kann ich mit einem freudigen Ja beantworten. ‚Was dir gereicht zu Ehren und der Gemein’ zu Nutz, das will der Satan wehren mit List und großem Trutz. Doch kann er’s nicht vollbringen, weil Du, Herr Jesu Christ, herrschest in allen Dingen, und unser Beistand bist.‘ Dieser Vers beschreibet den Zustand unserer Gemeinden vollkommen.“

Von Anfang an nahm er sich mit besonderer Liebe der Kinder an, eingedenk der Verheißung Jesaj. 40, 11: „Er wird die Lämmer in seine Arme sammeln“, und des Gebots Jesaj. 45, 11: „Weiset meine Kinder und das Werk meiner Hände zu mir.“ Es kam öfters vor, daß sich junge Kinder in Häusern hin und her zusammenfanden und mit einander sangen und die Gebete, Sprüche und Liederverse, die sie von den Eltern und in der Schule gelernt hatten, beteten. Da kam er zu diesen kleinen Versammlungen, betete mit ihnen, wurde mit ihnen ein Kind und suchte durch väterliches Gespräch mit ihnen die Liebe zum Heiland in ihre Herzen zu pflanzen und sie dem Kinderfreunde zuzuführen.

Durch klare nüchterne Lehrunterweisung wie durch herzandringendes Zeugniß von der Liebe Jesu und feuriges Wort von der ihm schuldigen dankbaren Gegenliebe gelang es ihm, viele junge Seelen bei dem aufs ernsteste genommenen Vorbereitungsunterricht auf die Einsegnung und das heilige Abendmahl dem Herrn zu gewinnen und ihm zu eigen zu geben. Die Eingesegneten versammelte er des Sonntags Abends um sich im Pfarrhause, um sie in ihrem Glaubensleben weiter zu führen und vor den Versuchungen der Welt zu bewahren. Infolge der wiederholten Einsegnungen drängten sich immer größere Schaaren zu diesen Zusammenkünften, sodaß für diese ein größerer Saal beschafft werden mußte, und als auch dieser zuletzt nicht mehr ausreichte, an verschiedenen Orten und auch in der Woche diese geistliche Pflege der confirmirten Jugend von ihm geübt werden mußte. Er erfuhr dabei selbst reichen Segen, wie er es wiederholt bezeugt. So sagt er einmal: „Der Herr hat mir die Kinder gleich von Anfang an recht brennend aufs Herz gelegt. Ich lasse ihn auch nicht, er wird großen Segen geben.“ Im Blick auf die heilsame Einwirkung, die von solchem Werk an der Kinderwelt auf die Gemeinde ausgehen soll, schreibt er einmal: „Der Herr wolle es mit bleibendem Segen krönen. Ich hoffe, mit den Kindern werden wir noch den Teufel aus Bunzlau jagen.“

Mit dieser unermüdlichen Hirtenliebe und Hirtentreue, in der er sich gerne zu den Lämmern der Heerde, den kleinen und den eingesegneten Kindern der Gemeinde, herabließ, um ihnen als Führer zu Jesu zu dienen, und von der er selbst einmal sagt: „Die Liebe bringt mich immer mehr dahin, daß ich auf eine [179] rechtschaffene Weise Allen allerlei werde; dem Einfältigen werde ich einfältig, den Kindern ein Kind, –“ sorgte er nun auch bis an sein Lebensende mit allem Fleiß für die Hebung des Schulwesens in der Gemeinde, und zwar besonders auf dem Gebiet eines eigenthümlichen Anstaltslebens, welches sich von kleinen Anfängen an in Bunzlau nach dem Vorbild und im Geist der Francke’schen Anstalten in Halle zuerst unter seinen Augen und seinem Beirath und dann unter seiner unmittelbaren Führung und Leitung als eins der vielen thatsächlichen Zeugnisse von dem, theils schöpferischen, theils reformatorischen Geist, der auf das evangelisch-lutherische Schulwesen von den Francke’schen Stiftungen ausging, entwickelte.

Mit seiner pastoralen Fürsorge für die Kinder konnte er an eine gesegnete Schularbeit, die vor ihm treue Lehrer im guten pietistischen Geist und Sinn ausgeübt hatten, anknüpfen. Er fand in der Gemeinde eine nicht geringe Anzahl verwandter Seelen, in denen er die Frucht von dem Samen erkannte, den die entschlafenen Lehrer Mäderjan und Donnsdorf in ihrer gesegneten Arbeit ausgestreut hatten. Es wurde auch mehr und mehr unter Ueberwindung von allerlei Vorurtheilen anerkannt, wie er mit jener Kinder- und Jugendpflege der Schule in die Hände arbeite. Er selbst sagt: „Die Schulleute müssen bekennen, daß sie schon an manchem eine deutliche Veränderung sehen, ja, sie werden selbst davon bewegt. Den Teufel ärgert das und er schämt sich nicht, auch die Lämmer zu belügen, wie er’s mit den Schafen macht.“

Eine besondere unerwartete Aufforderung aber trat an ihn heran, auf dem Gebiet der Schule unmittelbar für die Pflanzung christlichen Glaubens und Lebens seine ganze Kraft mit einzusetzen, als der Bürger Maurermeister Gottlieb Zahn ihm den Plan eines von ihm nach dem Muster des Francke’schen Waisenhauses in Halle zu begründenden Waisenhauses vorlegte und seine Mitwirkung bei der Ausführung dieses Planes erbat. Dieser Plan war bei Zahn darin begründet, daß er, der selbst einst ein Waisenkind gewesen war, durch das Lesen der von A. H. Francke herausgegebenen „Nachrichten von dem Waisenhause in Glaucha vor Halle“ und durch die ihm aus seiner eigenen Kindheit gebliebene Erinnerung an die Waisennoth, sich gedrungen fühlte, eine ähnliche Anstalt zur Abhülfe dieser ihm zu Herzen gehenden Noth zu gründen. Im Stillen hatte dieser gottesfürchtige Mann schon in seinem in der Obervorstadt von Bunzlau gelegenen Hause den Grund dazu legen wollen, indem er für seine Kinder einen eigenen Lehrer in das Haus nahm und auch andere, namentlich arme Kinder, an diesem Unterricht Theil nehmen ließ, wobei er daran dachte, auch Waisenkinder aufzunehmen. Als er zu diesem Zweck eine Erweiterung seines Hauses vornahm, wurde ihm dieses Halten einer Privatschule verboten.

Dennoch hielt er, gerade infolge dieses verfehlten Versuches zur Begründung einer Privatschule, an seinem Plane fest, den erweiterten Bau seines Hauses zur Begründung einer Waisenanstalt zu verwerthen. Je deutlicher er aber diese Absicht zu erkennen gab, desto größere Bedenken traten derselben wie von anderer befreundeter Seite, so auch von Seite Woltersdorf’s entgegen. Seine Bedenken waren in der bei aller feurigen Begeisterung für Bethätigung des Glaubens und der Liebe in Werken der christlichen Barmherzigkeit ihm eigenen ruhigen gewissenhaften Ueberlegung und Erwägung der Beweggründe zu jenem Unternehmen, der vom Herrn gebotenen Mittel zu seiner Ausführung und der allein zu seiner Ehre und zum Heil der Kinder ins Auge zu fassenden Ziele der Bestrebungen des frommen Gottlieb Zahn begründet; Der ließ sich aber durch diese immer bestimmter ausgesprochenen Bedenken seines geistlichen Freundes nicht irre machen. Seine freudige Entschiedenheit und Zuversicht zu dem Werk, die mehr und mehr bei W. aus allen Bedenken sich herausbildende Ueberzeugung, daß es sich hier [180] um ein für Bunzlau nothwendiges Werk der Barmherzigkeit handele, und die Gewißheit, daß es von dem frommen Maurermeister in dem Geist und Sinn der Franckeschen Anstalten unternommen werde, hatten die Wirkung, daß bei W. nun alle jene Bedenken schwanden und an ihre Stelle eine desto freudigere Bereitschaft trat. Er hat „später sich nachgehends seiner selbst gewundert, wie es habe möglich sein können, daß er nicht eher zugegriffen habe, da ihm doch dergleichen Werke Gottes vorher nicht so unbekannt gewesen seien“.

Er unterstützte fortan Zahn in seinen Bemühungen um die obrigkeitliche Genehmigung zur Begründung einer kleinen Anstalt, für welche Zahn einen Informator und zwei Waisenknaben auf eigene Kosten zu unterhalten sich bereit erklärte, und in welcher auch die kleinen Kinder aus der Obervorstadt wegen der weiten Entfernung von der Neuen Vorstadt mit unterrichtet werden dürften. Die königliche Genehmigung erfolgte mit der Weisung, daß die evangelische Geistlichkeit die Aufsicht über die Stiftung führen und von ihr der Informator ein gutes Zeugniß haben müsse. So konnte Zahn die Schule wieder eröffnen und mit der Aufnahme von zwei Waisen, zu denen sich bald noch mehr fanden, die Waisenanstalt begründen.

Es war die erste senfkornartige glückliche Entwicklung der Anstalt Woltersdorf’s Verdienst. Auf dem von Zahn für dieselbe erworbenen eignen Grund und Boden konnte er am 5. April 1755 zu einem neuen für die Anstaltszwecke einzurichtenden Hause unter großer Theilnahme der Behörden und Bewohner Bunzlaus mit einer Rede über Jesaj. 40, 26–31, in der er „von dem Triumph des Glaubens über die Sprache des Unglaubens“ sprach, den Grundstein legen. Nach seinem Plan wurde der Umfang der Zwecke dieser Waisenanstalt nicht bloß auf eigentliche Waisenkinder beschränkt, sondern sollte „auch anderer armer Jugend geistlicher und leiblicher Weise aufgeholfen“ und auf die Verbesserung des Schulwesens überhaupt Bedacht genommen werden, wozu auch die Auferziehung und Ausbildung „von nützlichen Präparanden zu Schulleuten“ gehören sollte. Hinsichtlich des Ziels der geistigen Ausbildung sollten andere gute Schulen, das Hallesche und Züllichausche Waisenhaus und die Hecker’sche Realschule in Berlin als Vorbild dienen, indem der göttlichen Vorsehung die zu erwartende Weiterentwicklung anheim zu geben sei, wie die Anstalt in allerlei Weise, so weit möglich und Gott gefällig, dem Dienst des Nächsten gewidmet werden möchte“. Der Geist der Anstalt sollte bei Bewahrung eines in dem Herrn freudigen Geistes von dem Worte Gottes und einer lebendigen Erkenntniß Jesu Christi durch den heiligen Geist getragen und durchdrungen werden unter Fernhaltung aller interessirten Parteilichkeit gegen andere Anstalten, aller Eitelkeit, Scheinheiligkeit und alles sectirerischen Wesens und unter Fernhaltung aller Unredlichkeit vor Gott und Menschen. Ja W. fühlte sich in dieser Hinsicht gedrungen, „im Namen Jesu einen ewigen Bann und Fluch auf alle menschlichen und unlauteren Absichten zu legen, die bei diesem Werk aufkommen möchten. Gott behüte die Sache vor interessirten Händen auch auf alle künftige Zeiten. Amen!“

Als die Anstalt auf ihrem ersten Entwicklungsgange schwere Prüfungen, besonders in den Kriegsjahren 1757 und 1758, zu bestehen hatte, bewies sich W. als ihr treuer Berather und geistlicher Vater. Bis auf ein während der Kriegszeit ausgebrochenes Feuer blieb das Waisenhaus, der schonenden Milde der Feinde empfohlen, ungefährdet bestehn. Ja unter den eingegangenen Wohlthaten finden sich selbst Gaben feindlicher Krieger verzeichnet. Als im J. 1758 der Begründer des Werkes, Gottfried Zahn, noch ehe er recht reiche und reife Frucht von seinen Sorgen und Mühen ernten konnte, abgerufen wurde und der zum Waisenvater berufene Lehrer Hänisch ihm im Tode folgte, ehe er noch die [181] Bestätigung als solcher empfangen hatte, da scheute sich W. nicht, das Amt eines Waisenvaters und Directors der Anstalt zu den schweren Arbeiten seines geistlichen Amtes zu übernehmen. Seine Wirksamkeit, obwol nur wenige Jahre dauernd, hatte einen reichgesegneten Erfolg für die Entwicklung der Anstalt. Das Waisenhaus erlangte durch ihn, indem zwei aus den schlesischen Landständen erwählte Curatoren ihm zur Seite standen, in jeder Beziehung äußerlich und innerlich einen festen Bestand und eine Organisation, die auf lange Zeit noch nach seinem Tode maßgebende Bedeutung behielt.

Durch Morgenandacht und Abendversammlung wurde das Schulleben des Tages von ihm, als dem Hirten dieser immer zahlreicher unter seiner Leitung sich gestaltenden Schaar von Waisenknaben, Alumnen und Pensionären in Gottes Wort eingefaßt und unter die Zucht des Geistes Gottes gestellt. Zu den Abendandachten, die er am liebsten selber hielt, kamen daher auch viele Erwachsene aus der Stadt und vom Lande, sodaß der neue Saal im Waisenhause oft nicht Raum genug bot und die Andachten dann bei gutem Wetter im Freien gehalten werden mußten. In der Gestaltung des Schullebens der Anstalt bewies er sich als ein hervorragend tüchtiger Schulmann, indem er nach dem Vorbild des Hallischen Waisenhauses und der Berliner Realschule die drei Bildungsziele mit den ihnen entsprechenden drei Richtungen ins Auge faßte und vereinigte: das humanistische zur Vorbildung auf die Universitätsstudien, das realistische zur Vorbereitung für den höheren Bürgerstand und das elementare für die niedere Volksschule, alle drei Richtungen des Schullebens aber eingefaßt und geweiht durch die Segnung des Evangeliums und unter die Leitung des himmlischen Lehrmeisters gestellt. In kurzer Zeit erlangte die Anstalt solch ein Wachsthum, daß sie im J. 1760 aus 104 Personen mit 5 studirten Lehrern bestand. Bei seinem Eintritt in daß Directorat zählte die Anstalt nur 15 Waisenknaben und 24 Kostgänger und Freischüler. In drei Jahren, bis zu seinem Abscheiden 1761, vermehrte sich die Schar auf 24 Waisenknaben und 82 Pensionäre. Als Pädagog wie als Verwalter des ganzen, in solcher Weise wachsenden Anstaltswesens erfüllte und durchdrang er das ganze Schulleben mit dem Geist gesunder Frömmigkeit, wie denn ebenso das leibliche frische fröhliche Gedeihen, wie das geistliche Wohl der Jugend Gegenstand der liebreichsten, im Dienste der Liebe Christi geübten väterlichen Fürsorge war. Im vollsten Sinne des Wortes war W. die Seele des Waisenhauses im Geist und nach dem Vorbild der ihm ans Herz gewachsenen Franckeschen Anstalt in Halle, indem er sich jedes einzelnen Waisenkindes und Schülers mit seelsorgerlicher Treue und mit pädagogischer Liebe annahm.

Neben aller dieser seine volle Kraft in Anspruch nehmenden und für den Lauf des Tages nicht selten übersteigenden Arbeit, die im Dienst seines Gottes und Heilandes ausrichten zu müssen er sich jeden Augenblick seines Lebens bewußt war, widmete er sich aus gleichem Drang seines Herzens, oft die Nacht zu Hülfe nehmend, einer bewundernswerth umfangreichen und vielseitigen schriftstellerischen Thätigkeit in Abfassung erbaulicher Schriften und besonders im Dichten geistlicher Lieder und „Psalmen“. Zunächst sehen wir, wie ein nicht geringer Theil dieser litterarischen Arbeiten, die weit über seinen Wirkungskreis hinaus, selbst über Deutschland hinaus seinen Namen in den Kreisen des durch den ursprünglich gesunden Pietismus neu erwachten Glaubenslebens bekannt machten und mannigfaltigen, jetzt noch fortdauernden Segen stifteten, der von ihm so innig geliebten Jugend galt. So fand z. B. sein ursprünglich für seinen Zögling, den jungen Grafen von Promnitz, bestimmter „fliegender Brief an die Jugend über das Glück früher Bekehrung“ bald die weiteste Verbreitung, und der, welcher dies schreibt, kann aus seiner eigenen Jugend bezeugen, welch einen [182] tiefen, auf sein ganzes Leben sich erstreckenden Einfluß dieses Büchlein auf ihn ausgeübt hat. Unter seinen Liedern ist die große Zahl derer, welche als geistliche Kinder- und Jugendlieder zu bezeichnen sind, ein wahrhaft herzerfreuendes Zeugniß davon, wie auch bei dieser Arbeit sein Losungswort: die Liebe Christi dringet mich also, zur Geltung kam, und wie er in solcher Sprache der Liebe für die jugendlichen Herzen den rechten Ton fand, wie es selten einem geistlichen Liederdichter gelungen ist. Beispiele dafür sind die Lieder: „Blühende Jugend“ und „Bleibt, Schäflein, bleibt“. Form und Inhalt sind aus Einem Guß. Die fließende Sprache des Mundes und die sich ergießende Sprache des Herzens sind darin so eins, daß auch nicht eine Spur von einem mühsamen Hindurchgehen durch die Wege reflectirender Gedankenarbeit und Formenbildung zu finden ist. Dies gilt überhaupt von allen seinen geistlichen Dichtungen.

Seine zahlreichen Lieder, die er neben 35 erbaulichen Schriften verfaßte, gab er zuerst einzeln, dann in zwei Sammlungen unter dem Titel „Evangelische Psalmen“ 1750 und 1751 heraus. Nach seinem Tode erst erschien die vollständigste Sammlung derselben unter dem Titel: „E. G. Woltersdorf’s sämmtliche neuen Lieder oder evangelische Psalmen“, Berlin 1767. In Leichtigkeit der Diction und Fruchtbarkeit der Production erinnert er an Benjamin Schmolck. Nur daß er sich von diesem durch die ungewöhnliche Länge seiner Gedichte unterscheidet, die eine Folge war des völligen Hingenommen- und Erfülltseins seines inneren Lebens von dem Gegenstand und des sein Herz und Gemüth ganz überströmenden und während des Schreibens ihn überwältigenden Gedankenzuflusses, der nach seiner eigenen Aussage den Vorsatz, die Fülle seiner Gedanken und Empfindungen in knappere Form zu gießen, oft genug vereitelte. Der tiefste Grund dieser überschwänglichen Ausgiebigkeit war aber das innerlichste Ergriffensein und Erfülltsein von der Macht der Liebe Jesu Christi. In ähnlicher Weise, wie es in der Herrnhutischen geistlichen Dichtung, Predigt- und Lehrweise der Fall war, durchdringt alle seine Dichtungen das feurige Zeugniß von dem alleinigen Ruhefinden der Seele in dem Blut und in den Wunden Christi, des Lammes Gottes, in oft ungemein treffenden Redewendungen, aber auch nicht selten in süßlich tändelndem Ton, in ungewöhnlich stark sinnlichen Ausdrücken und in wenig dem geläuterten Geschmack entsprechenden Bildern, wie er z. B. ein langes Gedicht mit dem Titel: „Die Gläubigen als Bienen auf den Wunden Jesu“ verfaßte. Bei der Vertheidigung stark sinnlicher ungewöhnlicher Redensarten von Blut und Wunden des Erlösers mit dem Satz, daß durch die Sinne die Herzen sollen bewegt werden, forderte er allerdings mit Anspielung auf die bekannten Auswüchse in der Herrnhutischen Poesie ganz nachdrücklich, „daß dabei die Sache in ihrem Maße bleibe und nicht ein übertriebenes, schwülstiges, unanständiges, ekelhaftes, unverständliches oder gar lächerliches Wesen herauskomme“. Im großen und ganzen sich davor hütend, läßt er bei dem breiten schnellen Strom seiner augenblicklichen Herzensergüsse, die stets von einer bedeutenden dichterischen Anlage zeugen, und bei dem Mangel an einer sprachlichen und formellen Ueberarbeitung doch Bilder und Ausdrücke mit unterlaufen, die jener Forderung gemäß von ihm bei ruhiger Ueberlegung und Selbstbeurtheilung wol vermieden worden wären, übrigens aber nicht bloß in der Herrnhutischen, sondern auch in der späteren homiletischen und pietistischen poetischen Redeweise oft genug vorkommen. Es fehlt seinen oft gar zu weitschweifigen Gedichten und Liedern, von denen die meisten trotz ihres tiefen lebendigen Gefühls sich nicht für den Kirchengesang im Gottesdienst, sondern nur für die Privaterbauung eignen, neben einer lebhaften poetischen Empfindung von der in den verschiedensten Tonarten besungenen und gefeierten Erlösung und Versöhnung mit Gott durch Christi blutiges Verdienst die maßvoll abrundende und gestaltende poetische Arbeit. Trotzdem haben Woltersdorf’s Lieder unzählig [183] Vielen Glaubensstärkung und Herzenserquickung geboten. Nicht wenige sind, entweder in ihrer ursprünglich gedrängten Form, oder in abgekürzter und abgerundeter Gestalt auch in die evangelischen Gesangbücher und in den gottesdienstlichen Gebrauch aufgenommen worden. Beispiele davon sind: „Das ist eine sel’ge Stunde, Jesu, da man dein gedenkt“; „Sünder, freue dich von Herzen“, „Mein Trost und Anker in aller Noth“; „Wer ist der Braut des Königs gleich?“; „Gott, der du im Himmel thronest“; „Nimm hin mein Herz, Gott, nimm es hin“; „Prediger der süßen Lehren“; „Komm mein Herz! in Jesu Leiden“, letzteres ein Abendmahlslied, in welchem die Worte: „daß ich einen Heiland habe“, in den verschiedensten Wendungen und Bezeichnungen variirt werden und mit ergreifender Kraft der Empfindung von dem, was der sündige Mensch von seinem Heiland hat, Ausdruck geben. Daß er bei aller seiner dichterischen Thätigkeit nur das Höchste und Wesentlichste für alle geistliche Poesie stets im Auge hatte, bezeugt er einmal mit dem Ausspruch: es sei ihm unumstößliche Wahrheit, daß zwar alle vernünftigen Regeln der Dichtkunst sehr gut seien, daß aber dennoch das Göttliche in der Dichtkunst nicht anders als auf den Knieen erlernt und umsonst gegeben werde; denn wenn der Geist aller Geister das Herz des Poeten nicht entflamme, so sei auch die erhabenste Poesie keine göttliche zu nennen. Es ist ein ebenso schönes Zeugniß von seiner wahrhaft christlichen Auffassung dessen, was geistliche Poesie sein soll, wenn er den schon zu seiner Zeit auftretenden Dichtern, die auf dem Gebiet der religiösen Poesie bereits die moralisirende Tonart anschlugen und über dem ersten Artikel des christlichen Glaubens den zweiten zurücktreten ließen, mit folgenden Worten die Wahrheit sagt: „Wenn ihr’s gut machen wollt, so dichtet ihr moralische Fabeln, oder ihr betrachtet den herrlichen Schöpfer und besingt seine große Majestät. Wie kommt es aber, daß ihr die heimliche Weisheit des herrlichen Evangelii von Jesu Christo, der gekommen ist, die Sünder selig zu machen, so selten oder gar nicht in euern Gedichten finden lasset? Ihr müßt den Schönsten unter den Menschenkindern noch nicht gesehen haben.“ Seine aus dieser erhabensten Tonart gesungenen Lieder haben ihm den Ehrennamen des schlesischen Assaph verschafft.

Die alle seine Kräfte bei seiner ohnehin schwächlichen Leibesbeschaffenheit verzehrende Arbeit in den beiden Aemtern war die Ursache seines frühen Todes. Tief erschüttert von dem Tode seines ihm in brüderlicher Liebe verbundenen Amtsgenossen Jäschki, dem er am 12. December 1761 das h. Abendmahl gereicht hatte und dessen Abscheiden er am folgenden Sonntag der Gemeinde zu verkünden hatte, hielt er, obwol schon in seiner Leibeskraft gebrochen, an diesem 3. Adventsonntag mit großem Ernst und eindringlicher Kraft des Geistes seine letzte Predigt über die Worte der Epistel 1. Corinth. 4, 5: „Welcher wird auch ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist und den Rath der Herzen offenbaren“. In Todesahnung rief er, seines eben heimgegangenen Amtsbruders gedenkend, der Gemeinde zu: „Vor acht Tagen stand er noch auf dieser Stelle; wer weiß, wer über acht Tagen hier steht“! Nach vollständiger Erledigung aller seiner Amtsarbeit an diesem Tage warf ihn ein heftiges Fieber auf das Krankenbett, von dem er nicht wieder aufstehen sollte. Ein Schlagfluß machte seinem Leben, das er nur auf 36 Jahre brachte, am 17. December 1761 ein Ende. Seine letzten Worte, Nachklänge aus seinen Liedern, waren eine Lobpreisung Gottes, seines Heilandes: „Hallelujah! es jauchzet, es singet, es springet das Herz; es weichet zurücke der traurige Schmerz. – Wenn man dich genießet, wird Alles versüßet“. – Ueber die Worte 2. Corinth. 1, 8–10, mit denen er während der Krankheit sich und den Seinigen wiederholt Trost und Hoffnung zugesprochen hatte, hielt ihm sein Freund, Pastor Seidel aus Groß-Walditz, die Leichenpredigt. Ueber seinem Grabe hat seine dankbare Gemeinde auf seinem Leichenstein [184] ihm nachgerufen, „wie sie an ihm einen wahrhaft evangelischen Führer, und das Waisenhaus einen würdigen Director und liebreichen Vater verloren habe; wie er ein treuer Hirt der ihm anvertrauten Schafe, ein Beförderer der Ehre Gottes und Ausbreiter des Reichs Christi, ein unermüdeter, jedoch oft über Macht beschwerter Arbeiter im Weinberg des Herrn gewesen sei“.

Ehrhardt’s Presbyterologie des ev. Schlesiens in der Bunzlauer Stadtpredigergeschichte 1780. – E. G. Woltersdorf, dargestellt aus seinem Leben und seinen Schriften 1824, besonderer Abdruck aus dem Jahrgang 1824 des Bunzlauer Wochenblattes. – Stolzenburg, Geschichte des Bunzlauer Waisenhauses 1854, S. 15–62. – Dr. L. F. Schneider[1], Die evangel. Psalmen von E. G. Woltersdorf, mit des Verfassers Lebenslauf vermehrt, 2. Aufl. Dresden 1849. – R. Besser, Biographie von E. G. Woltersdorf. Bielefeld 1854. – Dr. Wernicke, Mittheilungen aus E. G. Woltersdorf’s Leben, in „Fortgesetzte Nachrichten“ u. s. w. von G. Lang. Bunzlau 1883. – Palmer in Herzog’s Realencyklopädie 2. A., 17. Bd., S. 314 f. – Koch, Gesch. des Kirchenliedes, 2. Bd. S. 116 f.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 184. Z. 10 v. o. l.: K. F. Robert Schneider (statt L. F. Schneider). [Bd. 55, S. 895]