Allgemeiner Briefkasten (Die Gartenlaube 1858/2)

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Titel: Allgemeiner Briefkasten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 32
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[32] F. L. in N. Ihr Artikel: „der Mittelstand“ enthielt manches Wahre, aber auch viele Angriffe nach rechts und links, die wir nicht vertreten möchten. Es ist ebenso wenig wahr, daß hohe Stellung im Leben hart und fühllos mache, wie es richtig ist, wenn Sie den weniger gebildeten Classen Habsucht und Mitleidlosigkeit vorwerfen. Die wahre Bildung, die des Herzens, schlägt überall ihre Werkstatt auf und nur in der Brust des Geldmenschen der Neuzeit, der seine Reichthümer nicht durch Arbeit, sondern im Taumel der Speculation und des Spiels gewinnt, findet sie kein Plätzchen. Dieser beweist seine Bildung durch äußern Glanz, durch feine Soupers, durch Pferde und anrüchige Liebschaften und auf ihn paßt, was Börne sagt: „Reichthum macht das Herz schneller hart, als kochendes Wasser ein Ei.“ und just der Mittelstand liefert zu dieser Sorte Menschen ein reiches Contingent. Deshalb ist Ihr Artikel nur halb wahr und Ihre Verurtheilungen nach Oben und Unten unbegründete. Erlauben Sie mir Ihnen durch einige Beispiele zu beweisen, wie ungerecht es ist, den Stab über gesellschaftliche Schichten im Allgemeinen zu brechen.

Die Frau Hauptmann L., eine Wittwe, arm und nur mit einer kargen Pension bedacht, war gezwungen, um sich und ihren einzigen Sohn zu ernähren, für fremde Leute zu arbeiten und sie that das, obwohl’s ihr in der Wiege nicht gesungen war, doch gern und willig und mit Anstrengung aller ihrer Kräfte. Sie lebte still und zufrieden, ihre einzige Freude bestand in den Briefen ihres Sohnes, der sich auf einer Schule in der Residenz zum Techniker heranbildete. Bei ihrem Fleiß und der großen Genügsamkeit, mit der sie wirthschaftete, war ihr Budget stets in Ordnung und nur, als der Sohn gezwungen war, zu seiner weiteren Ausbildung eine größere Reise anzutreten, fehlten ihr die nöthigen Mittel, so daß sie sich genöthigt sah, Freundeshülfe in Anspruch zu nehmen. Betteln wollte sie nicht, sie versuchte es Geld zu leihen, aber überall fand sie nur schöne Reden und bedauerndes Achselzucken, nirgends eine offene Börse. Da entschloß sie sich, ihrem Sohne zu lieb, das letzte theure Andenken ihres Gatten, eine reichbesetzte Uhr, zu verkaufen. Vor einigen Monaten begab sie sich zu einem Juwelier in der X-Straße und trug ihm die Uhr zum Kauf an, der auch nach langem Handeln und nachdem sie unter Thränen die Veranlassung des Verkaufs erzählt hatte, zu Stande kam. Zitternd überreichte sie dem Juwelier das Erbstück. In dem Momente aber, als sie sich unter Schluchzen von dem theuren Andenken trennen wollte, näherte sich ihr eine junge anwesende Dame. „Bitte, geben Sie mir die Uhr,“ sagte sie rasch, bezahlte den Preis und verließ dann eilig das Gewölbe. Erstaunt sahen sich der Juwelier und die Hauptmännin an. Weder er noch sie kannten die Dame und die arme Wittwe verließ endlich den Laden, ohne zu wissen, in welche Hände das theure Stück gekommen war.

Als sie die Straße betrat, dämmerte es schon. Sie war kaum einige Schritte gegangen, als sich ihr eine elegante weibliche Gestalt näherte, in der sie sofort die Dame aus dem Laden erkannte. In demselben Augenblicke fühlte sie auch ihre Hand erfaßt und eine zitternde, von Rührung übermannte Stimme redete sie an. „Nehmen Sie, nehmen Sie,“ drängte die Dame „Sie sollen sich nicht von der letzten Liebesgabe Ihres Mannes trennen. Mein Gott, wie schwer muß Ihnen dieser Gang geworden sein!“ Dabei drückte sie der erstaunten Hauptmännin etwas in die Hand und ehe sich diese noch besinnen konnte, was das Alles zu bedeuten habe, war die Dame verschwunden. Als die Wittwe das Papier öffnete, fand sie ihre Uhr.

Lange forschte sie vergebens nach, erst vor Kurzem, und nur durch einen Zufall hat sie erfahren, daß die unbekannte Dame die Gräfin B…g, war.

Das war die Aristokratin!

Ich habe einen armen Gesellen gekannt, der sich durch Fleiß und Arbeiten nach Feierabend nach und nach fünfzig Thaler erspart hatte. Er war ein tüchtiger, wackrer Mensch und liebte ein Mädchen aus der Nachbarschaft mit der ganzen Gluth eines unverdorbenen Herzens. Lange trug er seine Neigung mit sich herum, endlich eines Tages nahm er all’ seinen Muth zusammen und gestand dem Mädchen seine Liebe. Es war die glücklichste, aber auch die schwerste Stunde seines Lebens. Das hübsche Kind hörte ihn ruhig mit an. Dann gab sie ihm treuherzig die Hand. „Ich weiß es, Meyer,“ sagte sie mit thränendem Auge, „ich weiß es seit langer Zeit, daß Sie mich wohl leiden mochten, und mir stets nachgefolgt sind, wenn ich die Straße hinab ging, und ich darf es Ihnen jetzt wohl gestehen, daß es mich immer gefreut hat, daß solch ein ordentlicher Bursche mich armes Mädchen gern gehabt. Aber Gott hat es nicht gewollt.“ – Und nun erzählte sie ihn, mit zagender Stimme, daß er eben zu spät komme, denn sie liebe seit Jahren schon einen anderen Gesellen, der sie auch heirathen werde, sobald es die Umstände und seine Mutter gestatteten. Diese Mutter aber wolle von der Heirath nichts wissen, weil sie doch ein gar zu armes Mädchen sei und nicht einmal eine kleine Ausstattung mitbringe in die neue Wirthschaft, „Freilich,“ schloß sie mit einem tiefen Seufzer, „wenn ich nur 50 Thaler hätte, könnte ich recht glücklich werden“ –

Der arme Geselle, obwohl er sehr bleich geworden, hat sie ruhig aussprechen lassen und dann Abschied von ihr genommen – auf immer! „Behüt’ dich Gott, Gretchen“ – mehr konnte er nicht sagen – „und vergiß mich nicht ganz“ – Er hatte sie geliebt, so sehr und wahrhaftig geliebt, daß er schon glücklich war sie glücklich zu wissen, wenn ihm selbst auch dabei das Herz fast brach.

Acht Tage später ist aus der fernen Stadt L. ein Schreiben an das Mädchen gekommen, darinnen stand geschrieben und von einem Rechtsanwalt unterzeichnet und besiegelt, daß ein entfernter Anverwandter gestorben sei und ihr 50 Thlr. vermacht habe, die sie zu ihrer einstigen Ausstattung benutzen solle. Das Mädchen hat zwar verwundert den Kopf geschüttelt und sich durchaus nicht auf den Verwandten besinnen können, aber die fünfzig Thaler waren eben da und zwei Monate später ist sie mit ihrem Wilhelm vor den Altar getreten. Sie hat es niemals geahndet und weiß es jetzt noch nicht, daß der arme Geselle, der sie so lieb hatte, sein ganzes Eigenthum hingegeben – um sie glücklich zu wissen.

Das that ein gewöhnlicher Arbeiter, dem Sie Eigennutz und Habsucht vorwerfen!