Achtzehnter Jahresbericht des deutschen Mädchenheims zu Paris 1902/1903
Auf ein Jahr stiller Arbeit und friedlicher Entwicklung
unseres Heims dürfen wir heute zurückblicken. Wir können nichts
berichten von wichtigen Beschlüssen des Verwaltungsrates, Änderungen
in der Organisation oder äußeren Ereignissen, die auf
den Gang der Dinge im Heim bedeutsam eingewirkt hätten.
Dieser Zustand ist uns der allerliebste, denn er beweist uns,
daß die Basis unseres Heimes eine gesunde und seine Einrichtung
eine sachgemäße ist. — Mit diesem Gesamturteil wollen
wir jedoch natürlich nicht sagen, daß die Fortführung unseres
Werkes nicht auch diesmal viel Umsicht und Arbeit, Liebe und
Treue erfordert hätte. Wir gedenken dabei vor allen Dingen der
Leiterin des Heimes Schwester Adele von Verschuer und ihrer Gehülfinnen Fräulein Vaupel und Schwester Frieda Heidbreder, von denen jede ihr Teil zu dem Wohle des Ganzen beigetragen hat und denen wir für ihr Wirken hier unsern Dank zum Ausdruck bringen möchten.
Aus der Statistik des Heimes seien folgende Zahlen mitgeteilt:
Den Bestand von 15 Insassen am 1. April 1902 mitgerechnet
wohnten im Heim während des verflossenen Jahres:
515 Mädchen in 4976 Nächten.
[2] Davon fanden 276 Stellen, während 1598 Anfragen um
Mädchen an das Heim gerichtet wurden:
Der Nationalität nach zählten wir:
| 450 Deutsche, | 1 Französin, |
| 40 Österreicherinnen, | 1 Russin. |
| 23 Schweizerinnen, |
Nach den verschiedenen Ländern geordnet kamen zugereist:
| 390 aus Frankreich, | 12 aus England, |
| 90 aus Deutſchland, | 3 aus Italien, |
| 15 aus der Schweiz, | 5 aus Österreich. |
| Es wohnten im Heim über 1 Monat: | 23 | Mädchen, |
| noch kürzere Zeit: | 492 | " |
Der evangelischen Kirche gehörten 320 an, der katholischen 193, 2 waren Israelitinnen.
Die Zahl der Posteingänge betrug 1857.
„Diese Zahlen beweisen, daß wir ein gutes Durchschnittsjahr im Mädchenheim gehabt haben. Leider ist durch einen Polizeibefehl die Zahl unserer Betten vermindert worden und beträgt jetzt somit 21. Die Verordnungen in Frankreich verlangen für jedes Bett im Zimmer einen Luftraum von 14 Kubikmetern. Bisher hat man bei unserm Heim in Anbetracht seiner freien Lage, seiner großen Reinlichkeit und seines guten Zweckes diese Bestimmung, wie es Übrigens vielfach sonst auch geschieht, nicht genau durchgeführt. Bei einer neuerlichen Revision wurde jedoch auf genaue Einhaltung der Vorschriften gedrungen und selbst eine gütige Verwendung des deutschen Herrn Botschafters Fürsten von Radolin, hatte nur teilweise Erfolg. Wir verstehen nicht, warum man gegen uns gerade so strenge ist, zumal der Gesundheitszustand im Heim immer ein außerordentlich guter war, müssen uns aber natürlich fügen, so sehr wir auch die fehlenden Betten vermissen.
Die deutschen Mädchen sind in Frankreich immer noch gesucht.
Um so größer ist für sie die Gefahr, ihre Ansprüche ins Maßlose
zu steigern und Einfachheit, Gediegenheit und Sparsamkeit
[3] zu verlieren. Es geschieht alles, diesen Gefahren bei den Heimbesucherinnen
entgegenzuarbeiten. Die Einstellung einer Diakonisse,
die die Küche unter sich hat und sich im übrigen möglichst den
Mädchen widmet, sonderlich während der Bureaustunden, in denen
Fräulein Vaupel durch die Stellenvermittlung ganz in Anspruch
genommen ist und ferner des Abends, hat sich vorzüglich bewährt.
Schon einfach durch die Anwesenheit der Diakonisse wird unnützem
Geschwätz und bösem Einfluß vorgebeugt und in den Abendstunden,
wo die Mädchen meist die Nadel rühren, sind Frl. Vaupel und
Schwester Frida im Verein bemüht, durch Vorlesen guter Bücher,
durch Gesang und Ähnliches auf Herz und Gemüt im günstigen
Sinne einzuwirken. Durch solche Vermehrung der Arbeitskräfte ist
es auch möglich geworden, sich mehr den Einzelnen zu widmen,
an ihren Sorgen und Kämpfen teilzunehmen und sie auf rechtem
Wege zu leiten. Dies hat ferner dazu geführt, daß die Fühlung
der Mädchen mit dem Heim, auch nachdem sie es verlassen haben,
eine engere geworden ist. Sie wird aufrecht erhalten nicht nur
durch vielfache Briefe, sondern auch durch das sogenannte
„Kränzchen“ am 1. Sonntag Nachmittag jeden Monats, wo die
Mädchen im Heim bei einer Tasse Kaffee zusammen kommen
können und dabei auch Gelegenheit finden, ein vertrautes Wort
mit Schwester Frida oder Frl. Vaupel zu sprechen. Wir halten
diese neue Einrichtung für sehr wichtig und wertvoll; daß sie
auch von den Mädchen geschätzt wird, beweist die Besuchsziffer,
die sich oft bis zu 40 erhebt. –
Der Gesundheitszustand im Heim war auch in diesem Jahre
ein vorzüglicher. Die wenigen leicht Erkrankten wurden von
Herrn Doktor Vignerot in entgegenkommender Weise behandelt
und rasch wieder hergestellt.
Die stiftungsmäßigen wöchentlichen Bibelstunden wurden
von den deutschen Pastoren abwechselnd gehalten und gerne besucht.
Wir hoffen, daß sie Manchen Stärkung in ihrem Glauben, Trost
und Halt in Sorgen und Kämpfen gebracht haben. –
Über unsere Kassenverhältnisse, die Ihnen nachher unser
verehrter Herr Schatzmeister noch genauer schildern wird, sei hier
[4] folgendes erwähnt. Der Fehlbetrag des vorigen Jahres hatte die
Höhe von 8737,55 Fr. und ist heute auf 4605 Fr. heruntergegangen.
Dieses sehr erfreuliche Resultat erscheint jedoch dann
erst im rechten Licht, wenn man weiß, mit welcher Mühe es
erreicht wurde. Indem wir fast alle Anschaffungen und Reparaturen
im Hause, obwohl sie notwendig erschienen, zurückstellten,
sind in diesen beiden Posten etwa 2000 Fr. gegenüber normalen
Jahren gespart worden, eine Maßregel die sich natürlich ausnahmsweise
anwenden läßt. Ferner wurde die Summe von
2026,45 Fr., die wir unserm Reservefonds seiner Zeit entnommen
hatten, durch die aufgelaufenen Zinsen und Neuanlage derselben
gedeckt, so daß wir diesen Betrag auf laufende Rechnung
gutschreiben und unter N. N. als Einnahme buchen konnten. Aus
diesen Mitteilungen erhellt, daß unsere Finanzlage nach wie vor
eine schwierige ist und wir alle Anstrengungen machen müssen,
damit wir neben der Bestreitung unserer laufenden Ausgaben
auch noch in der Tilgung unserer immerhin noch bedeutenden
Schuld fortfahren können.
Unter diesen Umständen war uns die Gabe des hohen
Magistrats der Haupt- und Residenzstadt Berlin auch in diesem
Jahr eine notwendige und hochwillkommene Hülfe. Wir möchten
auch an dieser Stelle unseren innigsten Dank dafür zum Ausdruck
bringen und zugleich die Bitte damit verbinden, uns auch
ferner diese tatkräftige Hülfe zu gewähren.
In unserm Vorstand haben wir in diesem Jahre leider
wieder eine schmerzliche Lücke zu beklagen. Fr. H. Ehrhardt wurde
nach schwerem Leiden am 7. Februar 1903 aus diesem Leben
abgerufen. Sie hat unserem Vorstande seit dem Jahre 1890 angehört
und seitdem an der Entwicklung des Heimes stets reges
und tätiges Interesse genommen. Der Kranz des deutschen
Heimes au ihrer Bahre war ein Ausdruck unseres bleibenden
Dankes.
Ferner sind Herr und Frau Pastor Dr. Klattenhoff im
Sommer 1902 nach Deutschland zurückgekehrt, auch ihnen werden
wir ein dankbares Andenken bewahren.
[5] Herrn Legationsrat Graf von der Gröben und Herrn Pastor
Bansa dürfen wir heute zum erstenmal in unserer Mitte begrüßen
und wir tun dies in der Zuversicht, daß sie mit uns
vereint an dem Wohle des uns anvertrauten Werkes mitzuarbeiten
bereit sind.
Wir schließen mit dem Danke gegen Gott, der unser Heim
bisher in seine Obhut genommen hat und mit dem Gebetswunsche,
daß er es auch ferner segnen und behüten möge.
Paris im Mai 1903.
Das Gesamtkomitee der deutschen Heime für das Jahr
1903/1904 besteht aus folgenden Persönlichkeiten:
Ihre Durchlaucht Fürstin von Radolin, Ehrenpräsidentin;
den Herren: Kirchenrat Frisius, London, Ehrenmitglied; Pastor
H. Anthes, Vorsitzender; A. Klattenhoff, Schatzmeister;
H. Andrée, Schriftführer; Kommerzienrat L. Grub und
H. Lüdert, Kassenrevisoren; Pastor F. Bausa, A. Blattmann,
A. Geißler, Legationsrat Graf von der Groeben,
Konsul v. Jecklin, J. Tillmanns;
den Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Blattmann, Frau
Grub, Fräulein Luise Grünert, Fräulein Clara Helbig,
Frau Konsul v. Jecklin, Frau Joest, Gräfin Keßler,
Fürstin zu Lynar, Frau Klattenhoff, Fräulein Julie Oetting,
Frau Tillmanns.
Diese alle sind gern bereit, Gaben für unser Werk entgegenzunehmen.
In den Verwaltungsrat für das Jahr 1903/1904 wurden
gewählt:
die Damen: Frau Pastor Anthes, Frau Blattmann, Frau Grub,
Fräulein Helbig, Frau Konsul v. Jecklin, Frau Klattenhoff,
Fräulein Oetting;
die Herren: Andrée, Klattenhoff, Pastor Anthes.
[6]
| Einnahmen. | Ausgaben. | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| Fr. Cts. | Fr. Cts. | ||||
| 1. Eingegangene Gaben im verflossenen Jahre vom 1. April 1902 bis 31. März 1903. | 3 286 45 | 1. Saldo, Fehlbetrag am 1. April 1902 | 8 737 55 | ||
| 2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere und Reservefonds | 522 05 | 2. Zinsen auf die Frankfurt a/M. ruhenden Wertpapiere – dort noch stehend | 522 05 | ||
| 3. Einnahmen in der Kasse des Heims vom 1. April 1902 bis 31. März 1903: | 3. Haushaltungskonto: | ||||
| A. Pension der Lehrerinnen | Fr. 9 147 15 | Neue Anschaffung an Mobiliar und Hausgeräten | Fr. 889 30 | ||
| B. "" Mädchen | " 10 140 90 | Anschaffung von Wein, Kaffee und Tee | " 690 25 | ||
| C. Mahlzeiten ohne Pension | " 863 10 | Fleischerrechnung | " 4 485 65 | ||
| D. Wein | " 370 90 | 20 522 05 | Krämer | " 517 90 | |
| 4. Gaben bei Nachweis von Stellen für Mädchen | Fr. 1 695 — | Bäckerrechnung | " 1 137 05 | ||
| Desgleichen für Lehrerinnen | " 232 90 | Milch | " 604 50 | ||
| –von Damen | 223 50 | 2 151 40 | Sonstige Nahrungsmittel | " 3 493 10 | |
| 5. Bäder | 19 70 | Wäsche | " 748 50 | ||
| 6. Diverse | 48 — | Heizung, Licht und Wasser | " 1 477 50 | ||
| 7. Saldo, Fehlbetrag am 31. März 1903 | 4 605 — | Diverse | " 266 85 | 14 310 60 | |
| 4. Gehälter, Löhne und Reisevergütung | Fr. 3 773 70 | ||||
| 5. Steuern, Assekuranz und Enregistrement | " 1 863 15 | ||||
| 6. Bücher, Drucksachen, Porti und Diverse | " 672 95 | ||||
| 7. Kosten für Unterhaltung der Gebäude | " 1 074 65 | ||||
| 8. Zinsen auf Vorschüsse | " 200 — | 7 584 45 | |||
| 31 154 65 | 31 154 65 | ||||
| Fr. C. | |
| Beitrag der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin ℳ 1000 | 1 229 25 |
| Durch das Stuttgarter evang. Sonntagsblatt | 30 75 |
| N. N. | 2 026 45 |
| 3 286 45 | |
Als Reservefonds bei der Mitteldeutschen Kreditbank in Frankfurt stiftungsgemäß angelegt:
| ℳ 3 800 – | 3½ % Meininger Hyp.-Pfdbr. | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 96 | ℳ 3 648 – | ||
| " 2 000 – | 4 % Frankfurter Hyp.-Pfdbr. | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 100.80 | " 2 016 – | ||
| " 2 500 – | 3½ % Frankfurter Hyp.-Pfdbr. | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 96.40 | " 2 410 – | ||
| " 500 – | 3 % Karlsruher Stadtanleihe | ||
| zum ungef. Kurse von ℳ 92 | " 460 – | ||
| " 3 600 – | 4 % Frankfurter Hyp.-Kred. | ||
| Ver. Pf. ℳ 100 | " 3 600 – | ||
| ℳ 12 134 – | |||
| à 123.– = Fr. 14 924 80 |