Alterthümer, Geschichten und Sagen der Herzogthümer Bremen und Verden/Eine Nordpol-Expedition der Friesen im 11. Jahrhundert

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Eine Urkunde des Erzbischofs Adalbert vom Jahre 1059 Alterthümer, Geschichten und Sagen der Herzogthümer Bremen und Verden (1856)
von Friedrich Köster
Verzeichniß der Heiligen, von welchem die Kirchen der Herzogthümer den Namen führen
[67]
9.
Eine Nordpol-Expedition der Friesen im 11ten Jahrhundert.

Der Kanonikus am Dom zu Bremen, gewöhnlich Adam Bremensis genannt, welcher unter den Erzbischöfen Adalbert und Liemar, also um die Mitte des elften Jahrhunderts, lebte, berichtet darüber also:

„Der Erzbischof Adalbert, seligen Andenkens, hat mir erzählt, daß zur Zeit seines Vorgängers (Alebrand) einige vornehme Friesische Männer zur Bereisung des Meeres gegen Norden gesegelt seien, weil die Leute dort meinten, wenn man von der Mündung der Weser gegen Norden steure, so treffe man kein Land, sondern nur das Meer, welches Libersee (?) heißt. Um diese Neuigkeit zu erforschen, gingen die verbündeten Männer mit frölichem Hurrah vom Friesischen Ufer aus. Auf der einen Seite Dänemark, auf der andern Britannien zurücklassend, gelangten sie zu den Orkaden. Nachdem sie diese links liegen gelassen, und zur Rechten Nordmannien (Norwegen) hatten, berührten sie eine lange Strecke des eisigen Island. Von da [68] weiter die Meere durchschneidend bis zum äußersten Nordpol, nachdem sie alle gedachten Inseln hinter sich liegen sahen, empfahlen sie ihre kühne Reise dem allmächtigen Gott und dem heiligen Willehad, und geriethen plötzlich in eine so dichte Finsterniß des starrenden Oceans, daß sie kaum mit den Augen hindurch dringen konnten. Und siehe, die unruhige Bucht des Oceans, zu den geheimen Gründen ihrer Quelle zurückströmend, zog die unglücklichen Schiffer, die schon verzweifelten und nichts als den Tod erwarteten, mit heftigster Gewalt in den Strudel. Dies ist, wie sie sagen, der Schlund des Abgrundes, in welchen das zurücktretende, scheinbar sinkende Meer sich verlaufen, und dann wieder ausgespieen werden soll (was man die Fluth nennt). Als jene nun Gottes Barmherzigkeit allein anriefen, Er möge ihre Seelen aufnehmen, da riß der Strom des zurücktretenden Meeres einige ihrer Schiffe dahin, und trieb wiederkehrend die übrigen nach langer Fahrt, jenen im Rücken, heimwärts. So gerettet aus drohender, sichtbarer Gefahr durch Gottes nahe Hülfe, unterstützten sie mit angestrengten Ruderschlägen die Fluth.

Da sie aber schon der Gefahr der Finsterniß und dem Reiche des Frostes entronnen waren, landeten sie unverhofft an einer Insel, welche ringsum von sehr hohen Felsen, wie eine Stadt, befestigt war. Sie betraten selbige, um sich die Gegend zu besehen, und fanden da Leute, welche um Mittag in unterirdischen Höhlen sich versteckten. Vor den Thüren derselben lag eine unendliche Menge von goldenen Gefäßen und von solchen Metallen, welche den Sterblichen als selten und kostbar gelten. Die Schiffer, froh, nahmen von den Schätzen, so viel sie tragen konnten und eilten zu ihren Schiffen zurück. Plötzlich sahen sie Männer von erstaunlicher Größe, sogenannte Cyclopen, hinter sich herkommen, und vor ihnen her ungewöhnlich große Hunde. Durch deren Angriff wurde Einer von den Genossen gefangen und augenblicklich vor ihnen zerfleischt; die Uebrigen aber entkamen auf ihre Schiffe, während die Riesen ihnen Schimpfworte auf die See hinten nachschickten. So vom Glücke begleitet, kamen die Friesen nach Bremen zurück, erzählten Alles der Reihe nach dem Erzbischof Alebrand, und [69] brachten dem lieben Christ und seinem Bekenner Willehad die Opfer für ihre Heimkehr und Rettung dar.“

Ob diese Schilderung Erguß einer aufgeregten Phantasie, oder kaufmännische List und Erdichtung gewesen sei, lassen wir dahin gestellt. Es ist ja bekannt, wie viel man im Mittelalter über den äußersten Norden fabelte. Da sollte z. B. ein Magnetberg stehn, der alles Eisen aus den Schiffen zöge, so daß sie aus einander fallen müßten. Zu der seltsamen Erklärung von Ebbe und Fluth durch einen ungeheuren Schlund, nach Art der Scylla und Charybdis, bemerkt Adam im Folgenden sehr verständig, daß dieses großartige Phänomen wohl immer ein Geheimniß für die Naturforscher sein werde. Daß jene Weserschiffer, wie sie meinten oder sagten, den Nordpol erreicht, wird Niemand glauben; aber daß sie allerhand Kostbarkeiten heimgebracht, ist wohl gewiß. Merkwürdig bleibt jedenfalls diese kühne Seefahrt, welche sich bis über Island hinaus erstreckt hat. Und nicht unmöglich ist’s, daß unsere Landsleute, wie Einige wollen, schon damals die Küsten von Amerika gesehn haben. (Vergl. J. P. Caselii Progr. de Frisonum navigatione fortutia Americam. Magdeb. 1741.)

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