Alle deutschen Männer an die Wahlurne!

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Titel: Alle deutschen Männer an die Wahlurne!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 723-724
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[723] Alle deutschen Männer an die Wahlurne! Die deutsche Nation steht am Vorabende zur Wahl der neuen Abgeordneten zum Reichstage. Wer nicht beide Augen vor den Ereignissen auf dem Theater des öffentlichen Lebens geschlossen gehalten hat, der weiß, was bei dieser Reichstagswahl auf dem Spiele steht. Bei den bevorstehenden Wahlen wird die Entscheidungsschlacht geschlagen werden zwischen dem freien Geist eines gesunden Fortschritts, der dem deutschen Namen überall Ruhm und Achtung errungen hat, und der gleißnerischen Unterwürfigkeit rückschrittlicher Gesinnung, welche das freie Denken knechtet und in Rom ihre Stütze sucht zwischen dem Patriotismus, der nach langer Zerrissenheit Deutschland geeinigt, und den Sonderinteressen, welche sich gegen die festere Knüpfung der auf den Schlachtfeldern von 1870 errungenen Einheit feindlich aufbäumen – zwischen all Denen, die auf der ruhmreich eingeschlagenen Bahn freiheitlicher Entwickelung beharren, und Denen, welche die Rückkehr einer [724] längst überwundenen und jedes großen, aufgeklärten Volkes unwürdigen Willkürherrschaft heraufbeschwören möchten – kurz: zwischen dem Liberalismus und der Reaction.

Wohl wissen wir, daß wir unsere Leser nicht erst davon zu überzeugen brauchen, daß das Heil Deutschlands in dem Siege der Freiheit liegt, und wenn wir trotzdem mitten in der Wahlagitation das Wort ergreifen, so geschieht es nur, um die Lässigen zur Urne zu rufen; die Kurzsichtigen dagegen auf die uns drohende Gefahr aufmerksam zu machen; es geschieht aber auch, um die lautgewordene Verleumdung Lügen zu strafen: Alles, was jetzt im deutschen Reiche schlecht und faul stehe, habe der Liberalismus verbrochen.

Wir brauchen, um diese unwürdige Beschuldigung zu widerlegen, nicht weit in unsere Geschichte zurückzugreifen: nur bis in jene Zeiten, da der sogenannte „Deutsche Bund das Volk im Innern knechtete und nach außen hin seinen politischen Einfluß schmälerte. Angesichts der geschichtlichen Thatsachen fragen wir vor allem Volk: Wer waren die Männer, die schon in jener Zeit die Nation aus schmählichem Verfall zu neuer Blüthe und Macht emporgehoben, wer waren sie, die in der langen Reihe von Jahren, in den Tagen des Sturmes und in der Zeit des Friedens für die auf Einheit begründete Machtstellung, für das volkswirthschaftliche Aufblühen, für die sittliche und geistige Bildung der Nation mutig und aufopferungsvoll eintraten?

Die Antwort daraus lautet:

Wenn wir die Namen der Männer aufführen wollten welche in dem halbhundertjährigen Kampfe für Deutschlands Erlösung aus der Bundesmisere das Lebensglück und das Leben selbst einsetzten, so müßten wir die Ehrentafel der edelsten deutschen Märtyrer aufstellen Sie, in deren Seele das Bild des alten „Reichs mit neuem Geiste lebte, hatten die große Aufgabe, das (im Anfang des Bundes) in einundvierzig souveraine Gebiete und Gebietchen geschiedene Volk für den nationalen Gedanken erst wieder empfänglich zu machen und in der deutschen Nation, die in Wissenschaft und Kunst, in Industrie und Verkehr so Großes vollbracht, endlich auch die Politik auf bessere, auf nationale Bahnen zu lenken, damit das Dichterwort sich bewahrheite:

„Daß, wenn Deutschland einig blieb,
Es einer Welt Gesetze schrieb. “

Und wer waren dagegen Diejenigen, welche sich unter der Bundesherrschaft so wohl befanden, daß sie dieselbe mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln rücksichtslosester Machtausübung aufrecht zu halten suchen?

Es gäbe ein langes Register, das uns sogar in die Gefahr eines politischen Preßprocesses bringen würde, wollten wir alle jene Namen nennen. Als kennzeichnend für sie erscheint es, daß ihre oberste Sorge in der „Conservierung“ alles dessen bestand, was ihre bevorzugte Lebensstellung sicherte. Dazu gehörten vor Allem die vielen souverainen Höfe mit dem Genuß der höchsten Stellen im Hof- und Staatsdienst und der Beeinflussung der Kirche und Schule: dazu gehörten Vorrechte und Privilegien, welche der anstürmende „Liberalismus“ zu Gunsten des Gemeinwohles des Volkes bedrohte. Darum war ihnen jeder nach Deutschlands Einheit und nach Nationalvertretung Strebende ein „Staatsverbrecher“ - und eben darum konnte es nur in Deutschland verkommen, daß die damalige Soldateska bei einem Angriff auf das Volk ausrufen durfte: „Schlagt ihn todt! Er ist ein Patriot.„[1]

Und selbst nachdem nach schweren Stürmen und Erfahrungen der Metternich’sche „Quietismus“ und die russificirte Allianzpolitik abgethan und der Paragraph 13 der Bundesacte (welcher allen Bundesstaaten landständische Verfassungen verhieß) endlich zur Wahrheit geworden war, standen sich auch hier beide alte Gegnerschaften in den Schranken der Landtage gegenüber. Sollte es schon ganz vergessen sein, wer, wie früher, so auch jetzt für die Rechte des Volkes eintrat? Wer hat den Landmann von Zehnten und Frohnden und anderen alten Lasten befreit? Die Liberalen! Wer hat das Handwerk aus dem Bann der Zunft zu erlösen gesucht? Die Liberalen! Wer hat die Arbeiter zu ihrer Aufhülfe zu Genossenschaften vereint? Die Liberalen! Wer hat den Verkehr von seinen Hemmnissen zu befreien, wer gleiches Recht für Alle zu erstreben gesucht? Die Liberalen! Wer aber waren in allen diesen Kämpfen die erbittertsten Widersacher dieser Bestrebungen? Die Conservativen! Und welche Mittel wandten sie an, um die Männer des Volkes „unschädlich“ zu machen? Wir wollen nicht bis zu Weidig und Sylvester Jordan zurückgreifen, wir wollen aber daran gemahnen, was noch gegen einen Waldeck möglich war, um dem Volke der Gegenwart anzudeuten, wo es seine Freunde zu suchen hat und wo seine alten Widersacher.

Wir sind weit davon entfernt, in den alten politischen Fehler zu verfallen, in den Gegnern unserer Ueberzeugung auch sofort Feinde des Staates zu erblicken; wir wollen gern glauben, daß jeder Verfechter seiner Ansicht es ehrlich meint, der öffentlich seine Treue zum Reich versichert. Wenn wir aber Parteien begegnen, bei deren Festlichkeiten man auf deutschem Boden das erste Hoch dem Papst ausbringt und erst das zweite dem Kaiser, so dürfen wir wohl darauf schließen, daß diesen Herren nicht „Deutschland über Alles“ geht, sondern Rom.

Und wenn wir einer anderen Partei begegnen, deren Mitglieder noch heute über die Beschränkung der Souveränität ihrer Heimathstaaten grollen und die souveräne Herrlichkeit zu Zeiten des Bundestages nicht vergessen können, so dürfen wir auf die Unerschütterlichkeit auch ihrer Reichstreue wenig bauen. Wenn wir nun aber gar vor der Gefahr stehen – und wir stehen vor solcher Gefahr – daß diese Parteien durch ihr vereintes Vorgehen im Reichstage die Macht in ihre Hand bringen könnten, um bestrittenen Gesetzen und Einrichtungen zum Siege zu verhelfen, von welchen das Schicksal von Millionen abhängt, so ist die erste Pflicht aller wahren Vaterlandsfreunde, sich gegen eine solche Gefahr zu rüsten.

Zunächst sehen wir bereits den Jesuitismus in der Politik seine giftigen Blüthen treiben: Mit unvergleichlicher Keckheit sucht man vom conservativen und ultramontanen Lager aus dem deutschen Volke den Liberalismus zu verdächtigen. Er soll der Sündenbock sein, dem die ganze dermalige bedrängte Lage zu verdanken ist. Ganz offen sprechen dies fünf Resolutionen aus, welche zu Bonn von der „achtundzwanzigsten Generalversammlung der Katholiken Deutschlands“ einstimmig gefaßt wurden; sie fordern unter Anderem „volle Liebe und Hingabe, wie ganze und unbedingte Unterwerfung unter die Autorität des apostolischen Stuhls“, baldige und vollständige Beseitigung der Maigesetze, unverkürzte Herrschaft über die Schule und Wiederherstellung der klösterlichen Genossenschaften.

Es klang wie eine Jubelouvertüre, als der siegesgewisse Führer dieser Schaar zum Schluß die Worte sprach: „Unser Programm werden wir voll und ganz aufrecht erhalten, kein Titelchen daran ändern. Denn was verlangen wir. Nur die Wiederherstellung des vorherigen Zustands. Wir wünschen, daß wir damit, wenn nicht um zwölf Uhr, so doch um ein oder zwei Uhr anfangen und zum Mindesten um sechs Uhr fertig sind. Wenn die Franzosen den Rhein haben wollen, so singen wir: ,Sie sollen ihn nicht haben.‘ Den Liberalen gegenüber, die die Schule haben, sagen wir: ‚Sie sollen sie nicht behalten!‘ Bald wird man wahrscheinlich dieses eine Frechheit nennen; ich bin so frech zu sagen, daß wir nicht ruhen wollen, bis Eltern und Kirche die Schule wieder haben.“

So sprach Windthorst, und somit stehen nun die Thore von Canossa sperrangelweit offen.

Wird Der, zu dessen Ehren das Denkmal „Nicht nach Canossa“ erhöht ist, dem „frechen“ Winke noch vor sechs Uhr folgen?

Wir stehen vor dem Manne, dessen gewaltiger Geist und unbeugsamer Wille so Außerordentliches vollbracht, daß wir stets voll Ehrfurcht und Dankbarkeit zu ihm aufschauen werden, auch wenn wir ihn auf Bahnen wandeln sehen, auf denen wir ihm nicht folgen können. Als Leiter der äußern Politik Preußens und Deutschlands wird er an Großartigkeit des von ihm Erreichten, wie an Schwergewicht des durch ihn Verhüteten wohl ohne Gleichen bleiben. Ebenso hat er in der innern Politik während der ersten Jahre seines deutschen Reichskanzlerthums Großes und Segensreiches gefördert, bis er den volkswirthschaftlichen Zankapfel auf den Reichstisch warf. Seitdem ist der kaum begrüßte Friede aus den Parteien, aus dem Hause und aus der Nation gewichen, und der Reichskanzler steht wieder, wie vor dem Krieg von 1866, auf dem Standpunkt, die Mittel zur Durchführung seiner Pläne zu nehmen, wo er sie findet. Da nichts betrübender und gefährlicher ist, als Unklarheit über das Wesen eines solchen Mannes, so greifen wir mit höchstem Interesse eine Erklärung auf, die uns für den gegenwärtigen Augenblick ganz besonders wichtig erscheint. Wir geben sie aus dem „Berliner Tageblatt“ im Auszuge hier wieder:

„Der Abgeordnete Berger (Witten),“ so heißt es dort, „ein Mann, der in volkswirthschaftlicher Hinsicht keineswegs zu den Gegnern des Reichskanzlers gezählt werden kann, in diesem Betracht also bei den Anhängern der reichskanzlerischen Politik um so mehr Glaubwürdigkeit beanspruchen dürfte, hat seinen Wählern in Dortmund dieser Tage erzählt, der Reichskanzler habe ihm privatim offen erklärt, ,was er sich wünsche, sei eine Majorität, wie sie Louis Napoleon in seinem Corps législatif gehabt‘ – – ,in constitutioneller Weise lasse sich nur regieren, wenn, wie in England, der Premierminister zugleich der Führer der Majorität des Parlamentes sei‘. Herr Berger erwiderte dem Reichskanzler darauf, ,daß der Satz umgekehrt richtig sei, daß nämlich in England der Führer des Unterhauses Ministerpräsident sei‘. In dieser verkehrten Anwendung eines an sich richtigen Princips aber liegt die Klippe, an welcher die innere Politik des Fürsten Bismarck scheitern muß. Gegen den reaktionären nackten Absolutismus sträubt sich seine Staatsklugheit und seine Verfassungstreue; mit dem liberalen Parlamentarismus, den er als consequente Entwickelung unserer verfassungsmäßigen Zustände anerkennen muß, stehen seine politischen Traditionen, seine autokratischen Neigungen und seine augenblicklichen Pläne im Widerspruch. Das von ihm erstrebte Mittelding aber, der Scheinconstitutionalismns, der Absolutismus in parlamentarischen Formen nach dem Muster des napoleonischen Corps législatif, muß, wie die Geschichte lehrt, an seiner inneren Unwahrheit zu Grunde gehen.“

Die freiheitsgefährlichen Bestrebungen Bismarck’s, das Gebahren des Centrums, die Angriffe der Ultramontanen und der officiösen Presse gegen die Parteien und die Männer, welche im schweren Dienst der Freiheit von jeher auf der Seite des Volks gestanden – all dies sollte in diesem hochwichtigen Momente die gesamten Liberalen in Deutschland zu einmütigem Handeln auffordern. Aber dennoch sehen wir in beklagenswerter Verblendung von den einzelnen Fraktionen der ehemaligen großen liberalen Partei jede für sich allein oder sogar gegen die anderen in Thätigkeit. Und doch sind die Gegensätze, welche zwischen ihnen bestehen, verschwindend klein im Vergleiche mit der Gefahr, die nicht ihnen allem, sondern auch dem so schwer errungenen höchsten politischen Gute der Nation, dem Recht und der Würde des Reichstags, droht. Das Schlimmste, das Entwürdigendste kann uns vor den Augen der Welt widerfahren. das Verfeilschen der Rechte der deutschen Nation und die Rechte des römischen Stuhls. Das sollte jeden deutschen Mann von freiem Geist und Herzen mahnen, allen kleinen und oft genug kleinlichen Hader abzuwerfen und dem übermütigsten Feind, der sich selbst seiner „Frechheit“ erfreut, gemeinsam entgegenzutreten. Können die Fractionsführer den gemeinsamen Weg nicht finden, gut, dann mögen sie wenigstens das gesammte freisinnige und vaterlandstreue Volk nach einem Ziele hinweisen, zu gemeinsamer Wahl im liberalen Sinne: mögen sie doch vor dieser großen Gefahr, in welcher die deutsche Reichsvertretung schwebt, endlich dem Heerspruch unseres großen Strategen folgen: Getrennt marschiren, aber vereint schlagen!



  1. Vergl. „Gartenlaube“, Jahrg. 1872, S. 364