Zum Inhalt springen

Achtzehnter Jahresbericht des deutschen Mädchenheims zu Paris 1902/1903

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Hermann Anthes
Illustrator:
Titel: Achtzehnter Jahresbericht des deutschen Mädchenheim zu Paris 1902/1903
Untertitel: 1902/1903
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1903
Verlag: Straßburger Druckerei u. Verlagsanstalt, vorm. R. Schultz u. Co.
Drucker:
Erscheinungsort: Straßburg, Paris
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: pdf bei Commons
Kurzbeschreibung:
für weitere Informationen siehe: Historische Sammlungen des DHI Paris
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[a]
Achtzehnter Jahresbericht
des
deutschen Mädchenheims zu Paris,
110, rue Nollet,
über die Zeit vom 1. April 1902 bis 31. März 1903.




Unter dem Protektorate Ihrer Majestät der Kaiserin.



Paris
1902/1903.
[1]
Achtzehnter Jahresbericht
des
deutschen Mädchenheims zu Paris,
110, rue Nollet,
über die Zeit vom 1. April 1902 bis 31. März 1903.




Hochverehrte Damen und Herren!


     Auf ein Jahr stiller Arbeit und friedlicher Entwicklung unseres Heims dürfen wir heute zurückblicken. Wir können nichts berichten von wichtigen Beschlüssen des Verwaltungsrates, Änderungen in der Organisation oder äußeren Ereignissen, die auf den Gang der Dinge im Heim bedeutsam eingewirkt hätten. Dieser Zustand ist uns der allerliebste, denn er beweist uns, daß die Basis unseres Heimes eine gesunde und seine Einrichtung eine sachgemäße ist. — Mit diesem Gesamturteil wollen wir jedoch natürlich nicht sagen, daß die Fortführung unseres Werkes nicht auch diesmal viel Umsicht und Arbeit, Liebe und Treue erfordert hätte. Wir gedenken dabei vor allen Dingen der Leiterin des Heimes Schwester Adele von Verschuer und ihrer Gehülfinnen Fräulein Vaupel und Schwester Frieda Heidbreder, von denen jede ihr Teil zu dem Wohle des Ganzen beigetragen hat und denen wir für ihr Wirken hier unsern Dank zum Ausdruck bringen möchten.
     Aus der Statistik des Heimes seien folgende Zahlen mitgeteilt:
     Den Bestand von 15 Insassen am 1. April 1902 mitgerechnet wohnten im Heim während des verflossenen Jahres:
     515 Mädchen in 4976 Nächten. [2]      Davon fanden 276 Stellen, während 1598 Anfragen um Mädchen an das Heim gerichtet wurden:

     Der Nationalität nach zählten wir:

450 Deutsche, 1 Französin,
40 Österreicherinnen, 1 Russin.
23 Schweizerinnen,


     Nach den verschiedenen Ländern geordnet kamen zugereist:

390 aus Frankreich, 12 aus England,
90 aus Deutſchland, 3 aus Italien,
15 aus der Schweiz, 5 aus Österreich.
Es wohnten im Heim über 1 Monat: 23 Mädchen,
noch kürzere Zeit: 492 "

     Der evangelischen Kirche gehörten 320 an, der katholischen 193, 2 waren Israelitinnen.

     Die Zahl der Posteingänge betrug 1857.

     „Diese Zahlen beweisen, daß wir ein gutes Durchschnittsjahr im Mädchenheim gehabt haben. Leider ist durch einen Polizeibefehl die Zahl unserer Betten vermindert worden und beträgt jetzt somit 21. Die Verordnungen in Frankreich verlangen für jedes Bett im Zimmer einen Luftraum von 14 Kubikmetern. Bisher hat man bei unserm Heim in Anbetracht seiner freien Lage, seiner großen Reinlichkeit und seines guten Zweckes diese Bestimmung, wie es Übrigens vielfach sonst auch geschieht, nicht genau durchgeführt. Bei einer neuerlichen Revision wurde jedoch auf genaue Einhaltung der Vorschriften gedrungen und selbst eine gütige Verwendung des deutschen Herrn Botschafters Fürsten von Radolin, hatte nur teilweise Erfolg. Wir verstehen nicht, warum man gegen uns gerade so strenge ist, zumal der Gesundheitszustand im Heim immer ein außerordentlich guter war, müssen uns aber natürlich fügen, so sehr wir auch die fehlenden Betten vermissen.

     Die deutschen Mädchen sind in Frankreich immer noch gesucht. Um so größer ist für sie die Gefahr, ihre Ansprüche ins Maßlose zu steigern und Einfachheit, Gediegenheit und Sparsamkeit [3] zu verlieren. Es geschieht alles, diesen Gefahren bei den Heimbesucherinnen entgegenzuarbeiten. Die Einstellung einer Diakonisse, die die Küche unter sich hat und sich im übrigen möglichst den Mädchen widmet, sonderlich während der Bureaustunden, in denen Fräulein Vaupel durch die Stellenvermittlung ganz in Anspruch genommen ist und ferner des Abends, hat sich vorzüglich bewährt. Schon einfach durch die Anwesenheit der Diakonisse wird unnützem Geschwätz und bösem Einfluß vorgebeugt und in den Abendstunden, wo die Mädchen meist die Nadel rühren, sind Frl. Vaupel und Schwester Frida im Verein bemüht, durch Vorlesen guter Bücher, durch Gesang und Ähnliches auf Herz und Gemüt im günstigen Sinne einzuwirken. Durch solche Vermehrung der Arbeitskräfte ist es auch möglich geworden, sich mehr den Einzelnen zu widmen, an ihren Sorgen und Kämpfen teilzunehmen und sie auf rechtem Wege zu leiten. Dies hat ferner dazu geführt, daß die Fühlung der Mädchen mit dem Heim, auch nachdem sie es verlassen haben, eine engere geworden ist. Sie wird aufrecht erhalten nicht nur durch vielfache Briefe, sondern auch durch das sogenannte „Kränzchen“ am 1. Sonntag Nachmittag jeden Monats, wo die Mädchen im Heim bei einer Tasse Kaffee zusammen kommen können und dabei auch Gelegenheit finden, ein vertrautes Wort mit Schwester Frida oder Frl. Vaupel zu sprechen. Wir halten diese neue Einrichtung für sehr wichtig und wertvoll; daß sie auch von den Mädchen geschätzt wird, beweist die Besuchsziffer, die sich oft bis zu 40 erhebt. –
     Der Gesundheitszustand im Heim war auch in diesem Jahre ein vorzüglicher. Die wenigen leicht Erkrankten wurden von Herrn Doktor Vignerot in entgegenkommender Weise behandelt und rasch wieder hergestellt.
     Die stiftungsmäßigen wöchentlichen Bibelstunden wurden von den deutschen Pastoren abwechselnd gehalten und gerne besucht. Wir hoffen, daß sie Manchen Stärkung in ihrem Glauben, Trost und Halt in Sorgen und Kämpfen gebracht haben. –
     Über unsere Kassenverhältnisse, die Ihnen nachher unser verehrter Herr Schatzmeister noch genauer schildern wird, sei hier [4] folgendes erwähnt. Der Fehlbetrag des vorigen Jahres hatte die Höhe von 8737,55 Fr. und ist heute auf 4605 Fr. heruntergegangen. Dieses sehr erfreuliche Resultat erscheint jedoch dann erst im rechten Licht, wenn man weiß, mit welcher Mühe es erreicht wurde. Indem wir fast alle Anschaffungen und Reparaturen im Hause, obwohl sie notwendig erschienen, zurückstellten, sind in diesen beiden Posten etwa 2000 Fr. gegenüber normalen Jahren gespart worden, eine Maßregel die sich natürlich ausnahmsweise anwenden läßt. Ferner wurde die Summe von 2026,45 Fr., die wir unserm Reservefonds seiner Zeit entnommen hatten, durch die aufgelaufenen Zinsen und Neuanlage derselben gedeckt, so daß wir diesen Betrag auf laufende Rechnung gutschreiben und unter N. N. als Einnahme buchen konnten. Aus diesen Mitteilungen erhellt, daß unsere Finanzlage nach wie vor eine schwierige ist und wir alle Anstrengungen machen müssen, damit wir neben der Bestreitung unserer laufenden Ausgaben auch noch in der Tilgung unserer immerhin noch bedeutenden Schuld fortfahren können.
     Unter diesen Umständen war uns die Gabe des hohen Magistrats der Haupt- und Residenzstadt Berlin auch in diesem Jahr eine notwendige und hochwillkommene Hülfe. Wir möchten auch an dieser Stelle unseren innigsten Dank dafür zum Ausdruck bringen und zugleich die Bitte damit verbinden, uns auch ferner diese tatkräftige Hülfe zu gewähren.
     In unserm Vorstand haben wir in diesem Jahre leider wieder eine schmerzliche Lücke zu beklagen. Fr. H. Ehrhardt wurde nach schwerem Leiden am 7. Februar 1903 aus diesem Leben abgerufen. Sie hat unserem Vorstande seit dem Jahre 1890 angehört und seitdem an der Entwicklung des Heimes stets reges und tätiges Interesse genommen. Der Kranz des deutschen Heimes au ihrer Bahre war ein Ausdruck unseres bleibenden Dankes.
     Ferner sind Herr und Frau Pastor Dr. Klattenhoff im Sommer 1902 nach Deutschland zurückgekehrt, auch ihnen werden wir ein dankbares Andenken bewahren. [5]      Herrn Legationsrat Graf von der Gröben und Herrn Pastor Bansa dürfen wir heute zum erstenmal in unserer Mitte begrüßen und wir tun dies in der Zuversicht, daß sie mit uns vereint an dem Wohle des uns anvertrauten Werkes mitzuarbeiten bereit sind.
     Wir schließen mit dem Danke gegen Gott, der unser Heim bisher in seine Obhut genommen hat und mit dem Gebetswunsche, daß er es auch ferner segnen und behüten möge.

     Paris im Mai 1903.

Pastor H. Anthes,
Vorsitzender.


     Das Gesamtkomitee der deutschen Heime für das Jahr 1903/1904 besteht aus folgenden Persönlichkeiten:
Ihre Durchlaucht Fürstin von Radolin, Ehrenpräsidentin;
den Herren: Kirchenrat Frisius, London, Ehrenmitglied; Pastor H. Anthes, Vorsitzender; A. Klattenhoff, Schatzmeister; H. Andrée, Schriftführer; Kommerzienrat L. Grub und H. Lüdert, Kassenrevisoren; Pastor F. Bausa, A. Blattmann, A. Geißler, Legationsrat Graf von der Groeben, Konsul v. Jecklin, J. Tillmanns;
den Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Blattmann, Frau Grub, Fräulein Luise Grünert, Fräulein Clara Helbig, Frau Konsul v. Jecklin, Frau Joest, Gräfin Keßler, Fürstin zu Lynar, Frau Klattenhoff, Fräulein Julie Oetting, Frau Tillmanns.
     Diese alle sind gern bereit, Gaben für unser Werk entgegenzunehmen.

     In den Verwaltungsrat für das Jahr 1903/1904 wurden gewählt:
die Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Blattmann, Frau Grub, Fräulein Helbig, Frau Konsul v. Jecklin, Frau Klattenhoff, Fräulein Oetting;
die Herren: Andrée, Klattenhoff, Pastor Anthes.


[6]
General-Bilanz vom 31. März 1903.
Einnahmen. Ausgaben.
  Fr. Cts.   Fr. Cts.
1. Eingegangene Gaben im verflossenen Jahre vom 1. April 1902 bis 31. März 1903. 3 286 45 1. Saldo, Fehlbetrag am 1. April 1902 8 737 55
2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere und Reservefonds 522 05 2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere – dort noch stehend 522 05
3. Einnahmen in der Kasse des Heims vom 1. April 1902 bis 31. März 1903:   3. Haushaltungskonto:  
     A. Pension der Lehrerinnen Fr. m 9 147 15        Neue Anschaffung an Mobiliar und Hausgeräten Fr. 889 30  
     B. Pen"ion d"0 Mädchen "0n 10 140 90        Anschaffung von Wein, Kaffee und Tee "0 690 25  
     C. Mahlzeiten ohne Pension "0nm 0863 10        Fleischerrechnung "0 4 485 65  
     D. Wein "0nm 0370 90 20 522 05      Krämer "0 517 90  
4. Gaben bei Nachweis von Stellen für Mädchen Fr. 1 695 —        Bäckerrechnung "0 1 137 05  
4. Desgleichen für Lehrerinnen "0 232 90        Milch "0 604 50  
Deschen von Damen 223 50 2 151 40      Sonstige Nahrungsmittel "0 3 493 10  
5. Bäder 19 70      Wäsche "0 748 50  
6. Diverse 48 —      Heizung, Licht und Wasser "0 1 477 50  
7. Saldo, Fehlbetrag am 31. März 1903 4 605 —      Diverse "0 266 85 14 310 60
    4. Gehälter, Löhne und Reisevergütung Fr. 3 773 70  
    5. Steuern, Assekuranz und Enregistrement "0 1 863 15  
    6. Bücher, Drucksachen, Porti und Diverse "0 672 95  
    7. Kosten für Unterhaltung der Gebäude "0 1 074 65  
    8. Zinsen auf Vorschüsse "mn 200 — 7 584 45
  31 154 65   31 154 65


Nachgesehen und richtig befunden:
Aug. Klattenhoff, Louis Grub,  H. Lüdert, 
Schatzmeister. Kassenrevisoren. 
[8]
Eingegangene Gaben.
Fr. C.
Beitrag der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin ℳ 1000 1 229 25
Durch das Stuttgarter evang. Sonntagsblatt 30 75
N. N. 2 026 45
3 286 45

Als Reservefonds bei der Mitteldeutschen Kreditbank in Frankfurt stiftungsgemäß angelegt:

ℳ 3 800 – 3½ % Meininger Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 96 ℳ 3 648 –
";; 2 000 – 4 % Frankfurter Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 100.80 ";; 2 016 –
";; 2 500 – 3½ % Frankfurter Hyp.-Pfdbr.
zum ungef. Kurse von ℳ 96.40 ";; 2 410 –
";; 0500 – 3 % Karlsruher Stadtanleihe
zum ungef. Kurse von ℳ 92 ";n 0460 –
";; 3 600 – 4 % Frankfurter Hyp.-Kred.
Ver. Pf. ℳ 100 ";; 3 600 –
ℳ 12 134 –
à 123.– = Fr. 14 924 80



Straßburger Druckerei u. Verlagsanstalt, vorm. R. Schultz u. Co. – 4301.