ADB:Zellweger, Jakob

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Artikel „Zellweger, Jakob“ von Karl Ritter. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 34–38, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zellweger,_Jakob&oldid=- (Version vom 7. Dezember 2019, 16:36 Uhr UTC)
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Zellweger: Jakob Z., Landammann des Kantons Appenzell A. Rh. und helvetischer Senator, 1770–1821. Als Nachkomme einer alten, im Appenzellerlande seit dem 14. Jahrhundert urkundlich vorkommenden Familie, deren Glieder seit 1429 wiederholt in den höchsten Landesämtern und in Hauptmannsstellen in fremden Diensten erscheinen, wurde Jakob Z. im December 1770 in Trogen geboren und am Weihnachtstage getauft. Er war das jüngste Kind des Landsfähndrichs Johannes Z. in Trogen, eines in der Eidgenossenschaft hoch angesehenen Mannes, der 1776 Präsident der helvetischen Gesellschaft in Schinznach war. Die Mutter war Frau Anna Hirzel aus Zürich, ebenfalls aus [35] einer hochangesehenen Familie, Tochter des 1752 gestorbenen Statthalters Hans Kaspar Hirzel und Schwester der beiden gelehrten und berühmten Hans Kaspar Hirzel zum Sonnenberg und Salomon Hirzel, zweier Männer, die für das wissenschaftliche und litterarische Leben jener Zeit von Bedeutung sind. So wurde dem Knaben, der mit zwei älteren Brüdern, dem späteren Landesseckelmeister Johannes und dem künftigen appenzellischen Philanthropen und Geschichtsschreiber Johann Kaspar Z. im Hause unter der Aufsicht des Vaters unterrichtet wurde, ein Elternhaus zu Theil, in dem er in früher Jugend schon die Namen und wol auch die Personen der bedeutendsten Zeitgenossen im Vaterlande kennen lernte und gewöhnt wurde, an den Angelegenheiten seines engern und weiteren Vaterlandes nicht achtlos vorüber zu gehen, und später als Mann die Wohlfahrt des Landes wie seine eigene anzusehen und fördern zu helfen. Doch zunächst war die Bestimmung des heranwachsenden Jünglings eine andere. Sein Vater, der Herr Landsfähndrich, war trotz seines Amtes, seines regen Interesses und seiner Theilnahme an den litterarischen und politischen Regungen seiner Zeit, trotz seiner ausgedehnten Correspondenz mit Staatsmännern, Gelehrten und Dichtern jener Tage in erster Linie ein tüchtiger Kaufmann, der das vom Vater übernommene ausgedehnte Leinwand- und Mousselingeschäft zu hoher Blüthe gebracht hatte, der meist vom Morgen bis zum Abend in seiner Schreibstube thätig war, und der auch seinen drei Söhnen neben der allgemeinen Ausbildung eine tüchtige kaufmännische Bildung zu geben entschlossen war. Wie die ältern Brüder, so mußte auch Jakob jung schon in des Vaters Schreibstube thätig sein, Stoffe und Muster kennen lernen, dann den Brüdern nachfolgen in die Filialen des Geschäftes in Lyon und Genua, später auch nach Barcelona. In dieser Lehrzeit reifte der reichbegabte und frühzeitig schon durch ein entschlossenes Wesen und einen lautern und festen Charakter sich auszeichnende junge Z. zu einem Manne heran, der nach seiner Rückkehr ins Vaterhaus dem Lande nicht weniger zu werden versprach, als die besten seiner Vorfahren demselben gewesen waren. Im J. 1793 gründete er einen eigenen Herd durch Verheirathung mit Anna Barbara Zuberbühler von Speicher, der Tochter des Landammanns Dr. Joh. Ulr. Zuberbühler. Wie seine ältern Brüder trat auch er als Theilhaber in das väterliche Geschäft, das die Brüder Joh. Kaspar und Jakob bald allein führten und nach dem Tode des Vaters 1802 gemeinsam übernahmen. 1808 zog sich Joh. Kaspar zurück und die Arbeit des umfangreichen Geschäftes lastete nun allein auf den Schultern des Jüngern, der seit Jahren schon in schwerer Zeit die Würde und Bürde eines appenzellischen Landammanns trug, und nebenbei noch als Vertreter seines Landes an den eidgenössischen Tagsatzungen der Mediationszeit theilnahm. Aber die Regierungsgeschäfte im Lande sowol, wie auch die häufige längere Abwesenheit an eidgenössischen Verhandlungen und Tagen, die sich noch häuften, als nach dem Sturze Napoleon’s 1814 auch in der Schweiz die alten Verhältnisse zurückkehrten, mußten oft nur zu sehr die Sorge für das eigene Wohl in den Hintergrund drängen. Die Folgen davon machten sich bald spürbar: schwere Verluste besonders der spanischen Filiale trafen das Haus und Jakob Z. sah sich schließlich 1816 zur Liquidation genöthigt und konnte nur einen Theil seines ehemaligen großen Vermögens retten.

Soviel über seine Privatverhältnisse. Wichtiger ist, von Zellweger’s öffentlicher, politischer Thätigkeit zu reden. Beim Einbruch der Franzosen und der darauf folgenden Umgestaltung der alten Eidgenossenschaft stand er wie alle seine Verwandten auf Seite des Alten und verheimlichte seine Abneigung gegen die sich bereitenden Veränderungen in der Verfassung nicht. Klug und weitblickend genug um einzusehen, daß an der alten eidgenössischen Verfassung sowol [36] wie auch an der appenzellischen Manches im Geiste der neuen Zeit geändert werden müsse, war er bereit, zur Aufhebung der Unterthanenverhältnisse in den Herrschaften und Vogteien mitzuwirken. Allein höher stand ihm die alte Anhänglichkeit des demokratischen Volkes an seine alten Freiheiten und an die kantonale Selbständigkeit. Er fürchtete, und mit Recht, eine Centralregierung werde nur ein Werkzeug Frankreichs werden. Doch hat er klug sich der Nothwendigkeit gefügt und sich bemüht, die Gegensätze zu vermitteln und das Land vor Schaden zu bewahren.

Aus heimathlichen Beamtungen in die Oeffentlichkeit trat Jakob Z. im J. 1801, als er von seinem Heimathkanton als Mitglied der helvetischen Tagsatzung nach Bern gesandt wurde. Hier trat er in enge Beziehungen zu den Häuptern der inneren Kantone und zu andern gleichgesinnten Mitgliedern, deren Bestreben es war, der neuen helvetischen Constitution ein mehr föderalistisches Gepräge zu geben. Dieser Plan gelang durch eine Art Staatsstreich in der Nacht vom 27. auf den 28. October 1801. Die 13 conservativen Mitglieder, zu denen auch Z. gehörte, hoben die helvetische Tagsatzung und den Vollziehungsrath auf und wählten, gestützt auf das französische Militär, das mit ihnen im Einverständniß war, einen neuen Vollziehungsrath und einen conservativen Senat, in dem auch Z. saß. Nur bis zum Frühling des nächsten Jahres dauerte die föderalistische Herrschaft, ein neuer Staatsstreich und eine neue helvetische Verfassung löste sie ab. Die Wirren in Helvetien und der Abfall der Kantone nach dem Abmarsch der Franzosen aus der Schweiz wurden immer größer. In Schwyz versammelte Aloys Reding die Häupter der am Alten festhaltenden demokratischen Orte, Aufforderungen ergingen an alle übrigen Kantone, viele folgten dem Rufe, besonders die alten städtischen Aristokratien, und am 27. September wurde in Schwyz mit großem Gepränge eine Sondertagsatzung eröffnet. Jakob Z., seit August 1802 Landammann seines Kantons, war bei allen diesen Unternehmungen eines der thätigsten, energischsten und klügsten Mitglieder, der in der Heimath wie in der Eidgenossenschaft für die föderative Sache wirkte. Sie schien zu siegen – da griff von neuem Bonaparte ein, gebot der Bewegung Einhalt und berief Abgeordnete beider Parteien nach Paris zur Berathung einer neuen Verfassung für Helvetien. Allein Z. und eine Anzahl seiner politischen Freunde leisteten dem Rufe keine Folge. Dies sowol wie auch der Widerstand, den die Tagsatzung von Schwyz seinem, dem Vorschlage des ersten Consuls entgegengesetzt hatte, reizten Bonaparte und seine Werkzeuge in der Schweiz so sehr zum Zorn, daß er die Häupter jener schwyzerischen Tagsatzung, um sie unschädlich zu machen, verhaften und in die Festung Aarburg einsperren ließ. Dort wurde Z. gemeinsam mit Aloys Reding von Schwyz, Seckelmeister Hirzel von Zürich, Landammann Wyrsch von Unterwalden und Landammann Auf der Mauer von Schwyz vom November 1802 bis zum Februar 1803 gefangen gehalten. Ein Tagebuch von Z. über die Zeit der Gefangenschaft, und eine von ihm gehaltene Neujahrsansprache an seine Freunde geben Zeugniß, wie Zellweger’s Sinnen und Denken auch in dieser Zeit unablässig auf das Wohl des Vaterlandes und auf eine glückliche Gestaltung der Zukunft gerichtet waren. Auch nach seiner Entlassung im Februar 1803 stand er noch in seinem Hause unter militärischer Bewachung, die er selbst besolden mußte; am 3. März wurde die Wache zurückgezogen. Doch mußte er sich verpflichten, auf jede Aufforderung des in der Schweiz commandirenden französischen Generals sich zu stellen, zugleich wurde ihm mit Internirung in einer französischen Stadt gedroht, wenn er irgend etwas gegen die Pläne des ersten Consuls unternehme. Kurz nach seiner Entlassung, im April 1803, wählte ihn das zur Landsgemeinde versammelte appenzellische Volk einstimmig zum regierenden [37] Landammann. Durch diese ehrenvolle Wahl bewiesen die Appenzeller, wie gleichzeitig die Schwyzer durch die Wahl des ebenfalls von Bonaparte gemaßregelten Reding, daß sie sich um den Weltbezwinger, dem schon damals fast halb Europa gehorchte, nicht bekümmerten, sondern nur dem Antriebe ihres Kopfes und Herzens folgten.

Fünfzehn Jahre lang hat Z. nun als Landammann die Geschäfte seines Heimathlandes geführt, dasselbe an fast allen eidgenössischen Tagsatzungen und außerordentlichen Conferenzen vertreten und Appenzells Stimme zur Geltung zu bringen gewußt. Mit Kraft und Würde trat der hochangesehene Mann auf im Großen wie im Kleinen, seine Ansichten und seine reichen Erfahrungen wurden stets für die bedeutendsten Commissionsarbeiten in Anspruch genommen, und bei keinem wichtigen Ereignisse fehlte sein Name in den Verhandlungen. 1804 ging er mit als Vertreter der Eidgenossenschaft zur Kaiserkrönung Napoleon’s nach Paris. Diese Anwesenheit am französischen Hofe benutzte er besonders auch dazu, der heimischen Industrie Vortheile zu erwirken. Wirksamen und großen Antheil hatte er auch als Mitglied der wichtigen diplomatischen Commission an den Tagsatzungen der Jahre 1813 und 1814, der die Verhandlungen mit den siegreichen Mächten und die Schaffung einer neuen schweizerischen Bundesverfassung oblagen. Seinem Einflusses ist es auch in erster Linie zuzuschreiben, daß Appenzell-Außerrhoden den Ruhm hat, daß es damals die einzige unter den schweizerischen Demokratien war, die sich die Verzichtleistung auf die Herrschaftsrechte über die Unterthanenlande nicht mit Geld abkaufen ließ, wie die andern, sondern freiwillig sie ausgesprochen hat. Es ist diese großherzige Politik Zellweger’s zu den schönsten Zügen in seiner diplomatischen Laufbahn zu zählen. Immer mehr wuchs dadurch sein Ansehen in der Tagsatzung und bei den fremden Gesandten, von denen mehrere, darunter Alexander’s I. hochvertrauter Capo d’Istria, durch Besuche in Trogen ihre Hochachtung bewiesen. In den Jahren der Theuerung und Noth 1816 und 1817 hat er durch seine Sendungen an den Höfen von München und Stuttgart Großes erreicht, die Noth in seinem Lande zu lindern, und für sich hohe Anerkennung und Ehre gewonnen. An beiden Höfen Württembergs und Baierns hatte er sich der besten Aufnahme zu erfreuen; der Kronprinz von Baiern besuchte ihn und nahm nach schwerer Krankheit seinen Besuch zuerst an; er belobte ihn wegen seines mannhaften Auftretens gegen Frankreich.

Und doch – auch an ihm mußte schließlich das alte Wort von der demokratischen Undankbarkeit, die einst ein Miltiades, Perikles und Andere erfuhren, zur Wahrheit werden. Als die Unglücksfälle in Spanien seinem Wohlstande schwere Schläge zufügten, als er sein Geschäft liquidiren mußte, da wurde er 1818 von der Landsgemeinde seines Amtes entlassen. – Mochten auch körperliche Leiden, der Verlust seiner Gattin und die Unglücksfälle ihn gebeugt haben, ganz freiwillig war sein Rücktritt jedenfalls nicht. 1816 hatte er ohne Erfolg von der Landsgemeinde seine Entlassung verlangt, es war darum um so auffallender, daß er zwei Jahre später entlassen wurde. Er ertrug dieses Alles mit unbeschreiblicher Gelassenheit und Ruhe.

Auch als Privatmann noch hat er auf mancherlei Art seiner Heimathgemeinde Trogen und seinem Heimathlande mit Rath und That Dienste geleistet; die Errichtung des Erziehungsinstitutes in Trogen und die Errichtung einer Ersparnißcasse sind in erster Linie mit sein Werk. Nur drei Jahre noch nach seinem Rücktritte war ihm das Wirken auf Erden vergönnt. Anfangs April 1821 ging er zu Fuß von Trogen nach Rheineck zu seiner Tochter, wurde dort unwohl und starb unerwartet am 3. April. Das Leichenbegängniß, zu dem zu Hunderten die Appenzeller von ihren Bergen nach Rheineck strömten, [38] war die schönste Lobrede auf sein Leben. Unvergeßlich blieb noch lange im Lande, was dieser Mann in angeerbtem Patriotismus, mit den größten persönlichen Aufopferungen für die Ehre und das Wohl seines heimathlichen Kantons Appenzell und für die Eidgenossenschaft gethan hat. Ein Wort eines Zeitgenossen möge die Gesinnung seines Volkes auch nach seiner Entlassung illustriren. Pfarrer Steinmüller, der einst als Pfarrer von Gais sechs Jahre mit ihm in vielfachem amtlichem Verkehr stand, und der ihm als Pfarrer von Rheineck die Leichenrede hielt, erzählt: „Bei meinem Eintritte ins Haus erblickte ich einen 70jährigen Greisen aus dem Hinterlande, im silberweißen Haar, welcher dem erblaßten Leichname herzlich die Hände drückte, ihm scharf ins Angesicht sah, auf das seine heißen Thränen fielen, und ausrief: ‚Dank dir, Landesvater, der du uns in deinem Leben unsere Landesverfassung treulich retten und erhalten halfest‘. Nach diesen Worten drückte er rasch einen Kuß auf die bleiche Wange des todten Landammannes, ging weg und verlor sich in der Volksmenge, die dem Todten das Grabgeleite gab.“ –

Marcus Lutz, Moderne Biographien. Lichtensteig 1826. – Schweizerische Monatschronik Bd. 6, 1821, S. 61/63. – Steinmüller, Grabrede z. Erinnerung an den sel. Herrn Landammann Jakob Zellweger in Trogen. St. Gallen ohne Dat.
Karl Ritter.