ADB:Zuccarini, Joseph Gerhard

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Artikel „Zuccarini, Joseph Gerhard“ von Ernst Wunschmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 472–474, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zuccarini,_Joseph_Gerhard&oldid=- (Version vom 19. Juli 2019, 00:20 Uhr UTC)
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Band 45 (1900), S. 472–474 (Quelle).
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Zuccarini: Joseph Gerhard Z., Botaniker, geboren zu München am 10. August 1797, † ebendaselbst am 18. Februar 1848. Zuerst durch häuslichen Unterricht, sodann auf dem Gymnasium und dem Königl. Lyceum seiner Vaterstadt vorgebildet, bezog Z. 1815 die Universität Erlangen, behufs Studiums der Medicin, nachdem er bereits als Gymnasiast durch fleißige Excursionen in die Umgebung Münchens sich eine nicht gewöhnliche Kenntniß der heimathlichen Fauna und Flora angeeignet hatte. Die natutwissenschaftlichen Fächer blieben denn auch die bevorzugten Gegenstände seines Studiums, wohl zumeist infolge der Anregung, welche der vielseitig gelehrte und geistreiche Erlanger Professor Christian Nees v. Esenbeck (s. A. D. B. XXIII, 368) auf ihn ausübte. Im Herbste 1819 nach München zurückgekehrt, widmete sich Z. ausschließlich der Botanik. Unter der Leitung des greisen Franz v. Paula v. Schrank (s. A. D. B. XXXII, 450) beschäftigte er sich im botanischen Garten mit systematischen Arbeiten, durchforschte auch auf mehrfachen Wanderungen einige weniger bekannte Gegenden der bairischen Alpen. Als im December 1820 die bairischen Naturforscher Spix und v. Martius (s. A. D. B. XX, 519) aus Brasilien zurückkehrten, erhielt Z. den Auftrag, an der Bearbeitung des mitgebrachten reichen Pflanzenmaterials Antheil zu nehmen. Im J. 1823 zum Adjuncten der Akademie der Wissenschaften und zum Lehrer der Botanik am Königl. Lyceum ernannt, übernahm er bereits im folgenden Jahre nach Errichtung der medicinisch-chirurgischen Lehranstalt zu München an dieser ein Lehramt, und als 1826 die Universität von Landshut nach München übersiedelte, die Stelle eines außerordentlichen Professors der landwirthschaftlichen und Forstbotanik. 1835 rückte er zum Ordinarius auf, erhielt 1836, nach v. Schrank’s Tode, die Bestallung als zweiter Conservator des botanischen Gartens und wurde 1839 zum ordentlichen Mitgliede der bairischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Während seiner Wirksamkeit in diesen Stellungen unterbrach Z. die Arbeiten seines Berufes eigentlich niemals. Denn auch gelegentliche Ausflüge nach Tirol und in verschiedene Theile Oberbaierns, sowie einige größere Reisen in die Schweiz, nach Oberitalien, nach Berlin, Wien und den Niederlanden dienten nur zur Förderung seiner Studien. Eine unermüdliche litterarische Thätigkeit förderte eine Reihe werthvoller Arbeiten zu Tage, welchen die Anerkennung nicht versagt blieb. Sie fand ihren Ausdruck in seiner Ernennung zum Mitgliede und Ehrenmitgliede zahlreicher gelehrter Gesellschaften des In- und Auslandes. Ein trefflicher akademischer Lehrer, heiteren und lebhaften Temperaments, dessen tiefes Empfinden sich gelegentlich auch in poetischen Ergüssen aussprach, ein liebevoller Familienvater, wurde Z. tief betrauert, als ein Lungenleiden im 51. Jahre seines Lebens seinem Schaffen ein frühzeitiges Ziel setzte.

Zuccarini’s bedeutendste litterarische Leistungen in der Botanik liegen auf dem systematischen Gebiete. Im Geiste der von Rob. Brown, Jussieu und Decandolle in die Wissenschaft eingeführten Classificationsmethode, welche sich nicht damit begnügte, die einzelnen Pflanzengestalten nach ihren habituellen Unterscheidungsmerkmalen zu beschreiben, sondern darauf ausging, in dem System zugleich auch den Ausdruck einer genetischen Entwicklungsreihe des Pflanzenreichs zu finden, betheiligte sich auch Z. durch seine Arbeiten an dem weiteren Ausbau der systematischen Botanik. Ein scharfes Beobachtungstalent, Klarheit und Unbefangenheit des Urtheils verbanden sich bei ihm mit einer frischen und plastischen Darstellungsweise, sodaß seinen Schriften ein bleibender Werth gesichert ist. Seine erste Arbeit war die Beschreibung einer Reihe von Pflanzengattungen aus den von Martius mitgebrachten Schätzen, veröffentlicht in dem ersten Bande der „Nova Genera et species plantarum Brasiliensium“ 1823. Es folgten dann einige Monographien, wie die der amerikanischen Oxalis-Arten 1825, nebst einem [473] Nachtrag dazu 1831, und der Cacteen, die beiden ersten als Sonderabdrücke aus den Denkschriften der Münchener Akademie (Band IX u. X), ferner eine Reihe ebendort publicirter kleinerer Abhandlungen unter dem Titel: „Plantarum novarum vel minus cognitarum, quae in horto botanico herbarioque regio Monacensi servantur“ in 4 Fascikeln 1837–40 (Bd. X, XIII, XIX u. XXII der Denkschriften), welche Pflanzen aus Brasilien, Madagaskar, Mexiko und aus der Levante behandeln. Der Organographie und Morphologie angehörig sind folgende Arbeiten Zuccarini’s: „Charakteristik der deutschen Holzgewächse im blattlosen Zustande. Mit Abbildungen von Sebastian Munsinger.“ 2 Hefte, 1823–31; „Beiträge zur Morphologie der Coniferen“ (Denkschr. d. Münch. Akad. Bd. XVI); „Ueber zwei merkwürdige Pflanzenmißbildungen“ 1844 (ebenda Bd. XIX). Ein großes Verdienst erwarb sich Z. durch seine ausgezeichnete Bearbeitung der Flora Japans. Der Naturforscher Ph. Fr. v. Siebold hatte während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Japan (1824–30) eine sehr ausgedehnte und wissenschaftlich hochbedeutende Pflanzensammlung aufgebracht, welche zugleich mit zahlreichen, an Ort und Stelle aufgenommenen Notizen und vielen Zeichnungen, sowie späteren, von Siebold’s Begleiter Dr. Bürger gesammelten Nachträgen, Z. als Material zur Bearbeitung überwiesen wurde. Er übernahm, unterstützt von tüchtigen Mitarbeitern, die Redaction des Ganzen mit großem Geschick und lieferte ein iconographisches Prachtwerk, das nicht nur durch die thatsächliche Bereicherung unserer Kenntnisse der Flora Japans, sondern ebenso sehr auch durch die neuen Aufschlüsse über die pflanzengeographischen Beziehungen dieser Inselwelt zu den übrigen Ländern einen großen allgemeinen Werth gewonnen hat. Die Zahl der von Z. mit Sicherheit bestimmten phanerogamischen Arten beläuft sich auf 1650, die zu 621 Gattungen und 172 Familien gehören. Er glaubt, daß sich im ganzen wohl mehr als 2400 Blüthenpflanzen, etwa zu 700 Gattungen gehörig, nachweisen lassen werden. Das in Rede stehende Werk erschien unter dem Titel: „Flora japonica s. plantae, quas in imperio japonico collegit, descripsit, ex parte in ipsis locis pingendas curavit Dr. Ph. Fr. de Siebold“ von 1835 an sectionsweise, der erste Band vollständig, vom zweiten Bande bis zum Jahre 1844 5 Hefte. Als Ergänzung reihen sich daran mehrere in den Denkschriften der Münchener Akademie niedergelegte Abhandlungen Zuccarini’s (Bd. XVI u. XIX). Mit gleichem Eifer wandte sich Z. auch der Erforschung der vaterländischen Flora zu. Einen wesentlichen Beitrag dazu lieferte er in der „Flora der Gegend um München“, von welcher 1829 der erste Theil, die 11 ersten Classen des Linné’schen Systems umfassend, erschienen ist. Eine Fortsetzung dieser Arbeit unterblieb, weil die floristischen Werke von Reichenbach, Kittel und Koch das Bedürfniß nach einem derartigen Handbuch verringert hatten. Es war aber stets Zuccarini’s Wunsch gewesen, alle Specialfloren von Deutschland mit Koch’s berühmter Synopsis in Beziehung zu setzen, worüber er sich in einem Aufsatze in der Flora von 1835 gelegentlich äußerte. Er veröffentlichte selbst auch einige auf Pflanzengeographie und -Statistik bezügliche Beobachtungen in derselben Zeitschrift 1821, 1824 und 1831. In einer in der Akademie 1833 vorgetragenen Rede: „Ueber die Vegetationsgruppen in Baiern“ gab Z. ein treffendes Bild von der Vertheilung des Pflanzenreichs in seinem Vaterlande und zeigte darin, wie man wissenschaftliche Beobachtungen auch den Zwecken einer rationellen Bodencultur nutzbar machen könne. Ueberhaupt schätzte er das Wissen auch seiner praktischen Verwerthung wegen. Er hielt viel auf populäre Darstellungsweise. Davon zeugt sein: „Leichtfaßlicher Unterricht in der Pflanzenkunde für den Bürger und Landmann“ 1834, ein Buch, welches in vermehrter und verbesserter Auflage als „Naturgeschichte des Pflanzenreichs“ 1843 herauskam und den zweiten Band von J. A. Wagner’s Handbuch der Naturgeschichte [474] bildet. In ähnlicher Weise sind mehrere kleinere Aufsätze geschrieben und an verschiedenen Orten veröffentlicht (vgl. Martius’ Denkrede auf Z. S. 23), worin bald örtliche Interessen verhandelt, bald allgemein menschliche Beziehungen zum Pflanzenreiche geschildert werden. In den Münchner Gelehrten Anzeigen befinden sich seit 1835 viele, größtentheils an die Beurtheilung fremder Arbeiten angeknüpfte Aufsätze, welche jedoch soviel Eigenes enthalten, daß sie als Originalarbeiten aufzufassen sind. Der poetischen Begabung Zuccarini’s ist bereits gedacht worden. Einige wenige seiner Dichtungen sind durch den Druck bekannt geworden in der Sammlung „Kleeblätter, Lieder dreier Geschwister“, 1839. Eins seiner schon während seiner Erlanger Universitätszeit gedichteten Lieder („Es schlingt sich die Runde“ u. s. w.) ist in den Liederschatz der deutschen akademischen Jugend aufgenommen worden.

Carl Friedr. Phil. v. Martius, Denkrede auf J. G. Zuccarini, München 1848. – Bot. Ztg. 1848. – Pritzel, thes. lit. bot. –.