Aeneis. 7. Gesang. V. 1–285

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Textdaten
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Autor: Vergil
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Titel: Aeneis
Untertitel: 7. Gesang. V. 1–285
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1793, Vierter Band, S. 227–253
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Christian Ludwig Neuffer
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[227]
Aeneis.
Siebenter Gesang.
V. 1–285.

Unsern Gestaden gewährtest auch du, Aeneische Amme,
O Kajeta! durch deinen Tod unsterblichen Nachruhm,
Ehre bewacht noch dein Grab, und die Urne verkündet, wenn dessen
Je sich die Manen noch freu’n, Hesperien deinen Nahmen.

[228]
5
Als nun Aeneas der Fromme das Fest der Leiche vollendet,

Und den Hügel erthürmt, weil jetzt die wogenden Meere
Ruhten, erneut er den Weg mit den Segeln, und scheidet vom Hafen.
Kräftiglich athmet die Nachtluft, und die silberne Luna
Sichert den Lauf: vom Zitterlicht erglänzet die Fläche.

10
Schon bestreifen sie nächst die Ufer des Landes der Circe,

Wo mit stetem Gesang die unbewanderten Haine
Titans reiche Tochter durchtönt, und in stolzen Palästen
Duftendes Zedernholz zum nächtlichen Feuer sich brennet,
Wenn sie das feine Gewebe durchläuft mit rauschendem Schiflein.

15
Daher höreten sie die Wuth und die Seufzer der Löwen,
[229]

Die den Fesseln sich streuben, und spät in den Nächten noch brüllen;
Auch der borstigen Schweine Gegrunz’, und die in den Ställen
Tobenden Bären, und das Geheul grosleibiger Wölfe,
Die durch der Kräuter Gewalt aus menschlichen Bildungen Circe,

20
Jene tükische Göttin, in Körper der Thiere verkehrt hat.

Daß nun die frommen Trojer nicht auch so schnöde Verwandlung
Litten, verschlagen zur Bucht, noch die schreklichen Ufer beträten;
Füllte Neptunus die Segel an mit günstigen Winden,
Ließ sie entflieh’n, und führte sie ab von der schäumenden Brandung.

25
Und schon röthete sich von Strahlen das Meer, und vom hohen

Aether glänzt’ auf dem Rosengespann die güldne Aurora:

[230]

Da entsanken den Winden die Flügel: das Athmen der Lüfte
Legte sich schnell; auf der stehenden Fläche kämpfen die Ruder:
Hier ersah von der Höhe des Meers Aeneas den großen

30
Hain, aus dem Tiberinus in seinem lieblichen Fluße

Unter reißenden Strudeln, und gelb von dem wallenden Sande
Sich in die Meersfluth stürzt. Verschiedene Vögel in Lüften
Und auf der Flur, an die Ufer gewöhnt und die Mündung des Flußes,
Mildern den Aether daselbst mit Gesang und flattern im Haine.

35
Hier gebot er zu hemmen den Lauf, und die Schnäbel zum Strande

Hinzulenken, und nahte vergnügt dem schattichten Ufer.

Auf jezt, Erato! jezt besing’ ich die Kunden der Vorwelt,

[231]

Welche König’ und welche Gestalt einst Latium hatte,
Als die kommende Schaar an Ausoniens Küste gelandet,

40
Jezt entschleiert mein Lied den Zunder der werdenden Schlachten,

Du, o Göttin! belehre den Dichter. Abscheuliche Kriege
Sind mein Gesang, Kampfheer’ und die Wuth blutlechzender Fürsten,
Und die Tyrrhenerschaar, und das ganze, zu Schlachten gezwung’ne,
Italervolk. Mir enthüllen sich größere Szenen; im Busen

45
Wälz’ ich ein größeres Werk. – Der König Latinus beherschte

Längst schon, ein Greis, im Frieden das Land und die ruhigen Städte.
Diesen zeugete mit der Laurentischen Nymphe Marika
Faunus, den Faunus Pikus, und der prieß dich, o Saturnus!

[232]

Seinen Vater: du bist des Stammes ältester Ahnherr!

50
Kein Sohn war, nach der Götter Rath, kein männlicher Erbe

Diesem bestimmt, in dem ersten Erwachen der Jugend entrißen.
Eine einzige Tochter besaß so mächtige Size,
Schon für den Gatten gereift, und mannbar in Fülle der Jahre.
Viele freiten um sie aus dem ganzen Latium, viele

55
Aus dem Ausonischen Land, um sie der Schönste der Schönen

Turnus, stolz auf die Väter und Ahnherrn, welchen des Königs
Gattin sich zum Eidam erlaß mit liebender Eile.
Aber mit Schreknissen waffnen sich Zeichen der Götter dagegen.

Mitten im Schloß, in den thürmenden Höfen erhub sich ein Laurus,

[233]
60
Heiliges Laubs, und beschüzt durch die Heiligkeit älternder Jahre,

Welchen Vater Latinus fand, als er noch die ersten
Häußer gründet’ und, sagt man, dem Phöbus selber geweiht hat,
Und die verpflanzten Völker nach ihm Laurenter genennet.
Dichte Bienen, mit großem Geräusch in dem flüßigen Aether

65
Hergeführt, besezten, wie wunderbahrlich! den höchsten

Gipfel desselben, und wechselnd die Füß’ in einander geschlungen,
Hing herunter der plözliche Schwarm an dem laubigen Aste.
Alsbald sprach ein Prophet: Hier seh’n wir einen vom Ausland
Kommenden Mann, und ein strebendes Heer von dem nehmlichen Welttheil

70
Zu dem nehmlichen Ort, und den Thron auf dem obersten Schloße.
[234]

Ferner noch, als er mit festlichem Brand die Altäre beflammte,
Und sie neben dem Vater stand, die Lavinische Jungfrau,
Deuchts ihr, o Wunder, sie fasse das Feu’r mit den wallenden Loken,
Und der sämtliche Schmuk zerlodr’ in prasselnder Flamme,

75
Und es brenn’ ihr königlich Haar, es brenne die Krone,

Glänzend von Edelgestein, und in Rauch gehüllt von dem gelben
Lichte, verstreue sie Feuer umher in dem ganzen Palaste.
Diß war ein Schauergesicht und wunderbahrlich die Deutung:
Denn berühmt durch den Ruf und das Schiksal, sangen die Seher,

80
Würde sie, doch furchtbaren Krieg weissag’ es dem Volke.

Nun, von den Zeichen bestürzt, geht zu des prophetischen Vaters,

[235]

Faunus Orakel der König, und forscht in der hohen Albuna
Hainen, die dort die gröst’ in den Wäldern, in heiliger Quelle
Rauscht, und starken Schwefelgeruch beschattet enthauchet.

85
Die Italischen Stämm’ und das ganz’ Oenotrische Erdreich

Hohlen daselbst sich Sprüch in der Noth. Wenn der Priester das Opfer
Hieher geführt, und sich hingelegt auf die Häute der Schafe,
Die er schlachtet’ in schweigender Nacht, und Schlummer erfleht hat:
Siehet er viele Gebild’ in mancherley Hüll’ ihn umflatternd,

90
Und vernimmt verschiedene Laut’, und genießet der Götter

Unterredung, und spricht mit den Manen im tiefsten Avernus.
Jetzt auch schlachtete da nach der Sitte Vater Latinus

[236]

Hundert der wollentragenden Schaf’, um Sprüche zu hören,
Und lag auf den Rücken der Schaf’, und verspreiteten Vließen

95
Ausgestreckt: da entscholl die plözliche Stimme dem Haine:

Trachte du nicht, mein Sohn! mit den Lateinischen Freiern
Zu vermählen die Tochter, noch trau dem bereiteten Brautbett:
Fremde Eidamme nah’n, die durch ihr Blut zu den Sternen
Unseren Nahmen erhöh[’]n, von deren Geschlechte die Enkel

100
Alles sich unter den Füßen, soweit die wandelnde Sonne

Beyde Meere beschaut, sich schmiegend und wälzend erbliken!
Diese Sprüche vom Vater, dem Faunus den Rath in der stillen
Nacht ihm ertheilt, verbarg nicht Latinus mit schweigender Lippe:

[237]

Sondern sie hatte schon lang die weitumflatternde Fama

105
Durch die Ausonischen Städte verpraßt, da Laomedons Jugend

An des Ufers grasigen Damm die Flotte gebunden.

Held Aeneas, die obersten Führer, und Julus der Schöne,
Lagern unter die Aeste sich hin an ragendem Baume,
Und bereiten ein Mahl, und legen Kuchen aus Weizen

110
Unter die Speisen im Gras, (so gabs selbst Zeus in die Herzen),

Und erthürmen ländliches Obst auf den Boden der Ceres.
Als sie nun eben das andre verzehrt, und der Mangel an Nahrung
Gegen die dürftige Ceres den Zahn zu kehren sie antrieb,
Und mit der Hand und frevlendem Biß den die Entscheidungsvolle,

[238]
115
Rinde selbst zu entweih’n, noch des flachen Tellers zu schonen:

Da sprach Julus: ey seht, wir essen nun selber die Tische.
Doch nicht scherzt’ er weiter. Sein Ausspruch lehrte der Mühen
Ende zuerst, und zuerst verschlang von des Redenden Munde
Ihn der Vater, und fiel ihm drein, durchbebt von der Gottheit:

120
Plözlich sprach er: Sey mir gegrüßt, vom Geschick mir vergönntes

Erdreich, und auch Ihr, getreue Penaten der Trojer!
Hier ist mein Hauß, mein heimisches Land. Denn Vater Anchises,
Jezt besinn’ ich mich, hat diß geheime Geschik mir geweissagt:[WS 1]
Wenn dich, mein Sohn! der Hunger zwingt, an ein unbekanntes

125
Ufer geführt, den Tisch nach verzehrtem Mahl zu verschlingen
[239]

Dann, Ermüdeter! hoff’ erst Häuser, und dorten gedenke
Aufzubauen den ersten Siz und Dämme zu thürmen.
Diß war jener Hunger, uns war diß Ende beschieden,
Unsrer Verbannungen Ziel. Wohlauf denn, und laßt mit dem ersten

130
Strahle der kommenden Sonn’ uns freudig die Gegenden ausspäh’n,

Welche Menschen da sind, und wo die Mauren des Volkes,Und von dem Hafen entlang nach verschiedenen Richtungen hingeh’n,
Jezo opfert aus Schalen dem Zeus und ruft mit Gebeten
Zu Anchises dem Vater, und bringt den Wein auf die Tische.

135
Sprachs und umwand die Schläfe sich mit dem grünenden Zweige;

Fleht zu dem Genius dann des Orts, und der ersten der Götter

[240]

Tellus, dem Nymphenchor, und den Flüssen, deren er seither
Kundig nicht war, zu der Nacht, und der Nachtaufgehenden Zeichen;
Auch den Idäus Zeus, und nach Ordnung die Phrygische Mutter

140
Betet er an, und das Aelternpaar, im Olymp und Avernus.

Dreymal donnerte jezt der allmächtige Vater vom klaren
Himmel herab, und erschütterte selbst ein Gewölk, von des Blizes
Strahl und von Golde besäumt, mit der Hand, und zeigt es am Himmel.
Jezt durchlief ein schnelles Gerücht die trojanische Heerschaar,

145
Kommen sey nun der Tag, daß man baue die Stadt, die bestimmte.

Eifernd erneuen sie wieder das Mahl und erfreut von dem großen
Zeichen, stellen sie Becher umher, und bekränzen die Weine.

[241]

Als nun des folgenden Tages Beginn die Welt mit der ersten
Leuchte beschien, erspäh’n sie gesondert die Stadt und die Grenzen

150
Und des Volkes Gestad: hier fluthet der Quell des Numikus

Dort ströhmt Thybris der Fluß, da wohnen die tapfern Lateiner.
Hierauf sendet Anchises Sohn erlesene Männer
Aus der sämmtlichen Zahl zu den heiligen Mauren des Königs,
Hundert Herold’, alle verhüllt mit Zweigen der Pallas,

155
Gaben zu bringen dem Mann’, und Frieden zu flehen den Teukrern

Ohne Verzug: die Befehlichten eilen und rennen mit raschen
Schritten. Er selber beschreibt mit niedrigen Gräben die Mauren,
Und bevestigt den Ort, und die ersten Häuser am Ufer
Schließt er nach Weise der Lager, mit Schanzen ein und mit Wällen

[242]
160
Schon, nach vollendetem Weg, erblikten die Jünglinge Thürme

Und der Lateiner ragende Siz’, und nahten den Mauren!
Knaben daselbst vor der Stadt, und die Jugend im Frühling der Jahre
Üben auf Roßen sich, und tummlen die Wagen im Staube,
Spannen den treffenden Bogen auch, und schleudern mit Händen

165
Ruhige Lanzen umher, und ermatten im Lauf und im Kampfe:

Als auf dem Rosse voraus zu des alten Königes Ohren
Ein Verkündiger flog, in fremden Kleidungen seyen
Großer Männer genaht. Er heißt sie in die Gemächer
Rufen, und sezt auf den Thron der Väter sich in der Mitte.

170
Feierlich war sie und gros, auf hundert Seulen erhaben,
[243]

Ganz in der Höhe der Stadt, die Burg des Laurentischen Pikus;
Schauervoll durch den Hain und der Väter heilige Andacht.
Hier den Stab zu empfah’n, und die Erstlingsfascen zu tragen,
War der Könige Brauch: noch war auch der Tempel ihr Rathsaal;

175
Hier zu den festlichen Mahlen der Ort: hier pflegten die Väter

An geselligem Tisch nach geschlachtetem Widder zu sizen.
Siehe, den Ordnungen nach der alten Väter Gestalten,
Grauenden Zedern entschnizt: Italus und der Vater Sabinus
Pflanzer der Reben, – er hält die Sichel unter dem Brustbild, –

180
Und Saturnus der Greis, und der doppeltstirnige Janus,

Standen im Vordergemach, und andere Fürsten der Urzeit,

[244]

Und die Helden, mit Wunden geschmükt im Kampf für die Heimat.
Ferner hiengen der Waffen noch viel an den heiligen Pfosten,
Auch erbeutete Wagen, und krummgesichelte Schwerdter,

185
Auch die Büsche der Helm’, und große Schlösser von Thoren,

Lanzen auch und Schild’, und von Schiffen gerissene Schnäbel.
Selbst mit dem Quirinalischen Stab und geschürzt in dem kleinen
Purpurgewand, saß dort, und hielt in der Linken ein Schildlein,
Pikus, der Rossebezähmer: den wild von begehrender Liebe

190
Circe mit güldener Ruthe gepeitscht, durch Gifte verwandelt,

Und zum Vogel gemacht, und die Flügel mit Farben bestreut hat.
Innen in diesem Tempel der Himmlischen und auf der Väter

[245]

Throne sizend, berief Latinus herein die Trojaner,
Und sprach also zuerst, wie sie kamen, mit freundlichem Munde:

195
Sagt mir Trojer, denn eure Stadt und eure Abkunft

Kennen wir wohl, und geweissagt[WS 1] schift ihr zu uns auf dem Meere,
Was begehrt ihr? was führte die Schiff’ und wessen ermangelnd
An das Ausonische Land, durch so viele der graulichen Wellen?
Ob ihr durch lange Verirrungen oder von Stürmen verschlagen,
Welcherley manches im hohen Meer die Schiffer erdulden,

200
Unseres Flusses Gestad erschwamm’t und im Hafen nun weilet,

Fleucht nicht den gastlichen Bund, und erkennet in den Lateinern
Enkel Saturns; durch Fesseln nicht noch Sazungen bider,

[246]

Halten wir ohne Zwang die Weisen des Gottes der Vorzeit.

205
Und ich besinne mich noch, die Sag’ ist in Jahren verdunkelt,

Was die Aurunkischen Greise gesagt, daß Dardanus, diesen
Fluren entstammt, zu den Phrygischen Städten des Ida gewandert,
Und in die Thrazische Samos, so jezt Samothrazia heisset,
Dahin gereißt von des Corythus Tyrrhenischem Size,

210
Nahm ihn jezt die güldene Burg des besternten Olympus

Auf den Thron, und gesellt ihn zur Zahl der Götteraltäre.
Sprachs und Ilioneus[WS 2] antwortete diß auf die Rede:
König! des Faunus trefflicher Sohn! uns hat nicht ein schwarzer
Sturm auf den Fluthen erhascht und an eure Küste geworfen,

[247]
215
Noch lokt uns ein Gestirn von dem Pfad ab oder ein Ufer:

Vesten Sinns und mit wollender Seel’ erreichten wir diese
Stadt, den Reichen entjagt, so einst die kommende Sonne
Von dem fernsten Olymp die größten von allen beschaute.
Unser Geschlecht beginnet bey Zeus, Zeus rühmt sich, des Anherrn,

220
Dardanus Volk. Der König selbst, Aeneas der Trojer,

Von Zeus höhestem Stamm, randt’ uns zu deiner Behausung.
Welch ein Sturm, von dem wilden Mycen[e] aus sich ergießend,
Durch die Idäischen Fluren gestürmt, durch welch ein Verhängniß
Asia und Europa, die zween Welttheile sich schlugen;

225
Hörten auch die, so das äußerste Land mit dazwischengeströhmten
[248]

Ocean trennt, und die, so die Zone des glühenden Phöbus
In der Mitte der vier erdgürtenden Zonen entfernet.
Jenem Verderben entfloh’n nach so großen durchsegelten Meeren,
Fleh’n wir den heimischen Göttern ein friedlich Gestad, und ein kleines

230
Zufluchtsort, und heitere Luft uns allen und Wasser.

Nie sey durch uns geschmähet das Reich; nicht klein wird sich euer
Ruhm erhöh’n, noch der Dank so großer Geschenke verwelken;
Nie wird’s, Troia zu hegen im Schoos, die Ausonier reuen.
Ich beschwörs bey Aeneas Geschik und der mächtigen Rechte,

235
Ob sie Jemand an Treu sich erprobt hat oder in Schlachten,

Viele Völker und Menschen, (verschmähe nicht, was wir da willig

[249]

In den Händen dir bringen, die Binden und flehende Worte)
Haben zu sich uns begehrt, und wollten mit uns sich verbinden.
Aber der Götter Geschik trieb uns mit strengen Befehlen,

240
Euer Land zu erspäh’n. Von hier stammt Dardanus: hieher

Ruft uns Apollo zurück und treibt uns mit mächtigen Sprüchen
Zum Tyrrhenischen Thybris und heiligen Quell des Numikus.
Ferner verehrt er dir kleine Geschenke, des vorigen Wohlstands
Dürftige Ueberrest’, aus der brennenden Troja gerettet.

245
Bey den Altären ergoß Anchises der Vater aus diesem

Golde den Wein; diß Gewand war des Priamus, wenn er nach Sitte
Recht den berufenen Völkern sprach: den heiligen Kopfschmuk,

[250]

Und diß Zepter, und Kleider, das Werk von Ilischen Frauen.

Als Ilioneus schwieg, hielt noch Latinus zum Hinschau’n

250
Unverwandt sein Gesicht, sah ohne Bewegung zu Boden,

Starrende Blik’ umwälzend. Den König rührt der gestikte
Purpur nicht, ihn rührt nicht so sehr des Priamus Zepter,
Als er am bräutlichen Bett und der Ehe der Tochter verweilet,
Und in dem Herzen bewegt den Spruch des heiligen Faunus.

255
Dieser daucht ihm der Mann, aus fremden Ländern gewandert,

Ihm zum Eidam bestimmt, und ins Reich gerufen zu gleicher
Herrschaft; dessen Geschlecht würd’ einst durch Tapferkeit glänzen,
Und mit stürmender Hand die ganze Erde bezwingen.

[251]

Endlich redet er freudig: Beglükt mein Beginnen, ihr Götter!

260
Eure Verheißungen segnet. Du Trojer empfängst, was du wünschest,

Auch nicht verschmäh’ ich die Gaben. Es fehl’ euch im Schuz des Latinus
Nie an der Füll’ ergiebiger Aeker und Trojischem Reichthum.
Nur Aeneas auch selbst, wenn nach mir ihn so sehnlich verlanget,
Wünscht er zu knüpfen den gastlichen Bund, ein Genoße zu heißen,

265
Komme zu mir, und scheue sich nicht vor den Mienen des Freundes.

Mir versiegle den Bund des Herrschers traulicher Handschlag.
Ihr hingegen bringt zu dem Könige, was ich euch sage.
Eine Tochter besiz ich, die heimischen Freiern zu trauen,
Nicht aus des Vaters Hallen die Sprüch’ und viele des Himmels

[252]
270
Zeichen gestatten: die Eidame nah’n aus fremden Gefilden,

Diß sey Latiums Loos, die durch ihr Blut zu den Sternen
Unseren Nahmen erhöh’n. Ihn heisch’ in Jenem das Schiksal,
Glaub’ ich nicht nur, ich wünsch’ es, wenn wahres im Geiste mir ahndet.
Sprachs, und der Vater erwählete Pferd’ aus der sämmtlichen Anzahl.

275
Glänzend standen daselbst dreyhundert an ragenden Krippen.

Plözlich gebot er der Hufebeflügelten Eines für jeden
Trojer zu hohlen, mit Purpur bedekt und gestiketem Teppich;
(Güldene Ketten entfließen der Brust und hängen herunter,
Gold ist ihr Kleid: es knirschet ihr Zahn auf röthlichem Golde;)

280
Dem abwesenden Helden ein Zwillingsgespann mit dem Wagen,
[253]

Von ätherischem Saamen, die Feuer den Nasen entschnoben,
Jenem Gezücht’ entstammt, das geheim die Dädalische Circe
Von der beschlafenen Mutter erhielt, halbgöttliche Zwitter.
Also beschenkt und belehrt von Latinus, kehrten Aeneas

285
Herold’ hoch auf den Rossen zurük, mit der Kunde des Friedens.
Neuffer.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. a b Vorlage: geweiſsagt
  2. Vorlage: Iloneus